Geisteswissenschaft – eine spirituelle Wissenschaft

6.10.2018

Gestern nacht bekam ich einen link geschickt zu einem Radiogespräch von  radio evolve zwischen Tom Steininger und Wolf-Ulrich Klünker. radio evolve gehört wohl zu einer Zeitschrift evolve magazin. Beides war mir bisher nicht bekannt. Dazu gehört wohl auch die Seite ermerge-bewusstseinskultur.

Wissenschaft ist seit Aristoteles als eine bestimmte Form der Erkenntnistätigkeit beschrieben, die vom Ich ausgeht, aber gleichzeitig dieses Ich erst schafft. In dem Radiogespräch von Tom Steininger und Wolf-Ulrich Klünker wird dieses Motiv eindrücklich und doch gut verstehbar bewegt. (Am Wochenende haben wir dieses Thema intensiv am Küchentisch diskutiert – insofern ist das Radiogespräch  wie eine objektive Fortsetzung  der eigenen Bemühung).

Auf der Seite von emerge-bewusstseinskultur habe ich eine interessante Veranstaltung von Tom Steininger gefunden:

Ein neues Zuhause für das Ich?

Die unerkannte Dimension der Wir-Arbeit

mit Thomas Steininger

03. November, 10.00 – 16.00 Uhr, im ZIL- Zentrum Integrales Leben, Kiel

Wir leben in ganz unterschiedlichen Wir-Feldern – in der Familie, mit Kollegen oder Menschen, denen wir zufällig begegnen. Diese Felder haben unterschiedliche Atmosphären, Geschichten und Zusammenhänge. Um ein Wir-Feld in seiner Lebendigkeit wahrzunehmen, braucht es so etwas wie ein „Wahrnehmungsorgan“ für ein Bewusstseinsfeld. Denn unser Bewusstsein ist insbesondere ein lebendiges Feld bewusster und unbewusster menschlicher Beziehungen.

Hier nun das Radiogespräch:

Thomas Steininger mit Prof. Wolf-Ulrich Klünker im Gespräch
.
Wenn wir heute von einem Dialog zwischen Spiritualität und Wissenschaft sprechen, meinen wir meist einen Dialog mit dem vorherrschenden naturwissenschaftlichen Denken. Vielleicht braucht es für diesen aber auch ein anderes Verständnis darüber, was Wissenschaft außer Naturwissenschaft noch sein kann. Kein unkritisches Wunschdenken wie es im New Age oft gepflegt wird und auch kein dogmatisch metaphysisches Denken wie wir es oft in den traditionellen Religionen
vorfinden. Gibt es ein anderes, geisteswissenschaftliches Verständnis einer modernen Wissenschaft?
Prof. Wolf-Ulrich Klünker, Professor für Philosophie und Erkenntnisgrundlagen der Anthroposophie an der Alanus Hochschule bei Bonn, denkt ja, das gibt es.
Radio evolve spricht mit ihm diese Woche über die Möglichkeit einer spirituellen Wissenschaft.

 

Geistselbst-Berührung des Ich

Das nächste Seminar der DELOS-Forschungsstelle mit dem Titel ‚Geistselbst-Berührung des Ich – Befreiung, Lösung und Erlösung‘ findet am Sa./So. 24/25.11.2018, Sa, 15 Uhr – So, 13 Uhr statt. Aus der Ankündigung:

„Imaginative Kräfte sind im Hintergrund  von Lebens-, Empfindungs- und Erkenntnisprozessen wirksam. Sie bilden eine indivdiuelle „Märchenschicht“, die wirklicher ist als die sogenannte Realität. In der Ich-Entwicklung kann heute eine Sensibilität für diese Wirkungen ausgebildet werden. Der neue Erlebnis- und Erkenntnisraum berührt sowohl die Sphäre des früheren Engels als auch elementare Lebensvorgänge.“

Seminar mit Wolf-Ulrich Klünker im Haus der DELOS-Forschungsstelle, Eichwalde (Berlin).

