… inklusiv werden!

Folgender Artikel von Martina Rasch erschien jetzt in der Zeitschrift ‚Punkt und Kreis‘. Darin geht es auch um unser Projekt ‚Maßstab Mensch‘ für das wir im April 2016 eine Starthilfe Finanzierung von Aktion Mensch bekommen haben. (siehe auch http://www.umkreis.org)

Netzwerk Maßstab Mensch: ein neues Projekt im ländlichen Raum

Von Martina Rasch

Inklusion ist vor 10 Jahren als Menschenrecht in der UN-Behindertenrechts-konvention festgeschrieben worden. Weltweit gibt es ca. 650 Millionen Menschen mit Behinderungen, das sind 10% der Weltbevölkerung. Von den 194 Ländern weltweit, haben sich 167 Staaten und die EU dieser Konvention angeschlossen und damit die volle und wirksame Teilhabe und Einbeziehung von Menschen mit Behinderungen an der Gesellschaft zu ihrem rechtlichen Grundsatz gemacht. Inklusion stellt die voll-umfängliche Teilnahme aller Menschen an allen gesellschaftlichen Aktivitäten und auf allen Ebenen ins Zentrum ihrer Intention und setzt damit von vornherein[1] eine Zugehörigkeit aller Menschen voraus. Aus dieser Zugehörigkeit heraus gilt es, eine uneingeschränkte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen zu fördern, ohne deren Bedürfnisse zu übersehen.[2] Diese „uneingeschränkte Teilhabe“ gesellschaftlich und menschlich zu ermöglichen, betrifft damit jeden von uns, in besonderer Weise jedoch die Praxis des institutionalisierten Helfens.

Die bisherigen Leitbegriffe der Sozialen Arbeit waren die der Integration und Wiedereingliederung von Menschen mit Behinderungen. Diese haben in den letzten Jahrzehnten ein umfängliches Versorgungssystem gemeindenaher Hilfsangebote entstehen lassen, deren zentrale Maxime lautet: ambulant vor stationär! Mit ihnen wurde der Sozialraum Gemeinde konstituiert und gestaltet. Insbesondere in den städtischen Regionen sind in diesem Versorgungsnetz exklusive Enklaven konzentrierter Einseitigkeiten entstanden, die als „Monokultur im Sozialen“ charakterisiert werden können. Klaus Dörner charakterisiert dies zugespitzt wie folgt: „Noch nie zuvor war eine Kultur auf die Idee gekommen, alle Bürger nach ihrer zeitgemäßen Brauchbarkeit zu sortieren und, um die Brauchbaren zur maximalen Entfaltung ihrer Arbeitsfähigkeit zu bringen, die Unbrauchbaren als hinderliche Störfaktoren, als Hilfs- oder Kontrollbedürftige zu etikettieren, nach Sorten zu spezialisieren und zu homogenisieren und – nach in der Regel erfolglosen Veränderungsbemühungen – in einem flächendeckenden Netz von Institutionen zu konzentrieren und lebenslänglich unsichtbar zu machen.“[3] Das Versorgungsnetz in ländlichen Regionen ist im Vergleich zum städtischen Raum deutlich weniger durch ambulante, als durch stationäre Angebote geprägt. In Niedersachsen bspw. erhalten Menschen mit Behinderungen im ambulant betreuten Wohnen durchschnittlich 2,7 Std. Betreuung in der Woche. Wer damit nicht auskommt, lebt im Wohnheim, bleibt in der Familie oder zieht in die Stadt.

Wenn nun „alle gesellschaftlichen Bereiche für die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen zugeschnitten sein müssen oder geöffnet werden“[4], dann wird es notwendig werden, Sozialräume, auch außerhalb von Institutionen stärker in den Blick zu nehmen.

Bei der Sichtung der Ressourcen dieser außer- institutionellen Sozialräume und der Stärken der Menschen, die sich ja oft in vermeintlichen Defiziten abbildet, kann professionelle soziale Arbeit unterstützen. Die Kunst sozialer Arbeit besteht darin, Umwelten so mitzugestalten, dass vorteilhafte Kontexte für die Stärken der Beteiligten entstehen. Sie ist fähig, Motivationen, Intentionen zu erkennen und daraus neue Optionen zu machen, die die Kompetenzen und Spielräume von Menschen vergrößern und den Zugang zu Ressourcen erweitern.

