Selbstheilungskräfte des Ich II

Ich schulde noch einen inhaltlichen Blick auf das Delos-Seminar vom Juni. Mein erster Beitrag dazu (Selbstheilungskräfte des Ich) war ja mehr ein Blick auf die Wirkung des Seminars. Im Folgenden soll deshalb ein inhaltlicher Zusammenhang des Seminars, der mir wichtig ist, dargestellt werden. (Geholfen hat mir, dass wir am Donnerstag das Seminar noch einmal durchgegangen sind, weil jemand, der nicht teilnehmen konnte, gerne den Anschluss haben wollte.) Hier stelle ich tatsächlich nur den Inhalt dar, der im Seminar von Wolf-Ulrich Klünker bearbeitet wurde. Ich arbeite aber an einem längeren Aufsatz, der das Thema vertieft.

Bis ins 19. und 20. Jahrhundert hinein gab es noch letzte Orte, an denen der alte Zusammenhang von Spiritualität und Therapie existierte. Dieser Zusammenhang war, wie z.B. in Königslutter, immer auch ein baulicher – z.B. Dom und Krankenhaus. Geistiges und Elementares Geschehen kamen dort zusammen und bildeten ein therapeutisches Milieu. Auch in den griechischen Tempelanlagen findet man solche Anlagen. Was wäre ein solcher Zusammenhang heute unter den Bedingungen des Ich? Also: Geistiges vom Ich her gedacht, Elementare Verhältnisse vom Ich her bestimmt?
Während im Mittelalter (erst einmal) die Individualisierung des Denkens (intellectus, Geist) errungen werden musste, – historisch festzumachen an der Frage: Denkt der Mensch selbst, oder denkt der Engel im Menschen, steht heute die Individualisierung des Sinnesprozesses an. Voraussetzung dafür ist die Individualisierung des Denkens und die damit verbundene Bildung eines zentralen Ich. Die Individualisierung des Sinnesprozesses stellt die Frage, wie das zentrale Ich, mit dem was es wahrnimmt und erlebt, verbunden ist. Sie stellt die Frage nach einem peripheren Ich. Diese Verbindungsfrage des zentralen Ich betrifft sowohl seine Beziehung zur Natur wie auch seine Beziehung zum anderen Menschen. Und in dieser Beziehungsfrage liegt heute auch die therapeutische Frage. Das Ich ist ja als zentrales (subjektives) Bewusstsein auf dieses Bewusstsein beschränkt und auch die Beziehung zu seinem Körper ist schon eine Beziehung zu etwas Objektivem, Natürlichem, Außer ihm Liegenden. Insofern ist die Gefahr groß, dass das Ich in sich selbst steckenbleibt.  Alles Äußere ist dann Nicht-Ich. Umgekehrt sind die Tendenz und die Sehnsucht in das intensive Erleben einzutauchen so groß, das dabei die Gefahr droht den Bezug zum zentralen Ich zu verlieren. Bi-polarität als ständiger Wechsel zwischen zentraler Depression und ‚hysterischer‘ Manie ist das Grundproblem heute. Die Schwelle, die es  zwischen zentralem Ich und peripherem Ich gibt und braucht erfordert die  Schaffung eines Raumes, der erst einmal frei ist von solchen nicht durch das Ich qualifizierten Kräften. Eine gewisse Deidentifizierung mit solchen Kräften ist erst einmal notwendig, um sich auch in den neuen Verhältnissen zwischen zentralem Ich und peripherem Ich bewegen und halten zu können. Denn während im Mittelalter (erst einmal) die Individualisierung des Denkens (intellectus, Geist) errungen werden musste, – historisch festzumachen an der Frage: Denkt der Mensch selbst, oder denkt der Engel im Menschen, steht heute die Individualisierung des Sinnesprozesses an. Voraussetzung dafür ist die Individualisierung des Denkens und die damit verbundene Bildung eines zentralen Ich. Die Individualisierung des Sinnesprozesses stellt die Frage, wie das zentrale Ich, mit dem was es wahrnimmt und erlebt, verbunden ist. Sie stellt die Frage nach einem peripheren Ich. Diese Verbindungsfrage des zentralen Ich betrifft sowohl seine Beziehung zur Natur wie auch seine Beziehung zum anderen Menschen. Und in dieser Beziehungsfrage liegt heute auch die therapeutische Frage. Das Ich ist ja als zentrales (subjektives) Bewusstsein auf dieses Bewusstsein beschränkt und auch die Beziehung zu seinem Körper ist schon eine Beziehung zu etwas Objektivem, Natürlichem, Außer ihm Liegenden. Insofern ist die Gefahr groß, dass das Ich in sich selbst steckenbleibt.  Alles Äußere ist dann Nicht-Ich. Umgekehrt sind die Tendenz und die Sehnsucht in das intensive Erleben einzutauchen so groß, das dabei die Gefahr droht den Bezug zum zentralen Ich zu verlieren. Bi-polarität als ständiger Wechsel zwischen zentraler Depression und ‚hysterischer‘ Manie ist das Grundproblem heute. Die Schwelle, die es  zwischen zentralem Ich und peripherem Ich gibt und braucht, erfordert die  Schaffung eines Raumes, der erst einmal frei ist von solchen nicht durch das Ich qualifizierten Kräften.  gewisse Deidentifizierung von solchen Kräften ist erst einmal notwendig, um sich auch in den neuen Verhältnissen zwischen zentralem Ich und peripherem ich bewegen und halten zu können. Denn wenn die Wirklichkeit eigentlich so ist, dass ich permanent intentional im anderen Menschen wirksam bin, und der andere Mensch intentional wirksam ist in mir, dann ist es nicht mehr so einfach zu identifizieren, was und wo eigentlich ‚Ich‘ ist. Der leibliche Zusammenhang garantiert nicht mehr den Ich-Zusammenhang.
Man kann vielleicht davon sprechen, dass sich auch der leibliche Zusammenhang ausdehnt, erweitert in die Peripherie. Das bedeutet aber, dass sich mein Selbstgefühl nicht mehr wie früher ausschließlich auf diesen leiblichen Zusammenhang stützen kann. Das Selbstgefühl des Ich hängt vielmehr damit zusammen wie ich erlebnismäßig in der Welt bin. Mit welchen Orten und Menschen ich verbunden bin. Die Rückstrahlung erfolgt aus diesen Ich-Beziehungen ins Ich (Selbstgefühl). Es ergibt sich eine Art Außen-Leib in den individuellen Ortsbeziehungen, denn der Ortsbezug ist immer auch ein Bezug zu bestimmten Elementarverhältnissen. Steiner hat ja den Begriff der ‚Äthergeographie‘ für diese Verhältnisse geschaffen. Bin ich an den Orten und mit den Menschen zusammen, die mit meinem Ich etwas zu tun haben, wäre die diagnostische Frage. Die therapeutische wäre, was brauche ich eigentlich? „Das Ich kann sich im Äußeren finden.“

