View with a room

Ausstellung in Bremen 14.8.-6.9.22

Im Kunst( )Raum, Rückertstraße 21

View with a room

Der Titel der kommenden Ausstellung von Elfi Wiese ist ausgeliehen von Julian Lage, einem meiner Lieblingsgitarristen. Seine neue Platte heißt so. Aber dieser Titel sprang mich sofort an! Ich verstand ihn einfach nicht. Konnte ihn mir nicht übersetzen. Als ich ihn dann zum übersetzen eingab, erschien ‚a room with a view‘ – ein Zimmer mit Aussicht. Es gibt auch einen Film und ein Lied mit diesem Titel.

Also umgekehrt übersetzt heißt dann ‚View with a room‘: Aussicht mit einem Zimmer. Ich habe das dann weitergesponnen zu verschiedenen Bedeutungen. So ist der Kunst( ) Raum von Ute Seifert in Bremen, der Ort der Ausstellung, ein Raum, in Zahlen 1 Raum. Die Bilder sind die Aussichten in dem Raum. Man schaut durch die Bilder wiederum in Räume. Und ganz besonders, die Bilder schaffen selbst vor der Fläche Räume (Kann man im Internet nicht sehen, nur vor Ort). Ganz einfach, ohne jede Übersetzung, gefällt mir der Klang von ‚View with a room‘.

Roland Wiese 30.6.2022

Die Einsamkeit des Aristoteles

Mir ist vor kurzem eine Neuerscheinung aus dem INFO3 Verlag zur Rezension zugeschickt worden: Die philosophischen Quellen der Anthroposophie, herausgegeben von Jost Schieren. Das Buch enthält die Beiträge einer Vorlesungsreihe an der Alanus Hochschule von 2017.
Ich werde dieses Buch für die Zeitschrift ‚Anthroposophie‘ besprechen. In meinem Blog möchte ich etwas anderes versuchen. Ich möchte das Buch weiterdenkend kommentieren. Das heißt ich werde bestimmte Stellen herausgreifen und mit ihnen weiterarbeiten. Dabei werde ich hier eine andere Perspektive wählen als in meiner Rezension, evtl. sogar eine völlig gegensätzliche.

Erstes Zitat: „Rudolf Steiner und seine Anthroposophie stehen in der öffentlichen Wahrnehmung als solitäre Phänomene da. Der abgeschlossene Kosmos seines Werkes macht es für Nachfolger und Kritiker gleichermaßen zu einem exklusiven Bezugspunkt.“ (Klappentext hinten)
Ähnliche Formulierungen finden sich auch in der Einleitung von Jost Schieren. „Werk und Person Rudolf Steiners sind umstritten.“ „Steiner und dessen Anthroposophie sind kulturell eine beinahe vollständig solitäre Erscheinung, die ihre Bedeutung allein von einer überzeugten Anhängerschaft und den wirksamen Einflüssen auf die genannten Lebensfelder erhält.“ Usw.
Interessant ist hier, dass diese Formulierungen aus einer Zeit noch vor der Corona Pandemie stammen. In den letzten zwei Jahren hat sich die Beziehung der Öffentlichkeit zur Anthroposophie und zu den Anthroposophen aus einer eher neutralen Nichtbeachtung in eine eher kritische Beachtung umgewandelt. Dies betrifft inzwischen auch die bislang so positiv gesehenen Lebensfelder, wie Schulen, Kindergärten, Landwirtschaft und Kliniken.

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Der Tod – die andere Seite des Lebens

Giotto, Arena Kapelle, Cappella degli Scrovegni, um 1300 (Foto: R.W.)


