Individuelles Ich und Ich-Sein

Wie angekündigt nun einige ‚Früchte‘ aus den ausgepackten und partiell gelesenen Büchern. Alles natürlich bezogen auf die Frage nach dem Ich. Die unten wiedergegebene Stelle ist die zentrale Stelle in ‚Die Einheit des Geistes‘ (oder wie heute oft übersetzt: Die Einzigkeit des Intellektes), also ‚De unitate intellectus‘ von Thomas von Aquin.

Themistios, Paraphrase zu De anima III 4-6

Übersetzt von Frank Joachim Simon (aus dem Griechischen), Meiner 2018

12. Mit welcher Art von Geist sind Ich und Ich-Sein identisch?

(100,16) Wir sind nun entweder der mögliche oder der wirkliche Geist. Wenn nun bei all dem, was aus dem Sein der Möglichkeit nach und dem der Wirklichkeit nach zusammengesetzt ist, das individuell bestimmte Sein und das Sein gemäß der Gattung unterschieden ist, dann müssen auch das individuelle Ich und das Ich-Sein unterschieden sein: und ich bin der aus dem möglichen und aus dem wirklichen zusammengesetzte Geist, das Ich-Sein stammt dagegen aus dem wirklichen Geist, so dass der aus dem möglichen Geist und aus dem wirklichen Geist zusammengesetzte Geist zwar das schreibt, was ich hier denke und schreibe; er schreibt aber nicht, insofern er im Modus der Möglichkeit, sondern insofern er im Modus der Wirklichkeit ist; denn die Wirklichkeit erwächst ihm von dorther.

Erläuterungen:

Themistios (317- 388) lebte in der Zeit, in der im römischen Reich der Übergang von der heidnischen zur christlichen Epoche vollzogen wurde. (Simon 238) Mal wird er zu den Neu-Platonikern gerechnet, mal zur peripatetischen Schule (also Aristoteles nahestehend). Beim Lesen der Übersetzung von Simon war ich erstaunt, wie leicht mir das Verstehen dieses doch schwierigsten Teils von ‚de anima III‘ fiel. Man hat den Eindruck, dass bei Themistios die etwas ‚dunklen‘ und schwerverständlichen Stellen wie verflüssigt werden, und dadurch an Leben gewinnen. Die Übersetzung von Simon ist, soweit ich weiß, die erste aus dem Griechischen ins Deutsche.

Interessant ist dieser kleine Abschnitt deshalb, weil, und das hat Wolf-Ulrich Klünker bemerkt und herausgearbeitet, in ihm ein geistiger Ich-Begriff angelegt ist, der aber nicht weiter rezipiert wurde. Dieser geistige Ich-Begriff taucht dann im Mittelalter bei Thomas von Aquin wieder auf, wo er als Beleg dafür dient, dass der Geist des Menschen nicht ein allgemeiner ist, an dem der Mensch nur teilhat, sondern dass der Geist des Menschen ein einheitlicher, das heißt ein ganzer ist, und dieser Geist individuell und unsterblich ist. Angelegt ist der Begriff schon bei Aristoteles, aber ohne explizit einen Ich-Begriff zu verwenden, aufgenommen und weiterentwickelt zum Begriff des Ich wird dieser Zusammenhang von Themistios. Bei ihm steht dann im griechischen Text tatsächlich ‚ego‘ (bei den anderen Kommentatoren habe ich diesen Punkt noch nicht verfolgt, das liefere ich nach, wenn dort Interessantes zu finden ist), weiterentwickelt wird er dann bei Thomas von Aquin, um dann Ende des 20. Jahrhunderts von Wolf-Ulrich Klünker neu herausgearbeitet zu werden. Damit wird in der Sache selbst eine Entwicklung sichtbar, die über 2000 Jahre beinhaltet. (Erst)Im Mittelalter wurde sie von Wilhelm von Moerbeke aus dem Griechischen ins Lateinische übertragen, erst im 20. Jahrhundert in der Übersetzung von Klünker vom Lateinischen ins Deutsche. Erst jetzt (2018) wird diese Stelle direkt vom Griechischen ins Deutsche übersetzt.