Begrenzte Platzzahl, Teilnahme nur mit Anmeldung

delos@t-online.de oder Tel 030/67803990

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Das Haus der DELOS-Forschungsstelle in Eichwalde

Der Tastsinn im Ich, und das Ich im Tastsinn

Teil 8

2

Eine ähnliche Perspektive auf die Beziehung zwischen irdischem Leben und nachtodlichen Leben wie Albertus im Mittelalter hat Rudolf Steiner (wie oben schon angesprochen) im sogenannten Heilpädagogischen Kurs entwickelt: „Sie gehen durch die Welt. Jetzt glauben   Sie, wenn Sie so durch die Welt gehen, zum Beispiel einen Tag, jetzt meinen Sie, das ist etwas Geringeres: Es ist auch etwas Geringes für das gewöhnliche Bewusstsein, es ist aber nicht Geringes für dasjenige, was im gewöhnlichen Bewusstsein das Unterbewusstsein bildet. Denn wenn Sie nur einen Tag durch die Welt gehen und sie genauer anschauen, so ist das schon die Vorbedingung für die Erkenntnis des Inneren des Menschen. Außenwelt im Erdenleben ist geistige Innenwelt im außerirdischen Leben.“ (HPK S.21) Das genaue Anschauen der Welt ist Vorbedingung für die Erkenntnis des Inneren des Menschen, und die Erkenntnis des Inneren des Menschen ist Vorbedingung für den Aufbau einer neuen Leiblichkeit. Die Perspektive von Albertus wird hier konsequent weitergedacht im Sinne des ‚anima forma corporis‘. Die irdische Seele bereitet die nachtodliche Erkenntnis vor, die nachtodliche Erkenntnis des menschlichen Inneren (im geistigen Äußeren) wird zu der Seele, die dann als formende Kraft den Körper belebt und beseelt. Weiterlesen

Der Tastsinn im Ich, und das Ich im Tastsinn

Teil 8

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Nachtodlich und vorgeburtlich
In seinem Werk ‚Über die Natur und den Ursprung der Seele‘ hat Albertus Magnus im 13. Jahrhundert die weitere Entwicklung der Seele nach dem Tod erörtert. Für unsere Frage nach dem Inneren und Äußeren sind seine Erörterungen hilfreich, da es ja schwierig erscheint noch ein Inneres oder Äußeres im räumlichen Sinne zu denken, wenn die irdische Leiblichkeit wegfällt. Im Kapitel 13 dieses Buches, (das nicht von der Natur, sondern von der Natur der Seele handelt) behandelt er die Frage, was mit der Seele nach dem Tode durch die Gegenstände des Erkennens geschieht. Da das Wahrnehmen der sinnlichen Gegenstände abhängig ist von der Erkenntnisleistung des intellectus, der selbst aber erst einmal unwahrnehmbar ist, strahlt das Licht, das auf die Gegenstände „zurückgebogen“ war, zu ihm zurück (in der Wahrnehmung) und er „behält“ dieses „intelligible“ Licht. In heutiger Sprache könnte man vielleicht so formulieren: Dem Wahrnehmen liegt eine (unerkannte) Erkenntnistätigkeit zugrunde, die im Wahrnehmen auf den Erkennenden zurückstrahlt. Sie ist permanent in ihm tätig, wird aber nur durch die Wahrnehmung und an der Wahrnehmung sich bewusst. Gleiches gilt für das Vorstellen, das sich auf die Wahrnehmungen bezieht. Auch in ihm ist der Intellectus tätig – wir bemerken aber nur das Vorgestellte und nicht unsere Erkenntnistätigkeit, mit der wir vorstellen. „Diese Lichter behält also der auf sich zurückgewendete Intellekt, und von diesen Lichtern wird er erleuchtet und so erleuchtet wird seine Erkenntnisfähigkeit umfassender als sie durch sich selbst ist.“ (S.209) Weiterlesen

Der Tastsinn im Ich, und das Ich im Tastsinn – Teil 7

Teil 7

 

„Außenwelt im Erdenleben ist geistige Innenwelt im außerirdischen Leben“[1]

(Dieser Teil fußt im Wesentlichen auf Forschungsergebnissen Wolf-Ulrich Klünkers, die in verschiedenen Forschungszusammenhängen, Seminaren und Büchern veröffentlicht wurden.)

Ausgangspunkt für eine Klärung des Verhältnisses zwischen Innen und Außen, ein Verhältnis, das in dieser Weise erst einmal nur für den Menschen existiert, ist die Frage, was ist eigentlich das jetzige Innen des Ich und was ist das jetzige Außen des Ich? In der so gestellten Frage liegt schon, dass sowohl Innen wie Außen zum Ich gehören. Subjekt und Objekt. Das Erleben einer Wiese und die Wiese? Wie hängt Innen mit Außen zusammen? Eine wesentliche Frage der aristotelischen Psychologie und in der Folge auch bis ins Mittelalter hinein war, wie sich die Seele verhält, wenn sie von dem Körper getrennt ist. Denn die Grunddefinition der Seele war in dieser geistesgeschichtlichen Linie eindeutig: anima forma corporis! Also: Die Seele ist die Form eine lebendigen Leibes. Verlässt die Seele den Körper, verlässt auch das Leben den Körper und der Körper zerfällt. Das genaue Verhältnis der Seele zum Körper war und ist eine der schwierigsten anthropologischen Fragen. Eines ist nur für diese Wissenschaftsrichtung klar gewesen: Wenn die Seele wesenhaft darin besteht, Form eines lebendigen Körpers zu sein, kann sie nach einer Trennung nur mitaufgelöst werden, oder sie muss in anderer Form in Bezug auf einen Körper hin tätig sein.