Inklusive Beziehungsräume werden sich jedoch nur dann entwickeln, wenn neben einem verstehenden Miteinander auch ein Füreinander möglich wird. Denn neben dem Bedürfnis nach Selbstbestimmung hat jeder Mensch auch das Bedürfnis, für jemanden anderen etwas zu sein, „durch das eigene Tun Bedeutung für Andere zu haben“ [5]. Beide Bedürfnisse sind Ausdruck menschlicher Freiheit und Würde und als Intentionskraft individuelles Entwicklungspotential eines Jeden.

Inklusiver Sozialraum entsteht in einem komplexen sozialen Prozess der Aneignung und Gestaltung dieses Beziehungsraumes durch gleichberechtigte Handlungen aller Beteiligten. Genau hier setzt ein neues Projekt im ländlichen Raum in Niedersachsen an. Profis der Sozialen Arbeit, die Bäuerliche Gesellschaft im Norden, Einrichtungen der Behindertenhilfe, Höfe, Familien, Menschen mit Hilfebedarf und Angehörige haben sich zum Netzwerk Maßstab Mensch verbunden. Gemeinsam wollen sie das Potential von neuen Hilfsangeboten in bestehenden, gemeinschaftlichen Sozialräumen sichten und für Menschen mit Behinderungen nutzbar machen. Derzeit werden auf fünf Bauernhöfen individuelle Betreuungsangebote für Menschen mit Hilfebedarf gemacht. Diese werden sich zukünftig sicherlich auch in Sozialräumen, wie Familien und Kleinbetrieben herstellen lassen.

Die Fachstelle Maßstab Mensch unterstützt in diesem Projekt sowohl Menschen, die solche Lebens- und Arbeitsorte für Menschen mit Unterstützungsbedarf öffnen als auch Menschen, die diese Orte finden wollen. Ihre, in der Eingliederungshilfe erfahrenen Mitarbeiter erhalten in dieser neuen Konstellation die Chance, Zugehörigkeit und Teilhabefähigkeiten an diesem nicht- institutionalisierten Sozialraum zu entwickeln. Sie sind kein funktionaler Sozialdienst, sondern aktiver Mit- Hervorbringer dieses neuen, inklusiven Sozialraums. Damit kommen interessante Perspektivwechsel auf sie zu, wie z.B. in angemessener Weise förderlich und wirksam für die Menschen, den Ort und die sozialen Prozesse zu werden, obgleich sie am Alltag nicht direkt teilhaben. Dies ist eine große Chance dieser neuen Konstellation. Denn gerade die unterschiedlichen Nähe- Distanz- Verhältnisse weiten den unmittelbaren Beziehungsraum vor Ort, wenn es menschlich dort zu eng wird. Hier gibt es noch viele Erfahrungen zu machen, aus denen gemeinsam gelernt werden kann:

Ein Gespräch mit Hof, Mitbewohnerin, Rechtsbetreuerin und Mitarbeiterin der Fachstelle dreht sich um die Frage, wie die Alltagsbegleitung vor Ort an die Labilität der Mitbewohnerin noch besser angepasst werden kann. Die Rechtsbetreuerin und die Fachstellen- Mitarbeiterin erarbeiten professionelle Personen-zentrierte Verbesserungsvorschläge- während die Hofbetreiberin immer stiller wird. Was ist da passiert? Die beiden Profis haben nicht bemerkt, dass sie sich, wie in ihrer sonstigen Praxis üblich, ganz auf die Verbesserung der Unterstützung der Mitbewohnerin fokussieren, dabei aber die Hofbetreiberin mit ihrem Bedürfnis nach Abgrenzung übersehen und übergehen.

Dieses „dafür möchte ich nicht zuständig sein“ muss im inklusiven Beziehungsraum immer möglich sein, wenn er lebbar bleiben soll. Die Fachstelle stellt in diesem Beziehungsdreieck in einer Moderatorenfunktion auf Gegenseitigkeit sicher, dass eine ehrliche Kommunikation darüber stattfinden kann.

