
An einer konkreten langjährigen eigenen Schicksalsentwicklung, die gerade einen gewissen Abschluss gefunden hat, möchte ich einmal versuchen, das, was ich die Wirklichkeitsschicht des Ich nenne, aufzuzeigen. Diese Schicht beinhaltet eine doppelte Blickrichtung. Es gibt eine Wirkung in die Umgebung, die von dem jeweiligen Menschen, ausgeht, und es gibt eine Wirkung auf den jeweiligen Menschen aus der Schicksalsumgebung. Beides kann man als ‚Ich‘ erleben.
Gestern war ich Gast bei einem Gruppenabend des Hospizvereins Fidelius in Rotenburg. Vor einem Jahr habe ich dort meine Arbeit als Supervisor nach zehn Jahren beendet, und auf dem Gruppenabend fand eine Art Wiedersehen und Verabschiedung statt. Ich habe mit diesem Hospizverein bis 2024 zehn Jahre zusammengearbeitet, ein Wechsel war also rein fachlich betrachtet mehr als überfällig. Ich habe im Laufe der Jahre immer mehr Gruppen dort übernommen und bin mit der Entwicklung des Hospizvereins auch in alle inhaltlichen Entwicklungen und Erweiterungen der Hospiz-Arbeit hineingekommen. Von der ehrenamtlichen Sterbebegleitung über die Kindertrauerbegleitung, die Trauertreffarbeit, die Trauereinzelarbeit, aber auch die Palliativpflege, die sich aus dem Hospizverein herausentwickelt hat und das stationäre Hospiz, bis in die Ausbildung der Sterbegleiterinnen.
Es war ungefähr 2008, dass mich in meinem Büro der GESO in Rotenburg die Sozialarbeiterin Elke-Sofie Glenk besuchte und sich als Koordinatorin des Hospizvereins vorstellte (siehe Zeitungsartikel). Der Verein muss damals noch sehr ‚jung‘ gewesen sein, Elke-Sofie Glenk war als Koordinatorin frisch angestellt und suchte dringend ein neues Büro für ihre Arbeit. Sie saß damals gewissermaßen gastweise in einem kleinen Büro im Rathaus Rotenburg. Sie stellte mir ihre Arbeit vor, die für mich damals noch vollkommen unbekannt war. Ich war seit 8 Jahre damit beschäftigt mit der GESO Angebote für die Unterstützung und Begleitung psychisch erkrankter Menschen aufzubauen und war darüber in Rotenburg bekannt geworden. Damals plante ich gerade ein neues Haus, ein soziales Zentrum, für unsere eigene Arbeit. Als Elke-Sofie mir damals ihre ‚Not‘ schilderte, habe ich ihr spontan angeboten in dem neuen Zentrum für sie ein Büro einzuplanen. Wir wollten in dem neuen Haus auch eine Begegnungsstätte einrichten und die Nutzung der Räume durch den Hospizverein für seine Angebote erschien mir als eine wunderbare Möglichkeit aus der Verengung der reinen Psychiatrieszene herauszukommen (was dann auch stattgefunden hat).
So kam es, dass der Hospizverein jetzt seit 2010 ‚Mitbewohner und Nutzer‘ unseres Sozialen Zentrums in Rotenburg ist. Wir haben dem Verein damit ein erstes Zuhause gegeben, in dem viele Veranstaltungen stattfinden konnten. Soweit die die äußere Geschichte. Schaut man eine Schicht tiefer, war die Begegnung mit Elke-Sofie und ihrem Thema der Begleitung sterbender Menschen für mich etwas von außen Kommendes. Ich habe das nicht gesucht, mich damals aktuell nicht in diese Richtung interessiert usw. Die Bewegung kam von außen. Ich hatte auch keinerlei Ahnung von dem Thema Hospizarbeit. Aber ich habe noch einen Satz von Elke -Sofie aus diesem Gespräch in Erinnerung, der sich mir wie eingebrannt hat: Der Tod ist immer wahr!
Umgekehrt ist meine Beziehung zu dieser Arbeit darin zu sehen, dass ich offen für diese Bewegung und die Kraft von Elke-Sofie war und ich sie mir gut in unserem neuen Haus vorstellen konnte. Meine Kraft und mein Inhalt war es, und zwar gar nicht absichtsvoll, mehr indirekt, in dieser Situation von uns beiden, einen ‚Ort‘ zu kreieren. (Martina Rasch hat diesen Begriff letztens in einem Gespräch gebraucht, es gibt heute zwar viele Räume, aber nicht so viele ‚Orte‘). Mit kreieren meine ich etwas sehr Existentielles. Ich habe ihn nicht geplant, nicht konzipiert, sondern in der realen Schicksalssituation mit den anderen Menschen zusammen geschaffen, entwickelt. Mit mir selbst auch als Teil des Ortes, ich habe dort die letzten 14 Jahre gearbeitet und gelebt!