Eine wichtige Konkretisierung dieses Außenbezuges ist, dass die Erlebnisschicht (des Ich) in den Farben steckt, während die Intention (des Ich) auf die Form geht. Die Resonanz geht von der Farbe aus. Ein Wahrnehmen und ein Erleben und Empfinden des Ich im Äußeren wird durch die Farbe angeregt. Es ist ein ästhetischer Prozess, ein ästhetisches Empfinden. Das Aufwachen geschieht je nach Konstitution durch die Farbeempfindung. Die Intention, die auf die Form gerichtet ist, ist möglicherweise viel unbewusster, und wacht erst nachlaufend auf (am Farbprozess). Ein Urteilsbildung über den Bezug zu einem Gegenstand, Ort, anderer Mensch liegt in einer Wahrnehmung, Empfindung, in der diese beiden Elemente zusammenkommen: Die eigene Intention und das eigene Erleben. Umgekehrt ist es kaum noch von außen zu beurteilen, wie Orte, Gegenstände, Menschenbeziehungen für das andere Ich und durch das andere Ich konstituiert werden, also zu Ich-Formen werden. Der äußere Ort ist nicht mehr alleine der äußerliche Ort, er verbindet sich, ja wird erst durch das Ich und seinen Bezug bestimmt. Das kann manchmal auch sehr situativ sein. Ein solcher Umgang mit sich und der Welt ist erst einmal schwierig für einen selbst, aber auch anderen schwer zu vermitteln. Man könnte sagen: Ich-Welt entsteht in jedem Moment erst wieder neu. (Ein Geschehen, dass Rudolf Steiner noch als Wendepunkt zwischen nachtodlichem und vorgeburtlichem Leben verortet hat – als Weltenmitternacht! (siehe Mysterien Dramen)
Die organische, wie auch die biographische Entwicklung des Menschen ist heute darauf angewiesen, dass das Ich sich seine Welt (er)findet, formt. Diese Entwicklung ist darauf angewiesen, dass ich beispielsweise an einem bestimmten Ort bin , um dort eine bestimmte Wahrnehmung, Empfindung zu haben, die diese Entwicklung weiterführt (in einem nächsten kleinen Schritt). ‚Unklare Formbildung‘ , problematische seelische Kraftbildungen können die Folge sein, wenn das Ich diese Bewegungen und Wahrnehmungen nicht vollzieht. Denn die Formbildung (des Lebens) und auch die seelische Erfüllung und Befriedung gehen von solchen Wahrnehmungen und Empfindungen aus. Eine solche Ich-Entwicklung ist aber nicht planbar, vorhersehbar, erst in der Rückschau bewusstseinsfähig, bzw. anschaubar. Sie ist aber in kleinsten Empfindungen vorgebildet und erlebbar, aber eben nicht vorstellbar.
Es wird deutlich, dass die Individualisierung des Sinnesprozesses eine wichtige Voraussetzung für die Ich-Entwicklung ist, aber auch für diagnostische und therapeutische Selbst und Fremdheilungsbemühungen. Ein erster Schritt in diese Richtung ist es, den Sinnesprozess neu zu denken und dann zu bemerken, welche Veränderungen sich in der Wahrnehmung zeigen.

