View with a room – Vernissage

Kunstraum von Ute Seifert in der Rückertstraße in Bremen

Eine sehr schöne und sommerlich erfüllte und gefüllte Vernissage am Sonntagmorgen!

Zur Ausstellung von Elfi Wiese im ‚Kunst [  ] Raum‘ Bremen  8/2022

Eröffnungsansprache von Ute Seifert

Vielleicht gibt es die/den eine/n oder andere/n unter Ihnen und Euch, die die letzte Ausstellung, von Susanne Schossig, hier in unseren Räumen erinnern.

Mir schien nun diese neue Ausstellung eine schöne Fortsetzung unserer Arbeit, unserer letzten Ausstellung!

Wie schön jedoch, dass Ähnliches, Gleiches, doch immer anders ist. Nur der schnelle Blick übersieht die Differenz.

Die Arbeiten von Elfi Wiese zeigen große, atmende Flächen mit darüber gelegten kleinräumig-schriftartigen Bewegungen, die sich aus ihrem linearen Ursprung heraus auch zu Flächigem hin verdichten. Dies erlebt man besonders und oft mit Stau-nen, wenn man den Bildern in Nähe und Distanz begegnet.

Welche Gedanken haben wir, wenn wir eine Reise in ein fremdes Land unternehmen?

Wie begegnen wir dem fremden Land und versuchen, dieser Begegnung in der künstlerischen Arbeit Gestalt zu geben?

Wie lerne ich ein Land kennen?

Ist ein Land seine Sehenswürdigkeiten?

Wo beginnt die künstlerischer Arbeit?

Gibt es neben den „Sehens-Würdigkeiten“ auch andere „Würdigkeiten“ zu entdecken?

Auf vielen Reisen hat Elfi Wiese Landschaften erkundet, Material, Erden gesammelt. 

Ich zitiere hier ihre eigenen Worte  –  „Für mich liegt im Umgang mit  Landschaft und Materie eine wichtige Quelle für meine Bilder. Die Gestaltung wird oft vom Erleben der Landschaft geleitet, sowie von der Beschaffenheit  und Farbe des gefundenen Erdmaterials. Doch Empfindung  von Stimmigkeit der Komposition als solche ist letztlich das Ausschlaggebende. Das Material ist wichtig, Auslöser der malerischen Tätigkeit. aber ein Bild empfinde ich dann als gelungen, wenn Licht wie aus der Tiefe des Bildes entsteht….. Nicht, indem das Werk ein Landschaftsbild als Abbild zeigt, sondern indem es tatsächlich eine Substanz aus einer oder verschiedenen Landschaften enthält. Die untergründige Konsistenz und Farbigkeit dieser Landschaften ist im Bild“,  ist also im Grunde in transformierter Weise diese Landschaft selbst.

Im Werk ist nicht das „WAS“ wichtig, das Motiv, sondern das Werk wird selbst zum Schauplatz, auf dem sich geistige Ereignisse vollziehen können.

Die Chance liegt in der Gleich-Gültigkeit der Dinge und in ihrer Frag-Würdigkeit, in der Künstler wie Betrachter die souveräne Freiheit haben, selbst die neue Gültigkeit und Wertigkeit der Fragen auf individuelle Weise selbst zu bestimmen.

Wesentlich ist für Elfi Wiese, nicht zu zeigen was ankommt sondern worauf es ankommt.                                                                              

Um anfangen zu können, ist Stimmung erforderlich, also nicht nur die Landschaft als Außenbild,  sondern die Landschaft als Stimmung in Farbe und Struktur. Die Erden dieser Lanschaften sind nur die Ausgangsbasis, der Grund, auf dem dann Farben folgen können.

Das Bild kann zwischen drei Orten vermitteln:

  1. dem Bildraum,  
  2. dem Raum, in dem das Bild gezeigt wird und                                                                                        
  3. dem Ort, dem das Material entnommen ist: dem Landschaftsraum.

