DELOS Adventskalender

Ein Student der Alanus Hochschule hatte die Idee, Aussprüche von Wolf-Ulrich Klünker, die ihn in verschiedenen Veranstaltungen beeindruckt hatten, zu einem Adventskalender zu gestalten, stellenweise mit durchaus humoristischen Untertönen. Das Ergebnis hat uns echt „berührt“, in mehrfachem Wortsinn; Sie finden es im Anhang und auf der Webseite der Forschungsstelle für Psychologie DELOS.

Ramona Rehn
Wolf-Ulrich Klünker
Roland Wiese

Was ist Selbstentwicklung?

Die Wirkung der Selbstentwicklung auf das Kind

Am 19. und 20. 11.21 sollte ein Seminar mit dem obigen Thema im Waldorfseminar Köln stattfinden. Da sich nicht genügend Teilnehmer*innen angemeldet haben, haben wir das Seminar abgesagt. Angesichts der aktuellen Entwicklung der Infektionen vielleicht eine kluge Entscheidung, denn das Seminar sollte in Präsenz stattfinden. Da ich das Thema für wichtig und auch für fruchtbar halte, möchte ich die freigewordene Zeit nutzen, um einige Aspekte, die auch im Seminar eine Rolle gespielt hätten, aufzuschreiben. Vielleicht gibt es ja die Möglichkeit das Seminar zu einem späteren Zeitpunkt durchzuführen.

Einstieg

Wie wirkt eigentlich die Umgebung auf das Kind und wie geht das Kind mit dieser Wirkung um? Es ist ja bekannt, dass gerade beim kleinen Kind die Umgebungswirkung nicht nur eine seelische ist, sondern dass das Kind in den ersten Jahren seinen Organismus, seinen Leib aufbaut. Und dieser Leibaufbau ist im Wesentlichen davon geprägt, was das Kind aus seiner Umgebung aufnimmt an Wahrnehmungen, Empfindungen, Gefühlen usw. Natürlich wirkt auch die ganze äußere Umgebung des Ortes, der Landschaft, des Klimas in diese Leibbildung mit hinein. Rudolf Steiner hat 1924 diese Situation des (ganz) kleinen Kindes sehr prägnant beschrieben: „Wir sind als Kind fast ganz Sinnesorgan, Auge, Ohr. Das Kind nimmt alles, was in seiner Umgebung geschieht, so wahr, wie wenn sein ganzer Körper Sinnesorgan wäre. Deshalb macht es alles nach, weil alles weitervibriert in ihm und wiederum mit derselben Weise, wie es in ihm vibriert, durch seinen Willen aus ihm heraus will.“ (sogenannte Klassenstunden: Neunte Stunde 22.4.1924) Also alles, was um das Kind herum ist, wirkt auf das Kind und wirkt in das Kind hinein „vibrierend“ und  diese Einwirkung vibriert in den Willen, also in die Bewegung des Kindes hinein und durch den Willen des Kindes als Bewegung wieder aus ihm heraus. Und durch diese Tätigkeit werden die Umgebungswirkungen vom Kind einverleibt. Die Umgebung des Kindes ist nicht etwa tot oder passiv und sie muss vom Kind wahrgenommen werden. Die Umgebung ist Vibration für das Kind und wird auch wieder in gleicher Weise ‚ausgeatmet‘ als Vibration, als Bewegung. In das Kind geht permanent die Bewegung der Umgebung ein und wird als Bewegung wieder durch das Kind hindurch ausagiert.

Wilhelm Lehmbruck, Mutter und Kind 1907
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Leben und Licht

