Selbstentwicklung – Sein und Werden

Mein Thema, Ich-Entwicklung oder Selbstentwicklung, als therapeutische oder pädagogische Wirkung auf mich selbst und andere Menschen, wird in einer aktuellen Buch-Veröffentlichung behandelt. Ich finde darin einige interessante Ansätze und Formulierungen, die an sich schon eine Entwicklungswirkung haben, wenn man mit ihnen etwas umgeht. Es geht um zwei Aufsätze in dem gerade erschienenen Buch ‚Sein und Werden‘, Beiträge zum Entwicklungsverständnis der Waldorfpädagogik‘, herausgegeben von Leonhard Weiss und Carlo Willmann.

Ganz zum Schluss, ich gebe zu die anderen Beiträge noch nicht einmal angelesen zu haben, kommen diese beiden Aufsätze unter der Kapitelüberschrift ‚Fundierende Perspektiven einer entwicklungsorientierten Pädagogik‘: Wolf-Ulrich Klünker ‚Entwicklung, Wirksamkeit und Begriff‘ und Wolfgang Tomaschitz ‚ „Wenn ich einmal groß bin…“ Was es vernünftigerweise heißen könnte, seine Entwicklung selbst in die Hand zu nehmen‘. Ganz im Sinne beider Autoren, die Anthroposophie grundsätzlich als Anregung zu Selbstentwicklung verstehen, soll auch hier nur angeregt werden beide Beiträge zu lesen. Deshalb nur einige Einblicke!

Beginnen wir mit Wolf-Ulrich Klünkers Beitrag. Hier sollen zwei Aspekte näher angeschaut werden: Das Kapitel ‚Entwicklung und Bewegung‘ und das folgende Kapitel ‚ Entwicklung und Wirklichkeit‘. Wolf-Ulrich Klünker beginnt mit dem ganz einfachen Satz: „Entwicklung ist Bewegung“ und bezieht sich damit auf die aristotelische Wissenschaftstradition, die zwar noch keinen expliziten Entwicklungsbegriff kannte, aber Zeit immer als Maß der Bewegung verstanden hat. (S.360) „Entwicklung wäre dann die Erfahrung einer Bewegung oder Veränderung in einem bestimmten Zeitraum – damit betrete ich einen eigenen Erlebnis- und Erfahrungsraum als inneren Maßstab, gleich welche Entwicklung ich betrachte. Der Maßstab und das heuristische Potential des Entwicklungsverständnisses liegen also in der Erfahrung eigener Entwicklung, die hier in lockerster Anknüpfung an den Sprachgebrauch Rudolf Steiners als Ich-Entwicklung bezeichnet werden soll.“ (ebd.) Klünker macht hier auf einen wichtigen Punkt aufmerksam: Entwicklung ist keine Theorie, sondern eine eigene Erfahrung von Veränderung in der Zeit. Nur die eigene Veränderungserfahrung oder Entwicklungserfahrung macht es  möglich Entwicklung auch außerhalb meiner selbst wahrzunehmen und zu denken. „Bewegung kann, auch als sinnliche Wahrnehmung, nur aus der Eigenbewegung heraus deutlich werden; so zeigt sich Entwicklung nur an einer Ich-Entwicklung, die als Selbstentwicklung zu verstehen ist.“ Diese Bewegung gefällt mir sehr! Diese Sätze bilden eine sichere Grundlage, erkenntnistheoretisch ganz sauber, um Entwicklung im Menschen selbst zu verorten, und erst von da aus auch Entwicklung außerhalb meiner selbst wahrnehmen und denken zu können. Meine eigenen Entwicklungserfahrungen bilden die Grundlage und den Maßstab für alle anderen Entwicklungen. Und: Entwicklung ist Bewegung. Ich muss mich selbst bewegen und dies wahrnehmen – der Eigenbewegungssinn ist hier die Basis für die Bewegungserfahrung, um wiederum andere Bewegungen wahrnehmen und beurteilen zu können. Es zeigt sich, dass ein potenzieller ‚Entwicklungssinn‘ auf der Entwicklung der unteren Sinne basiert. An diesem Punkt kann man selbst einmal in Ruhe weiterforschen…

