Die Kritik der Biografie

Ich habe in letzter Zeit häufig Gespräche mit Menschen, in denen eine ganz bestimmte seelische Situation geschildert wird. Diese Menschen sind, wie ich selbst, jenseits der sechzig und sie bemerken zwei neue Empfindungen an sich. Die eine Empfindung ist, dass die eigene Biografie  immer wieder als ein Zusammenhang im Verhältnis zu einer aktuellen Situation  aufleuchtet. Es sind oft einzelne innere Zusammenhänge der Biografie, keine reinen Erinnerungen, sondern mehr Bewegungen im eigenen Schicksal, die von heute aus betrachtet merkwürdig erscheinen, weil die damaligen Bewegungen mit den damaligen Bewusstseinsmitteln gar nicht erzeugt werden konnten. Also wie habe ich das damals ‚geschafft‘ eine solche Bewegung zu machen?

Ein stufenweises Herauslösen aus der eigenen Biografie, aus dem Lebenszusammenhang, ein anfängliches Erwachen aus dem ‚Lebenstraum‘ scheint in der Zeit nach dem sechzigsten Lebensjahr heute möglich zu sein. Oft geht mit einem solchen anfänglichen Erwachen auch eine ‚neue‘ Form der Selbstkritik einher. Damit ist nicht gemeint die meist automatische Reflektion des eigenen Verhaltens nach einer Situation. Gemeint ist eine grundsätzliche Kritik an dem, wie man ist und wie man bisher sich durch das Leben bewegt hat. Damit ist nicht unbedingt eine Kritik an den Ergebnissen des bisherigen Lebens gemeint, also keine Bewertung. Geschildert wird oft, und ich kann es bei mir selbst auch so erleben, eine Art ‚Sattsein‘ von sich selbst, wie man so ist. Mehr eine Art Erstickung oder Ermüdung an sich selbst. Man möchte nicht mehr so sein. Eigentlich möchte man von sich frei sein. Man bemerkt eine gewisse unbewusste ‚Automatik‘, die einen vollständig durchzogen hat. Die Sicherheit und Gewissheit der automatischen Verhaltensgewohnheit fällen weg. Man ist in ihr nicht mehr aufgehoben. Man möchte sich anders verhalten und weiß aber gar nicht wie das gehen könnte. Einher gehen mit solchen Empfindungen oft problematische Schicksalssituationen, zwischenmenschliche Enttäuschungen, Enttäuschungen mit bestimmten Projekten, gesundheitliche Verunsicherungen durch Krankheiten usw.

Der Begriff, der die in diesem Geschehen wirkende Kraft beschreibt, ist ‚Desillusion‘ oder auch Enttäuschung. Es scheint also eine geistig-seelische Kraft in unserem Leben zu wirken, die die bisher wirkende Kraft der Lebensillusion sukzessive zerstört. Diese Kraft zeigt sich sowohl negativ wie positiv. Negativ zeigt sie sich in der Enttäuschung, das, was man für wirklich und wahr gehalten hat und damit für lebensrelevant, löst sich plötzlich oder immer mehr in Luft auf. Positiv zeigt sich die Enttäuschung darin, dass man die Illusion durchschaut, dass man ein Wahrheitsgefühl in sich bekommt, anstelle der vorherigen lebensbestimmenden Illusion.

Eine dritte Empfindung kann mit dem beschriebenen Geschehen einhergehen. Das Empfinden einer Anfänglichkeit von etwas Neuem. Auch diese Empfindung ist dialektisch, also positiv und negativ. Ich muss nicht mehr automatisch handeln, wie ich es von mir gewohnt bin, aber gleichzeitig stellt sich die Frage: Wie soll ich denn jetzt handeln? Außerdem erscheint diese Anfänglichkeit als irgendwie zu spät. Denn was soll man jetzt noch mit diesen Anfängen anfangen – am Ende des Lebens? Gleichzeitig spürt man ja deutlich, dass die Kräfte, um noch etwas anzufangen, schwinden.

Wäre dies ein rein innerlicher Bewusstseinsprozess, wäre er schon interessant genug, aber was zu diesem biografischen Erkennen hinzukommt, sind auch äußere Ereignisse, Begegnungen, Situationen, die diese biografischen Zusammenhänge in immer neuen Bögen anregen. Dazu gehören Begegnungen mit Menschen aus früheren biografischen Zeiten, oder auch das Sterben von Menschen aus unseren unterschiedlichen Lebensphasen. Man kann den Eindruck haben, das Schicksalsnetz vibriert in immer neuen Bewegungen. Dabei bilden sich immer neue Verbindungen zwischen heute und damals – eine Art Regenbögen.

Durch diese, über das eigene innere Leben hinausgehende Begegnung mit dem Leben verschiedener Menschen aus der eigenen Schicksalszeit kann sich die biografisch-singuläre Kritik erweitern auf eine Art Zeitdiagnostik, im Sinne von: was ist daraus geworden, und im Sinne von: Ist es gut, was geworden ist? Und diese Kritik ist keine gedankliche mehr, sondern sie zeigt sich als Lebenskonsequenzen ganz direkt in der gegenseitigen Begegnung.