Teil 3

Bei Aristoteles gibt es eine relativ einfache Definition des Sterbens. Meines Erachtens ist es auch die realistischste Begründung, die man eigentlich direkt nachvollziehen kann und für die man keine weiteren äußeren Beweise braucht. In meinen Worten lautet sie so: Der Mensch stirbt, wenn das zu Tastende das Tastende überwiegt! In dieser Formulierung aus dem letzten Buch ‚Über die Seele‘, die dort auch ganz am Ende steht, wird auf ein Paradox des menschlichen Lebens hingewiesen. Der Tastsinn ist das Organ, das eigentlich den Tastenden und das zu Tastende erst ‚produziert‘. Genauer gesagt bewirkt der Tastsinn (oder ist der Tastsinn) die Unterscheidung zwischen dem zu Tastenden und dem tastenden Menschen. Gleichzeitig garantiert er die Verbindung zwischen Beidem. Im Sinne unserer Betrachtungen in den letzten beiden Teilen, entsteht am Tastpunkt, oder im Tasten Innen und Außen. Eigentlich tasten wir ständig und erleben uns dadurch als Selbst, erleben uns als Innen in einem Außen. Das Innen entsteht dabei durch den Abstoßungsprozess unseres Erlebens am Außen, das Außen entsteht als innere Bewegung, die an eine Grenze kommt. Und das geschieht gleichzeitig!


Das Tasten liegt als allumfassende Tätigkeit der Leibbildung des Kindes zu Grunde. Es tastet die es umgebende Welt in sich hinein (allerdings nach seinen eigenen Tastmöglichkeiten). In dieser Situation scheint das zu Tastende noch nicht das Tastende zu überwiegen. Es scheint genau umgekehrt zu sein. Das oder der Tastende überwiegt. Im Alter haben wir das Doppelbild, das das Leben aus dem Organismus schwindet und dieser immer mehr ‚zu Tastendes‘ wird, während das Tastende, als das eigentlich empfindende Wesen sich anscheinend zurückzieht. Es insofern eine Frage der Perspektive, ob man es so anschaut, dass das geronnene Leben das tastende Wesen herausdrängt, oder das sich zurückziehende Leben das zu Tastende überwiegen lässt. Egal wie man es betrachtet, deutlich wird, dass das Innen-Außen Verhältnis des Menschen im Leben ein dynamisches Verhältnis ist, das vom Menschen selbst (wenn auch partiell unbewusst) produziert wird und durch Empfindungstätigkeit aufrecht erhalten werden muss. Störungen in dieser Tätigkeit, entweder auf Seiten der Welt (inklusive des Organismus) oder auf Seiten des Empfindenden beeinflussen immer auch das Verhältnis zwischen Innen und Außen.

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Der Tod  –  die andere Seite des Lebens

Teil 2

Innen wird Außen- Außen wird Innen

Wenn man heute mit Menschen über den Tod spricht bekommt man häufig als Argument dafür, dass man nichts über den Tod wissen könne zu hören, dass ja noch keiner zurück gekommen sei. Dieses Argument meint, dass es ja keine gesicherte Erfahrungen und damit persönliche Zeugnisse gibt, die über den Tod etwas aussagen können. Gleichzeitig wird damit gesagt, dass die Tatsache, dass ja niemand etwas über den Tod sagen könne, weil eben niemand zurückgekommen ist, dass das beweist, dass eben da dann nichts mehr ist. Man meint also aus einem bestimmten Phänomen, der Einbahnstraße Tod, berechtigt etwas Inhaltliches über den Tod selbst schließen zu können. Dieses Phänomen, es ist noch niemand zurückgekommen, der etwas über den Tod berechtigt berichten kann, wird zwar als Argument gerne benutzt, man vergisst dabei aber, dass diese Position ganz aus der Perspektive des Lebens bestimmt ist. Und man vergisst, dass man es nicht mit einem Bereich des Todes, das Nichts, und einen Bereich des Lebens, das Etwas zu tun hat, sondern dass es Übergangsbereiche gibt, die von beiden Existenzweisen geprägt werden, und die deshalb wie von einer Mitte aus, etwas über beide Richtungen aussagen können. Diese Übergangsbereiche sind durch die moderne Medizin noch vielfältiger geworden, so dass immer unsicherer wird, wann ein Mensch tot ist. Gleichzeitig bleibt aber unklar, was ein Mensch z.B. im Koma erlebt, wenn er nicht nachträglich selbst darüber berichtet, wobei diese Berichte eben sehr unterschiedlich sind, von: man hat gar nichts erlebt bis zu traumartigen Erlebnisweisen, die durchaus die Umgebung, vor allem die Menschen, die mit ihnen verbunden waren,  erlebt haben. Ähnliches gilt ja für die Nah-Toderlebnisse vieler Menschen. Für die, man sei entweder lebendig oder tot, argumentierenden Menschen gelten diese nicht als Beweis für eine nachtodliche Wirklichkeit, weil die Menschen eben nicht ganz tot waren. Für die Menschen, die solche Erlebnisse gehabt haben, wirken sie aber tiefgreifend in ihr weiteres Leben hinein. Man könnte denken, in ihnen hat die Beziehung Tod – Leben sich neu gestaltet. Als ob aus dem Tod heraus, bzw. aus der Nähe des Todes, sich eine neue Lebensziehung ergibt. Auch das wäre als ein Phänomen erst einmal interessant: eine Todes- bzw. Nahtoderfahrung wirkt verlebendigend und erneuernd in die Lebenswirklichkeit der Menschen hinein.

