Zentrales und peripheres Ich in der Entwicklung des Schicksals


In meinem letzten Beitrag habe ich ein Thema angesprochen, das nicht so einfach zu denken ist: Die wechselseitige Ich-Entwicklung. Beziehung als eine solche wechselseitige Ich-Entwicklung zu denken dafür gibt es natürlich unterschiedliche Modelle (wie auch in dem Kommentar von Klaus Weber angeführt) und jeder kann sich dabei auch ganz Unterschiedliches denken. Um zu präzisieren, was damit aber eigentlich gemeint sein könnte, möchte ich ein Beispiel aus meinem Leben schildern, das den Unterschied zwischen zentralem Bewusstseins-Ich und peripherem Schicksals-Ich vielleicht etwas deutlicher werden lässt. Wobei die Voraussetzung für ein solches Beispiel natürlich wiederum ein drittes Ich ist, was beide Anteile erst in einen neuen Zusammenhang bringt. Und dieses spätere Ich ist erst durch die beiden anderen entstanden.

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Entwicklungsräume des Ich

Heute bei einem Vortrag von Wolf-Ulrich Klünker in Bremen einige weiterführende Gedanken zu Frage der Ich-Entwicklung. Der Vortrag hatte den interessanten Titel: „Das Leben nach dem Tod. Ich-Entwicklung bei Aristoteles, Thomas von Aquin und Rudolf Steiner“. Mein Focus hier liegt dabei auf dem Entwicklungsschritt, den Wolf-Ulrich Klünker als anstehend beschrieb: Die Öffnung der Individualpsychologie zum anderen Ich! Beziehung ist heute eigentlich nur da (auf der Ich-Ebene) real, wo die Menschen sich gegenseitig Entwicklungsräume eröffnen. Man könnte auch sagen, Ich ist nur da real, wo mir aus meiner Peripherie mein Ich ermöglicht wird/gegeben wird/begegnet. Ansonsten muss der innere subjektive Ich-Anteil mit der Zeit eigentlich sich auflösen, oder sich verhärten. Für eine solche Entwicklungssituation, wo sich Ich und Ich durchdringen, begegnen, braucht es aber die Präsenz des Ich: eine Anwesenheit des Ich. Interessant ist dabei für einen selbst immer auch eine gewisse Überprüfung, wann man eigentlich wo und wie d a sein kann? Wo kann ich nur teilweise anwesend sein, wo gar nicht, wo gibt es Beziehungen, in denen ich ganz da bin. Und wie kann es mir gelingen mehr da zu sein? Womit hängt das zusammen, dass man in bestimmten Beziehungen mehr ist als sonst (ohne dass das bedeutet, die ganze Zeit von sich zu reden)? Womit hängt es zusammen, dass man in bestimmten Verhältnissen sich weiter gedacht und erlebt fühlt, als in anderen Verhältnissen. Man könnte auch fragen, warum ist in solchen Begegnungen mehr Zukunft, mehr Möglichkeit von mir anwesend?

(mir wurde auch noch einmal klarer, warum unser Verein eigentlich Umkreis e.V. heißt – jeder Mensch braucht einen solchen Umkreis als Entwicklungsraum, und es ist jeweils ein ganz individueller, kein allgemeiner in dem man drin sein kann, sondern einer der immer wieder neu entsteht und sich entwickelt.)

Roland Wiese 6.3.2019

 

Die Welt der Wirkungen

Die Welt der Wirkungen aus dem Ich und die Schöpfung aus dem Nichts

„Es ist etwas entstanden in der Menschenseele, was durch nichts Früheres bestimmt ist, was aus dem Nichts heraus entstanden ist. Solche Schöpfungen aus dem Nichts entstehen fortwährend in der menschlichen Seele.“
In einem Artikel von Johannes Kiersch fand ich einen Hinweis auf einen „ungewöhnlichen Vortrag“ Rudolf Steiners, in dem er „ jedes menschliche Ich als von nun an verantwortlich für die weitere Weltentwicklung proklamierte.“ In diesem Vortrag: „Evolution, Involution und Schöpfung aus dem Nichts“ vom 17.6.1909 (GA107) finden sich dann tatsächlich einige wichtige Gedanken zum Thema Ich-Entwicklung. Die Ich-Entwicklung wird in diesem Vortrag verknüpft mit der Welt-Entwicklung. Und in ganz einfacher Weise wird hier der Übergang skizziert aus einer Welt der kausalen Verknüpfungen und Gesetze, einer Welt der Tatsachen, in eine Welt, die (nur noch) aus den Zusammenhängen besteht, die das Ich selbst gebildet hat. Diese Welt der Ich-Zusammenhänge entsteht zwar auf der Basis der alten Tatsachen-Welt, aber sie ist eine vom Ich vorgenommene ‚Schöpfung aus dem Nichts‘. Dieser Gedankenzusammenhang selbst kann, wenn man damit länger umgeht, einen eminent therapeutischen Charakter haben – vor allem auf alle Anschauungen, bei einem selbst, und auch bei anderen, die die Diktatur der Tatsachen, Gesetzmäßigkeiten, Kausalitäten als permanent fortlaufend denken und für die es keinen Weg aus dieser Welt der Tatsachen heraus gibt. (Für die speziellere Perspektive von Sozialarbeit und Sozialtherapie, aber auch Therapie überhaupt, ist es natürlich eine wirkliche Blickerweiterung, wenn man mit dem was da als Ich-Schöpfung beschrieben wird, auf die Entwicklung eines anderen Menschen schaut). Weiterlesen

