Die Welt der Täuschungen und die imaginative Welt

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Zwei historische Fundstücke, eins von 1911 von Carl Unger und eins von 1991 von Wolf-Ulrich Klünker, haben mich inspiriert dieses Thema zu bearbeiten. Ich habe sie einfach mit hineingenommen in meinen Zusammenhang. Es ist gewissermaßen ein Re-Mix. Es zeigt, wie einerseits ein historischer Abstand besteht zwischen heute und damals und wie andererseits auch das Damals im Heute zu finden ist. Außerdem wirft es einmal einen ganz anderen Blick auf die aktuelle Situation, als er in der allgemeinen Diskussion üblich ist.  

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Das erste hier zitierte Fundstück entstammt einem Vortrag von 1911. Carl Unger hat diesen Vortrag unter dem Titel ‚Prüfungen des Denkens, Fühlens und Wollens‘ in München gehalten. Anlass war vermutlich die Aufführung der Mysteriendramen dort. Unger beginnt mit der Schilderung der damaligen Zeitstimmung und geht dann mit Hilfe einiger Zitate aus dem Drama ‚Die Pforte der Einweihung‘ auf die besondere Situation von Menschen ein, die sich auf den Weg machen vom normalen Alltagsbewusstsein in eine „Welt des Geistes“ einzutreten. Diese Menschen müssen, um vom normalen irdischen Denken in die Welt des Geistes zu gelangen, durch eine Welt der Täuschungen hindurch. In dieser Welt der Täuschungen ist die Orientierung nicht mehr so ohne weiteres gegeben. Wer den Text aus seiner zeittypischen sprachlichen Verpackung befreit, kann den Eindruck haben, was damals noch die besondere Situation einer ‚Einweihung‘ in die ‚Welt des Geistes‘ war, ist heute schon das normale Alltagsleben geworden. Das ist psychologisch deshalb interessant, weil wir aber meist mit den Methoden eines normalen irdischen Bewusstseins versuchen dieser Wirklichkeit gerecht zu werden.

„Halten wir in unserer Zeit Umschau, so können wir eine Erscheinung antreffen, die uns wohl wie eine Prüfung des Denkens anmuten kann. Es gab kaum eine Zeit in der Menschheitsgeschichte, in der es so wenig Halt und Sicherheit für die Grundfragen des Lebens vorhanden war, wie die jetzige. Alle Formen der Weltanschauung sind durchsetzt von Unsicherheit, und der Ausdruck dafür ist der Zweifel in allen seinen Erscheinungen. Gewiß ist der Zweifel in der Menschheitsgeschichte eine bekannte Erscheinung, doch nie wurde der Zweifel so weit getrieben wie heute.

In seiner edelsten Form treffen wir den Zweifel als Kritik, als Ausdruck der besonnenen Urteilskraft. Die Neigung zur Kritik hat sich aber, gerade unter Führung der besten Wissenschafter, längst zu einer Art Philosophie ausgewachsen, die den Zweifel zum Prinzip erhebt und nun zum Zweifel an allem führt, zum absoluten Skeptizismus, der sogar die Möglichkeit der Erkenntnis leugnet. Seine schlimmste Form ist der Zweifel an der eigenen Wirklichkeit des Menschen, denn da führt er zur Tat. Dieser Zweifel an sich selbst, den wir mit dem Ausdruck Verzweiflung bezeichnen können, führt in seiner schlimmsten Form zur Selbstvernichtung. Aber gerade hier ist es, wo sich zeigt, daß der Zweifel, das Prinzip denkender Verneinung, konsequent verfolgt, sich selber aufhebt: Durch nichts kann die Wirklichkeit des menschlichen Wesens klarer betont werden, als durch den Selbstmord. Der Zweifel an sich selbst ist durch Gedanken gar nicht mehr auszudrücken, es ist ein Ungedanke, denn wer den Zweifel bis auf seine eigene Wesenheit ausdehnt, für den muß auch der Zweifel selbst jede Bedeutung verlieren. So sehen wir auch sofort, daß der Zweifel an aller Erkenntnis, der absolute Skeptizismus, sich selbst aufheben muß. Die Sätze des Skeptizismus sollen doch wahr sein, werden als Erkenntnisse hingestellt, so daß eben dadurch die Existenz von Erkenntnis behauptet wird. Soll der absolute Skeptizismus recht haben, so muß er auch seine eigenen Sätze als nichtig hinstellen, womit der ganze Skeptizismus zusammen bricht. Dieses Schicksal trifft aber ebenso alle geistnegierenden Lehren. Nicht oft genug kann darauf hingewiesen werden, wie der Materialismus, der Ausdruck für den Zweifel am Geist, sich selbst aufhebt. Ein Ungedanke ist der bekannte Satz: „Ohne Gehirn kein Denken“: Durch diesen Satz soll ausgedrückt werden, daß alle Gedanken subjektiver Natur sind und nichts ausmachen können über die objektive Wirklichkeit. Aber dieses selbe Denken wird angewandt und als richtig vorausgesetzt, um den Satz – ohne Gehirn kein Denken – aussprechen zu können.