Ein zweiter entscheidender Gesichtspunkt zeigt sich für Klünker in der Frage nach der Wirklichkeit. Wie entsteht Wirklichkeit? Aus Sicht einer Wissenschaft, die für alles Kausal-Erklärungen sucht, muss sich rückblickend immer eine Ursache finden für eine Wirkung und eine entstandene Wirklichkeit. (Steiner 1918: Egal wie sich die Wirklichkeit entwickelt die Naturwissenschaft sagt immer: „Es ist das Folgende aus dem Früheren hervorgegangen – die große Weisheit der Kausalerklärungen“ (GA 317)) Für Klünker „deutet sich (hier) ein komplexes Wirklichkeitsverständnis an, das auf Entwicklung basiert und von dem zumindest gilt, das

s zum Begreifen von Entwicklungsvorgängen in der Wirklichkeit unabdingbar eine Klärung der eigenen Denkvoraussetzungen und ein Bewusstsein über das eigene Denken, also eine Art Denken des Denkens gehört. Kompliziert bis prekär stellt sich dabei für ein objektivitätsorientiertes wissenschaftliches Bewusstsein dar, dass der Mensch selbst zur Entwicklungsgrundlage und zum Ausgangspunkt von Entwicklungen wird – und zwar bis in die Naturgrundlagen hinein.“ (S.363) Diese Perspektive zielt darauf, dass rückwärts geschaut nur Notwendigkeit zu sehen ist. Die Gabelungen und Entscheidungen an bestimmten Entwicklungspunkten, oder genauer: die fortwährende Entstehung von Wirklichkeit durch die menschlichen Entscheidungen ist mit dieser Art von Wissenschaft nicht zu beobachten und festzustellen. Wir haben dies z.B. als Präventionsparadoxon in der Pandemie kennengelernt, verhindert man schlimmere Folgen einer Infektion, kann man hinterher nur schwer beweisen, dass es wirklich so schlimm gekommen wäre… Auch hier kann man lange weiterdenken!

Wolfgang Tomaschitz behauptet in den ersten Sätzen seines Beitrages: „Bis zu einem gewissen Grad ist Entwicklung im Erwachsenenalter heute eine Selbstverständlichkeit.“ (S.371) Schränkt dies aber sofort wieder ein, Entwicklung werde mehr oder weniger heute als Fortbildung und Weiterbildung und als Selbstoptimierung verstanden. Es gibt tatsächlich keinen wirklichen Entwicklungsansatz für Erwachsene (Die amerikanische Entwicklungspsychologie von Jane Loevinger einmal ausgenommen!). Tomaschitz rekurriert dann für einen wirklichen Entwicklungsbegriff auf Steiner, „dass der Mensch in der Tat seine eigene Entwicklung in die Hand nehmen kann, und das er erst dadurch, dass er diese Entwicklung in die Hand nimmt und sich zu etwas anderem macht, als er geboren ist, zu einer wirklichen Erkenntnis des Seelischen, des Geistigen aufsteigen kann.“ (Steiner, Zürich 1919). Tomaschitz schildert dann die Probleme heutiger Subjekterfahrung, sprich ‚die Unzulänglichkeit unseres Selbstverstehens‘ und die (untauglichen) Versuche dieses auf eine neuronale ‚Hardware‘ zurückzuführen, und sieht eine Linie in den Erkenntnisgrenzen der wissenschaftlichen Community zu Steiners Zeiten bis heute. Er versucht dann Steiner Entwicklungsansatz der Figur einer geistigen Höherentwicklung in eine mehr biografische Entwicklungsanregung umzuwandeln. Er bezieht sich da auf anthroposophische Autoren wie Vandercruysse, Zajonc, van Houten und Kühlewind. Naheliegend ist dann (durch die Reihe der genannten Autoren), dass er die seelisch-geistige Entwicklung an eine meditative Entwicklung der eigenen Erkenntnispraxis knüpft. Es ist interessant, welche Fokussierung im Kosmos Steiners ein Autor wählt, also welche Art von Praxis man sich aus diesem umfassenden Entwicklungsansatz auswählt. Man findet den meditativen Ansatz der Aufmerksamkeitsstärkung häufig bei wissenschaftsgeprägten Menschen, Arthur Zajonc ist da ein gutes Beispiel. Auch Tomaschitz neigt zu einer solchen Dimension von Erkenntnisentwicklung, die dann wie von allein, aber gewissermaßen zwangsläufig ihre Verwandtschaft mit der buddhistischen Praxis bemerkt. „Die Anfänge der Meditation als ein Üben in einem Bereich, der durch Unmittelbarkeit und Ungegenständlichkeit gekennzeichnet ist, hat weitverzweigte Wurzeln in den kontemplativen Traditionen Europas und ist zudem bis heute ein fixer und didaktisch sorgfältig gepflegter Bestandteil des Curriculums buddhistischer Studien und Wege. Dieser Aspekt der buddhistischen Tradition wird seit den 1990er Jahren – zunächst inauguriert durch eine Kooperation amerikanischer Wissenschaftler mit dem Dalai Lama und einer Gruppe buddhistischer Gelehrter – auch im Kontext der europäischen und amerikanischen Philosophie des Geistes gründlich bearbeitet.“ (S. 184)