Im ersten Teil dieser Betrachtung haben wir uns mit einem konkreten Phänomen der Trauer beschäftigt mit der Schwärze als geistigem Schatten des Todes. Dieses Phänomen der Schwärze, oder auch der tiefen Nacht, verlangt eine bestimmte Bewegung von den Menschen, die im Leben stehen – es ist gewissermaßen die umgekehrte Bewegung zu den Nahtoderlebnissen. Dort wird berichtet, dass man ein sehr persönliches und seelisches Licht(Wärme)-Erlebnis haben kann, dass dann im Leben weiterwirkt als neue Lebenskraft. Hier, in der Schwärze, wird von dem lebenden Menschen selbst gefordert, eine solche neue Lebenskraft aufzubringen angesichts der Schwärze und des Nichts des Todes eines anderen Menschen. Wenn man mit beiden Situationen etwas intensiver umgeht, kann man bemerken, dass beide Seiten sich wie die Innen- und die Außenseite einer ähnlichen Wirklichkeit zeigen. Die Lichtseite und die Finsternis der Nacht zeigen sich je nach Perspektive als Innenbewusstsein und als äußere Umgebung. Der Verstorbene (bzw. der Nahtod-Erlebende) ist selber die Finsternis und erlebt die Lichtwirkung von außen; der lebende Angehörige erlebt die Schwärze und das Nichts als Außenwirkung in seinem Inneren, und muss nun den Lichtteil selbst aufbringen. Beim Letzteren wirkt im Leben die Schwärze als Entwicklungskraft im Auslöschen des gewöhnlichen Lebens, bei Ersterem ist das gewöhnliche Leben schon ausgelöscht und die Lichtwirkung wirkt als Entwicklungskraft bei der Rückkehr in das gewöhnliche Leben.

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Ich-Entwicklung begleiten

Nächsten Sonntag haben wir ein nächstes Treffen unserer Arbeitsgruppe ‚Ich-Entwicklung begleiten‘. Im Vorfeld habe ich folgende Stelle aus dem Buch ‚Die Erwartung der Engel‘ durch Zufall gefunden. Sie konkretisiert m. E. sehr genau wie sich die Ich-Frage im sozialen Geschehen zeigt. Gleichzeitig wird aber auch deutlich, was aktuell im Zeitgeschehen komplett falsch läuft! R.W. 1.5.2022

Zentrales Ich und peripheres Ich im sozialen Prozess (Der Titel ist von mir)

„Denken und Lebensprozess begegnen sich in Bereichen zwischenmenschlicher Gestaltung, wenn eine geistige Ausrichtung auch zur sozialen (und seelischen) Grundlage von menschlicher Beziehung wird. Das bedeutet einerseits, dass die eigene geistige Ausrichtung sozial wirksam wird, und andererseits, dass die zwischenmenschlich wirksame Kraft dem Denken zugänglich wird. Die Schwierigkeit lässt sich vergleichen mit dem Problem, das eigene Gedankenleben gefühlsfähig zu gestalten und die eigenen Gefühle gedankenfähig zu halten; allein die Intention ist nicht ausreichend. Für einen solchen wechselseitigen Prozess, sondern es muss eine Lebenshaltung hinzukommen, die ihn ermöglicht. Der Gedanke darf das Gefühl nicht bestimmen und das Gefühl nicht den Gedanken. Im ersten Fall wird das Seelenleben überformt und ausgehöhlt, im zweiten Fall kann sich keine geistige Individualität, sondern nur <<gedachte>> Bedürfnisnatur entwickeln.