So zeigt sich uns ein tiefer Sinn in der Erscheinung des Zweifels innerhalb der Menschheitsgeschichte. Wir können den Materialismus als eine Krisis des Denkens auffassen, wo es sich entscheiden muß, ob der Mensch von sich aus den Geist bejahen oder verneinen will, wenn auch das letztere mit Gedanken nicht eigentlich möglich ist.“ (Ende des Auszuges)

Unger schreibt dann weiter, dass das sich Ich durch Übungen so weit stärken kann, dass es sich aus seiner Eingebundenheit in die Physis befreien kann und dadurch in eine Wirklichkeit eintritt, die eine „viel höhere und klarere Sicherheit bietet, als die gewöhnliche Erkenntnis: es zeigen sich dann dem Menschen geistige Tatsachen und Wahrheiten, die der gewöhnlichen Erkenntnis nicht zugänglich sind. In diesem Zustand ist der Mensch eingetreten in die Welt des Geistes. Um aber dahin zu gelangen, muss der Mensch eine Welt durchschreiten, welche zwischen unserer und der Welt des Geistes liegt. In dieser Welt ist keine zureichende Erkenntnis möglich. Niemals ist für den, der diese Welt betritt, eine Möglichkeit vorhanden, zu entscheiden, ob sich ihm Wirklichkeiten zeigen oder Täuschungen in dem, was hier in Bildern an ihn herantritt. Deshalb wird diese Welt die Welt der Täuschungen genannt.“ Unger zitiert hier Steiner, ohne nähere Quellenangabe – es könnte die Theosophie sein. Auf einer Tagung der Anthroposophischen Gesellschaft in Weimar (es könnte 2011 oder 12 gewesen sein) habe ich im Abschlussplenum dazu aufgefordert, dass man sich darauf einstellen müsse, dass wir uns heute permanent in einer solchen imaginativen Wirklichkeitsschicht bewegen, und man deshalb eine ganz neue Umgangsweise mit dieser Wirklichkeit entwickeln müsse. Unger mahnt entsprechend in seinem Vortrag, dass eine solche Wirklichkeit zu einer ‚Prüfung des Denkens‘ wird, und dass derjenige, der sich nicht vor Betreten dieser Wirklichkeit eine eigenständige Erkenntnissicherheit erworben hat „zerstörenden Mächten verfallen muss“. Mein Eindruck war damals in Weimar, und dieser Eindruck hast sich in den letzten Jahren massiv verstärkt, dass wir in einer solchen Situation menschheitlich angekommen sind. Die Zweifel sind heute nicht nur wissenschaftlicher Natur, die Wirklichkeit selbst hat den Boden unter den Füßen verloren und diese Situation betrifft jeden Menschen mehr oder weniger.