Rudolf Steiner hat diese Fragestellung explizit im ‚Heilpädagogischen Kurs‘ 1924 aufgegriffen und weiterentwickelt. Für ihn wird aus dem irdischen Seelenleben nach dem Tod ein nachtodliches Seelenleben, das dann wiederum ein vorgeburtliches Seelenleben wird. Damit wird zuerst einmal die offene Frage des Mittelalters, was aus der Individualität wird, wenn sie stirbt – dort wurde von Thomas von Aquin ja nur die Unsterblichkeit der Individualität begründet, aber nicht was nachtodlich dann weitergeschieht, bzw. die Umkehrung ins Vorgeburtliche war zu dieser Zeit noch nicht denkbar, diese offene Frage wird beantwortet. Die irdische Seele ist nach Verlassen des Leibes nicht aktuell Form eines lebendigen Körpers, sondern nur noch potentiell, und sie wird dies wieder aktuell in der vorgeburtlichen Situation, indem sie sich mit einem lebendigen irdischen Körper verbindet, oder sich einen solchen aufbaut.

Im ‚Heilpädagogischen Kurs‘ wird dieser Durchgang des Seelischen gebraucht, um darzustellen wie sich das Geistig-Seelische vorgeburtlich und in der frühen Kindheit leibgestaltend betätigt und damit erst ein Seelisches hervorbringt, das sich dann an diesem hervorgebrachten Leib spiegeln kann. So dass das normale Bewusstsein einerseits eine Art Endpunkt der Leibwerdung des vorgeburtlichen Geistig-Seelischen einer Individualität ist, andererseits auch nur einen Teil dieser Individualität darstellt. Gleichzeitig ist es aber wieder auch der Anfangspunkt einer Entwicklung, denn es hat den Bezug zu seiner ursprünglichen Kraft (die es hervorgebracht hat) nicht verloren. Wie die Seele den Durchgang durch das Nachtodliche ins Vorgeburtliche gestalten kann, hängt maßgeblich von ihrem Erleben im irdischen Leben ab (Das irdische Leben wird also zunehmend bestimmende Form des außerirdischen Lebens). „Außenwelt im Erdenleben ist geistige Innenwelt im außerirdischen Leben“. Das bedeutet, dass das, was die Seele im irdischen Leben erlebt, im Nachtodlichen zu ihrer Innenwelt wird. (Eine ähnliche Formulierung wurde von Wolf-Ulrich Klünker auch schon in einigen mittelalterlichen Texten von Albertus Magnus gefunden). Wir haben ja oben schon darauf hingewiesen, dass jede Wahrnehmung eine Berührung mit der Außenwelt ist und gleichzeitig eine Selbstberührung einer bestimmten Wirklichkeit des eigenen seelischen Organismus. Bleibt die Seele ohne diese Wahrnehmungen, kann sie diese (unbewusste) Eigenkenntnis des Organismus nicht entwickeln, und sie ist dann, wenn ihr die äußeren Wahrnehmungen fehlen, wie blind und taub für die geistig-seelischen Qualitäten der außerirdischen Welt. Das heißt die Tätigkeit der Sinnenseele (anima sensitiva) im irdischen Leben führt nicht nur zu Sinneserlebnissen des Bewusstseins, sondern diese werden zukünftig lebenswirksam, wenn diese Erlebnisse selbst vergangen sind. Sie werden zur Form eines neuen Leibes, nachdem sie im Nachtodlichen (Außerirdischen) sich die ihnen mögliche Kenntnis der Leibbildung angeeignet haben.

Ein weiterer Schritt ist nötig, um zu verstehen, was aus der Innenwelt wird. Ein gewisse Überkreuzung scheint naheliegend: Außenwelt wird Innenwelt; Innenwelt wird Außenwelt. Die äußere Objektivität wird nachtodlich nach Maßgabe ihrer Wahrnehmung (außerirdisch) Subjekt, die innere Subjektivität wird im gleichen Zuge  nach Maßgabe ihrer Realitätstauglichkeit objektive Wirklichkeit. Das bedeutet, das was ich an Denkzusammenhängen im irdischen Leben gebildet habe, wird zu objektiven Außenwelt nachtodlich. Es handelt sich um eine vollständige Umdrehung der Erdenverhältnisse des Bewusstseins. Wolf-Ulrich Klünker hat den Sinn dieser anthropologischen Figur in der dadurch möglichen Entwicklung für beide Anteile des Ich gesehen. [2] Die scheinhafte Bewusstseinsseite vertieft sich in die existentiellere Dimension des Lebens. Die (unbewusste) Konstitutions- und Schicksalswirklichkeit hebt sich ins Bewusste. Beide stehen sich wie umgekehrt gegenüber und berühren sich neu!

