Der Tod  –  die andere Seite des Lebens

Teil 2

Innen wird Außen- Außen wird Innen

Wenn man heute mit Menschen über den Tod spricht bekommt man häufig als Argument dafür, dass man nichts über den Tod wissen könne zu hören, dass ja noch keiner zurück gekommen sei. Dieses Argument meint, dass es ja keine gesicherte Erfahrungen und damit persönliche Zeugnisse gibt, die über den Tod etwas aussagen können. Gleichzeitig wird damit gesagt, dass die Tatsache, dass ja niemand etwas über den Tod sagen könne, weil eben niemand zurückgekommen ist, dass das beweist, dass eben da dann nichts mehr ist. Man meint also aus einem bestimmten Phänomen, der Einbahnstraße Tod, berechtigt etwas Inhaltliches über den Tod selbst schließen zu können. Dieses Phänomen, es ist noch niemand zurückgekommen, der etwas über den Tod berechtigt berichten kann, wird zwar als Argument gerne benutzt, man vergisst dabei aber, dass diese Position ganz aus der Perspektive des Lebens bestimmt ist. Und man vergisst, dass man es nicht mit einem Bereich des Todes, das Nichts, und einen Bereich des Lebens, das Etwas zu tun hat, sondern dass es Übergangsbereiche gibt, die von beiden Existenzweisen geprägt werden, und die deshalb wie von einer Mitte aus, etwas über beide Richtungen aussagen können. Diese Übergangsbereiche sind durch die moderne Medizin noch vielfältiger geworden, so dass immer unsicherer wird, wann ein Mensch tot ist. Gleichzeitig bleibt aber unklar, was ein Mensch z.B. im Koma erlebt, wenn er nicht nachträglich selbst darüber berichtet, wobei diese Berichte eben sehr unterschiedlich sind, von: man hat gar nichts erlebt bis zu traumartigen Erlebnisweisen, die durchaus die Umgebung, vor allem die Menschen, die mit ihnen verbunden waren,  erlebt haben. Ähnliches gilt ja für die Nah-Toderlebnisse vieler Menschen. Für die, man sei entweder lebendig oder tot, argumentierenden Menschen gelten diese nicht als Beweis für eine nachtodliche Wirklichkeit, weil die Menschen eben nicht ganz tot waren. Für die Menschen, die solche Erlebnisse gehabt haben, wirken sie aber tiefgreifend in ihr weiteres Leben hinein. Man könnte denken, in ihnen hat die Beziehung Tod – Leben sich neu gestaltet. Als ob aus dem Tod heraus, bzw. aus der Nähe des Todes, sich eine neue Lebensziehung ergibt. Auch das wäre als ein Phänomen erst einmal interessant: eine Todes- bzw. Nahtoderfahrung wirkt verlebendigend und erneuernd in die Lebenswirklichkeit der Menschen hinein.

Im ersten Teil dieser Betrachtung haben wir uns mit einem konkreten Phänomen der Trauer beschäftigt mit der Schwärze als geistigem Schatten des Todes. Dieses Phänomen der Schwärze, oder auch der tiefen Nacht, verlangt eine bestimmte Bewegung von den Menschen, die im Leben stehen – es ist gewissermaßen die umgekehrte Bewegung zu den Nahtoderlebnissen. Dort wird berichtet, dass man ein sehr persönliches und seelisches Licht(Wärme)-Erlebnis haben kann, dass dann im Leben weiterwirkt als neue Lebenskraft. Hier, in der Schwärze, wird von dem lebenden Menschen selbst gefordert, eine solche neue Lebenskraft aufzubringen angesichts der Schwärze und des Nichts des Todes eines anderen Menschen. Wenn man mit beiden Situationen etwas intensiver umgeht, kann man bemerken, dass beide Seiten sich wie die Innen- und die Außenseite einer ähnlichen Wirklichkeit zeigen. Die Lichtseite und die Finsternis der Nacht zeigen sich je nach Perspektive als Innenbewusstsein und als äußere Umgebung. Der Verstorbene (bzw. der Nahtod-Erlebende) ist selber die Finsternis und erlebt die Lichtwirkung von außen; der lebende Angehörige erlebt die Schwärze und das Nichts als Außenwirkung in seinem Inneren, und muss nun den Lichtteil selbst aufbringen. Beim Letzteren wirkt im Leben die Schwärze als Entwicklungskraft im Auslöschen des gewöhnlichen Lebens, bei Ersterem ist das gewöhnliche Leben schon ausgelöscht und die Lichtwirkung wirkt als Entwicklungskraft bei der Rückkehr in das gewöhnliche Leben.