„Thomas gibt in seinem Zitat eine Stelle wieder, in der Themistios den Ichbegriff formuliert und erläutert – vermutlich zum ersten Mal in der Geistesgeschichte überhaupt. (…) Thomas hat hier die interessantesten Passagen aus dem Werk des Themistios wiedergegeben. An ihnen wird deutlich, dass Thomas die Individualität des menschlichen Geistes mit dem Ichbegriff bzw. der Ich-Entwicklung verbunden sah. Die lateinischen Begriffe für ‚Ich‘ und ‚für mich‘ lauten ego und mihi. Im griechischen Original steht hier entsprechend ego und emoi. Im griechischen Text kommt der Sinn deutlicher zum Ausdruck als im lateinischen, weil das Griechische den Artikel verwenden kann: to ego und to emoi einai – das Ich und das Sein für mich. Die Verwendung des Artikels im griechischen Originaltext verdeutlicht, dass Themistios tatsächlich den Ichbegriff im engeren Sinne entwickelt; die Substantivierung der Wörter erhebt sie gleichsam auf die Begriffsebene. (…)

(…)Die Existenz eines Dinges und das Bewusstsein von ihm sind nicht identisch. In ähnlicher Weise ist auch Ich-Sein etwas anderes als das Sein für mich. Das Ich des Menschen muss in geistiger Eigentätigkeit in ein Für-Mich überführt werden, d.h. ich muss Bewusstsein von mir selbst erlangen. Nur auf diese Weise entwickelt sich der Mensch selbst, als sein Ich, das in ihm zwar angelegt, aber noch nicht Wirklichkeit geworden ist. Indem der Mensch Bewusstsein von seinem ich entwickelt, überführt er den Geist von der bloßen Möglichkeit in seine Wirklichkeit.“ (Wolf-Ulrich Klünker in Selbsterkenntnis der Seele, Zur Anthropologie des Thomas von Aquin, Stuttgart 1990, S. 34 ff.)

Im Originaltext des Aristoteles gibt es zwar den wirklichen und den möglichen Geist, aber noch kein Ich und kein Ich-Sein wie bei Themistios. Auch wird man im Aristoteles Text kein Ich finden, dass sich seiner eigenen Gegenwärtigkeit bewusst ist. Bei Themistios findet sich aber der Übergang vom allgemeinen Ich-Begriff in den konkreten Menschen Themistios: “ so dass der aus dem möglichen Geist und dem wirklichen Geist zusammengesetzte Geist zwar das schreibt, was ich hier denke und schreibe…“ Diese winzig kleine Stelle, in der der Schreiber selbst auftaucht als Subjekt, vermittelt eine ganz andere Wirklichkeit, als wenn dort, wie bei Aristoteles ‚man‘ stehen würde. Plötzlich wird der Geist zum da sitzenden Menschen, der denkt und schreibt. Bei Thomas von Aquin klingt das Ganze schon wieder objektiver. Ich erlebe diesen Übergang als wichtige Vergegenwärtigung, die auch auf eine zweite Bewusstmachung hinzielt – diese verläuft genau umgekehrt. Indem ich ‚hier‘ denke und schreibe, bin ich, obwohl mein Denken und Schreiben deskriptiv verlaufen, wirklicher Geist, „denn die Wirklichkeit erwächst von daher.“ Deshalb schließt Themistios später zurecht, wir seien also der bewirkende Geist (oder tätiger Geist, oder intellectus agens). Der wirkliche Geist ist im Menschen zugänglich, sobald der Mensch wirklich denkt und er kann dies bemerken.

Roland Wiese 24.5.2020

Ausgepackt: Neue Bücher!

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1. Lambert Wiesing – Ich für mich, Phänomenologie des Selbstbewusstseins (2020)
2. Markus Gabriel – Fiktionen (2020)
3. Antike Interpretationen zur aristotelischen Lehre vom Geist – Texte von Theophrast, Alexander von Aphrodisias, Themistios, Johannes Philoponos, Priskian (bzw. Simplikios) und Stephanos (Philipinos). (2018)