BILDRAUM   –  RAUM  –  LANDSCHAFTSRAUM

hierzu  passt  wunderbar der Titel  mit Text  ‚View with a room‘:  Aussicht mit einem Zimmer,  den Elfi’s Mann, Roland Wiese,  entstehen ließ. Er hat den Satz, der aus

musikalischem Kontext entnommen ist,  weitergesponnen zu verschiedenen Bedeutungen.  Ich zitiere  –  „So ist der Kunst [  ] Raum von Ute Seifert in Bremen, der Ort der Ausstellung, ein Raum, in Zahlen 1 Raum. Die Bilder sind die Aussichten in dem Raum. Man schaut durch die Bilder wiederum in Räume. Und ganz besonders, die Bilder schaffen selbst vor der Fläche Räume. Dies kann nur vor den Originalen, vor Ort, nicht im Internet, erlebt werden kann.“

 „wenn ich male, bin ich bei mir“, sagt Elfi Wiese.

Für sie ist das Atelier ein Ort des Rückzugs, der es ihr ermöglicht, „bei sich zu sein“ oder „Ich zu sein“  –

An diese Empfindung und Gedanken  knüpfte sich für uns im Gespräch, auch für diese Ausstellung, wie auch bei der letzten Ausstellung von Susanne Schossig (es hatte gerade der Ukraine Krieg begonnen), die Frage, ob denn Kunstschaffen und Zeigen von Kunst in Ausstellungen in dieser Zeit wichtig zu tun sei; ebenso die Frage, ob Kunst direkt politisch agieren müsse.

Hierfür gibt es eine wunderbar aufschlussreiche Wortverbindung  – 

BILD und BILDUNG.

Damit  kommen wir zum 4. Ort, so möchte ich hinzufügen: es ist der Betrachter, in dem das Bild zum Ereignis wird, indem er es sich erschließt.

Dies ist der Anspruch der Bilder an uns  –  sie auszuhalten in ihrer Wesentlichkeit, mit der sie uns einberufen in eine Wesentlichkeit unserer selbst.

(aus:  Michael Brötje – Der Spiegel der Kunst)

Und wenn ich nur vom Titelbild dieser Ausstellung ausgehend eine Verbindung schaffen darf……

Ich durfte einmal vor langer Zeit eine Ausstellung für meine Kollegin Margitta Schenk eröffnen.  „Natürlich – künstlich“ war der Titel.

Ich bekam dann eine Arbeit geschenkt, die ich mir aussuchen durfte.

Es ist ein Objekt aus ca. 1000 kleinen nepalesischen 10×10 cm großen Papierblättchen, die, lose aneinander gefügt, einen kleinen Block bilden.

Dort, in Nepal sind dies Papiere etwas, was täglich einzeln verbrannt wird, immer 1 Blättchen. Und mit dem Rauch, also dem transformierten Papier werden Gebete und Wünsche in den Himmel geschickt.

Die kleinen schriftartigen, aufsteigenden Bewegungen und Gesten in unserem Titelbild erinnerten mich daran, holten über dieses Ritual wieder in mein Bewußtsein  – – –  wie sie sich in das kosmische Blau hinein erheben……….

Zurück zu der Frage, die sich in beiden Ausstellungen stellte  – ob Kunst in solchen Zeiten wie unserer gegenwärtigen eine Notwendigkeit sein kann…….

„Wir brauchen die Künste, weil sie uns Einsichten in uns selbst geben und uns den Weg weisen in übergreifende Zusammenhänge. Wir brauchen die Künste, weil sie unsere Emotionen und Leidenschaften schüren.

Ernst Cassirer schreibt 1925 von der Ursprünglichkeit der Künste: „ Nicht im Sinne, dass sie ein vorhandenes Wirkliches in der Form des Bildes bezeichnen, sondern dahingehend, dass jede von ihnen eine eigne Welt des Sinnes erschafft. In ihnen stellt sich die Selbstentfaltung des Geistes dar. Nicht Nachahmung der Wirklichkeit, sondern Organe derselben sind jetzt die einzelnen symbolischen Formen, sofern sie nur durch Wirkliches zum Gegenstand der geistigen Schau gemacht und damit als solches sichtbar werden kann.“

Wir brauchen die Künste, weil sie uns mit der Schöpfung konfrontieren, mit unserer eigenen Phantasie, mit den „Organen“ unserer eigenen Imagination, weil sie jene Kräfte in uns mobililsieren, die ein Verständnis von Welt schaffen.“

Aus :  du 747   –  Am Anfang war die Kunst/Jean Christoph Amann (Leitung Kunsthalle Basel  und später MMK Frankfurt)            

Vielleicht kann man in unserer aktuellen Zeit sagen

das Leben verstehen?

das Leben bestehen?“

ute seifert 8/2022

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