Wir brauchen natürlich die Illusionskräfte, die uns ins Leben, in die Welt hineinführen und wir haben auch früher in der Biografie schon Desillusionskräfte, sie richten sich in den früheren Zeiten der Biografie aber häufig nach außen auf die Welt. Wir lassen uns als junge Menschen nicht täuschen vom Leben der Eltern und der Gesellschaft usw. Die grundsätzlichere Desillusionierung der eigenen Biografie und des eigenen Seins, setzt aber eine vorhandene Biografie voraus. Das Nachlassen der Lebenskräfte und das Herauslösen aus gewordenen biografischen Konstellationen (z.B. dem Berufsleben) gehören ebenso als Voraussetzungen für eine solche Distanzierung von der eigenen Biografie dazu. Es gehört aber auch dazu, und das ist erst im 20. Jahrhundert möglich geworden, das Leben einer individuellen, nicht allein durch die soziale Herkunft bestimmten Biografie.

Eine vierte Empfindung kann sich nach der Desidentifikation von der eigenen Biografie zeigen. Solange ich mich mit meiner Biografie identifiziere, mich selbst geschichtlich erlebe, speist sich meine Identität und mein aktuelles Selbstgefühl aus der Historie meiner selbst. Wenn diese Identität sich durch die Distanzierung auflöst, verliert das Selbstgefühl die innerlich treibende Kraft, die permanent durch das Leben hindurchführt. Man könnte vielleicht sagen, dass das Leben plötzlich die Fähigkeit erhält anzuhalten, mehr Moment zu werden als nur Durchgangsbewegung zu sein. Gleichzeitig kann sich dann wie eine Art äußeres Bild die eigentliche Wirksamkeit der bisherigen biografischen Gestalt des Ich zeigen. Dieses äußere Bild ist positiv und nicht Täuschung.

Die dadurch mögliche Empfindung zu mir selbst, ist eine ganz neue Beziehungsmöglichkeit. Die biografische Gestalt, die ich da wahrnehmen kann, bin ich selbst und doch nicht ich selbst. Ich bin mit ihr verwandt und verbunden und doch nicht identifiziert, sie erscheint mir gleichzeitig als fremd. Man könnte diesen Menschen auch mit dritten Person Singular ansprechen: Er/Sie ist dieser Mensch. Innere Subjektivität ist im Verlauf des Lebens objektiv geworden.

Roland Wiese 14.5.2026


Als Ergänzung (aus einer anderen Zeit) ein Ausschnitt aus der ‚Wissenschaft der Logik I‘ von G. F. W. Hegel.

„Die uns alle Vorstellungen, Zwecke, Interessen und Handlungen durchwirkende Tätigkeit des Denkens ist, wie gesagt, bewusstlos geschäftig (die natürliche Logik); was unser Bewusstsein vor sich hat, ist der Inhalt, die Gegenstände der Vorstellungen, das womit das Interesse erfüllt ist; (…)“ (S.26)

„Aber diese Gedanken aller natürlichen und geistigen Dinge, selbst der substantielle Inhalt, sind noch ein solcher, der vielfache Bestimmtheiten enthält und noch den Unterschied einer Seele und eines Leibes, des Begriffs und einer relativen Realität an ihm hat; die tiefere Grundlage ist die Seele für sich, der eine Begriff, der das Innerste der Gegenstände, ihr einfacher Lebenspuls, wie selbst des subjektiven Denkens derselben ist. Diese logische Natur, die den Geist beseelt, in ihm treibt und wirkt, zum Bewusstsein zu bringen, dies ist die Aufgabe. Das instinkthafte Tun unterscheidet sich von dem intelligenten und freien Tun dadurch überhaupt, dass dieses mit Bewusstsein geschieht; (…)“(S.27)

Ein Gedanke zu “Die Kritik der Biografie

  1. Lieber Roland,
    danke dir fuer die geteilten Wahrnehmungen. Was mich harmonisch durch die aktuelle Biographie traegt, ist die fragende Empfindung. Tatsaechlich trage ich dabei mit und die fragende, seelische Empfindung ist fuer sich schon nah, intim, warm. Die Antwort gebiert sich in meiner geistigen Wahrnehmung hierbei zur Frage gehoerend, sie wohnt ihr inne. Nur dass die Frage neu ist, neu geschoepft und die daraus hervorgehende Antwort konsequent, harmonisch sich bildet. Und in diesem Neuen bin ich nicht allein. Die fragende Empfindung ist schon eine komplexe Beziehung. Die Antwort ist nicht minder komplex und der Frage wesensgleich.
    Beim Schreiben dieses Gedankens sehe ich: ich bin nie allein. Nur im Bewusstsein zum Gewesenen in meiner Biographie kann ich dies jetzt fuehlen, wahrnehmen und – auch – denken. Anfang und Ende zeigen sich als mittleres Ereignis. Frieden, Freude, Waerme machen sich breit. Es wird Mitte.
    Danke fuer deinen Text.
    Uli Schulz

Kommentar verfassen