Ich und Farbe

Ich habe gerade für den Katalog einer Freundin einen kleinen Beitrag verfasst und bin dabei auf eine interessante Stelle bei Rudolf Steiner ( in dem letzten Vortrag vom 8.Mai 1921 Das Wesen der Farbe) gestoßen. „Und wenn man namentlich dann etwa dazu übergeht, zu sagen – wobei man vom Ich nichts Genaues vorstellt -: draußen wäre irgendeine objektive Veranlassung, und die wirkte auf uns, auf unser Ich-, so ist das Unsinn. Das Ich selber ist in der Farbe drinnen. Es ist das Ich und auch der menschliche Astralleib gar nicht von dem Farbigen zu unterscheiden, sie leben in dem Farbigen und sind insoferne außer dem physischen Leib des Menschen, als sie mit dem Farbigen draußen verbunden sind; und das Ich und der astralische Leib, sie bilden im physischen Leib und im Ätherleibe die Farben erst ab. Das ist es, worauf es ankommt. So dass die ganze Frage nach der Wirkung eines Objektiven des Farbigen auf ein Subjektives ein Unsinn ist. Denn in der Farbe drinnen liegt schon dasjenige, was Ich, was astralischer Leib ist, und mit der Farbe herein kommt das Ich und der astralische Leib. Die Farbe ist der Träger des Ichs und des astralischen Leibs in den physischen und in den Ätherleib hinein. So dass die ganze Betrachtungsweise einfach umgedreht werden muss, wenn man zu der Realität vordringen will.“ (Dornach GA 291, 2011, S.82)

Ich und Astralleib sind die Farbproduzenten (wie die Maler) und ihre Produktion/Tätigkeit wird im Bewusstsein und im Organismus abgebildet. Die Frage, die sich mir stellt, kann ich mit Hilfe dieser Vorstellung vom Bewusstsein zu der Tätigkeit des Farbigen vordringen? Man kann sich diesem Sachverhalt auf zweierlei Weise annähern (wahrscheinlich gibt es mehr, nur sind mit diese beiden vertraut). Wenn man sich eine Zeit lang  intensiv mit einem begrifflichen Denken beschäftigt hat und dann vor die Tür tritt und sich auf das einlässt , was man dann erlebt, dann kann man eine intensiveres und lebendigeres Farbgeschehen  bemerken. Auch wenn man  die Beobachtung eines gemalten Bildes, oder einer Landschaft, insbesondere das Anschauen des Himmels dadurch intensiviert, dass man länger hinschaut kann es zu einer solchen Steigerung der Farbwahrnehmung und Farbempfindung kommen. Die Farbempfindung ist sogar das, in das sich die Wahrnehmung verwandelt. Wenn man nun noch versucht im Anschauen zu empfinden, wo eigentlich der Übergang von Außen nach Innen, oder von Innen nach Außen ist, dann steigert sich die Empfindung noch einmal dadurch, dass einem klar wird, dass eine Trennung in subjektiv/objektiv, innen/außen gar nicht mehr möglich ist.

Wir denken bei dem Begriff Farbe meist sofort an die an den Gegenstand, oder die Fläche gebundene Farbe, an das Bild der Farbe. Das ist aber nur der durch Organismus und physischen Leib abgelähmte Zustand der Farbe. Im Ich und im Astralleib – also in der geistigen Empfindung, ist die Farbe selber Empfindung und empfindend. Die Farbe, die ich empfinden und erleben kann, ist aber die Empfindung meines Ich in der Farbe.

Roland Wiese 2.3.2019