Farbe und Stein

Forschungswege mit der Farbe V

Farbe und Stein

Ein Besuch bei Raimer Jochims

Forschungswege IV fand im März in Horstedt statt. Dort hatten wir eine Ausstellung von Wolfgang Voigt im Atelier von Elfi Wiese. Ein intensive Betrachtung der Bilder, ein gemeinsames Vertiefen in das Sehen war der Höhepunkt der kurzen Ausstellung. Bei diesem gemeinsamen ‚Sehen‘ war auch Ute Seifert, Künstlerin aus Otterstedt und Bremen erstmalig bei uns. Und aus dieser gemeinsamen Aktivität entstand der nächste Schritt unserer Forschungsreise, der Impuls den Maler  und Kunsttheoretiker Raimer Jochims zu besuchen. Ute Seifert ist seit über dreißig Jahren mit ihm befreundet und hat ihn zu Vorträgen eingeladen, Texte von ihm veröffentlicht und mit ihm ausgestellt. Sie hat unseren gemeinsamen Besuch angeregt und vermittelt.  Raimer Jochims lebt in Maintal bei Frankfurt ist inzwischen 84 Jahre alt und hat dort, wo er lebt und arbeitet, eine Stiftung aufgebaut, in der er seine Sammlung ‚Weltkunst‘ zeigt. Viele kostbare Stücke aus allen Zeiten und Regionen sind dort miteinander im Gespräch vereint. In einem weiteren Gebäude hat er einen Ausstellungsraum für die eigenen Arbeiten (von dort ist das Foto). Wir haben an zwei Tagen mit Raimer Jochims seine Sammlung und seine eigenen Werke betrachtet, konnten aber auch mit dem Künstler Michael Kolod in seinem Atelier interessante Beobachtungen machen zu indirekten Licht- und Farbwirkungen, die seine Werke erzeugen. Michael Kolod lebt und arbeitet mit Raimer Jochims und anderen Menschen in der Elias-Gemeinschaft in Maintal und ist auch mitverantwortlich für die Elias-Stiftung. Der folgende Text ist keine Reportage oder Bericht über dieses Treffen, sondern mein ganz anfänglicher und individueller begrifflicher Zugang zu Raimer Jochims und seinem Werk. Mein Zugang ist dabei weniger kunsthistorisch oder künstlerisch, als mehr menschenkundlich, also vom menschlichen Leben her.

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Ausstellungsraum ‚Am Kirchberg‘ Stiftung-Eliashof. (Ute Seifert, Elfi Wiese und Raimer Jochims)

Farbe und Stein

Raimer Jochims bezeichnet sich als Farbmaler, sagt selbst immer wieder, dass das Sehen für ihn das Wichtigste ist und alles Malen gewissermaßen ein Sehen lernen ist. Raimer Jochims ist ein Maler, der das künstlerische Schaffen vollkommen als Forschen versteht, ein Forschen vom Staunen geleitet und motiviert, aber auch ein Forschen streng geleitet von einer übenden Haltung und einem konsequenten Folgen der eigenen Erkenntnisse. So hat er zum Beispiel in seinem forschenden und praktizierenden Umgang mit der Farbe bemerkt, dass das Leben und die Energie der Farbe für ihn nicht mehr in rechteckige oder quadratische Bildformen passt und diese dann auch aufgegeben und freiere, den Farben des jeweiligen Bildes entsprechende Formen gesucht und gefunden.
Warum habe ich diesen Beitrag über einen Maler ‚Farbe und Stein‘ genannt? Im Nachklang blieben mir drei wesentliche Erfahrungen von diesem Besuch. Erfahrungen, die natürlich damit zu tun haben, dass ich mich seit einiger Zeit intensiv mit Fragen der Sinneswahrnehmung, insbesondere dem Tastsinn  beschäftigt habe..