Die Welt der Fake-News, der vergebliche Ruf nach einer Wissenschaftlichkeit, die diesen entgegentreten möge, die verzweifelte Suche nach Tatsachen und Fakten in einer Pandemie-Situation, all dies spricht von einer Wirklichkeit, die eine ganz neue  eigenständige Urteilsbildung erfordert, aber die Methoden dafür noch nicht bereit hält. Ich habe mit einigen Menschen in der letzten Zeit gesprochen, die unendliche Internetrecherche betrieben haben oder auch noch betreiben, um zu einer objektiven durch Fakten gestützten Wahrheit durchzudringen, auf die sie sich dann in ihrer eigenen Urteilsbildung abstützen könnten. Diejenigen, mit denen man noch sprechen kann, haben meist resigniert zugegeben, dass eine solche Orientierungssuche einem Buddeln im Sand ähnelt. Es findet sich kein Grund! Auch wenn man versucht in Gesprächen sich gegenseitig mit Fakten und wissenschaftlichen Tatsachen  bestimmte Meinungen zu beweisen, kann man meist nicht zu einer Wahrheit durchdringen, die für alle offensichtlich ist. Weil alle Beweise ja als gültige Beweise anerkannt werden müssten.  Anscheinend werden heutzutage alle vorhanden Tatsachen bereits von einer bestimmten Voreinstellung aus angezogen und selektiert und dienen nur noch zur Bestätigung dieser Voreinstellung. Dabei gibt es unterschiedliche Gradierungen und Mischungen von aktiv gefälschten Informationen und nur falsch benutzten, aber auch die angeblich neutralen Fakten und Informationen erscheinen nicht mehr sicher – man spricht von wissenschaftlicher Fallibilität, dass das was man heute weiß, morgen schon überholt sein kann. In dieser Unsicherheit sieht man dann wiederum gerade die Sicherheit der Wissenschaft. Es muss nicht wundern, dass man, wenn man im Handeln auf solche ‚Sicherheiten‘  setzt, in einer permanenten Unsicherheit der Maßnahmen und damit der Lebenswirklichkeit landet. Man bemerkt heute schon, dass eine massive Zerstörung des Vertrauens in der Gesellschaft die logische Folge eines solchen Vorgehens ist. Aber auch das Vertrauen der Menschen in das Dasein und in sich selbst schwindet mit weiteren Schritten in diese Welt der Täuschungen hinein. Es handelt sich tatsächlich, wie Unger 1911 schon bemerkt, um eine Prüfung des Denkens (Fühlens und Wollens). Und diese Prüfung ist eine, mit der jeder Mensch in seinem Leben konfrontiert ist.

Man täuscht sich allerdings, wenn man glaubt, dass eine strengere Verobjektivierung und eine Verwissenschaftlichung in dieser Situation die Lösung sein könnten. Es ist alter Grundsatz der Erkenntnistheorie, von Markus Gabriel aktuell wieder erinnert, dass die Sicherheit durch irgendwelche Daten immer nur relativ ist, da man diese Daten ja überprüfen können muss, und dann muss man die Überprüfung überprüfen usw. Man landet unversehens, aber ohne Chance da wieder herauszukommen, im sogenannten infiniten Regress, d.h. in der unendlichen Schleife des Beweisens. Diese Tatsache des Denkens erklärt, warum man beim Versuch die Wahrheit über die Wirklichkeit objektiv herauszufinden zwangsläufig in immer weiteren Details und unendlichen kleinsten Wirklichkeitssplittern landet, bis man entweder völlig zerstört resigniert oder aber von vorneherein diese Splitter nur noch benutzt, um seine eigene längst gebildete Wahrheit zu stützen. Weder eine objektive, noch eine solche subjektive Wahrheitsbildung sind wirklich tragfähig in der gegenwärtigen Lage. Es bleibt letztlich doch immer nur das einzelne Ich, dass alle Wahrnehmungen beurteilen muss, und in den Konsequenzen der eigenen Urteilsbildung dann lebt. Eine sogenannte äußere Evidenz gibt es wohl, also eine Offensichtlichkeit von Sachverhalten, aber auch diese kann eine individuelle Wahrheitsbildung nicht allein stützen, da Tatsachen sich oft genug, auch offensichtlich, widersprechen.

2

Ein weiteres Fundstück, inzwischen ziemlich genau 30 Jahre alt, spricht auch diesen Zusammenhang an. Im Vorwort des 2. Bandes der ‚Konturen‘,einer Veröffentlichung des Friedrich von Hardenberg Institutes, mit dem Thema: ‚Entwicklung des Ich‘,  schreibt Wolf-Ulrich Klünker:

„(…)Der zweite Band der ,,Konturen“ steht unter einem übergreifenden Thema. Nicht geplant, aber sicherlich auch nicht ganz zufäIlig ergibt sich aus den meisten Beiträgen ein Zusammenhang, dessen Bedeutung allmählich auf fast allen Lebensgebieten spürbar wird: das Problem der Ich-Entwicklung. Das Selbsterleben des Ich hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Bis weit in die 8Oer Jahre hinein waren neben den traditionellen (d. h. sich selbst nicht problematisierenden) Lebenshaltungen psychologische Orientierungen vorherrschend. Die Menschen versuchten sich von ihren seelischen Dispositionen her zu verstehen: aus den Erfahrungen und Erlebnissen der Kindheit und Jugend, durch die Bestimmung von Bedürfnissen und aus den Problemen, die sich bei der Verwirklichung von bedürfnisorientierten Lebenszielen ergaben. Die neuen kosmisch-religiösen Ausrichtungen des sogenannten New Age legten dann Zeugnis davon ab, daß viele Menschen einen Ausweg aus der psychologischen, das seelische Ich in den Mittelpunkt stellenden Lebenshaltung suchten.

Heute kann man die Frage stellen, ob der Übergang zu einem geistigen, d. h. nicht mehr nur ,,egoistischen“ Ich wirklich gelungen ist. Der paradoxe Begriff des nicht egoistischen Ich macht deutlich, in welche Schwierigkeiten das Ich gerät, wenn es sich gerade dadurch finden will, dass es über sich hinaus gelangt. Aus diesem Problem entstehen viele Verunsicherungen des Ich, die in den vergangenen Jahren an der Oberfläche des sozialen Lebens sichtbar wurden. (…)

In Intention und Gestaltung wollen die „Konturen“ einer notwendigen neuen Form der Forschung entsprechen (dies kann selbstverständlich zunächst nur unvollkommen geschehen). Es wird immer deutlicher, dass der Inhalt der Forschung und ihre Sozialgestalt nicht von einander zu trennen sind. Zu Sozialgestalt der Forschung gehört nicht nur die Zusammenarbeit der Forscher, sondern auch die Beziehung, die zwischen Forschern und den Adressaten der Forschung besteht: Lesern von Büchern, Hörern von Vorträgen und Teilnehmern an Arbeitskreisen und Kursen. Allmählich ist abzusehen, dass das soziale Element in der Forschung immer größere Bedeutung gewinnen wird. So wird die Zusammenarbeit der Forschern und ihre Orientierung auf die Menschen, denen die Ergebnisse mitgeteilt werden sollen, Auswirkungen auf die Forschungsinhalte selbst haben. Diese werden sich verwandeln und methodisch wieder den Menschen im Mittelpunkt sehen.

Auf diesem Wege kann die Forschung eine Qualität erreichen, die sie nicht mehr als Betätigungsfeld von Spezialisten, sondern als Lebensorientierung für alle suchenden Menschen erscheinen läßt. Denn deutlicher wird auch, daß eine sinnvolle Lebensgestaltung ohne eine „forschende“ Grundeinstellung dem Leben gegenüber immer schwieriger wird. Dem einzelnen sind seine Ziele, Verhaltensweisen und Einstellungen kaum noch selbstverständlich oder von außen vorgegeben; er muß sich alles selbst erarbeiten, also die Gestalt seiner Biographie erst finden.

In diesem Zusammenhang besteht ein enger Zusammenhang zwischen auf Lebensgestaltung bezogener „Forschung“ und der Frage nach dem Ich. (…)

Heidelberg, im Mai 1991 Wolf-Ulrich Klünker“ (Ende des Auszuges aus den Konturen)