Als ich am Samstag Blätter zusammenharkte und in meinen Hänger packte, um sie auf den Grünplatz zu bringen, leuchteten aus dem Hänger die farbigen Blätter so konzentriert, dass ich dachte ich habe eine Art Lichtbatterie vor mir. Eine Art realer Photovoltaik, eine Ausstrahlung von Lebenslicht aus den Blättern. (Ich gebe zu, ich hatte tatsächlich kurz den Gedanken, man müsste doch etwas mit diesem Lichtleben machen). Natürlich hatte ich schon die ganze Zeit intensiv die Lichtfarben der absterbenden Blätter aufgesogen. Aber erst mit den Blättern im Hänger wurde mir etwas klar. Das ausstrahlende Licht der Herbstblätter erlebte ich in einem Kontrast zu dem mehr einstrahlenden Licht der Frühlings Vegetation. Es ist jeweils eine andere Gefühlsstimmung, die die jeweilige Pflanzenlebenslage begleitet. Das Licht das in die Pflanze einstrahlt und sie lebendig macht, wachsen lässt, dass durch die noch zarte Pflanze hindurchstrahlt, oder das Licht, das aus den Blättern am Ende ihres Lebenszyklus herausstrahlt. Dieses Licht hat gelebt und es steht kurz davor dieses Leben auch zu erleben. Aber dafür fehlt der Pflanze, dem Baum der Innenraum. Es ist ein Licht, in dem das Leben dieser Pflanze, dieses Baumes in diesem Sommer, lebt und webt. Es muss aus dem ‚Körper‘ Blatt heraus, dieser kann es nicht halten. Der Baum muss wiederum die Blätter abstoßen, weil er das Seelisch werdende des Blattes nicht ertragen kann. Es würde ihn vergiften. Stattdessen bildet er im verhärtenden Holz seine Lebensringe des Wachsens. Manche Blätter haben auch mehr die Tendenz zum Holzigen, wie die Eichenblätter, manche, wie die Ahornblätter und die Lindenblätter haben mehr die Tendenz zum Wässrigen und zum Leuchtenden. Zwei Art Lebenslicht: Einstrahlendes Lebenslicht und austrahlendes vergehendes gelebtes Licht. Der Unterschied zur Lichtrhythmik im menschlichen Leben – aber gleichzeitig wie eine Begegnung mit einem großen weiten Licht-Lebens-Ich.

Gleichzeitig haben die Blätter ja dieses Jahr, diesen Sommer über gelebt. Sie haben das Licht, das sie jetzt ausstrahlen, die Farben, in denen sie jetzt erstrahlen, aus dem Leben dieses Sommers herausdestilliert. Wenn ich jetzt diese Farben und ihr ausstrahlendes Licht erlebe, trifft dies auf mein Leben, das ich in diesem Jahr gelebt und erlebt habe. Und es entsteht eine Wechselwirkung zwischen beiden. In mir wird das gelebte Licht der Pflanzen menschlich seelisch.

16.11.2021

Von der alten Technik zur neuen Natur des Ich

Karma 3

Pressefoto http://www.currenta.de

In Leverkusen sind im Juli 2021 einige Tanks in einer Sondermüll-Verbrennungsanlage explodiert. Dabei gab es wahrscheinlich sieben Tote und  31 Verletzte. Eine dicke schwarze Rauchwolke zog über die umliegenden Stadteile bis ins Bergische Land. Mir brachte das Ereignis meine Kindheit und Jugend (ich bin 1957 in Leverkusen geboren) in Erinnerung und meine ganz persönliche Verbindung mit der Chemieindustrie. Durch diese Verbindung, die ich vor einigen Jahren auch inhaltlich bis in die Geschichte hinein noch einmal ganz bewusst aufgearbeitet habe, ergaben sich mir einige Perspektiven auf die chemische Industrie des 19. und 20. Jahrhunderts. Sie dienen mir in diesem Beitrag als Ausgangspunkt für die Frage wie sich Ich-Entwicklung und technische Entwicklung zueinander verhalten, und wie die technische Entwicklung aussehen würde, die aus einer Ich-Entwicklung hervorgeht. Karma, also Schicksal, ist diese Frage insofern, als ich biographisch, also in meinem Leben mit der Leben gewordenen Naturwissenschaft des 19. Jahrhunderts konfrontiert worden bin, in ihr gelebt habe und lebe. Ich habe also ihre Wirklichkeit am eigenen Leibe und im eigenen Erleben erfahren. Gleichzeitig habe ich aber einen innerlichen Bezug zu einer anderen Denkart, zu jener Wissenschaftsrichtung, die sich historisch – zu Beginn des 20. Jahrhunderts – durch Rudolf Steiner als notwendige Alternative zu der herrschenden Wissenschaftsart  entwickelt hat. Auch diese Entwicklung ist inzwischen ‚Leben‘  und damit auch mögliches ‚Erleben‘ geworden. In der eigenen Biografie sind also Leben gewordene Denkrichtungen und Denkarten zu finden, die diese möglicherweise viel mehr bestimmen als psychologische Phänomene. Das Freilegen solcher geistigen Strömungen im eigenen Leben hilft die die darin liegenden Erkenntnisprobleme und -aufgaben zu bemerken und anzugehen.

