Gratulation zum 90. Geburtstag von Gabriel Prinsenberg

Lieber Gabriel,


zu deinem 90. Geburtstag möchte ich gerne das Gespräch fortsetzen, das wir mündlich und schriftlich im Jahr 2021 wieder aufgenommen haben. Inzwischen hatten wir im Frühjahr eine Mitgliederversammlung im Umkreis, anlässlich der mir weitere Zusammenhänge unserer eigenen Entwicklung klar geworden sind. Unsere Arbeit hier vor Ort hatte immer eine doppelte Signatur: Ein Bewusstsein für die Notwendigkeit eines geistig-künstlerischen Milieus, in dem sich die Entwicklungen der einzelnen Menschen vollziehen können, und das gleichzeitig durch diese Entwicklungen dieses Milieu existentiell vertieft. Ich habe für diese Milieubildung in unserer Entwicklung hier zwei Phasen deutlich unterscheiden können: Die erste Phase war im wesentlichen geprägt durch unser Interesse für die biografische Entwicklung des Menschen. Diese Phase in den achtziger und neunziger Jahren wurde (auch bei uns) stark angeregt durch die Veröffentlichungen von Bernhard Lievegoed, der ja auch für dich eine wichtige Inspirationsquelle war. Das Verständnis für die biografische Entwicklung allgemein und für die eigene persönliche biografische Entwicklung war in dieser Zeit ein neues Thema. Es verband eine menschenkundliche Fragestellung nach der Seele des Menschen mit der psychologischen und therapeutischen Fragestellung nach der eigenen Seele. Es war insofern Forschung, Bildung und Therapie in einem. Die Biographiearbeit, wie sie sich dann als Selbsterkenntnismethode und als Selbstentwicklungsanregung in den achtziger und neunziger Jahren entwickelte, unterschied sich deutlich von den bis dahin mehr analytischen psychologischen Verfahren. Sie hatte implizit immer einen Bezug zu einer kosmologischen Wirklichkeit der menschlichen Seele und hatte damit auch einen starken Bezug zum Mittelalter (Schule von Chartres) und zur platonischen Antike. Die Frage der biografischen Entwicklung wurde populär in einer Zeit, in der die Einbindung der einzelnen Seele in eine soziale Entwicklung sich immer mehr auflöste und der einzelne Mensch immer mehr gefordert war, seine Biographie selbst zu gestalten, ohne etwas darüber zu wissen, wie dies gehen kann.

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Die anthroposophischen Quellen der Philosophie

„In diesem Band, der auf eine Vorlesungsreihe an der Alanus Hochschule zurückgeht, zeigen zehn philosophische Forscher, dass und wie die Anthroposophie selbst unmittelbar und substanziell anknüpfen kann an die Philosophiegeschichte von der Antike bis in die Gegenwart. Dabei werden Übereinstimmungen mit anderen Denkrichtungen, aber auch Divergenzen sicht- und diskutierbar.“ (Klappentext)

Das hier zu rezensierenden Buch hat den Titel ‚Die philosophischen Quellen der Anthroposophie‘. Die Intention des Buches hängt mit seiner Entstehung zusammen: Es sind Vorlesungen für Studierende, die hier (für sie) dokumentiert werden. Gleichzeitig liefert es einen Beitrag zur wissenschaftlichen Diskussion der Frage, wie die Anthroposophie in die Philosophiegeschichte eingebettet ist, bzw. versucht diese Einbettung herzustellen. Tatsächlich ist Rudolf Steiner bis heute kein Protagonist der Philosophiegeschichte des 20. Jahrhunderts und die Anthroposophie auch keine Philosophie. Es wird also einerseits nach den Verbindungen der Anthroposophie in die Philosophie hinein gefragt und anderseits werden die Unterschiede zur Philosophie herausgearbeitet.