Roland Wiese – 7.9.2019 ( heute vor hundert Jahren wurde in Stuttgart die erste Waldorfschule eröffnet – im Vorfeld gab es die Vorträge zur allgemeinen Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik)

11 Gedanken zu “Selbstheilungskräfte des Ich II

  1. Ich habe mit großem Interesse den Beitrag von Roland dankend gelesen. War selbst bei diesem Seminar in Eichwalde dabei. Ein Punkt von einer nicht binnenanthroposophischen Perspektive will ich nun kurz komplementär andenken und lehne mich fundamentalphilosophisch bei M. Merleau-Ponty (1908-1961) an. Merleau-Ponty ist phänomenologisch der Philosoph, der vereinfacht formuliert die Wahrnehmung vom Leib (als ein Körper habend und Leib seiend -grob vereinfacht-) her denkt, was mit Verlaub gut zur 12 Sinneslehre – [Anthroposophie – ein Fragment, GA 45] – bei gründlicher Rezeption anschlussfähig zu sein scheint. Roland nun stellt die Frage nach der Individualisierung des Sinnesprozesses anschaulich da und arbeitet die Begriffe ‚zwischen‘ dem zentralen Ich und dem peripheren Ich aus. Als ein Prozess der vom Denken die Ich-Bildung gestaltet: „Die Individualisierung des Sinnesprozesses stellt die Frage, wie das zentrale Ich mit dem was es wahrnimmt und erlebt verbunden ist“. Hier gleichermaßen die Beziehung zur „Natur“ und „zu anderen Menschen“. Es bildet sich ein Raum ‚zwischen‘ dem zentralen Ich und dem peripheren Ich aus, der auch pathologisch erfüllt sein kann. Denn, wenn sich das Ich-Selbst (auch leiblich zu verstehen) zwischen zentralem und peripheren Ich verliert, ist das Selbst-Gefühl verloren. Der Punkt auf den ich abhebe hier ist mit der Denkfigur des ‚Chiasmus‘ einer „Überkreuzung“ [X] philosophiegeschichtlich bei Merleau-Ponty verbunden (Das Sichtbare und das Unsichtbare, 1986 S.209) wenn er berichtet:

    „Wir haben nicht zu wählen zwischen einer Philosophie, die sich in der Welt selbst oder im Anderen, und einer Philosophie, die sich ‚in uns‘ einrichtet, zwischen einer Philosophie, die unsere Erfahrung ‚von innen‘ her erfaßt, und einer Philosophie, die sie – wenn möglich – von außen her, zu Beispiel im Namen logischer Kriterien beurteilen würde: diese Alternativen stell sich nicht, denn vielleicht sind das Selbst und das Nicht-Selbst wie Vorderseite und Kehrseite, und vielleicht ist unsere Erfahrung diese Umkehr, die uns weit weg von „uns“ in die Anderen, in die Dinge platziert. Wie der natürliche Mensch versetzten wir uns in uns und in die Dinge, in uns und in die Anderen, bis wir durch eine Art Chiasmus zu Anderen, zur Welt werden. Die Philosophie ist nur dann sie selbst, wenn sie sich die Leichtigkeit einer Welt mit einem einzigen Eintritt ebenso versagt, wie die Leichtigkeit einer Welt mit mehreren Eingängen, die allesamt dem Philosophen zugängig sind. Wie der natürliche Mensch hält sie sich dort auf, wo der Übergang vom eigenen Selbst in die Welt und zum Anderen geschieht, dort, wo die Wege sich kreuzen.“
    Ich habe zu Rolands Aufsatz hier Merleau-Pontys so langes Zitat in meinen Beitrag eingebracht, da er (M-P) als phänomenologischer Philosoph im 20. Jahrhundert behutsam eine Ahnung davon hatte, wie denkende Tätigkeit „… sich ‚in uns‘ einrichtet … unsere Erfahrung ‚von innen‘ her erfaß“ [s.o.] und so an Inhalte einer Anthropologie der Ich wirksamen Sinne anschließt, die das Überkreuzen von zentralem Ich zum peripherem Ich als ein Auf-Auseinanderströmen wahrnimmt.