Da der Beitrag sehr lang ist, habe ich ihn als PDF beigefügt. Außerdem gibt es auf der Seite Forschungsstelle für Psychologie DELOS einen Beitrag von Wolf-Ulrich Klünker zum Thema Mischung und Entmischung der Elemente inklusive einer Erstübersetzung eines Textes von Thomas von Aquin über die Mischung der Elemente.

Hinzufügen möchte ich auch, dass ich in keiner Weise technikfeindlich eingestellt bin, sondern mich sogar als technikaffin erlebe. Es geht hier nicht darum die aktuelle Technik zu kritisieren, sondern ihre Entwicklung und Grundlagen zu verstehen und einen ganz anderen Ansatz für eine neue Technik zu suchen.

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Selbstentwicklung – Sein und Werden

Mein Thema, Ich-Entwicklung oder Selbstentwicklung, als therapeutische oder pädagogische Wirkung auf mich selbst und andere Menschen, wird in einer aktuellen Buch-Veröffentlichung behandelt. Ich finde darin einige interessante Ansätze und Formulierungen, die an sich schon eine Entwicklungswirkung haben, wenn man mit ihnen etwas umgeht. Es geht um zwei Aufsätze in dem gerade erschienenen Buch ‚Sein und Werden‘, Beiträge zum Entwicklungsverständnis der Waldorfpädagogik‘, herausgegeben von Leonhard Weiss und Carlo Willmann.

Ganz zum Schluss, ich gebe zu die anderen Beiträge noch nicht einmal angelesen zu haben, kommen diese beiden Aufsätze unter der Kapitelüberschrift ‚Fundierende Perspektiven einer entwicklungsorientierten Pädagogik‘: Wolf-Ulrich Klünker ‚Entwicklung, Wirksamkeit und Begriff‘ und Wolfgang Tomaschitz ‚ „Wenn ich einmal groß bin…“ Was es vernünftigerweise heißen könnte, seine Entwicklung selbst in die Hand zu nehmen‘. Ganz im Sinne beider Autoren, die Anthroposophie grundsätzlich als Anregung zu Selbstentwicklung verstehen, soll auch hier nur angeregt werden beide Beiträge zu lesen. Deshalb nur einige Einblicke!

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Forschungsstelle für Psychologie DELOS – Neue Webseite

Wir freuen uns, nach intensiver Arbeit, die Forschungsstelle für Psychologie DELOS mit einer eigenen Webseite sichtbar werden zu lassen. Wolf-Ulrich Klünker, Ramona Rehn und und ich haben in den letzten Monaten gemeinsam mit Johannes Onneken vom Atelier Doppelpunkt in Basel eine ganz neue Seite für DELOS konzipiert und umgesetzt. Mir war dies vor allem deshalb wichtig, weil dort die ganze erarbeitete Substanz der letzten Jahrzehnte einmal im Zusammenhang und in der Kontinuität wahrnehmbar wird! Man findet jetzt alle (noch nicht ganz!)Publikationen in einem ‚Raum‘. Wichtig war und ist uns, dass die Seite auch ästhetisch das ist, wovon sie spricht. Insofern konnten wir hier in der Gestaltung, aber vor allem auch in der Hereinnahme der Lochkamera-Bilder von Ramona Rehn beide Seiten der Arbeit zusammenführen, wie das schon in den letzten Veröffentlichungen in der Wochenschrift und in INFO 3 zu sehen war. Das Dritte, was durch die Seite sichtbar wird, sind die Kooperationen und Projekte der Forschungsstelle. Und zuletzt, nützlich und sinnig: Alle Veranstaltungen können dort immer aktuell gefunden werden – ein nützliches Werkzeug in der immer volatiler werdenden Gegenwart.

Ich werde mich auch in Zukunft redaktionell um die Webseite kümmern. Gleichzeitig hat sich durch die Zusammenarbeit an diesem Projekt unsere Zusammenarbeit im DELOS Raum vertieft und konkretisiert.

Roland Wiese 19.9.2021

Was ist Selbstentwicklung und wie wirkt sie auf das Kind?