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Ich-Entwicklung begleiten

Nächsten Sonntag haben wir ein nächstes Treffen unserer Arbeitsgruppe ‚Ich-Entwicklung begleiten‘. Im Vorfeld habe ich folgende Stelle aus dem Buch ‚Die Erwartung der Engel‘ durch Zufall gefunden. Sie konkretisiert m. E. sehr genau wie sich die Ich-Frage im sozialen Geschehen zeigt. Gleichzeitig wird aber auch deutlich, was aktuell im Zeitgeschehen komplett falsch läuft! R.W. 1.5.2022

Zentrales Ich und peripheres Ich im sozialen Prozess (Der Titel ist von mir)

„Denken und Lebensprozess begegnen sich in Bereichen zwischenmenschlicher Gestaltung, wenn eine geistige Ausrichtung auch zur sozialen (und seelischen) Grundlage von menschlicher Beziehung wird. Das bedeutet einerseits, dass die eigene geistige Ausrichtung sozial wirksam wird, und andererseits, dass die zwischenmenschlich wirksame Kraft dem Denken zugänglich wird. Die Schwierigkeit lässt sich vergleichen mit dem Problem, das eigene Gedankenleben gefühlsfähig zu gestalten und die eigenen Gefühle gedankenfähig zu halten; allein die Intention ist nicht ausreichend. Für einen solchen wechselseitigen Prozess, sondern es muss eine Lebenshaltung hinzukommen, die ihn ermöglicht. Der Gedanke darf das Gefühl nicht bestimmen und das Gefühl nicht den Gedanken. Im ersten Fall wird das Seelenleben überformt und ausgehöhlt, im zweiten Fall kann sich keine geistige Individualität, sondern nur <<gedachte>> Bedürfnisnatur entwickeln.

Für den zwischenmenschlichen Bereich bedeutet dies: Die geistige Individualität umfasst auch den anderen Menschen, und der andere Mensch umfasst auch meine Ich-Individualität. Wirke ich nur bestimmend auf den anderen Menschen, so kann mir der Ich-Prozess nicht von außen entgegenkommen, und ich überforme meine Umgebung. Stelle ich mich vollständig auf den anderen ein, so werde ich zur Wirkung äußerer Kraft und ich werde mich verlieren. Die Frage, die Erzengel-Wirksamkeit verdeutlichen kann, lautet deshalb (wiederum aus der Perspektive des Geistselbst oder des früheren Engels gestellt): Wie kann eine Menschenbegegnung so stattfinden, dass ich mir selbst in dem anderen begegne und der andere sich selbst in mir begegnet? Wir kann mir aus dem anderen mehr von mir selbst entgegentreten, als ich in mir zur Zeit spüre, und wie kann ich dem anderen etwas geben, was er in sich zur Zeit selbst nicht realisieren kann?

Das Verhältnis von Zentrum und Peripherie wird gleichsam verflüssigt. (Hervorhebung von mir)Ich habe nicht mehr nur das Gefühl, dass ich in mir selbst, in meiner Leibes- und Seelenorganisation stecke; ich habe außerdem nicht mehr das Gefühl, dass außerhalb meiner Selbst nur Nicht-Ich existiert. Ich bin nicht mehr mit mir, wie ich in mir stecke, identifiziert, sondern ich bemerke, was mir von mir selbst von außen zukommen kann. (…)

(…) Denn es kann ja nicht darum gehen zu meinen, das Fremde wäre mein Eigenes oder das eigene Innenbewusstsein könnte für den anderen Menschen ich-fähig sein. Vielmehr gilt es gerade im Erleben des Fremden bemerken zu können, was zu mir gehört und wogegen ich mich eher abgrenzen muss. Gleichzeitig soll sich die eigene Außenwirkung durchaus so gestalten, dass sie von der Ich-Individualität zeugt – aber gerade in der Authentizität des Ich dem anderen vielleicht einen Erfahrungsbereich eröffnen kann, in dem er in einem Nicht-Ich sich selbst wiederentdeckt.