Die erste Erfahrung ist das Stehen in einem schmalen Seitenraum des Ausstellungsraumes Am Kirchberg. Zu meinen Füßen Steine auf Holzplatten und darunter Filzmatten. An den Wänden ganz zarte Zeichnungen und Farbschattierungen. Für den kleinen Raum ziemlich viele Steine, die dort den Boden bevölkern. Man kann sich kaum zwischen ihnen bewegen. Ich habe mich auch auf den Boden gekniet, um sie anfassen zu können. Raimer Jochims spricht von ‚Schattennestern‘ und dem Leben der flüchtigen Schatten, die und das er gezeichnet hat. Im Nachklang erscheinen mir die Steine zu meinen Füßen wie lebendig. Wie eine neue Art von Wesen. Sie sind natürlich intensivst bearbeitet, aber ohne dass ihnen das eigene Steinsein genommen wurde. Sie wurden aufgeschlossen in ihrer Farbigkeit und Struktur und ihnen wurde ein wenig die alte Schwere, das einfache Lasten auf dem Grund genommen und ihnen stattdessen etwas Leichte und Schweben hinzugefügt (durch Wegnehmen). Der Stein wird dadurch menschlicher! An den Seiten die ganz leichten Zeichnungen – fast nur ein Hauch von Materialität. In diesem engen Raum mit den vielen Steinen und den Zeichnungen an den Wänden komprimierte sich für mich die Arbeit von Raimer Jochims, die innere Arbeit, die er an sich leistet, durch die äußere Arbeit an den Dingen. Die äußere Arbeit, die in den Steinen und Zeichnungen diese innere Arbeit sich inkarniert, einbildet und einwirkt. Das Maß zwischen Leichte und Schwere, die Mittelheit, die kein Durchschnitt ist, sondern ein bestimmtes Maß (mesotes) zwischen Zeichnungen und Steine, in den Zeichnungen und den Steinen selbst, zwischen Mensch und den Dingen. Eine Art ideales Leben für Mensch und Welt schlüssiger Verbindung. Der Tastsinn – als Mitte aller Gegenstände – schaffend.
Die zweite Erfahrung bezieht sich auf den großen Ausstellungsraum am Kirchberg. Ein hoher eher kirchenförmiger Raum. Leicht graue Wände und wenige Bilder, einige größere wie Schilder, und mehrere kleinere Bilder – in der Mitte am Boden ein Stein. Oder andersherum ein Stein eine Art Mittelpunkt bildend. Hier sind die Verhältnisse wie umgekehrt. Dadurch werden die Orientierungen vertikal – unten der Stein und oben die Dachlinie; horizontal – die Bilder in Augenhöhe, hergestellt. Während der kleine Nebenraum im Nachklang wie eine Art Innenerfahrung des Leiblichen erscheint, zeigt sich mir der große Raum wie ein Bewusstseinsraum der Welt. Wie sähe ein Bewusstseinsraum aus, wenn er nicht von Zufälligem gefüllt wäre, sondern von Bestimmtem? Und wenn das Maß seiner Gegenstände von dem Raum mitbestimmt wäre, also nicht zu voll, aber auch nicht leer?
Die dritte Erfahrung bezieht sich auf den Eingangsraum, in dem uns Raimer Jochims in seiner Wohnung empfängt. Dort befindet sich am Boden der hinteren Wand auch ein Stein. Ein Stein, der aus zwei Teilen besteht, die in einem gewissen Abstand aufeinander bezogen liegen. Hier war die Erfahrung der Kraft das Überraschende und Entscheidende für mich. Die Kraft, die zwischen den beiden Steinhälften den Raum füllte. Eine Kraft, die man nicht sinnlich sehen konnte, aber doch eindeutig wahrnehmen konnte. Ein Wahrnehmung, die sich verstärkte, je länger man hinsah. Der Raum zwischen den Steinhälften war erfüllt mit Dunkelheit, einer kraftenden Dunkelheit, die lebte.
Wenn man diese drei Erfahrungen zusammenzieht entsteht das Bild eines Maßes, das etwas mit Leben zu tun hat, mit dem Schaffen von neuem Leben. Sehr jungfräulichem Leben, in dem aber das alte Leben, auch das alte Erleben aufgehoben ist. Dazu gehört ein viertes Maß, das jetzt keine einfache Erfahrung ist, mehr ein Zusammendenken und empfinden: In den Bildern und Steinen gibt es keinen Inhalt, außer den Inhalt des Gegenstandes selbst und seiner Beziehung zu sich selbst (durch seine Beziehung zu anderem) – es geht um Identität. Also um Identität durch Beziehungen und Beziehungen durch Identität. Die vielen Stück der Weltkunst, die wir mit Raimer Jochims anschauten, haben alle sehr unterschiedliche Lebensinhalte. Die Fülle der Lebensinhalte der menschlichen Geschichte und der Geschichte der Natur (Pflanze, Tiere usw.) wird immer wieder neu von ihm aufgenommen und verarbeitet. In seiner Arbeit ist das Leben, aber das Leben der Farbe, der Linie, der Schatten, das Leben der Steine, frei von all diesen Inhalten, und doch ist das seelische Leben als Intensität und mögliche Form keimhaft enthalten, aber wie entzaubert von seiner spezifischen Verkörperung. Auferstehungsleben.

Roland Wiese 13.8.2019

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Stiftung Eliashof – Innenhof (Elfi Wiese, Raimer Jochims, Wolfgang Voigt, Ute Seifert)

(Vielen Dank für die reichen zwei Tage in der Stiftung Elias und die Gastfreundschaft aller Menschen dort!)


Zitate von Raimer Jochims

„‘gerechtes sehen‘. Ich schule unermüdlich mein farbempfinden und formempfinden, um im richtigen augenblick die farbnuance zu treffen, eine kurve oder proportion zu bestimmen, welche die poesie des nichts, der erfüllten leere zum vorschein bringen. Viele leute meinen, meine zuordnung von formen zu farben sei subjektiv. sie ist es, und sie ist zugleich objektiv. Und mehr als beides. 28.7.86
„durch das wegnehmen der verwitterungskruste kommt die farbe der steine voll zum vorschein. Die kristalline struktur wird durch die schlagspur aufgehellt, und durch die rauhigkeit der oberfläche kommen licht und schatten in feinstwerten dazu. So bildet sich flimmern und fluktuation. Das licht wird modelliert, der stein wird transparent.“ 8.1.77
„meine steine sind sensibilisiert wie früchte oder fleisch ohne haut.“ 4.3.78
„farbe als form als materie: inkarnation. materie als form als farbe: exkarnation“ 23.11.79
„identität ist das maßverhältnis der beziehungen.“ 30.12.82
„identität zu realisieren ist eine frage des maßes.“ 22.6.83
Alle Zitate aus ‚Farbe Sehen – Arbeitsnotizen 1973-1994‘
Eine Fortsetzung der Notizen ist ‚Leben Sehen 1 und 2‘

Wer mit eigenen Augen sehen will: Stiftung-Eliashof in Maintal-Hochstatt.

Stiftung Eliashof
Elisabeth Ehrhorn
Hauptstr. 21
63477 Maintal

fon 06181 48987
mobil 0170 4644089

mailto:info@stiftung-eliashof.de

http://www.stiftung-eliashof.de

 

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