Drei neue Bücher sollen hier kurz vorgestellt werden, noch nicht im Sinne einer eingehenden Diskussion, mehr als ‚unboxing‘ – wie es auf neudeutsch heißt – meist bei Konsumgegenständen, die man auspackt. Ich packe also die drei Bücher aus, weil sie in jeweils eigener Weise an der Anthropologie des heutigen Menschen arbeiten. Die ersten beiden Bücher haben auch, obwohl die Autoren in verschiedenen Gebieten der Philosophie unterwegs sind einen gemeinsamen Ausgangspunkt für ihr Denken und Forschen: Die Unhintergehbarkeit des Menschen – „dieser zufolge ist der Mensch als geistiges Lebewesen die unhintergehbare Ausgangslage jeder ontologischen Untersuchung“ (Gabriel S.21) Etwas phänomenologischer ist der Ausgangspunkt von Lambert Wiesing: “Die Wirklichkeit des Selbstbewusstseins lässt sich weder erklären noch verstehen. Sie ist – wie Goethe sagen würde – ein Urphänomen.“ (Wiesing S.10) Dementsprechend will er dieses Ur-Phänomen des Selbstbewusstseins untersuchen. Was hat das dritte Buch, das eigentlich vor den beiden anderen angekommen ist, mit diesen Untersuchungen zu tun? „Der vorliegende Band vereinigt erstmals (2018) alle erhaltenen antiken Interpretationen zu Aristoteles Lehre vom Geist (nous), wie sie in de anima III, v.a. in Kapitel 4-5, skizziert ist, in deutscher Sprache.“ (S.7.) In diesen Kapiteln von de anima, auf Deutsch ‚Über die Seele‘ untersucht Aristoteles inwiefern der Geist mit der Seele und dem Körper verbunden ist und ob der Geist abtrennbar ist von Körper und Seele. Man könnte sagen, die schwer zu verstehenden (weil auch nicht weiter ausgeführten) Aussagen in den beiden Kapiteln behandeln genau die Voraussetzungen der beiden aktuellen Bücher: Die Frage, ob der Geist Produkt irgendeiner körperlichen Grundlage ist, oder ob er davon abtrennbar gedacht werden muss. (Bei Gabriel heißt das dann etwas moderner ausgedrückt: „Das Gehirn (das es in diesem Singular ohnehin nicht gibt) ist Teil des Geistes; nicht aber ist der Geist Teil des Gehirns.“ (Gabriel S. 41) In den antiken Kommentaren und Interpretationen der Aristoteles Aussagen findet sich auch der Kommentar des Themistios, dessen zentrale Aussagen über das Ich Thomas von Aquin dann in seiner Untersuchung ‚Über die Einheit des Geistes‘ (de untitate intellectus) zitiert, um damit die Individualität des Geistes herauszuarbeiten. Wolf-Ulrich Klünker hat diese Stellen dann bemerkt und sich immer wieder auf diesen historisch ersten Begriff (soweit bekannt) des Ich als Geist bezogen (siehe dazu ausführlich: Wolf-Ulrich Klünker, Wissenschaft des Ich in ‚Psychologie des Ich‘, Stuttgart 2016). Insofern hat Markus Gabriel recht, wenn er konstatiert: “Unser mentalistisches Vokabular, mittels dessen wir unsere geistigen Vermögen spezifizieren, ist konstitutiv geschichtlich (…) und „Weder ist Geist als Erfassung der Wirklichkeit ahistorisch vorhanden, so dass wir uns auf ein maximal sich selbst transparentes Cogito zurückziehen könnten, noch ist Geist aus diesem Grund eine Illusion (…)“ (Gabriel S. 40). Und er entfaltet in seinem Buch die „Unhintergehbarkeitsthese“, „die behauptet, dass der menschliche Standpunkt eine Invariante (die anthropologische Konstante) enthält. Ihr Kern ist unsere Selbstbildfähigkeit, d.h. der Umstand, dass wir uns mittels der Ausarbeitung eines Selbstportraits in Zusammenhängen verorten, die jede sensorische Episode überschreiten. Dieser Kern heißt Geist“ (Gabriel S. 40) Klingt wie Themistios: „Wir sind deshalb tätiger Geist“ (de untitate S. 54 Stuttgart 1987). Man sieht die Aufgabe ‚gegenwärtiger Anthropologie‘, wie Gabriel seine Philosophie begreift, steht in einer ‚historischen‘ Kontinuität einer Anthropologie des Geistes. Und nur eine solche Anthropologie ist in der Lage „die sowohl naturalistische als auch postmoderne Selbstbeschädigung der modernen Subjektivität“( Gabriel S. 21) zu überwinden. Nur so lässt sich der „naturalistische Druck des gegenwärtigen Weltbildes“ überwinden. Lambert Wiesing zitiert zum Eingang Johann Gottlieb Fichte aus seiner Wissenschaftslehre: „Es ist nur die Rede vom Ich für mich, oder von diesem Begriff für mich – insofern ich durch unmittelbares Bewusstseyn ihn bilde.“ Mich macht schon die Tatsache glücklich, dass solche Bücher beweisen, dass es noch Menschen auf dieser Erde gibt, die sich um ein Verstehen des Menschen bemühen, dass vom Menschen selbst ausgeht, und dass aus diesem Verständnis eigentlich dann alles Weitere folgen kann. Insofern freue ich mich auf das eingehende Lesen der beiden aktuellen Bücher und auf das Studium der antiken Quellen!
Roland Wiese 22.5.2020