Dieser Vorgang ist grundverschieden von dem, der in der Psychologie mit dem Begriff ‚Identifikation‘ belegt wird. Denn es ist ein geistige, nicht ein seelischer Vorgang gemeint, in dem sich der Geist nicht an die Grenzen der individuellen Leibesorganisation gebunden fühlt, aber den Organismus doch als Träger der eigenen Ich-Fähigkeit erlebt. Kennzeichen für die Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehung im Sinne des Erzengel Michaels ist nun, dass diese Prozesse sich in der Begegnung von Ich-Individualitäten vollziehen, der bewussten Gedankenbildung zugänglich sind und unter Ausschluss älterer Prinzipien der Gemeinschaftsbildung. Nicht gabrielische Vererbungs- und Blutskräfte aus Familien- und Nationalitätszusammenhängen, nicht abstrakter Rechtsprinzipien oder <<übergeordnete>> Bedingungen etwa einer Familien- oder Staatsform bestimmen den Umgang von Menschen, sondern diejenige Kraft, die aus dem Erleben der Ich-Individualität im Denken (an der Grenze von Bewusstsein und Sein) entsteht.“

(Wolf-Ulrich Klünker, Die Erwartung der Engel, 2003, S. 138 ff.)

„Der Tod- die andere Seite des Lebens“

„Jede Seele ist unsterblich; denn das stets Bewegte ist unsterblich. Was aber ein anderes bewegt und von einem anderen bewegt wird, das hat, sofern es ein Aufhören der Bewegung hat, auch ein Aufhören des Lebens.“ Platon, Phaidros

Gestern, am Gründonnerstag, hatte ich seit längerer Zeit mal wieder eine Supervision mit Ehrenamtlichen der Hospizarbeit. Während des intensiven Austausches sagte eine Teilnehmerin, ich solle das doch einmal aufschreiben, was hier besprochen wurde, bzw. was ich mit ihnen an der Grenze des Sagbaren erarbeitete. Das ist natürlich nicht eins zu eins möglich, weil wir an konkreten einzelnen Situationen gearbeitet haben. Aber umso wichtiger erscheint es mir, unabhängig von den einzelnen Fällen (aber mit ihnen im Hintergrund),  einmal einen größeren Zusammenhang zu versuchen zur Frage des Umgangs mit dem Tod. (Praxis-Hintergrund dafür ist meine zunehmende Supervisionsarbeit seit 2015 im Bereich der Hospizarbeit). (Anbei der Aufsatz als PDF)

Die Hospizbewegung ist eigentlich eine Bürgerbewegung, wie sie viele im 20. Jahrhundert entstanden sind, die sich um eine Not kümmern, die ohne eine solche Bewegung, meist übrigens global, keine Heimat hätte. Hier seien nur exemplarisch Amnesty International, oder auch Greenpeace genannt, aber die Zunahme dieser freien Bürgerbewegungen kann als eigentlicher zivilisatorischer und kultureller Fortschritt angesehen werden. Die Hospizbewegung hat als ‚Not‘ das Sterben aufgegriffen. Wie sterben Menschen? Kann man sie dabei begleiten, damit sie nicht allein sterben müssen? Diese Frage ist natürlich erst ins öffentliche Bewusstsein getreten durch  einzelne Menschen, in diesem Fall vor allem durch Elisabeth Kübler-Ross in den siebziger Jahren. Dazu nötig waren zwei gesellschaftliche Entwicklungen, ein Entfernen des Sterbens aus der Alltagskultur und die Verschiebung des Sterbens in die Einrichtungen, wie Altenheime und Kliniken und gleichzeitig, gegenläufig zur Institutionalisierung des Menschen, die immer stärkere Betonung der einzelnen Persönlichkeit, so dass das Sterben immer weniger Teil des normalen Lebensprozesses war, stattdessen immer mehr zu einem Geschehen wurde, das den einzelnen Menschen ganz bewusst und ganz persönlich existentiell betrifft. Die Frage, was ein ‚gutes Sterben‘ ist,klingt ja an sich schon paradox und führt auch in der Hospizbewegung zu interessanten Vorstellungen und Auseinandersetzungen.(Das soll an anderer Stelle einmal angeschaut werden) Ähnlich wie die Frage nach der ‚guten Geburt‘ beruht sie aber darauf, dass ein bis dahin mehr animalisches natürliches Geschehen beim Eintritt und beim Austritt des Lebens nicht mehr gewährleistet ist und auch nicht mehr der Bewusstseinslage heutiger Menschen entspricht. So war es für meine Frau und mich sehr hilfreich bei der Geburt unserer Kinder nicht nur eine Hebamme zu haben, die sich mit diesem Prozess auskennt, sondern von dieser auch über das, was bei einer Geburt geschieht oder geschehen kann, ausführlich informiert zu werden. Ähnliche Prozesse wurden dann ja auch für das Sterben von den Protagonisten der Hospizbewegung erforscht. So dass die Sterbebegleiter bei ihren Begleitungen im Hintergrund durch ihre Ausbildung und durch ihre Erfahrungen eine Art inhärenter Struktur des Sterbeprozesses besitzen (der sich natürlich in jedem Einzelfall individuell ausprägen wird).