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Ich und Sinn

In dem jüngst erschienenen Buch von Salvatore Lavecchia ‚Ich als Gespräch, Anthroposophie der Sinne‘ habe ich einen sehr interessanten Beitrag zu meinem (unseren) Forschungsthema ‚Die Sinne des Ich‘ gefunden. In dem Kapitel ‚Ich und Sinn‘ mit dem Untertitel Das Urbild der Wahrnehmungsorgane arbeitet Lavecchia den Gedanken aus, dass das Urbild aller Sinne, also gewissermaßen der Ursinn die Ich-Wahrnehmung ist. Die einzelnen Sinne werden als Modifikationen des Ich-Sinnes verstanden, also des Sinnes, mit dem ich ein anderes Ich wahrnehmen kann. Das dreht die ganze Perspektive der Sinneswissenschaft um. Ursprung und Ziel der Sinneswahrnehmung ist die Ich-Wahrnehmung. „Ist jedes Wahrnehmen, auch das alltäglichste, unscheinbarste, das ich als Ich verwirkliche und das ins Verstehen eines anderen Wesens münden kann, doch nicht vielleicht eine – für jede Wahrnehmung unterschiedlich starke – Annäherung an die Qualität der Begegnung zwischen sich verstehenden Ichwesen?“ (Lavecchia S. 37). Lavecchia hat für diese Perspektive auf die Sinne eine Formulierung Steiners gefunden, die aus der Zeit stammt, als Steiner an seinem Buch ‚Anthroposophie‘ arbeitete, das ja eine Sinneslehre aus dem Übersinnlichen heraus, also eine Anthroposophie der Sinne realisieren sollte (und teilweise auch geleistet hat). „An dem Ich-Erlebnis kann erkannt werden, dass das Menschenwesen aus sich heraus einen Organismus gestaltet, der in sich das Bild eines gleichen fremden Ichs gegenwärtig machen kann. Was sich als solcher Organismus gestaltet, kann als Typus eines Wahrnehmungsorgans betrachtet werden.“ Ich bin Salvatore Lavecchia für das Herausarbeiten dieses Gedankens wirklich dankbar, denn es wird damit ein Begriff des Menschen als Sinneswesen gefasst, der wie ein Okular wirken kann. Man schaut durch diesen Begriff auf das, was die Leistung (im aristotelischen Sinne), also das Was des menschlichen Organismus ausmacht. Er ist Typus eines Wahrnehmungsorgans für das Ich-Wesen in der Welt.

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View with a room

Ausstellung in Bremen 14.8.-6.9.22 Kontakt 0151-12755983 / Wiese 0157-75823730

Im Kunst( )Raum, Rückertstraße 21

View with a room

Der Titel der kommenden Ausstellung von Elfi Wiese ist ausgeliehen von Julian Lage, einem meiner Lieblingsgitarristen. Seine neue Platte heißt so. Aber dieser Titel sprang mich sofort an! Ich verstand ihn einfach nicht. Konnte ihn mir nicht übersetzen. Als ich ihn dann zum übersetzen eingab, erschien ‚a room with a view‘ – ein Zimmer mit Aussicht. Es gibt auch einen Film und ein Lied mit diesem Titel.

Also umgekehrt übersetzt heißt dann ‚View with a room‘: Aussicht mit einem Zimmer. Ich habe das dann weitergesponnen zu verschiedenen Bedeutungen. So ist der Kunst( ) Raum von Ute Seifert in Bremen, der Ort der Ausstellung, ein Raum, in Zahlen 1 Raum. Die Bilder sind die Aussichten in dem Raum. Man schaut durch die Bilder wiederum in Räume. Und ganz besonders, die Bilder schaffen selbst vor der Fläche Räume (Kann man im Internet nicht sehen, nur vor Ort). Ganz einfach, ohne jede Übersetzung, gefällt mir der Klang von ‚View with a room‘.

Roland Wiese 30.6.2022

Die Einsamkeit des Aristoteles

Mir ist vor kurzem eine Neuerscheinung aus dem INFO3 Verlag zur Rezension zugeschickt worden: Die philosophischen Quellen der Anthroposophie, herausgegeben von Jost Schieren. Das Buch enthält die Beiträge einer Vorlesungsreihe an der Alanus Hochschule von 2017.
Ich werde dieses Buch für die Zeitschrift ‚Anthroposophie‘ besprechen. In meinem Blog möchte ich etwas anderes versuchen. Ich möchte das Buch weiterdenkend kommentieren. Das heißt ich werde bestimmte Stellen herausgreifen und mit ihnen weiterarbeiten. Dabei werde ich hier eine andere Perspektive wählen als in meiner Rezension, evtl. sogar eine völlig gegensätzliche.