FrühlingsAtelierAusstellung verschoben — elfi wiese

Frühling: Änderung : Die Ausstellung wird verschoben! Neuer Termin: Sonntag, 21.06. bis Sonntag, 05.07.2020 Da auch für diesen Termin unsicher ist, ob wegen der aktuellen Situation alles so stattfinden kann wie im Moment geplant, werden Änderungen hier zeitnah bekanntgeben. […]

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Das Prinzip ‚Maßstab Mensch‘

Das Prinzip ‚Maßstab Mensch‘

Forschungsergebnisse einer Projektentwicklung

Ende März 2020 endet die Projektförderung durch Aktion Mensch und die Software Stiftung für unsere Fachstelle ‚Maßstab Mensch‘. Die Fachstelle wird auch ohne diese Förderung weiterentwickelt werden (vielleicht mit anderen Fördermitteln). Aber dieser Abschluss ist auch Anlass jenseits der üblichen Beschreibungen, einmal Bilanz zu ziehen und zu fragen, was aus der bisherigen Entwicklung für Schlüsse gezogen werden können. Nun scheint eine solche Bilanzierung auf den ersten Blick geradezu unmöglich zu sein, denn wenn wir unsere eigenen Prinzipien ernst nehmen, individuelle Entwicklungen fördern zu wollen, dann kann man aus den vielen individuellen Entwicklungsprozessen ja gerade kein allgemeines Prinzip herausholen. Man könnte höchstens die einzelnen Prozesse und Verläufe schildern und damit deutlich machen, wie maximal unvorhersagbar und nicht planbar ein solches reales Schicksalsgeschehen ist. Für die Orientierung im Lebens selbst mag dies stimmen. Im Verlauf der Entwicklung des Projektes hatten wir an einigen Stellen immer wieder das untrügliche Gefühl, dass wir uns auf ganz bestimmte Vorgaben und Vorstellungen, die meistens etwas mit Planung zu tun hatten, nicht einlassen dürften. Der Widerstand gegen solche ‚Planungen‘ hat dazu geführt, dass das Aushalten einer gewissen Unsicherheit, das Aushalten einer scheinbaren Kleinheit und das Ertragen eines nicht sichtbaren äußeren Erfolges, notwendige Voraussetzungen waren, damit sich die von uns angestrebte inhaltliche Qualität zeigen konnte. In dieser Zeit hätte man noch keine positiven Prinzipien und Beschreibungen unserer Arbeit formulieren können. In dieser Phase war mehr ein sich Wehren gegen zu viele schon vorhandenen Prinzipien und Vorstellungen notwendig. Weiterlesen

Ich-Entwicklung: Subjektiv-Objektiv

Im neuen Jahr setzen wir unsere kleine Reihe ‚Ich-Entwicklung begleiten‘ fort. In der Vorbereitung darauf bin ich mit der Frage umgegangen, wie man eigentlich bestimmt objektive Erfahrungen, die Menschen erleben müssen, z.B. Krankheit, Behinderung usw. mit der Frage der Ich-Entwicklung zusammendenken kann. Im Nachdenken über diese Frage ist mir klar geworden, dass es hierbei um eine Berührung von subjektivem Erleben mit objektiven Schicksalsereignissen geht. Eine solche Berührung birgt sehr unterschiedliche Möglichkeiten mit ihr umzugehen. Insofern ist es naheliegend diese Möglichkeiten einmal durchzugehen und dieses Spannungsverhältnis zwischen subjektiv und objektiv näher anzuschauen.