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Die Empfindung des Schicksals- Reloaded

Im Jahr 2011 ist das Buch ‚Die Empfindung des Schicksals‘ erschienen (Verlag Freies Geistesleben). Jetzt hat Wolf-Ulrich Klünker begonnen aus dem Buch vorzulesen und es gleichzeitig aus heutiger Sicht zu erläutern. (Auf der DELOS Webseite sind die ersten beiden Folgen zu hören) Das ist ein interessantes Format, weil im Vorlesen und Kommentieren die Entwicklung von 2011 bis heute deutlich wird, z.B. dadurch, dass Vieles, was damals noch sehr kompliziert klingt, heute schon wesentlich einfacher erläutert werden kann. Ich habe dieses Buch damals sehr intensiv durchgearbeitet und auch besprochen ( Wochenschrift) und ich hatte den Eindruck, es wird für die anthroposophische Szene darauf ankommen, ob sie den Entwicklungsschritt bemerkt und mitgeht, der mit diesem Buch gegangen wird. Im Großen und Ganzen hat sie es nicht bemerkt und ist stattdessen in einer Vergangenheitsfixierung hängengeblieben. Dies hat für sie die entsprechenden Folgen gehabt, die mir schon 2011 deutlich waren: Ihr Inhalt besteht aus vergangenem Geistesleben, das gegenwärtige ist in ihr nicht mehr zu Hause. Das mag erst einmal arrogant klingen, aber es geht um eine lebensnahe geisteswissenschaftliche Menschenkunde der Gegenwart (und der Zukunft) und diese lässt sich nicht allein aus der Exegese der Vergangenheit gewinnen! Ein wenig klingt dieses Motiv schon in meiner Rezension von 2011 durch, weshalb ich sie aus diesem Anlass hier noch einmal veröffentliche.

Update 21.4.2022: Inzwischen habe ich bemerkt, dass ich hier meinen Entwurf veröffentlicht habe, der sehr viel umfänglicher noch die geistesgeschichtliche Entwicklung nachzeichnet. Ich stelle die dann tatsächlich erschienene Rezension hier als PDF dazu!

Eine Anthroposophie der Gegenwart (2011)

Zum Erscheinen des Buches ‚Die Empfindung des Schicksals‘ von Wolf Ulrich Klünker

Es gibt wenig geisteswissenschaftliche Forschung der Gegenwart. Es mangelt geradezu an solcher Geisteswissenschaft. Vor allem angesichts der Überfülle technizistischer Wissenschaftsforschung, muss einem Angst und Bange werden, dass so wenig geisteswissenschaftlich geforscht wird. Geisteswissenschaft ist notwendig, damit sich der Mensch als Mensch selbst finden kann. Ohne sie könnte er sich verloren gehen. Schlimmer noch, er würde es möglichweise gar nicht bemerken, dass er sich schon längst verloren hat. Es würde dann als menschlich gelten können, was aus geisteswissenschaftlicher Perspektive doch als unmenschlich zu erleben wäre. Geisteswissenschaft und Menschsein gehören nahe beieinander. Vielleicht ist es deshalb so schwierig heute überhaupt einen Begriff davon zu  bekommen, was gegenwärtige Geisteswissenschaft sein könnte, weil auch das sich selbst verstehende Menschsein heute schwierig ist.

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Das Ich im Grenzbereich des Lebens

Die Umbildung geisteswissenschaftlicher Begriffe für eine Psychologie des Ich

Der folgende Beitrag ist ein Nachklang zweier Veranstaltungen der Forschungsstelle für Psychologie DELOS, kann aber auch unabhängig von diesen gelesen werden. In den Veranstaltungen ging es in der ersten um ein aktuelles und realistisches Verständnis früherer Hochschulansätze in der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners und damit um ein Verständnis der ‚Schwellensituation‘ des Ich, in der zweiten Veranstaltung ging es um ein Verständnis des ‚Ätherischen Menschen‘, verkürzt also um eine Verständnis des Menschen, der sich inzwischen in einer ‚Wasserwirklichkeit‘ des Lebendigen bewegen können muss, sich aber immer noch in einer physischen Gegenstandswelt denkt.