Erstes Zitat: „Rudolf Steiner und seine Anthroposophie stehen in der öffentlichen Wahrnehmung als solitäre Phänomene da. Der abgeschlossene Kosmos seines Werkes macht es für Nachfolger und Kritiker gleichermaßen zu einem exklusiven Bezugspunkt.“ (Klappentext hinten)
Ähnliche Formulierungen finden sich auch in der Einleitung von Jost Schieren. „Werk und Person Rudolf Steiners sind umstritten.“ „Steiner und dessen Anthroposophie sind kulturell eine beinahe vollständig solitäre Erscheinung, die ihre Bedeutung allein von einer überzeugten Anhängerschaft und den wirksamen Einflüssen auf die genannten Lebensfelder erhält.“ Usw.
Interessant ist hier, dass diese Formulierungen aus einer Zeit noch vor der Corona Pandemie stammen. In den letzten zwei Jahren hat sich die Beziehung der Öffentlichkeit zur Anthroposophie und zu den Anthroposophen aus einer eher neutralen Nichtbeachtung in eine eher kritische Beachtung umgewandelt. Dies betrifft inzwischen auch die bislang so positiv gesehenen Lebensfelder, wie Schulen, Kindergärten, Landwirtschaft und Kliniken.

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Der Tod – die andere Seite des Lebens

Giotto, Arena Kapelle, Cappella degli Scrovegni, um 1300 (Foto: R.W.)


Teil 3

Bei Aristoteles gibt es eine relativ einfache Definition des Sterbens. Meines Erachtens ist es auch die realistischste Begründung, die man eigentlich direkt nachvollziehen kann und für die man keine weiteren äußeren Beweise braucht. In meinen Worten lautet sie so: Der Mensch stirbt, wenn das zu Tastende das Tastende überwiegt! In dieser Formulierung aus dem letzten Buch ‚Über die Seele‘, die dort auch ganz am Ende steht, wird auf ein Paradox des menschlichen Lebens hingewiesen. Der Tastsinn ist das Organ, das eigentlich den Tastenden und das zu Tastende erst ‚produziert‘. Genauer gesagt bewirkt der Tastsinn (oder ist der Tastsinn) die Unterscheidung zwischen dem zu Tastenden und dem tastenden Menschen. Gleichzeitig garantiert er die Verbindung zwischen Beidem. Im Sinne unserer Betrachtungen in den letzten beiden Teilen, entsteht am Tastpunkt, oder im Tasten Innen und Außen. Eigentlich tasten wir ständig und erleben uns dadurch als Selbst, erleben uns als Innen in einem Außen. Das Innen entsteht dabei durch den Abstoßungsprozess unseres Erlebens am Außen, das Außen entsteht als innere Bewegung, die an eine Grenze kommt. Und das geschieht gleichzeitig!


Das Tasten liegt als allumfassende Tätigkeit der Leibbildung des Kindes zu Grunde. Es tastet die es umgebende Welt in sich hinein (allerdings nach seinen eigenen Tastmöglichkeiten). In dieser Situation scheint das zu Tastende noch nicht das Tastende zu überwiegen. Es scheint genau umgekehrt zu sein. Das oder der Tastende überwiegt. Im Alter haben wir das Doppelbild, das das Leben aus dem Organismus schwindet und dieser immer mehr ‚zu Tastendes‘ wird, während das Tastende, als das eigentlich empfindende Wesen sich anscheinend zurückzieht. Es insofern eine Frage der Perspektive, ob man es so anschaut, dass das geronnene Leben das tastende Wesen herausdrängt, oder das sich zurückziehende Leben das zu Tastende überwiegen lässt. Egal wie man es betrachtet, deutlich wird, dass das Innen-Außen Verhältnis des Menschen im Leben ein dynamisches Verhältnis ist, das vom Menschen selbst (wenn auch partiell unbewusst) produziert wird und durch Empfindungstätigkeit aufrecht erhalten werden muss. Störungen in dieser Tätigkeit, entweder auf Seiten der Welt (inklusive des Organismus) oder auf Seiten des Empfindenden beeinflussen immer auch das Verhältnis zwischen Innen und Außen.