Der Hof wird in dieser Kooperation als sozialer Ort neu sinnstiftend für sich selbst. Obgleich er sich als Lebensort für Menschen mit Unterstützungsbedarf öffnet, wird er nie Einrichtung. Anders als in institutionalisierten Lebensräumen, in denen das Leben meist aufgrund der Menschen mit Behinderungen organisiert wird, bleibt der Hof immer ein Ort mit eigener Bestimmung und eigenen Lebensprozessen im Alltag.  Als sozialer Ort kann er deshalb interessante Synergien erzeugen:

Eine an Demenz erkrankte Waldorflehrerin kommt zunächst zu Gastaufenthalten auf einen Hof, nachdem sie und ihr Umfeld wiederholt bemerken, dass sie in ihrem eigenen häuslichen Umfeld immer mehr den Halt und Orientierung verliert. Auf dem Hof leben eine Altenteilerin, eine Familie mit kleinem Kind und eine Frau mit Unterstützungsbedarf zusammen unter einem Dach. In der Anbahnungsphase werden zusammen mit der Fachstelle immer wieder Gespräche geführt, um das Für und Wider eines gemeinsamen Miteinander- Lebens zu erörtern. Dass die Frau sich letztlich entschließt, ganz auf den Hof zu ziehen, ist mehr der kleinen Tochter der Familie, als den Gesprächen zu verdanken. Denn diese Frau liebte es, der Kleinen immer wieder aufs Neue Geschichten vorzulesen. Sie vergaß aufgrund ihrer Demenz regelmäßig, dass sie die Geschichte bereits x-mal vorgelesen hat, ihre Vergesslichkeit wurde hier zum Gewinn für alle – für das Kind, die Mutter und die ehemalige Lehrerin selbst.

Es gibt immer mehr Menschen mit Unterstützungsbedarf, die ein „normales“, überschaubares, eher nachbarschaftliches Lebensmilieu für sich suchen, das ihnen die Verlässlichkeit, Orientierung und Struktur zu geben vermag, auf die sie angewiesen sind. Sie suchen menschliche Lebensräume, in denen sie sich mehr mit ihren Eigenschaften als mit ihren Eigenarten einbringen können. Sie wollen auch nicht nur Empfänger von Hilfen, sondern selbst hilfreich sein. Denn jeder, der seine Kräfte für etwas einsetzt, entwickelt daraus Selbstwert, Kraft und Hoffnung. Eine Hilfe, die nur gibt und nichts erwartet, nimmt jedem Menschen auf Dauer die Würde. Diese intentionalen Suchbewegungen werden nicht immer so klar formuliert. Oftmals sind es das familiäre Umfeld oder Bezugspersonen, die bei Stagnationen oder Zuspitzungen der Lebenslagen aktiv werden. Die Fachstelle, als erfahrender Partner nimmt diese Intentionen ernst und unterstützt ganz praktisch diese Suche nach neuen Entwicklungsumgebungen. Dazu gehört auch, Verhandlungen mit Kostenträgern für dieses neue Betreuungsangebot zu führen.

Es wird spürbar, dass Entwicklungen aus dieser wechselseitigen Bezogenheit zu einer neuen Kultur des Helfens[6] führen werden. Diese ist, wenn sie sich in ihrer Wirksamkeit begreifen will, auf eine Ich- gemäße Menschenkunde angewiesen, die den Bedürfnissen und Erfordernissen des heutigen Menschen entsprechen muss, der sich in seinen Beeinträchtigungen begegnet und entwickelt. Aus dieser erhält der inklusive Sozialraumgedanke eine entsprechende Gründung und Vertiefung, weil er als heutiges Ich- Entwicklungsgeschehen begreifbar wird, das diese neuen sozialen Wirksamkeiten zu erzeugen vermag.

Soll etwas werden, so muss etwas sein, woraus es wird und von dem es erzeugt wird.

 

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[1] Nationaler Aktionsplan der Bundesregierung zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention – Unser Weg in eine inklusive Gesellschaft (PDF-Datei, bmas.de; September 2011), 11

[2] Heiner Bielefeldt: Zum Innovationspotenzial der UN-Behindertenrechtskonvention, Bonn – Berlin, Juni 2009 (PDF-Datei) , 4, 6

[3] Klaus Dörner: Leben und sterben, wo ich hingehöre, Dritter Sozialraum und ein neues Hilfesystem, PARANUS- Verlag, 2007, 23

[4] Broschüre des Behindertenbeauftragten (behindertenbeauftragter.de)

[5] Klaus Dörner, ebenda, 18

[6] Klaus Dörner, ebenda

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