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Die aktuelle Zeitlage scheint sich dahingehend zuzuspitzen, dass das Krisenhafte des Lebens nicht zur Ausnahme, sondern zum Dauerzustand wird. Dies gilt sowohl für die größere Zeitlage, wie auch für das einzelne Leben. Da die meisten dieser Krisen direkt oder indirekt menschengemacht sind, zeugen sie davon, dass unsere Lebensformen nicht wirklichkeitsfähig sind. Die Krisen werden auch allgemein immer als ein Aufwachen verstanden aus vorherigen illusionären Lebenshaltungen und Einschätzungen dessen was Leben ist. Oft wird in den Krisen dann mit drastischen Reaktionen (und manchmal auch Fehl- und Überreaktionen) versucht den Anforderungen der Wirklichkeit gerecht zu werden. Das ganze Geschehen ähnelt dann aber mehr dem was geschieht, wenn ein Mensch, der nicht schwimmen kann ins Wasser gerät und droht unterzugehen. Er wird hektisch und versucht mit allen möglich Bewegungen sich über Wasser zu halten, wehrt oft selbst Rettungsversuche ab, und geht doch letztlich unter. Hilfreich wäre es gewesen sich vorher mit den Gesetzmäßigkeiten des Wassers durch Schwimmen Lernen vertraut zu machen. Wenn man sich fragt, ob es im Vorfeld der Krisenwirklichkeit unseres aktuellen Lebens denn Möglichkeiten des Schwimmen Lernens gab, dann muss man etwas tiefer in das letzte Jahrhundert schauen. Man kann dann tatsächlich Beschreibungen solcher menschlicher Lagen finden, allerdings nicht als Lebenspsychologie, sondern als Beschreibung für selbst erzeugte Entwicklungssituationen, durch geistige Schulung. Wenn man die damaligen sogenannten esoterischen Schulungsansätze in dieser Hinsicht untersucht, ob sie möglicherweise eine Art Vorlauf und Vorschein auf eine Wirklichkeit waren, die jetzt allgemeine Lebenswirklichkeit für viele Menschen geworden ist, dann könnte aus ihnen eine Lebenspsychologie des Ich gewonnen werden. Dazu müsste man sie aber transformieren aus einer historischen Situation, in die sie vor einhundert Jahren eingebettet waren, in die aktuelle Gegenwart. Einige Ansätze in dieser Richtung sollen hier exemplarisch geschildert werden. Damit wird aber auch erst verständlich, was mit ‚Ich-Entwicklung‘ eigentlich gemeint ist.

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Rhythmus in der Musik und im Organismus –

Notizen zu Aristoxenos

Die folgenden Gedanken habe ich für meine Freunde, mit denen ich an dem Thema ‚Die Sinne des Ich‘ arbeite verfasst. Insbesondere für Emmanuel Rechenberg, der im Bereich der Eurythmie forscht. 

Mein peripheres Ich hat in Zusammenarbeit mit meinem zentralen Ich folgenden alten Griechen aufgetan: Aristoxenos.  (Aristoxenos – Elemente der Rhythmik, Theorie der musikalischen Zeit , bei Meiner 2021 erschienen) Aristoxenos war (enger) Schüler von Aristoteles und hat „die traditionelle Musiktheorie der Pythagoreer abgelehnt und die empirische Musikwissenschaft begründet“. Er hat als erster den Rhythmus im Sprechen vom Rhythmus in der Musik unterschieden. Dies ist auch von der Musikwissenschaft im 19. Jahrhundert aufgegriffen worden, aber die entscheidenden Aspekte seiner Rhythmik wurden nicht berücksichtigt. Das führt dazu, dass vertreten wird, „dass der klassisch-griechische Sinn für Rhythmen rein quantitativ war. Damit wurde die Rhythmik auf das Metrik, der Rhythmus auf das Metrum reduziert.“ Das hat jahrhundertelang zu einem metrischen Reduktionismus geführt, der erst durch Veröffentlichungen in den letzten Jahrzehnten aufgebrochen werden konnte.