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Der Tod  –  die andere Seite des Lebens

Teil 2

Innen wird Außen- Außen wird Innen

Wenn man heute mit Menschen über den Tod spricht bekommt man häufig als Argument dafür, dass man nichts über den Tod wissen könne zu hören, dass ja noch keiner zurück gekommen sei. Dieses Argument meint, dass es ja keine gesicherte Erfahrungen und damit persönliche Zeugnisse gibt, die über den Tod etwas aussagen können. Gleichzeitig wird damit gesagt, dass die Tatsache, dass ja niemand etwas über den Tod sagen könne, weil eben niemand zurückgekommen ist, dass das beweist, dass eben da dann nichts mehr ist. Man meint also aus einem bestimmten Phänomen, der Einbahnstraße Tod, berechtigt etwas Inhaltliches über den Tod selbst schließen zu können. Dieses Phänomen, es ist noch niemand zurückgekommen, der etwas über den Tod berechtigt berichten kann, wird zwar als Argument gerne benutzt, man vergisst dabei aber, dass diese Position ganz aus der Perspektive des Lebens bestimmt ist. Und man vergisst, dass man es nicht mit einem Bereich des Todes, das Nichts, und einen Bereich des Lebens, das Etwas zu tun hat, sondern dass es Übergangsbereiche gibt, die von beiden Existenzweisen geprägt werden, und die deshalb wie von einer Mitte aus, etwas über beide Richtungen aussagen können. Diese Übergangsbereiche sind durch die moderne Medizin noch vielfältiger geworden, so dass immer unsicherer wird, wann ein Mensch tot ist. Gleichzeitig bleibt aber unklar, was ein Mensch z.B. im Koma erlebt, wenn er nicht nachträglich selbst darüber berichtet, wobei diese Berichte eben sehr unterschiedlich sind, von: man hat gar nichts erlebt bis zu traumartigen Erlebnisweisen, die durchaus die Umgebung, vor allem die Menschen, die mit ihnen verbunden waren,  erlebt haben. Ähnliches gilt ja für die Nah-Toderlebnisse vieler Menschen. Für die, man sei entweder lebendig oder tot, argumentierenden Menschen gelten diese nicht als Beweis für eine nachtodliche Wirklichkeit, weil die Menschen eben nicht ganz tot waren. Für die Menschen, die solche Erlebnisse gehabt haben, wirken sie aber tiefgreifend in ihr weiteres Leben hinein. Man könnte denken, in ihnen hat die Beziehung Tod – Leben sich neu gestaltet. Als ob aus dem Tod heraus, bzw. aus der Nähe des Todes, sich eine neue Lebensziehung ergibt. Auch das wäre als ein Phänomen erst einmal interessant: eine Todes- bzw. Nahtoderfahrung wirkt verlebendigend und erneuernd in die Lebenswirklichkeit der Menschen hinein.

Im ersten Teil dieser Betrachtung haben wir uns mit einem konkreten Phänomen der Trauer beschäftigt mit der Schwärze als geistigem Schatten des Todes. Dieses Phänomen der Schwärze, oder auch der tiefen Nacht, verlangt eine bestimmte Bewegung von den Menschen, die im Leben stehen – es ist gewissermaßen die umgekehrte Bewegung zu den Nahtoderlebnissen. Dort wird berichtet, dass man ein sehr persönliches und seelisches Licht(Wärme)-Erlebnis haben kann, dass dann im Leben weiterwirkt als neue Lebenskraft. Hier, in der Schwärze, wird von dem lebenden Menschen selbst gefordert, eine solche neue Lebenskraft aufzubringen angesichts der Schwärze und des Nichts des Todes eines anderen Menschen. Wenn man mit beiden Situationen etwas intensiver umgeht, kann man bemerken, dass beide Seiten sich wie die Innen- und die Außenseite einer ähnlichen Wirklichkeit zeigen. Die Lichtseite und die Finsternis der Nacht zeigen sich je nach Perspektive als Innenbewusstsein und als äußere Umgebung. Der Verstorbene (bzw. der Nahtod-Erlebende) ist selber die Finsternis und erlebt die Lichtwirkung von außen; der lebende Angehörige erlebt die Schwärze und das Nichts als Außenwirkung in seinem Inneren, und muss nun den Lichtteil selbst aufbringen. Beim Letzteren wirkt im Leben die Schwärze als Entwicklungskraft im Auslöschen des gewöhnlichen Lebens, bei Ersterem ist das gewöhnliche Leben schon ausgelöscht und die Lichtwirkung wirkt als Entwicklungskraft bei der Rückkehr in das gewöhnliche Leben.