Für den zwischenmenschlichen Bereich bedeutet dies: Die geistige Individualität umfasst auch den anderen Menschen, und der andere Mensch umfasst auch meine Ich-Individualität. Wirke ich nur bestimmend auf den anderen Menschen, so kann mir der Ich-Prozess nicht von außen entgegenkommen, und ich überforme meine Umgebung. Stelle ich mich vollständig auf den anderen ein, so werde ich zur Wirkung äußerer Kraft und ich werde mich verlieren. Die Frage, die Erzengel-Wirksamkeit verdeutlichen kann, lautet deshalb (wiederum aus der Perspektive des Geistselbst oder des früheren Engels gestellt): Wie kann eine Menschenbegegnung so stattfinden, dass ich mir selbst in dem anderen begegne und der andere sich selbst in mir begegnet? Wir kann mir aus dem anderen mehr von mir selbst entgegentreten, als ich in mir zur Zeit spüre, und wie kann ich dem anderen etwas geben, was er in sich zur Zeit selbst nicht realisieren kann?

Das Verhältnis von Zentrum und Peripherie wird gleichsam verflüssigt. (Hervorhebung von mir)Ich habe nicht mehr nur das Gefühl, dass ich in mir selbst, in meiner Leibes- und Seelenorganisation stecke; ich habe außerdem nicht mehr das Gefühl, dass außerhalb meiner Selbst nur Nicht-Ich existiert. Ich bin nicht mehr mit mir, wie ich in mir stecke, identifiziert, sondern ich bemerke, was mir von mir selbst von außen zukommen kann. (…)

(…) Denn es kann ja nicht darum gehen zu meinen, das Fremde wäre mein Eigenes oder das eigene Innenbewusstsein könnte für den anderen Menschen ich-fähig sein. Vielmehr gilt es gerade im Erleben des Fremden bemerken zu können, was zu mir gehört und wogegen ich mich eher abgrenzen muss. Gleichzeitig soll sich die eigene Außenwirkung durchaus so gestalten, dass sie von der Ich-Individualität zeugt – aber gerade in der Authentizität des Ich dem anderen vielleicht einen Erfahrungsbereich eröffnen kann, in dem er in einem Nicht-Ich sich selbst wiederentdeckt.

Dieser Vorgang ist grundverschieden von dem, der in der Psychologie mit dem Begriff ‚Identifikation‘ belegt wird. Denn es ist ein geistige, nicht ein seelischer Vorgang gemeint, in dem sich der Geist nicht an die Grenzen der individuellen Leibesorganisation gebunden fühlt, aber den Organismus doch als Träger der eigenen Ich-Fähigkeit erlebt. Kennzeichen für die Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehung im Sinne des Erzengel Michaels ist nun, dass diese Prozesse sich in der Begegnung von Ich-Individualitäten vollziehen, der bewussten Gedankenbildung zugänglich sind und unter Ausschluss älterer Prinzipien der Gemeinschaftsbildung. Nicht gabrielische Vererbungs- und Blutskräfte aus Familien- und Nationalitätszusammenhängen, nicht abstrakter Rechtsprinzipien oder <<übergeordnete>> Bedingungen etwa einer Familien- oder Staatsform bestimmen den Umgang von Menschen, sondern diejenige Kraft, die aus dem Erleben der Ich-Individualität im Denken (an der Grenze von Bewusstsein und Sein) entsteht.“

(Wolf-Ulrich Klünker, Die Erwartung der Engel, 2003, S. 138 ff.)