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2022 – 20 Jahre DELOS Forschungsstelle

Vor 10 Jahren, 2012, habe ich eine kleine Jubiläumshymne auf die DELOS Forschungsstelle geschrieben und veröffentlicht (‚Ein Delphin taucht selten allein‘.) Nun haben wir 2022 und und die Forschungsstelle, zumindest die Arbeit in Eichwalde in der Stubenrauchstraße 77, ist 20 Jahre alt geworden. Anlass genug für eine kleine persönliche Standortbeschreibung. Eine mehr ‚offizielle‘ Mitteilung der Forschungsstelle findet sich auf ihrer Webseite inklusive des Beitrages von mir und einem wichtigen Aufsatz von Wolf-Ulrich Klünker aus 2012.

Als wir vor kurzem, nach längerer Zeit, mal wieder zu einem Arbeitstreffen in Eichwalde waren, hatte ich den Eindruck, dass das Haus sich doch sehr verändert hat. Und diese Veränderung hat mit der Entwicklung der Arbeit der Forschungsstelle zu tun. Nur deshalb soll dies hier auch geschildert werden. 2012 war das Haus im wesentlichen eine Art Seminar-Ort mit Gästezimmern und Wohnetage. Durch die damalige Seminarstruktur und die Forschungstreffen hatte man als Besucher immer eine Art Sonntags oder auch Festtagsstimmung (so beschreibe ich es ja auch in meinem Jubiläumsbeitrag von 2012). Das Haus füllte sich bei Seminaren und Treffen mit Besuchern und mit dem was dort inhaltlich gearbeitet wurde. Aber nach den Treffen leerte sich das Haus auch immer wieder schnell und wartete bis zur nächsten Veranstaltung. Auch die Gastgeber Wolf-Ulrich Klünker und Monika Elbert waren zu dieser Zeit die meiste Zeit in ganz Deutschland unterwegs, entweder im Rahmen der ‚Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland‘ oder auch für Vorträge und Veranstaltungen an anderen Orten.

Inzwischen hat sich das Leben für die Beteiligten doch merklich verändert. In den letzten Jahren natürlich zusätzlich durch die Einschränkungen der Corona Situation. Die größte Veränderung war dabei die Professur für Wolf-Ulrich Klünker in der Alanus Hochschule, die vor Corona die Zeit aufgeteilt hat in die Alanus-Zeit und die Eichwalde Zeit, bzw. andere Termine. Die einzige Professur für Anthroposophie (Erkenntnisgrundlagen der Anthroposophie usw.) weltweit, inzwischen seit einigen Jahren mit Ramona Rehn als wissenschaftlicher Mitarbeiterin, wie das formal genannt wird. Eine intensive, auch viel Zeit verlangende Arbeit in Alfter bei Bonn. Abgenommen haben dafür die Vorträge anderswo, aber auch die Seminare und Forschungstreffen in Eichwalde sind weniger geworden.

Für das Haus in Eichwalde hat das zur Folge, das es nun mehr ein Lebens- und Arbeitsort für die Forschungsstelle geworden ist. Das zeigt sich dem Besucher daran, dass das Haus jetzt erstmals wie in jeder Hinsicht ‚bewohnt‘ und ‚beseelt‘ erscheint. Es ist sichtbar erfüllt vom Leben und Arbeiten dort und bekommt dadurch jetzt ein dauerndes Leben. Durch die Corona Situation und den Wechsel der Alanus und Seminar-Veranstaltungen in Zoom Formate war es jetzt auch Ausstrahlungspunkt für die inhaltliche Arbeit. Es wurde jetzt dauerhaft von dort gearbeitet, Eichwalde war überall und gleichzeitig waren die Orte der Teilnehmenden im Haus anwesend. Dieses Bild von Eichwalde ist aber nur äußerer Ausdruck einer sich auch weiter entwickelnden Forschung – es kann hier nur angedeutet werden was damit gemeint ist: Der Begriff ist in der Empfindung angekommen! soweit die begriffliche Seite. Gleichzeitig ist dadurch eine Durchdringung von Empfindung und Leben möglich, die weder in bisheriger Wissenschaft, noch in den allgemeinen Lebensformen bisher möglich war. Diese Berührung und Durchdringung mitzubekommen ist natürlich nicht einfach, da man eventuell mit bestimmten Erwartungen aus der Vergangenheit mehr an der begrifflichen Seite des Geschehens interessiert war und ist. Das heißt auch die Formen , in denen eine solche Forschung (mit)geteilt werden kann, sind nicht mehr die Formen von vor zehn Jahren. Die Entwicklung läuft auf eine immer situativere Lebens- und Arbeitsform hinaus, während die allgemeinen Wissenschafts- und Lebensformen immer mehr in systematisierende Planungen und Zielvorstellungen gepresst werden. Inspiration, also Schicksalssinn und Entwicklungssinn, sind aber in solchen Formen nur schwerlich zu leben. Auch insofern ist eine solche Forschung immer auch ein maximaler Grenzgang und ähnlich wie andere Grenzberührungen nicht unbedingt massentauglich.