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Ich-Entwicklung begleiten

Nächsten Sonntag haben wir ein nächstes Treffen unserer Arbeitsgruppe ‚Ich-Entwicklung begleiten‘. Im Vorfeld habe ich folgende Stelle aus dem Buch ‚Die Erwartung der Engel‘ durch Zufall gefunden. Sie konkretisiert m. E. sehr genau wie sich die Ich-Frage im sozialen Geschehen zeigt. Gleichzeitig wird aber auch deutlich, was aktuell im Zeitgeschehen komplett falsch läuft! R.W. 1.5.2022

Zentrales Ich und peripheres Ich im sozialen Prozess (Der Titel ist von mir)

„Denken und Lebensprozess begegnen sich in Bereichen zwischenmenschlicher Gestaltung, wenn eine geistige Ausrichtung auch zur sozialen (und seelischen) Grundlage von menschlicher Beziehung wird. Das bedeutet einerseits, dass die eigene geistige Ausrichtung sozial wirksam wird, und andererseits, dass die zwischenmenschlich wirksame Kraft dem Denken zugänglich wird. Die Schwierigkeit lässt sich vergleichen mit dem Problem, das eigene Gedankenleben gefühlsfähig zu gestalten und die eigenen Gefühle gedankenfähig zu halten; allein die Intention ist nicht ausreichend. Für einen solchen wechselseitigen Prozess, sondern es muss eine Lebenshaltung hinzukommen, die ihn ermöglicht. Der Gedanke darf das Gefühl nicht bestimmen und das Gefühl nicht den Gedanken. Im ersten Fall wird das Seelenleben überformt und ausgehöhlt, im zweiten Fall kann sich keine geistige Individualität, sondern nur <<gedachte>> Bedürfnisnatur entwickeln.

Für den zwischenmenschlichen Bereich bedeutet dies: Die geistige Individualität umfasst auch den anderen Menschen, und der andere Mensch umfasst auch meine Ich-Individualität. Wirke ich nur bestimmend auf den anderen Menschen, so kann mir der Ich-Prozess nicht von außen entgegenkommen, und ich überforme meine Umgebung. Stelle ich mich vollständig auf den anderen ein, so werde ich zur Wirkung äußerer Kraft und ich werde mich verlieren. Die Frage, die Erzengel-Wirksamkeit verdeutlichen kann, lautet deshalb (wiederum aus der Perspektive des Geistselbst oder des früheren Engels gestellt): Wie kann eine Menschenbegegnung so stattfinden, dass ich mir selbst in dem anderen begegne und der andere sich selbst in mir begegnet? Wir kann mir aus dem anderen mehr von mir selbst entgegentreten, als ich in mir zur Zeit spüre, und wie kann ich dem anderen etwas geben, was er in sich zur Zeit selbst nicht realisieren kann?

Das Verhältnis von Zentrum und Peripherie wird gleichsam verflüssigt. (Hervorhebung von mir)Ich habe nicht mehr nur das Gefühl, dass ich in mir selbst, in meiner Leibes- und Seelenorganisation stecke; ich habe außerdem nicht mehr das Gefühl, dass außerhalb meiner Selbst nur Nicht-Ich existiert. Ich bin nicht mehr mit mir, wie ich in mir stecke, identifiziert, sondern ich bemerke, was mir von mir selbst von außen zukommen kann. (…)

(…) Denn es kann ja nicht darum gehen zu meinen, das Fremde wäre mein Eigenes oder das eigene Innenbewusstsein könnte für den anderen Menschen ich-fähig sein. Vielmehr gilt es gerade im Erleben des Fremden bemerken zu können, was zu mir gehört und wogegen ich mich eher abgrenzen muss. Gleichzeitig soll sich die eigene Außenwirkung durchaus so gestalten, dass sie von der Ich-Individualität zeugt – aber gerade in der Authentizität des Ich dem anderen vielleicht einen Erfahrungsbereich eröffnen kann, in dem er in einem Nicht-Ich sich selbst wiederentdeckt.

Dieser Vorgang ist grundverschieden von dem, der in der Psychologie mit dem Begriff ‚Identifikation‘ belegt wird. Denn es ist ein geistige, nicht ein seelischer Vorgang gemeint, in dem sich der Geist nicht an die Grenzen der individuellen Leibesorganisation gebunden fühlt, aber den Organismus doch als Träger der eigenen Ich-Fähigkeit erlebt. Kennzeichen für die Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehung im Sinne des Erzengel Michaels ist nun, dass diese Prozesse sich in der Begegnung von Ich-Individualitäten vollziehen, der bewussten Gedankenbildung zugänglich sind und unter Ausschluss älterer Prinzipien der Gemeinschaftsbildung. Nicht gabrielische Vererbungs- und Blutskräfte aus Familien- und Nationalitätszusammenhängen, nicht abstrakter Rechtsprinzipien oder <<übergeordnete>> Bedingungen etwa einer Familien- oder Staatsform bestimmen den Umgang von Menschen, sondern diejenige Kraft, die aus dem Erleben der Ich-Individualität im Denken (an der Grenze von Bewusstsein und Sein) entsteht.“

(Wolf-Ulrich Klünker, Die Erwartung der Engel, 2003, S. 138 ff.)