3

Heute 30 Jahre später gilt unter verschärften Bedingungen, dass jeder Mensch sein eigener Forscher sein will und auch sein muss. Aber dabei gilt natürlich in verschärftem Maße das Kriterium der Wahrheitsfähigkeit. Unger schreibt 1911, dass die Wahrheitsfähigkeit eine Prüfung des Fühlens sei, eines Fühlens und Empfindens, dass sich aber erst durch eine Aktivierung des Denkens ergebe. Das heißt im selbstgeführten Denken kann man sich schulen eigene Zusammenhänge zu bilden, deren Übergänge stimmig sind. Das bedeutet, dass diese Zusammenhänge selbsttragend sind, sie stützen sich auf äußere Beweise, sondern auf eine Stimmigkeit der Perspektive, der Übergänge, der Argumentation usw. Die Irrtumsmöglichkeit besteht für die heutige Zeit darin, dass man stattdessen die eigene Zusammenhangskraft auf Sachverhalte richtet, die diese Aspekte nicht berücksichtigen. Das geschieht bevorzugt dann, wenn man die eigene Zusammenhangskraft in problematischer Weise anwendet. Unger schreibt, dass zwischen der Welt des Geistes und der normalen Alltagswirklichkeit die Welt der Täuschungen liegt, durch die man hindurch muss, wenn man in die Welt des Geistes gelangen will. Was ist denn diese Welt der Täuschungen in Wirklichkeit? Sie ist eine Mischung aus der irdischen Alltagswirklichkeit (sprich der Welt des Gewordenen und Wirklichen) und der Welt des Geistes (sprich der Welt der Möglichkeiten und der Zukunft). Das, was diese Vermischung so problematisch gestalten kann, ist, wenn ich die ‚Welt des Geistes‘ in die irdische Welt des Gewordenen herunterziehe. Meist tut man dies, weil man nicht auf die Wahrheit der eigenen Zusammenhangsbildung vertraut, sondern diese mit äußeren Tatsachen vermischt, bzw. abstützt und sichert. Manchmal ist aber auch schon der ganze Inhalt so materialistisch und irdisch, dass bei dem Versuch der eigenen Zusammenhangsbildung (im Extremfall wird das dann zur Verschwörungstheorie) nur ein fataler Mix aus irdischer und geistiger Welt herauskommen kann. Die zusammenhangbildende Tätigkeit basiert letztlich auf der irdischen Vorstellungstätigkeit (phantasia). Die meisten Menschen haben in sich das Potential der imaginativen Zusammenhangsbildung und wollen es auch ausüben. Sie durchschauen aber nicht, dass die Wahrheitsfähigkeit in diesem Feld eine andere Qualität besitzt als im irdischen Vorstellungsbereich. Sie landen dann in der Zwischenwelt der Täuschungen. Das gesamte mediale Wirklichkeitsfeld (es ist tatsächlich eine eigene Wirklichkeit mit eigenen Gesetzen) erscheint uns heute so als äußere Tatsache, dass wir ständig in ihm so operieren wie in der Wirklichkeit äußerer Tatsachen, also in der physischen Welt. Die ganze Meinungswirklichkeit bleibt in der Regel eine Art Spiegelwirklichkeit, in der wir uns ständig nur Wirklichkeitsdeutend spiegeln. Wolf-Ulrich Klünker betont immer wieder ausdrücklich, dass nur der Gang durch die Abstraktion davor schützt in dieser Zwischenwelt allen möglichen Identifizierungen ausgesetzt zu sein. Ich muss mir im Denken einen kraftmäßigen Halt erarbeitet haben, der nicht rein inhaltlich ist, mit dem ich mich in allen Täuschungen des Vorstellens und Fühlens halten kann, bzw. mich durch sie hindurch bewegen kann. (Unger zitiert das Mysteriendrama entsprechend: „Ich gab die Kraft der Wahrheit…“) Die Täuschungsmöglichkeiten der Zwischenwelt ergeben sich dadurch, dass Innen und Außen nicht mehr von allein getrennt sind. Subjektiv und objektiv vermischen sich. Auch die Grenze zwischen der mineralischen festen Wirklichkeit und der lebendigen flüssigen Wirklichkeit ist übergänglich geworden. All dies sind Folgen der radikalen Individualisierung der letzten hundert Jahre. Das Ich ist aus der Einbindung in feste Verhältnisse herausgetreten und muss sich nun selbst bestimmen. Dabei schwankt es zwischen der Welt der Täuschungen, in der das Lebendige ins Physische heruntergezogen und festgenagelt wird und einer möglichen imaginativen Wirklichkeitsschicht, in die die physische Welt aufgehoben werden kann. All dies sind natürlich nur allererste Annäherungen an diese Form der Wirklichkeit und eine ganz bestimmte Perspektive in diese Wirklichkeit. Es sollte damit nur deutlich werden, dass eine Erforschung beider Welten, aber vor allem der imaginativen Wirklichkeit notwendiger denn je ist.

Roland Wiese, Ostern 2021  

Ein Gedanke zu “Die Welt der Täuschungen und die imaginative Welt

  1. Der Überprüfung der Überprung der Überprüfung … entspricht im Augenblick die Verlängerung der Verlängerung der Verlängerung des Lockdowns. Auch mit seinem „Brückenlockdown“ wäre Laschet nicht am anderen Ufer angekommen.

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