Die eigene individuelle Beziehung zu diesem Forschungs- und Lebens Geschehen entwickelt sich auch weiter. Seit dem Sommer gehöre ich als Mitarbeiter und Gesellschafter zur DELOS-Forschungsstelle dazu, aber in ganz eigener Position und Rolle. Deshalb kann ich eigentlich keine Jubiläumshymne mehr wie vor 10 Jahren mit dem Blick von außen schreiben. Ich kann nur aus meinem Beteiligt Sein berichten und der Sinn des Berichtes liegt darin auf die Dimensionen der Forschungsarbeit und damit der Forschungsstelle in Eichwalde hinzuweisen.

Roland Wiese, 15.1.2022

Im Übergang – 2021 zu 2022

Das Jahr 2021 geht zu Ende. Viele Dinge gingen in diesem Jahr nicht, aus bekannten Gründen. Umso wichtiger ist dieser Blog geworden. Denn mit ihm konnte ich meine (unsere) Forschungs-Arbeit weiter veröffentlichen, wenn Seminare und andere Möglichkeiten gemeinsamer Arbeit weggefallen sind. An den Besucherzahlen lässt sich ablesen, dass dieser Blog genutzt wird. 2300 Besucher 5700 Aufrufe sind nicht die Zahlen eines Influencer Blogs, aber für eine so schwierige Thematik, wie sie hier verhandelt wird, durchaus respektabel und motivierend. Die Forschung zu den Sinnen, mit dem Hintergrund der Ich-Entwicklungs-Frage, ist in diesem Jahr Schritt für Schritt weiter entwickelt worden und wird im nächsten Jahr auch noch weitergehen, – ausgehend von den ’neuen‘ Sinnen: Wirklichkeitssinn, Entwicklungssinn und Schicksalssinn. Die neuen Sinne als Wahrnehmungsmöglichkeiten für eine Ich-Wirklichkeit sind keine rein rezeptiven Sinne mehr, sie sind notwendig um in die eigene Wirklichkeit erst hineinzukommen.

Im Sommer 2021 bin ich gebeten worden die Forschungsstelle für Psychologie DELOS zu verstärken. Wolf-Ulrich Klünker, Ramona Rehn und ich sind jetzt die Gesellschafter der DELOS gGmbH. Und gewissermaßen als erstes gemeinsames äußeres Projekt haben wir eine Webseite für die Forschungsgestelle gestaltet, auf der die Forschungsergebnisse der Arbeit zusammenhänglich sichtbar werden können. www.delos-forschungsstelle.de Mein Blog steht nun nicht mehr alleine mit dieser Forschungsrichtung in der Öffentlichkeit. Er war eine Art Vorläufer…

Ein weiteres Projekt, dass sehr zukünftig, also sehr weihnachtlich, im nächsten Jahr weitergehen wird, ist die ‚Umkreis-Wiese‘. Das Nachbargrundstück zu den beiden Häusern von Wiese und Rasch haben wir in 2021 als Umkreis e.V. erworben. Bisher ist der Umkreis e.V. und auch die Umkreis gGmbH in den Dachgeschossen der Privathäuser von Wiese und Rasch beheimatet. Nun ist da ein sehr großes Grundstück – offen für neue Entwicklungen, aber noch etwas verzaubert zugewachsen mit Dornen und mit einem abbruchreifen Haus. Wir sind ganz neugierig, wie diese ganz freie und offene Entwicklung sich Schritt für Schritt weitervollziehen wird (mit unserer Hilfe).

Ich bedanke mich bei allen Lesern und wünsche allen eine gute Weihnachtszeit und alles Gute für das Neue Jahr.

Roland Wiese, 22.12.2021