Von der alten Technik zur neuen Natur des Ich

Karma 3

Pressefoto http://www.currenta.de


Was Fritz in diesen acht Jahren gewonnen hat, das und mehr, habe ich verloren, und was von mir eben übrig ist, erfüllt mich selbst mit der tiefsten Unzufriedenheit … Wollte ich selbst noch mehr von dem bisschen Lebensrecht opfern, das mir geblieben ist, so würde ich Fritz zum einseitigsten, wenn auch bedeutendsten Forscher eintrocknen lassen, den man sich denken kann. Fritzens sämtliche menschlichen Qualitäten ausser dieser einen sind nahe am Einschrumpfen und er ist sozusagen vor der Zeit alt …

Clara Haber in einem Brief an Richard Abegg


In Leverkusen sind im Juli 2021 einige Tanks in einer Sondermüll-Verbrennungsanlage explodiert. Dabei gab es wahrscheinlich sieben Tote und  31 Verletzte. Eine dicke schwarze Rauchwolke zog über die umliegenden Stadteile bis ins Bergische Land. Mir brachte das Ereignis meine Kindheit und Jugend (ich bin 1957 in Leverkusen geboren) in Erinnerung und meine ganz persönliche Verbindung mit der Chemieindustrie. Durch diese Verbindung, die ich vor einigen Jahren auch inhaltlich bis in die Geschichte hinein noch einmal ganz bewusst aufgearbeitet habe, ergaben sich mir einige Perspektiven auf die chemische Industrie des 19. und 20. Jahrhunderts. Sie dienen mir in diesem Beitrag als Ausgangspunkt für die Frage wie sich Ich-Entwicklung und technische Entwicklung zueinander verhalten, und wie die technische Entwicklung aussehen würde, die aus einer Ich-Entwicklung hervorgeht.

Hier ein link zu der Giftmüll Verseuchung in Leverkusen (https://www.youtube.com/watch?v=xgxRf0FeRhI

Karma, also Schicksal, ist diese Frage insofern, als ich biographisch, also in meinem Leben mit der Leben gewordenen Naturwissenschaft des 19. Jahrhunderts konfrontiert worden bin, in ihr gelebt habe und lebe. Ich habe also ihre Wirklichkeit am eigenen Leibe und im eigenen Erleben erfahren. Gleichzeitig habe ich aber einen innerlichen Bezug zu einer anderen Denkart, zu jener Wissenschaftsrichtung, die sich historisch – zu Beginn des 20. Jahrhunderts – durch Rudolf Steiner als notwendige Alternative zu der herrschenden Wissenschaftsart  entwickelt hat. Auch diese Entwicklung ist inzwischen ‚Leben‘  und damit auch mögliches ‚Erleben‘ geworden. In der eigenen Biografie sind also Leben gewordene Denkrichtungen und Denkarten zu finden, die diese möglicherweise viel mehr bestimmen als psychologische Phänomene. Das Freilegen solcher geistigen Strömungen im eigenen Leben hilft die die darin liegenden Erkenntnisprobleme und -aufgaben zu bemerken und anzugehen.

Da der Beitrag sehr lang ist, habe ich ihn als PDF beigefügt. Außerdem gibt es auf der Seite Forschungsstelle für Psychologie DELOS einen Beitrag von Wolf-Ulrich Klünker zum Thema Mischung und Entmischung der Elemente inklusive einer Erstübersetzung eines Textes von Thomas von Aquin über die Mischung der Elemente.

Hinzufügen möchte ich auch, dass ich in keiner Weise technikfeindlich eingestellt bin, sondern mich sogar als technikaffin erlebe. Es geht hier nicht darum die aktuelle Technik zu kritisieren, sondern ihre Entwicklung und Grundlagen zu verstehen und einen ganz anderen Ansatz für eine neue Technik zu suchen.

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Korrekturen

Manchmal sind auch Fehler interessant! In meinem Beitrag zur Albertus Übersetzung – ‚Die Einzigkeit des Intellektes‘ von Wolf-Ulrich Klünker sind zwei Fehler. Der eine besteht nur darin, dass der Erscheinungstermin auf Mai 2020 verschoben worden ist. Der zweite Fehler ist interessanter. Ich habe dort die Vignette des Titels ja als ein Bild von der Schale des Exekias identifiziert. Eine Darstellung einer bestimmten Dionysos Geschichte. Als ich letztens auf der Seite des Verlages war (Fromman-Holzboog) musste ich dann feststellen, dass diese Vignette bei allen Büchern erscheint, die noch keine eigene Titelgestaltung haben. Also das Buch wird eine ganze andere Gestaltung bekommen und der von mir geknüpfte Zusammenhang mit meiner eigenen Forschung zu Dionysos existiert nicht! (Es war ja kein inhaltlicher Zusammenhang – mehr ein Synchron-Erleben, mit kommt etwas von außen entgegen, was ich gerade von innen bewege).