Es ist für mich wirklich interessant diese beiden Entwicklungsansätze so hintereinander in einem Buch zu finden. Ich habe mich lange mit beiden Ansätzen beschäftigt, der Ansatz der Philosophy of Mind (was ich mit Markus Gabriel übereinstimmend nicht als Philosophie des Geistes übersetzen würde, sondern eher als Philosophie des Bewusstseins)) war für mich lange Zeit ein Thema, auch die Kooperation dieser Wissenschaftler mit dem Dalai Lama. Wenn ich ganz ehrlich bin, ist trotz intensiver Beschäftigung dort keine wirkliche innere Berührung entstanden bis hin zu irgendeiner Entwicklungswirkung im Leben. Ganz anders die Begegnung mit dem Ansatz Wolf-Ulrich Klünkers, diese hatte bei mir intensive Auswirkungen bis in die Schicksalsebene hinein. Es ist nun nicht einfach den Unterschied, bzw.  auch das Problem des Ansatzes von Tomaschitz u.a. zu fassen zu bekommen.

Ich will hier nur auf zwei Aspekte hinweisen, mehr kann in diesem Rahmen nicht geleistet werden. Der erste Aspekt ist für mich, dass gar nicht davon ausgegangen wird, dass es eine menschheitliche und individuelle (karmische) Weiterentwicklung des Menschen und der Welt gibt. Man spricht zwar eine moderne Wissenschaftssprache, aber geht (naiv?) davon aus, dass die Praxis der Meditation oder Aufmerksamkeitsstärkung mit ihrer Didaktik einfach linear fortbesteht. Das Gleiche macht man im Prinzip mit der Anthroposophie, auch hier wird nicht hinterfragt, ob der Ansatz vom Anfang des 20. Jahrhunderts heute noch adäquat ist. Es wird also eine Entwicklung in einer Nicht-Entwicklung gedacht! Das kann meiner Ansicht nach nicht realistisch sein. Der zweite Aspekt hängt indirekt mit dem ersten zusammen: Die Erkenntnisentwicklung ist zu stark bewusstseinsbetont. Es fehlt die Entwicklungsbeziehung zwischen Bewusstsein und Leben (wie sie Klünker exemplarisch in ‚Die Empfindung des Schicksals‘ ganz modern herausgearbeitet hat). Dadurch bleibt die Leibfrage ungelöst! Welchen Sinn hat der Leib und damit das irdische Leben für den Menschen und die Welt? Damit bleibt aber ein wesentliches Element der Entwicklung, nämlich die Entwicklungsspannung zwischen Bewusstsein und Leben außer Betracht. Der daraus folgende Entwicklungsbegriff kann eigentlich kein Ich oder Selbst mehr beinhalten, denn diese sind an die Leiblichkeit des Menschen geknüpft. Es soll eine solche Konsequenz nicht dem Autoren des besprochenen Beitrages unterstellt werden. Es soll nur auf die mögliche Folge eines solchen Ansatzes hingewiesen werden. Er kann natürlich auch ganz anders verstanden werden: Die Stärkung der Aufmerksamkeit des Bewusstseins im gegenstandsfreien Raum kann eine Sensibilisierung für Empfindungen bewirken, die ich als ‚Entwicklungssinn‘ zusammenfassen würde, also eine Orientierung und Umgangsweise mit dem Leben, die sich aus der Zukunft speist. Das könnte es meiner Ansicht nach vernünftigerweise heißen die eigene Entwicklung in die Hand zu nehmen…

Roland Wiese 23.10.21

2 Gedanken zu “Selbstentwicklung – Sein und Werden

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