„Der Tod- die andere Seite des Lebens“

„Jede Seele ist unsterblich; denn das stets Bewegte ist unsterblich. Was aber ein anderes bewegt und von einem anderen bewegt wird, das hat, sofern es ein Aufhören der Bewegung hat, auch ein Aufhören des Lebens.“ Platon, Phaidros

Gestern, am Gründonnerstag, hatte ich seit längerer Zeit mal wieder eine Supervision mit Ehrenamtlichen der Hospizarbeit. Während des intensiven Austausches sagte eine Teilnehmerin, ich solle das doch einmal aufschreiben, was hier besprochen wurde, bzw. was ich mit ihnen an der Grenze des Sagbaren erarbeitete. Das ist natürlich nicht eins zu eins möglich, weil wir an konkreten einzelnen Situationen gearbeitet haben. Aber umso wichtiger erscheint es mir, unabhängig von den einzelnen Fällen (aber mit ihnen im Hintergrund),  einmal einen größeren Zusammenhang zu versuchen zur Frage des Umgangs mit dem Tod. (Praxis-Hintergrund dafür ist meine zunehmende Supervisionsarbeit seit 2015 im Bereich der Hospizarbeit). (Anbei der Aufsatz als PDF)

Die Hospizbewegung ist eigentlich eine Bürgerbewegung, wie sie viele im 20. Jahrhundert entstanden sind, die sich um eine Not kümmern, die ohne eine solche Bewegung, meist übrigens global, keine Heimat hätte. Hier seien nur exemplarisch Amnesty International, oder auch Greenpeace genannt, aber die Zunahme dieser freien Bürgerbewegungen kann als eigentlicher zivilisatorischer und kultureller Fortschritt angesehen werden. Die Hospizbewegung hat als ‚Not‘ das Sterben aufgegriffen. Wie sterben Menschen? Kann man sie dabei begleiten, damit sie nicht allein sterben müssen? Diese Frage ist natürlich erst ins öffentliche Bewusstsein getreten durch  einzelne Menschen, in diesem Fall vor allem durch Elisabeth Kübler-Ross in den siebziger Jahren. Dazu nötig waren zwei gesellschaftliche Entwicklungen, ein Entfernen des Sterbens aus der Alltagskultur und die Verschiebung des Sterbens in die Einrichtungen, wie Altenheime und Kliniken und gleichzeitig, gegenläufig zur Institutionalisierung des Menschen, die immer stärkere Betonung der einzelnen Persönlichkeit, so dass das Sterben immer weniger Teil des normalen Lebensprozesses war, stattdessen immer mehr zu einem Geschehen wurde, das den einzelnen Menschen ganz bewusst und ganz persönlich existentiell betrifft. Die Frage, was ein ‚gutes Sterben‘ ist,klingt ja an sich schon paradox und führt auch in der Hospizbewegung zu interessanten Vorstellungen und Auseinandersetzungen.(Das soll an anderer Stelle einmal angeschaut werden) Ähnlich wie die Frage nach der ‚guten Geburt‘ beruht sie aber darauf, dass ein bis dahin mehr animalisches natürliches Geschehen beim Eintritt und beim Austritt des Lebens nicht mehr gewährleistet ist und auch nicht mehr der Bewusstseinslage heutiger Menschen entspricht. So war es für meine Frau und mich sehr hilfreich bei der Geburt unserer Kinder nicht nur eine Hebamme zu haben, die sich mit diesem Prozess auskennt, sondern von dieser auch über das, was bei einer Geburt geschieht oder geschehen kann, ausführlich informiert zu werden. Ähnliche Prozesse wurden dann ja auch für das Sterben von den Protagonisten der Hospizbewegung erforscht. So dass die Sterbebegleiter bei ihren Begleitungen im Hintergrund durch ihre Ausbildung und durch ihre Erfahrungen eine Art inhärenter Struktur des Sterbeprozesses besitzen (der sich natürlich in jedem Einzelfall individuell ausprägen wird).