Ich-Entwicklung: Subjektiv-Objektiv

„Hegel sagt, Geist ist das, wozu er sich macht.“ Markus Gabriel (1)
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Ein kleines Erlebnis, das ich vor einigen Wochen hatte, zeigt wie unter einem Brennglas, was im Folgenden genauer untersucht werden soll: Bei einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie in Leverkusen Anfang Dezember 2019 war ich Teilnehmer eines Forums, in dem es um die partizipative Forschung im Bereich Psychiatrie ging. Partizipativ bedeutet in diesem Fall, dass Menschen mit Psychiatrieerfahrung, als sogenannte Experten aus Erfahrung, mit den professionellen Forschern zusammen die Forschungsfrage bearbeiten. Auf dem Podium saßen zwei Menschen, ein junger Mann und eine nicht mehr ganz junge Frau, er war Assistenzarzt in einer psychiatrischen Klinik, sie war Genesungsbegleiterin als Psychiatrieerfahrene. Die Veranstaltung war insofern sehr spannend, weil sichtbar wurde, dass die Einbindung der Experten aus Erfahrung (Peers) in die Forschung, die gesamte Fragestellung radikal verändern kann. In einer kleinen Szene wurden die radikal unterschiedlichen Perspektiven der beiden Protagonisten sehr deutlich. Während der Arzt und Wissenschaftler von psychiatrischen Diagnosen/Krankheitsbildern sprach, die Gegenstand der Untersuchung waren, sprach die Expertin von Erfahrungen der Menschen. Beim Zuhören konnte man den Eindruck haben beide sprechen von zwei völlig verschiedenen Sachverhalten: Der Arzt spricht von Psychosen, die Expertin von krisenhaften Erfahrungen. Merkwürdigerweise konnte man beim Zuhören die Empfindung haben, die Diagnose sei gar nichts Wirkliches, die Erfahrungen der Menschen dagegen schon. Die ‚Subjektivität‘ des Menschen mit der Erfahrung von krisenhaftem Erleben steht der scheinbar objektiven Beschreibung des Menschen mit der professionellen medizinischen Ausbildung gegenüber. Beide berichten von einem Durchgang, der für beide notwendig war, damit diese beiden Menschen irgendwie einen gemeinsamen Arbeitsansatz, eine Forschungshaltung gewinnen konnten. Einen Durchgang, der voraussetzte, dass der Arzt aufwachte an dem subjektiven Erleben des anderen Menschen. Er musste es ernst nehmen, die subjektive Erfahrung als eine Art Wahrheit verstehen lernen. Die andere Seite, die Frau mit der Erfahrung seelischer Krisen, musste sich ebenfalls überwinden, der normalerweise ‚herrschenden‘ scheinbar objektiven Sichtweise ihre individuelle Erfahrung entgegenzustellen. Aus dieser gegenseitigen Berührung und Durchdringung ergab sich ein veränderter Forschungsansatz und eine neue Art der Beschreibung. Eine Beschreibung der Wirkung von bestimmten Versorgungsstrukturen auf den Patienten, die in Ich-Sätzen ausgedrückt wurde.

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Die Denkwende: Ist jemand zu Hause? Die Wirklichkeit des Hierseins.

Arbogast Schmitt, Gyburg Radke und Markus Gabriel

In diesem Blog beziehe ich mich häufig auf bestimmte andere Menschen, deren Einsichten ich versuche zu denken und weiterzudenken im Hinblick auf eine zeitgemäße Menschenkunde.(z.B. Wolf-Ulrich Klünker und Rudolf Steiner, Aristoteles, Thomas von Aquin und Albertus Magnus) Ich habe es aber noch nicht geschafft,  aktuelle Bemühungen und Bewegungen  in der Philosophie, die für eine solche Menschenkunde grundlegend seien können, ausführlicher darzustellen, obwohl ich mich in den letzten Jahren sehr intensiv mit einigen aktuellen erkenntnistheoretischen Forschungen auseinandergesetzt habe. Bevor ich inhaltlich einmal ausführlich darauf eingehe, hier einige Hinweise  auf  zwei interessante Denkrichtungen: Das Projekt von Arbogast Schmitt zur Erkenntnistheorie der Antike und das Projekt von Markus Gabriel zum ‚Neuen Realismus‘. Weiterlesen