Trotzdem hat dieser irrtümliche Zusammenhang eine Rückwirkung in meine eigene Forschung gehabt, weil er mich quasi über Bande mit diesen Dionysos Geschichten und seiner Darstellung in dieser Schale noch einmal vertieft verbunden hat. Einerseits also ein leicht peinliches Gefühl einer gewissen imaginativen Übertreibung im eigenen Denken und Schreiben; andererseits wieder eine positive Entwicklung der eigenen Forschung durch diese kurzschlüssige Übertreibung. Man kann daran gut sehen, dass eine eigenständige  Forschung und Entwicklung keine Frage von fake und fakt ist, sondern mehr eine der ständigen Gefahr der Übertreibung und der nötigen Selbstkorrektur. Die Wahrheit, die dann entsteht ist (für mich) interessanter, als die, die es ohne diesen Prozess gegeben hätte…

schale des exekias
Die Schale des Exekias (München, Staatliche Antikensammlung), Meerfahrt des Dionysos

Nichtsdestotrotz berichtet die Dionysos Geschichte von einem problematischen Denken einiger Menschen, das den Gott Dionysos für einen Menschen hält, den man benutzen kann, um sich zu bereichern. Also ein Wesen, das den Durchgang der Natur durch Tod und Verwandlung repräsentiert und realisiert, wird vordergründig als zu benutzender Mensch angesehen.  Das Göttliche wird nicht gesehen. Das hat für die so Denkenden und Handelnden fürchterliche Folgen. Dieses Wesen verwandelt sich dann in ein Ungeheuer! Ein Denken, das sich seiner lebensspendenden oder vernichtenden Wirkungen bewusst ist, wird angesichts der aktuellen menschlichen Lage immer wichtiger. Denn das Anschauen des Dionysos  urständet letztlich in einer entsprechenden Selbstanschauung, die die eigene Geistigkeit auch nicht bemerkt, sondern nur den irdisch-funktionellen Aspekt des eigenen Denkens ernst nimmt. (Dazu später mehr in einem Beitrag zum Menschenbild des ‚deus mortalis‘,  also der Selbstanschauung des Menschen als sterblicher Gott und der Wirkungen dieses Menschenbildes).

Roland Wiese 27.7.2019

Zentrales Ich und Umkreis-Ich

In einem  neuen Aufsatz von Wolf-Ulrich Klünker, ‚Das neue Tier und der Engel‘, (erschienen in der Wochenschrift ‚Das Goetheanum‘ am 5.4.2019) habe ich eine Beschreibung der Beziehung zwischen zentralem Ich und Umkreis-Ich gefunden, die meine Perspektive in meinen Beiträgen zur Ich-Entwicklung der Wahrnehmung und zum peripheren Ich des Schicksals erweitern, verdeutlichen und vertiefen kann. 

Das Alltagsbewusstsein erlebt sich normalerweise als eine Art Spiegel-Bewusstsein. Das bedeutet, das was ich denke, vorstelle, imaginiere wird nicht automatisch Wirklichkeit. Es erscheint nicht verbunden mit der Wirklichkeit. Genau dieses nicht in die Kraftwirklichkeit eingebundene Spiegel-Bewusstsein ist aber die Grundlage für die Freiheit des Menschen. Das erst einmal kraftlose Bewusstsein kann zum Ausgangspunkt werden für eine Individualisierung der Wahrnehmung und der Wirklichkeit. Wolf-Ulrich Klünker hat den Engel in der mittelalterlichen Tradition immer als die wirklichkeitsschaffende Kraft im Natur- und im Schicksalszusammenhang angesprochen. Der Engel ist aber in diesen Zusammenhang den er hält eins zu eins eingebunden. Die Verbindung zwischen dem kraftlosen Bewusstsein des Menschen und dem kraftwirksamen Bewusst-Sein des Engels liegt nicht in den (Spiegel)Bildern der Wahrnehmung und des Bewusstseins, sondern in den „individuell <spiritualisierten> Empfindungen der Welt, in denen innere Verbindungen des Menschen mit den Dingen  gleichsam real werden – hier wird eine nicht gegebene, sondern eine intendierte Welt Wirklichkeit (…)“. „Die <große >, realitätsbildende Kraft des Engels geht aus von der <kleinen> Intentionskraft und Imaginationskraft des Menschen, der aus imaginativer Kraft heraus eine Zukunftswelt imaginiert, mit der er wirklich verbunden ist.“

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Die Ich-Entwicklung der Wahrnehmung

Die Ich-Entwicklung der Wahrnehmung
Auf einem Spaziergang vor einigen Tagen durch die Felder kam mir eine ‚Übung‘ in den Sinn, die Wolf-Ulrich Klünker in seinem Buch ‚Die Erwartung der Engel‘ schildert: Der Versuch in der eigenen Wahrnehmung „die Subjekt- und die Objektseite gleichermaßen im Bewusstsein zu halten“ (S.42). Der Versuch, und das Bemerken wie schwer es ist eine solch „ausgeglichene Wahrnehmungshaltung“ herzustellen, macht einerseits deutlich, dass dies nur durch eine unmittelbare Präsenz in dem Wahrnehmungsaugenblick möglich ist, andererseits entsteht diese genau durch ein solches Bemühen. Der Berührungspunkt zwischen Subjekt und Objekt – innen und außen entsteht nur im Bemühen um einen solchen Berührungspunkt. Es ist eine Wahrnehmungsübung und gleichermaßen eine Selbsterkenntnisübung. Die Frage, was ist jetzt außen und was innen – hat eine aufweckende Wirkung. Sie führt dazu zu bemerken, wie verschränkt außen und innen in mir sind. Ein möglicher Anlass mich an diese Übung zu erinnern und ein Bedürfnis zu haben in eine wirkliche Anwesenheit auf diesem Feldweg oder in mir, zu gelangen, mag in der etwas diffusen Dunststimmung des späten Nachmittags gelegen haben – es war kein Naturbild oder keine Naturstimmung, die einen eindeutig mit der Wahrnehmung in sich aufnimmt. Es war mehr eine Stimmung, die einen etwas ratlos darin herumgehen ließ. Möglicherweise war es aber auch die eigene innere Lage der Unbestimmtheit, die ihre Ursache in einem freien, nicht arbeitsmäßig bestimmten Duktus hatte. Der Versuch sich, wie oben angedeutet, im Wahrnehmen zu greifen, führte aber ziemlich direkt zu einem deutlicheren Dasein in der Situation und in der Wahrnehmung. Weiterlesen