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Die Empfindung des Schicksals- Reloaded

Im Jahr 2011 ist das Buch ‚Die Empfindung des Schicksals‘ erschienen (Verlag Freies Geistesleben). Jetzt hat Wolf-Ulrich Klünker begonnen aus dem Buch vorzulesen und es gleichzeitig aus heutiger Sicht zu erläutern. (Auf der DELOS Webseite sind die ersten beiden Folgen zu hören) Das ist ein interessantes Format, weil im Vorlesen und Kommentieren die Entwicklung von 2011 bis heute deutlich wird, z.B. dadurch, dass Vieles, was damals noch sehr kompliziert klingt, heute schon wesentlich einfacher erläutert werden kann. Ich habe dieses Buch damals sehr intensiv durchgearbeitet und auch besprochen ( Wochenschrift) und ich hatte den Eindruck, es wird für die anthroposophische Szene darauf ankommen, ob sie den Entwicklungsschritt bemerkt und mitgeht, der mit diesem Buch gegangen wird. Im Großen und Ganzen hat sie es nicht bemerkt und ist stattdessen in einer Vergangenheitsfixierung hängengeblieben. Dies hat für sie die entsprechenden Folgen gehabt, die mir schon 2011 deutlich waren: Ihr Inhalt besteht aus vergangenem Geistesleben, das gegenwärtige ist in ihr nicht mehr zu Hause. Das mag erst einmal arrogant klingen, aber es geht um eine lebensnahe geisteswissenschaftliche Menschenkunde der Gegenwart (und der Zukunft) und diese lässt sich nicht allein aus der Exegese der Vergangenheit gewinnen! Ein wenig klingt dieses Motiv schon in meiner Rezension von 2011 durch, weshalb ich sie aus diesem Anlass hier noch einmal veröffentliche.

Update 21.4.2022: Inzwischen habe ich bemerkt, dass ich hier meinen Entwurf veröffentlicht habe, der sehr viel umfänglicher noch die geistesgeschichtliche Entwicklung nachzeichnet. Ich stelle die dann tatsächlich erschienene Rezension hier als PDF dazu!

Eine Anthroposophie der Gegenwart (2011)

Zum Erscheinen des Buches ‚Die Empfindung des Schicksals‘ von Wolf Ulrich Klünker

Es gibt wenig geisteswissenschaftliche Forschung der Gegenwart. Es mangelt geradezu an solcher Geisteswissenschaft. Vor allem angesichts der Überfülle technizistischer Wissenschaftsforschung, muss einem Angst und Bange werden, dass so wenig geisteswissenschaftlich geforscht wird. Geisteswissenschaft ist notwendig, damit sich der Mensch als Mensch selbst finden kann. Ohne sie könnte er sich verloren gehen. Schlimmer noch, er würde es möglichweise gar nicht bemerken, dass er sich schon längst verloren hat. Es würde dann als menschlich gelten können, was aus geisteswissenschaftlicher Perspektive doch als unmenschlich zu erleben wäre. Geisteswissenschaft und Menschsein gehören nahe beieinander. Vielleicht ist es deshalb so schwierig heute überhaupt einen Begriff davon zu  bekommen, was gegenwärtige Geisteswissenschaft sein könnte, weil auch das sich selbst verstehende Menschsein heute schwierig ist.

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Das Ich im Grenzbereich des Lebens

Die Umbildung geisteswissenschaftlicher Begriffe für eine Psychologie des Ich

Der folgende Beitrag ist ein Nachklang zweier Veranstaltungen der Forschungsstelle für Psychologie DELOS, kann aber auch unabhängig von diesen gelesen werden. In den Veranstaltungen ging es in der ersten um ein aktuelles und realistisches Verständnis früherer Hochschulansätze in der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners und damit um ein Verständnis der ‚Schwellensituation‘ des Ich, in der zweiten Veranstaltung ging es um ein Verständnis des ‚Ätherischen Menschen‘, verkürzt also um eine Verständnis des Menschen, der sich inzwischen in einer ‚Wasserwirklichkeit‘ des Lebendigen bewegen können muss, sich aber immer noch in einer physischen Gegenstandswelt denkt.