Leben und Tod – Leben mit Verstorbenen

Leben und Tod

Ich begleite seit einigen Jahren als Supervisor eine Gruppe eines Hospizvereines, die Trauerbegleitung für Kinder anbietet. Dort können Kinder, die einen nahen Angehörigen verloren haben, in einem geschützten Rahmen mit anderen Kindern spielend und sprechend mit ihrer Trauer umgehen. Oft ist dazu im häuslichen Rahmen nicht der Raum, weil die Angehörigen mit ihrer eigenen Trauer absorbiert sind von den Bedürfnissen der Kinder. Manchmal sind es auch besondere Situationen, wie der Suizid eines Elternteiles, der verarbeitet werden will. Die konkreten Geschichten der einzelnen Kinder regen in mir immer wieder Gedanken an, die im Gespräch mit der Gruppe als eine Betrachtungsmöglichkeit der Situation kurz auftauchen, die aber im Gespräch meist nicht ausgearbeitet werden können. Im Folgenden möchte ich einem solchen Zusammenhang etwas weiterdenken. Es ist selbstverständlich, dass die konkreten Geschichten der Kinder hier nicht geschildert werden können. Aber es sind einige Elemente in diesen Geschichten, die bei allen gleich sind: Die Wirkungen des Todes in das Leben. Die Bewegungen, die der Tod eines nahen Angehörigen im Leben der Hinterbliebenen auslöst. Die Kinder und auch die Erwachsenen waren gezwungen die Beziehung zu einem ihnen nahen Menschen umzuwandeln, weil dieser Mensch nicht mehr leibhaftig anwesend war. Weil dieser Mensch weg war, gestorben, die Beziehung aber weiterhin in ihnen lebt. Das Gefühl der Trauer speist sich aus dieser Situation. Am Ende unserer letzten Supervision tauchte deshalb die Frage auf, was eigentlich aus der Trauer wird.

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Beziehungen zu Verstorbenen und zu Lebenden

Wenn ein naher Mensch gestorben ist hat man als Angehöriger plötzlich zwei Arten von Beziehungen: die Beziehung zu den lebenden Menschen und die Beziehung zu einem (oder mehreren) verstorbenen Menschen. Schon die Beziehungen zu lebenden Menschen sind manchmal kompliziert, weil sich die Beziehung ja von zwei Seiten her entwickelt, und man deshalb nie genau weiß, was eigentlich gerade geschieht. Die Beziehung zu verstorbenen Menschen ist nun oft noch komplizierter, weil es dafür kaum Begriffe oder Umgangsweisen gibt, die allgemeingültig sind. Die wenigen Hilfen, die unsere Kultur (und aus diesem Blickwinkel ist dies hier geschrieben) für diese Beziehungen gibt, also Orte (Friedhöfe), Zeiten, also Gedenktage, sind auch gerade im Begriff sich zu verändern und zu individualisieren. Die Beziehung zu einem verstorbenen Menschen wird damit immer mehr davon abhängig, wie ich den Menschen denke in seiner Beziehung zu Leben und Tod, und welche Beziehung ich zu diesem speziellen Menschen im Leben hatte und jetzt im Tod haben will. Auch die Beziehung zu lebenden Menschen hat darin ihre Grundlage, die aber mehr unbewusst wirksam ist, weil  die Beziehung aus dem Leben heraus immer wieder neu gefüllt wird mit Inhalten des Lebens. Stirbt ein Mensch fällt diese Erfüllung anscheinend weg, und die Beziehung wird aus den Erinnerungen gespeist, also aus der Vergangenheit, dem vergangenen Leben. Es ist nicht einfach zu bemerken, dass auch die Beziehung zu einem Verstorbenen noch eine Zukunft hat und dadurch eine lebendige Gegenwart, die nicht allein vergangenheitsgeprägt ist. Ein solches Bemerken ist umso schwieriger, je mehr die Beziehungen zu den lebendigen Menschen, die Beziehungen zu den verstorbenen Menschen übertönen, weil sie fordernder und vordergründiger sind. Ich müsste mich als Erstes vielleicht darauf einstellen zwei sehr voneinander verschiedene Arten der Beziehung zu Menschen zu haben: zu Lebenden und zu Verstorbenen. Die Beziehung zu den Lebenden kann dabei ebenso wenig das Maß für die andere Art der Beziehung sein, wie umgekehrt. Eher könnte man davon sprechen, dass sie sich gegenseitig aneinander messen. Vielleicht in dem Sinne, dass die Beziehung zu Lebenden davon positiv befruchtet werden kann, dass ich eine bewusste Beziehung zu Verstorbenen haben kann und umgekehrt: Eine freie und bewusste Beziehung zu Verstorbenen ist geradezu darauf angewiesen, dass ich auch reale Beziehungen zu lebenden Menschen habe.

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