    So oder so ähnlich kann man die Denkfigur des Chiasmus fruchtbar denken – nicht als ausgezehrter philosophischer Begriff – sondern als ein „Bestimmungs- Orientierungsort“, an dem der „leibliche Zusammenhang“ [RW] mit dem „Ich-Zusammenhang“ [RW] einen therapeutischen Haltepunkt haben kann.

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  2. „Bis ins 19. und 20. Jahrhundert hinein gab es noch letzte Orte, an denen der alte Zusammenhang von Spiritualität und Therapie existierte.“ – Roland Wiese

    Diesen Zusammenhang gab es zu jeder Zeit und (fast) überall. Daß wir darüber nichts Schriftliches überliefert finden, bedeutet nicht gleichzeitig, daß es ihn nicht gab. Und es gibt ihn heute selbstverständlich auch. Das ist bloß nicht publik.

    Im öffentlichen Denken glaubt man derzeit mehr an einen Zusammenhang von körperlichem Symptom und Chemie.

    Einerseits ist sinnvoll, wenn man die Religionen aus den Lehranstalten verbannt, andererseits ist es fatal, wenn wir nicht gleichzeitig die Spiritualität einladen, sodaß die Menschen früh mit Meditation vertraut werden können.

    Eine Therapie ist überhaupt erst dann eine
    Therapie, wenn Spiritualität gegenwärtig ist.

    🌼

    Warum etwas Nicht-Existentes, warum ein imaginäres Hilfs-Konstrukt wie ein „Ich“ geheilt werden soll, erschließt sich mir jedoch nicht.

    Eine gute Woche
    wünscht Nirmalo

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      1. Moin Roland,

        das ICH ist weder schwierig, noch problematisch. Es ist. Und alles, was dazu gesagt werden kann, ist letztlich falsch und mehrfach mißverständlich.

        Das kleine Ich ist prinzipiell auch kein Problem. Ohne diese Idee von ihm könnten die Menschen nicht in Gemeinschaft leben. Erst recht nicht „menschenwürdig“.

        Das Problem um dieses Ich kommt erst auf bei starker Fixierung: „Ich gegen…“, „Mein Land gegen…“. Allein diese Fixierung auf eine Imagination namens „Ich“ macht Terror und Krieg möglich. Im Ernst wird es stark – obwohl es gar nicht existiert.

        Ansonsten ist hier auf der 3d-Ebene die Unterscheidung zwischen du und ich notwendig und nicht problematisch. Wir müssen uns bloß erinnern, daß da gar nichts ist, was wir so nennen und die Sache nicht so ernst nehmen.

        Jesus empfahl des öfteren: „Freut euch!“

        Denn in der Freude verschwindet es, in der Liebe, in der Dankbarkeit, im Orgasmus, in schockierenden Situationen…

        Das Leben ist doch bloß ein Spiel. 🌾
        Manche nennen es LEELA = „Göttliches Spiel“.

        Einen 😎 heiteren Tag
        wünscht Nirmalo

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  3. Vielen Dank für die Darstellung der im Delos-Seminar thematisierten anstehenden Individualisierung des Sinnesprozesses und des damit verbundenen neuen Verhältnisses von zentralem und peripherem Ich (kleinere Schreibkorrekturen sind nötig in der 17. Zeile „wenWährend“ und 28.ten Zeile „gewisse n“).
    Der Blog erscheint erstmalig auf dem Veranstaltungsplan der Delos-Forschungsstelle. Ich denke, das hat er verdient.

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