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Die aktuelle Zeitlage scheint sich dahingehend zuzuspitzen, dass das Krisenhafte des Lebens nicht zur Ausnahme, sondern zum Dauerzustand wird. Dies gilt sowohl für die größere Zeitlage, wie auch für das einzelne Leben. Da die meisten dieser Krisen direkt oder indirekt menschengemacht sind, zeugen sie davon, dass unsere Lebensformen nicht wirklichkeitsfähig sind. Die Krisen werden auch allgemein immer als ein Aufwachen verstanden aus vorherigen illusionären Lebenshaltungen und Einschätzungen dessen was Leben ist. Oft wird in den Krisen dann mit drastischen Reaktionen (und manchmal auch Fehl- und Überreaktionen) versucht den Anforderungen der Wirklichkeit gerecht zu werden. Das ganze Geschehen ähnelt dann aber mehr dem was geschieht, wenn ein Mensch, der nicht schwimmen kann ins Wasser gerät und droht unterzugehen. Er wird hektisch und versucht mit allen möglich Bewegungen sich über Wasser zu halten, wehrt oft selbst Rettungsversuche ab, und geht doch letztlich unter. Hilfreich wäre es gewesen sich vorher mit den Gesetzmäßigkeiten des Wassers durch Schwimmen Lernen vertraut zu machen. Wenn man sich fragt, ob es im Vorfeld der Krisenwirklichkeit unseres aktuellen Lebens denn Möglichkeiten des Schwimmen Lernens gab, dann muss man etwas tiefer in das letzte Jahrhundert schauen. Man kann dann tatsächlich Beschreibungen solcher menschlicher Lagen finden, allerdings nicht als Lebenspsychologie, sondern als Beschreibung für selbst erzeugte Entwicklungssituationen, durch geistige Schulung. Wenn man die damaligen sogenannten esoterischen Schulungsansätze in dieser Hinsicht untersucht, ob sie möglicherweise eine Art Vorlauf und Vorschein auf eine Wirklichkeit waren, die jetzt allgemeine Lebenswirklichkeit für viele Menschen geworden ist, dann könnte aus ihnen eine Lebenspsychologie des Ich gewonnen werden. Dazu müsste man sie aber transformieren aus einer historischen Situation, in die sie vor einhundert Jahren eingebettet waren, in die aktuelle Gegenwart. Einige Ansätze in dieser Richtung sollen hier exemplarisch geschildert werden. Damit wird aber auch erst verständlich, was mit ‚Ich-Entwicklung‘ eigentlich gemeint ist.

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Rhythmus in der Musik und im Organismus –

Notizen zu Aristoxenos

Die folgenden Gedanken habe ich für meine Freunde, mit denen ich an dem Thema ‚Die Sinne des Ich‘ arbeite verfasst. Insbesondere für Emmanuel Rechenberg, der im Bereich der Eurythmie forscht. 

Mein peripheres Ich hat in Zusammenarbeit mit meinem zentralen Ich folgenden alten Griechen aufgetan: Aristoxenos.  (Aristoxenos – Elemente der Rhythmik, Theorie der musikalischen Zeit , bei Meiner 2021 erschienen) Aristoxenos war (enger) Schüler von Aristoteles und hat „die traditionelle Musiktheorie der Pythagoreer abgelehnt und die empirische Musikwissenschaft begründet“. Er hat als erster den Rhythmus im Sprechen vom Rhythmus in der Musik unterschieden. Dies ist auch von der Musikwissenschaft im 19. Jahrhundert aufgegriffen worden, aber die entscheidenden Aspekte seiner Rhythmik wurden nicht berücksichtigt. Das führt dazu, dass vertreten wird, „dass der klassisch-griechische Sinn für Rhythmen rein quantitativ war. Damit wurde die Rhythmik auf das Metrik, der Rhythmus auf das Metrum reduziert.“ Das hat jahrhundertelang zu einem metrischen Reduktionismus geführt, der erst durch Veröffentlichungen in den letzten Jahrzehnten aufgebrochen werden konnte.

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