Das bedeutet für das Ich: Es gibt keine lineare Fortsetzung über den Tod hinaus. Das Ich steht in seiner Entwicklung  sich selbst gegenüber in Entwicklungsmöglichkeit und Entwicklungsrealität. Das Leben (die Außenwelt) setzt sich nicht linear fort; das Bewusstsein (die Innenwelt) setzt sich nicht linear fort. Inneres wird Äußeres; Äußeres wird Inneres. Der Entwicklungsbegriff des Ich ist mit dieser Umwendung notwendigerweise verbunden.

22.7.2018

Im achten Teil werde ich diese Entwicklung für die gegenwärtige Situation des Ich und der Sinneswahrnehmung weiterführen.

 

 

 

 

 

 

 

[1] Steiner, R., ‚Heilpädagogischer Kurs‘ GA 317, S. 21

[2] W. U. Klünker, ausführlich in Empfindung des Schicksals, Stuttgart 2011

Der Tastsinn im Ich, und das Ich im Tastsinn

Teil 5

Das Tasten des Ich

Das Tasten als Berührung von etwas anderem und als gleichzeitige Selbstberührung ist in vielfältigen Variationen schon angesprochen worden. Um aber zu verstehen, wer da was oder wen berührt, muss man noch einige Gesichtspunkte hinzunehmen. Etwas formelhaft kann man erst einmal bemerken, dass die äußere Wahrnehmung, oder die Wahrnehmung von äußeren Dingen nicht darin besteht, dass der äußere Wahrnehmungsgegenstand, bspw. der Stein, oder die Rose mit seiner Körperlichkeit in mich übergeht. Diese Art des Wahrnehmens ist eher lichthafter, scheinartiger Natur und würde in sich wieder verwehen, sich auflösen, wenn sie nicht durch etwas gebunden würde, das wieder körperlicher Natur ist. Die Lebensprozesse des Organismus, die mit der jeweiligen Wahrnehmung verbunden sind, sind eine solche ‚körperliche‘ Realität, die die Wahrnehmung (meist im Hintergrund des bewussten Wahrnehmens) vom Schein in ein neues Sein überführen. Die eigene Gestaltung im Organismus wird mit der der Empfindung verbunden. [1] Äußere Eindrücke werden so zu inneren Eindrücken, die im Organismus bleibend werden, ja die organischen Prozesse gestalten, als Empfindungssubstanzen. Diese Überführung der äußeren Wahrnehmung, die im Bewusstsein anwesend ist, in den inneren Lebensprozess, ist eine Tätigkeit, die zwar unbewusst abläuft, aber doch von Rudolf Steiner als eine Art basales Ich-Erleben beschrieben wird. [2] Darin liegt eine Art Tasterlebnis zwischen der Wahrnehmung der äußeren Welt und den eigenen Lebensprozessen. Das Ich-Erlebnis besteht nicht in den inneren Lebensprozessen, auch nicht in der äußeren Wahrnehmung, sondern in der Berührung des einen mit dem anderen, und in dem Übergang des einen in das Andere. Die Wahrnehmung scheint also nur vordergründig ein reines Bewusstseinsphänomen zu sein, in Wirklichkeit dient sie der Aufrechterhaltung und Weiterentwickelung des Ich-Erlebens. Das Ich erlebt die bestimmten Wahrnehmungen als Anregungen im eigenen Organismus tätig zu werden. Diese Tätigkeit im Organismus ist wiederum in seiner eigentlichen Realität eine empfindende und wahrnehmende, aber im Gegensatz zu der scheinbar passiven Rezeptivität der äußeren Wahrnehmung eine Eigentätigkeit. Diese Eigentätigkeit hat deshalb Ich-Charakter, und ist in der Lage zu bleiben, weil die Tätigkeit durch jeden vollzogenen Prozess vielfältiger und einheitlicher zugleich wird. Diese Tätigkeit des Ich ist es auch die als Vermögen Leben zu gestalten nach der Auflösung des Organismus im Tod bleibt. Es bleiben nicht die einzelnen Wahrnehmungen, sondern die durch sie angeregte und vollzogene Entwicklung im Ich. Weiterlesen