Im November bin ich mit Susanne Hörz im Waldorfseminar in Köln zu einem Seminar eingeladen!

https://www.waldorfseminar-koeln.de/aktuelles/

Wir möchten mit Ihnen zusammen untersuchen, wie die eigene Selbst-Entwicklung in der pädagogischen Arbeit wirkt. Dazu gehört die grundlegende Frage was (m)eine Selbst-Entwicklung ist, die nicht nur
auf mich selbst wirkt, sondern auch in der pädagogischen Arbeit mit dem Kind.
Unterstützung in der eigenen Entwicklung. In der Pädagogik steht meist das Kind im Mittelpunkt. In diesem Seminar geht es um die Ich-Entwicklung der Erwachsenen in der Umgebung des Kindes. Was ist Ich-Entwicklung? Wie hängen Bewusstseins- und Lebensentwicklung zusammen?
Wir werden gemeinsam im Gespräch und mit Übungen an diesen Fragen arbeiten.


Termin: Freitag, 19.11.2021 von 17:00 – 20:00 Uhr
Samstag, 20.11.2021 von 10:00 – 17:00 Uhr


Dozent:in: Roland Wiese, Sozialtherapeut, Supervisor, Autor
(Umkreis e.V.; GESO-Gesellschaft für soziale Hilfen;
http://www.rolandwiese.com)
Susanne Hörz , Kunsttherapeutin BA und
Aufbaustudium zur Waldorflehrerin in Hamburg.


Ort: Michaeli Schule Köln
Vorgebirgswall 4-8
50677 Köln


Kosten: 140 € pro Person
120 € p. P. bei Teilnahme ab 2 Personen einer Einrichtung
100 € p. P. bei Teilnahme ab 3 Personen einer Einrichtung
Anmeldung: Seminar für Waldorfpädagogik Köln, Tel. 0221- 94 14 930, rausch@fbw-rheinland.d

Psychologie des Ich – 2. Auflage ist gedruckt

Ich habe heute vom Verlag erfahren, dass die 2. Auflage unseres Buche gedruckt ist und bald ausgeliefert wird! Da es schon von einigen gefragt wurde: Es gibt ein aktuelles Vorwort von Wolf-Ulrich Klünker mit Bezug auf die existentiellere Situation des Ich, einige leichte Überarbeitungen und die damals vergessenen Hinweise auf die Autoren!

Lebendige Biographiearbeit 2

Auf meinen Beitrag hat Gabriel Prinsenberg geantwortet. Es freut mich, dass mein Zusammenhang auch für ihn stimmig ist!

Gabriël Prinsenberg


15 August 2021

Liebe Elfi und lieber Roland,

vielen Dank für Eure guten Wünsche zu meinem Geburtstag am 2. August! Mit großem Interesse Roland,habe ich die beiden neuen Texte zur Entwicklung unseres Stils der Biographiearbeit gelesen. Ich danke Dir sehr für Deine ausführliche und existenzielle Analyse. Deine Reflexionen über die Entwicklung unserer biografischen Arbeitsweise und den weiteren Verlauf unserer vielen Kurse haben mich sehr beeindruckt! Ich finde es sehr besonders, dass du es geschafft hast, einige Kerne aus meiner Motivation zu verfolgen:
Schön finde ich, dass Du schreibst, dass ich mich im Vorwort meines Buches Der Weg durch das Labyrinth ganz direkt beziehe auf die Schule von Chartres und die entsprechenden Freien Künste und Wissenschaften und bezeichnest sie als meine Inspirationsquelle. Das heißt, die Biographiearbeit, aber auch alle anderen Forschungs- und Übungsansätze in den Seminaren jener Zeit, beziehen sich auf einen realen Inhalt – den Zusammenhang der mikrokosmischen menschlichen Seele mit dem Makrokosmos und sie knüpfen damit an einen realen Seelenbegriff an.

Auch finde ich es ganz interessant, dass Du rückblickend auf euer eigenes Ausbildungsgeschehen drei wesentliche Wirkungen beschreibst:

* Die Seminare, wie sie von gestaltet wurden, – mit ganz viel ‚Kunst‘ aus allen Bereichen, hatten eine seelentherapeutische Wirkung auf die dramatisch ‚verarmten‘ Seelen der achtziger Jahre. Also die vollständige Durchdringung sowohl der Seminare, wie auch der Inhalte mit dem Künstlerischen gab den Seelen der damaligen Zeit eine Art künstlerische Erfüllung.