„Der Tod- die andere Seite des Lebens“

„Jede Seele ist unsterblich; denn das stets Bewegte ist unsterblich. Was aber ein anderes bewegt und von einem anderen bewegt wird, das hat, sofern es ein Aufhören der Bewegung hat, auch ein Aufhören des Lebens.“ Platon, Phaidros

Gestern, am Gründonnerstag, hatte ich seit längerer Zeit mal wieder eine Supervision mit Ehrenamtlichen der Hospizarbeit. Während des intensiven Austausches sagte eine Teilnehmerin, ich solle das doch einmal aufschreiben, was hier besprochen wurde, bzw. was ich mit ihnen an der Grenze des Sagbaren erarbeitete. Das ist natürlich nicht eins zu eins möglich, weil wir an konkreten einzelnen Situationen gearbeitet haben. Aber umso wichtiger erscheint es mir, unabhängig von den einzelnen Fällen (aber mit ihnen im Hintergrund),  einmal einen größeren Zusammenhang zu versuchen zur Frage des Umgangs mit dem Tod. (Praxis-Hintergrund dafür ist meine zunehmende Supervisionsarbeit seit 2015 im Bereich der Hospizarbeit). (Anbei der Aufsatz als PDF)

Die Hospizbewegung ist eigentlich eine Bürgerbewegung, wie sie viele im 20. Jahrhundert entstanden sind, die sich um eine Not kümmern, die ohne eine solche Bewegung, meist übrigens global, keine Heimat hätte. Hier seien nur exemplarisch Amnesty International, oder auch Greenpeace genannt, aber die Zunahme dieser freien Bürgerbewegungen kann als eigentlicher zivilisatorischer und kultureller Fortschritt angesehen werden. Die Hospizbewegung hat als ‚Not‘ das Sterben aufgegriffen. Wie sterben Menschen? Kann man sie dabei begleiten, damit sie nicht allein sterben müssen? Diese Frage ist natürlich erst ins öffentliche Bewusstsein getreten durch  einzelne Menschen, in diesem Fall vor allem durch Elisabeth Kübler-Ross in den siebziger Jahren. Dazu nötig waren zwei gesellschaftliche Entwicklungen, ein Entfernen des Sterbens aus der Alltagskultur und die Verschiebung des Sterbens in die Einrichtungen, wie Altenheime und Kliniken und gleichzeitig, gegenläufig zur Institutionalisierung des Menschen, die immer stärkere Betonung der einzelnen Persönlichkeit, so dass das Sterben immer weniger Teil des normalen Lebensprozesses war, stattdessen immer mehr zu einem Geschehen wurde, das den einzelnen Menschen ganz bewusst und ganz persönlich existentiell betrifft. Die Frage, was ein ‚gutes Sterben‘ ist,klingt ja an sich schon paradox und führt auch in der Hospizbewegung zu interessanten Vorstellungen und Auseinandersetzungen.(Das soll an anderer Stelle einmal angeschaut werden) Ähnlich wie die Frage nach der ‚guten Geburt‘ beruht sie aber darauf, dass ein bis dahin mehr animalisches natürliches Geschehen beim Eintritt und beim Austritt des Lebens nicht mehr gewährleistet ist und auch nicht mehr der Bewusstseinslage heutiger Menschen entspricht. So war es für meine Frau und mich sehr hilfreich bei der Geburt unserer Kinder nicht nur eine Hebamme zu haben, die sich mit diesem Prozess auskennt, sondern von dieser auch über das, was bei einer Geburt geschieht oder geschehen kann, ausführlich informiert zu werden. Ähnliche Prozesse wurden dann ja auch für das Sterben von den Protagonisten der Hospizbewegung erforscht. So dass die Sterbebegleiter bei ihren Begleitungen im Hintergrund durch ihre Ausbildung und durch ihre Erfahrungen eine Art inhärenter Struktur des Sterbeprozesses besitzen (der sich natürlich in jedem Einzelfall individuell ausprägen wird).

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