Der Tastsinn im Ich, und das Ich im Tastsinn

Der Tastsinn im Ich, und das Ich im Tastsinn

 

Im Folgenden soll das Thema der letzten Delos-Seminare aufgegriffen und aus eigener Perspektive angeschaut werden. Dies soll ein Ersatz für eine Art Seminarbericht sein, weil das Seminar eine Art ‚Erzählen‘ aus der aktuellen Forschung Wolf-Ulrich Klünkers war, das sich im Gespräch mit den Anwesenden weiter ausgestaltete. Diese aktuelle Forschung baut aber auf langjährigen menschenkundlichen Voraussetzungen auf, die in den Delos-Seminaren entwickelt und in vielen Büchern publiziert wurden, und die in einem kurzen Bericht nicht dargestellt werden können. In der Folge würden die Inhalte (ohne die aktuelle Form des Gespräches mit langjährigen Seminarteilnehmern) ihren lebendigen Zusammenhang verlieren. Stattdessen wird hier ein ganz freier eigener Zugang zum Thema versucht. Darin können dann einige der Ergebnisse der Seminare aufscheinen.

Gemeinhin versteht man unter ‚Tastsinn‘ meist das Tasten mit den Händen oder mit der Haut. Man kann das Tasten aber auch als eine Art Urtätigkeit des Menschen verstehen und es in jeder Sinnestätigkeit und Denktätigkeit bemerken. Wenn man das Tasten in allen Wahrnehmungsakten und Denkakten als die Tätigkeit erlebt, hinter die man nicht mehr zurückkommt, dann geht das weiter als das was man normalerweise unter Tasten im engeren Sinne versteht. Dann ist die Nähe zwischen Ich und Tastsinn spürbar.

Man könnte den inneren Tastsinn als einen Ursinn des Menschen ansehen, der sich dann in die anderen Sinne ausdifferenziert. Und trotzdem sind auch in dem, was wir normalerweise als Tastsinn ansehen, einige wesentliche Elemente eines solchen Ursinnes enthalten. Wenn man das Geschehen des Tastens möglichst rein anschaut, also nicht die Veränderungen in den Blick nimmt, die durch die  Nachbarsinne wahrgenommen werden (wie z.B. der Eigenbewegungssinn, der die innere Lageveränderung durch den äußeren Druck wahrnimmt), wenn man die eigentliche Tastwahrnehmung anschaut, dann schildert Rudolf Steiner diese als ein Zurückstrahlen der eigenen Wesenheit von der Grenze des äußeren Gegenstandes. Also das Tasten ist nicht vordergründig als ein Erleiden anzusehen, sondern als eine Bewegung des Ich zum Tastgegenstand hin. “Das Ich strahlt gewissermaßen seine eigene Wesenheit bis zu der Berührungsstelle mit dem äußeren Gegenstande und lässt nach Maßgabe der Berührung dann diese eigene Wesenheit in sich zurückkehren.“ (R. Steiner im sogenannten Fragment ‚Anthroposophie‘ von 1910 in Kapitel VI. Das Ich-Erlebnis.) Das Tasterlebnis besteht im Wesentlichen in einer Selbstberührung des Ich, nach „Maßgabe“ des Tastgegenstandes. Die Selbstberührung des Ich wird aber mehr indirekt als Hintergrundgefühl erlebt, weil das Zurückkehren der eigenen Wesenheit als Tasterlebnis wahrgenommen wird und dadurch geprägt ist. Das Ich-Erlebnis als inneres Erlebnis hat durch die Tastwahrnehmung „eine gewisse Eigenheit der Außenwelt“ empfangen. Dieser Zusammenhang zwischen Ich-Erlebnis und Prägung durch die Außenwelt kann nicht wahrgenommen werden. Er ist nur einem eigenen Urteil zugänglich. Es wird nichts von der Außenwelt in die Ich-Erlebnisse aufgenommen, nur dass es eine Außenwelt gibt, an der das Ich anstößt und wieder zu sich zurückkehrt. Die gewisse Eigenheit der Außenwelt in Bezug auf den Tastsinn besteht in ihrer Existenz. Das, was wir gewöhnlich unter dem Tasterlebnis verstehen, dass etwas hart oder weich ist, und die anderen Qualitäten, die beim Tasten mit wahrgenommen werden können sind eigentlich schon Wahrnehmungen anderer Sinne, die mit dem Tasten verbunden sind (vor allem: Eigenbewegungssinn, Gleichgewichtssinn, Lebenssinn und Wärmesinn). Eine interessante Formulierung wählt Steiner für die Wirkung des Tastsinns: Er spricht von einem Anfachen der eigenen Ich-Erlebnisse durch die Berührung. Außenwelt und Icherlebnis berühren sich aber nur. Dass es nur eine Berührung ist und kein Eindringen des Ich in die Außenwelt und kein Eindringen der Außenwelt in das Ich qualifiziert das Tasterlebnis als eine Mitte oder ein Mittleres aller möglichen Sinneserlebnisse. Alle anderen Sinneserlebnisse bestimmen sich im Wesentlichen danach, inwieweit das Ich-Erlebnis in die Außenwelt hineingeht, oder diese in sich hineinnimmt.  Innenwelt und Außenwelt berühren sich nur im Tasterlebnis. Das Geruchserlebnis wird dagegen so beschrieben, dass das Ich gar nicht bis zur Berührung mit dem äußeren Gegenstand kommt, weil dieser seine Wesenheit ausstrahlt. Dadurch dass es nicht zu dieser Berührung kommt, kommt es nicht zu der starken Rückstrahlung, sondern das Ich konturiert sich gar nicht so stark wie beim Tasten, und in der Folge ist es durchlässiger für den Gegenstand und es geschieht etwas „wie ein Einströmen des Äußeren in das Ich-Erleben.“

Roland Wiese 29.6.2018

In der nächsten Folge werde ich den Tastsinn  bei Aristoteles genauer anschauen und  eine Formulierung, die immer wieder unterschiedlich übersetzt wurde.

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