* Die zweite Wirkung war, dass durch die Übungen und die vielen Gespräche, eine Vertiefung der Begegnung mit anderen Menschen möglich wurde. Es wurde das sichtbar und hörbar, was nicht das Offensichtliche und Äußere am anderen Menschen war, sondern, das, was durch ihn hindurch tönte, also nicht seine Person, sondern sein ‚personare‘. Auch dies hatte wechselseitige therapeutische Qualität.

*Die dritte Wirkung ist ambivalenter, aber war ebenso deutlich zu bemerken: Die Begegnung mit den allgemeinen seelischen Qualitäten (Temperamente, Planetenqualitäten, Tierkreis etc.) verobjektiviert das eigene Seelische. Es kann sich eine gewisse Emanzipation vom gegebenen Seelischen vollziehen. Dies geschieht meist nicht ohne Krise. Häufig kam es in den Seminaren zu Begegnungen mit dem eigenen Doppelgänger, oder dem des anderen Menschen. In der Folge konnte es zu einer neuen Nacktheit der Seele kommen. Mit einer solchen freieren Empfindungsfähigkeit war es aber nicht einfach zu leben. Deshalb hatte so manches Seminar seine ganz eigene Dramatik!“
Ich freue mich auch, dass Du eine schöne Verbindung zu den Einflüssen aus der humanistischen Psychologie hergestellt hast und meine Arbeit auch als eklektisch sehst. Es war wirklich ein Volltreffer, dass Du den Humanismus, Desiderius Erasmus, aber auch die humanistische Psychologie beschrieben habst. Bei meiner Tätigkeit als Lehrer an den verschiedenen Fachhochschulen in den Niederlanden haben mich vor allem – neben anthroposophischen Quellen – die humanistischen Methoden inspiriert, die in den 1960er und 1970er Jahren so großen Einfluss zur Entwicklung der Sozialen Arbeit hatten.

Ich möchte ein paar Worte zur Persönlichkeit von Erasmus sagen. Obwohl er in Rotterdam (1466) geboren wurde, wurde er in Gouda gezeugt, meiner Heimatstadt und berühmt für seinen Käse und die größte Glasmalerei der Welt in der St.-Johannes-Kirche (Sint Janskerk). Damals schrieb man: „Goudae conceptus, Rotterdami natus“ Er war das Kind des Pfarrers von Sint Janskerk und seiner Freundin. Um den ‚Unfall‘ zu verbergen, fuhren seine Eltern nach Rotterdam, 18 KM weiter, wo Erasmus geboren wurde. Kurz darauf gingen sie zurück nach Gouda, wo er zur Schule ging und später ins Kloster eintrat. Später wurde er dispensiert und ging in die weite Welt hinaus und wurde einer der größten Gelehrten seiner Zeit. Zwei Motive bestimmen die Ideen von Erasmus: die Freiheit der Menschen und der Frieden. Über die Freiheit schrieb er 1516 unter anderem die Institutio, in der er feststellt, dass der Mensch frei ist und daher nicht tyrannisch über andere herrschen oder sie als Sklaven behandeln darf.

1517 schrieb er „Querela pacis“, die Friedensklage. Er beschäftigt sich unter anderem mit Nationalismus: „Die Engländer verachten die Franzosen aus keinem anderen Grund, als weil sie Franzosen sind. Die Schotten werden gehasst, weil sie Schotten sind. Der Deutsche streitet mit dem Franzosen und beide kämpfen gegen den Spanier. Was könnte schlimmer sein als Nationen, die sich bekämpfen, nur weil sie unterschiedliche Namen haben? Es gibt so viele Dinge, die sie zusammenbringen sollten. Warum sind sie als Menschen ihren Mitmenschen gegenüber nicht wohlwollend?“ Man kann ihn auch wegen seiner vielen Reisen und Begegnungen einen echten Europäer nennen. Trotz seiner heftigen Kritik am Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche blieb er seiner Kirche treu. Schon als Kind war ich von seiner besonderen Persönlichkeit und seinem Wert für die Kultur Europas berührt und besuchte die Orte, an denen er in Gouda gelebt hatte. Ich glaube, ich besitze mehr als 10 Bücher über ihn. Während eines Symposiums in Gouda, an dem ich vor einigen Jahren teilnahm, verlas der Nuntius (Vatikan-Botschafter in Den Haag) einen Brief von Papst Franziskus und lobte Erasmus für seinen großen Wert für die Welt. Während Erasmus seinerzeit von der Kirche wegen seiner Kritik fast denunziert wurde…

Vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen, in der diese Form der biografischen Arbeit, die ich heute als zeitgemäße Anwendung der Lebenskunst betrachte, die Menschen weiter inspirieren kann?

Anbei: Photo Gabriël als Erasmus, während Erasmus Ausstellung in Museum Gouda…

Lebendige Biographiearbeit

Gabriel Prinsenberg und Roland Wiese (Juli 2021)

Am 8. Juli besuchten uns Olga Bohnsack und Gabriel Prinsenberg. Ein Wiedersehen nach 20 Jahren! Mit den Beiden haben wir in den neunziger Jahren eine Ausbildung in Biographiearbeit organisiert. Eine Weiterbildung für Menschen in sozialen Berufen über 2 Jahre. Über hundert Menschen haben damals daran teilgenommen. Anfang 2000 ebbte der Impuls und die Nachfrage bei uns ab und endete dann 2003. Insofern viel gemeinsame Vergangenheit, aber auch eine Lücke von 20 Jahren und dementsprechend war ich einerseits neugierig, andererseits auch unsicher, wie dieser Besuch sein würde. Nachdem Olga und Gabriel Elfis Ausstellung im Museum in Zeven angeschaut hatten, haben wir vom Nachmittag bis spät in die Nacht intensive Gespräche gehabt. Später kamen auch Martina und Andreas Rasch dazu, die die Organisation der Ausbildung in den letzten Jahren übernommen hatten. Nun kann man weder ein Gespräch wiedergeben, noch die Gesprächsatmosphäre in einem solchen Beitrag wiedergeben. Ich werde deshalb versuchen (in Fortführung meines Beitrages zum Schicksalssinn) einige Grundgedanken und Figuren zur Biographiearbeit aus heutiger Sicht zu skizzieren. Dass dabei Gabriel Prinsenberg im Vordergrund steht, ist keine Missachtung der anderen Beteiligten, auch nicht von Olga, sondern ist der Tatsache geschuldet, dass Gabriel Prinsenberg doch eine Art Repräsentant für die Biographiearbeit im 20. Jahrhundert ist. Dies wurde insbesondere in unserem Nachtgespräch sehr deutlich, in der Gabriel seine eigene Biographie in einer bestimmten Perspektive erzählte. Vielen Dank für dieses Gespräch und euren Besuch!

Mein Vater ist 2017 gestorben. Er ist 1930 geboren. Meine Mutter ist 1935 geboren. Gabriel Prinsenberg ist 1932 in den Niederlanden geboren. Er gehört also zur Generation meiner Eltern. Als wir uns kennenlernten, hatte ich mich durch meine eigene anthroposophische Entwicklung von meiner Herkunftsfamilie noch einmal weiter entfernt. Umgekehrt, stellte Gabriel für mich eine lebendige Verbindung zu der Zeit nach 1930 dar, und dies sowohl biographisch (wie meine Eltern), aber auch geistig-seelisch, was den Bereich der Psychologie und der Sozialarbeit betrifft. Diese (lebendige) Verbindung ist für mich wichtig, weil sie eine Art geistesgeschichtlicher Lücke in mir füllte, zwischen der Freud/Steiner Zeit und der Zeit der neunziger Jahre. Ich habe diese Lücke, vor allem die sechziger und siebziger Jahre betreffend, später noch in meiner Supervisionsausbildung für die humanistische Psychologie ausfüllen können. Gabriel bezeichnet seinen eigenen Ansatz in der Biographiearbeit als ‚ekklektisch‘. Das heißt er knüpft dezidiert an einige Psychologen an, die für ihn eine Art Ausgangspunkt für seine Arbeit bieten konnten. Er nennt immer wieder Charlotte Bühler, aber auch Alfred Adler (als jemanden, der das Leben nicht aus der Vergangenheit bestimmt sieht, sondern den Zukunftsbezug im Blick hat, und auch und vor allem Viktor Frankl, der wiederum als einer wenigen die Zeit der 30er und 40er Jahre in seiner Psychologie einbezogen hat und damit die Existentialität dieser Zeit in die Psychologie und Psychotherapie aufgenommen hat. Eine Art Bindeglied zwischen diesen Psychologen und der Anthroposophie war für Gabriel Bernhard Lievegoed, der mit seinen Büchern, vor allem, ‚Der Mensch an der Schwelle‘, aber früher noch mit seinem sehr populären Buch: ‚Lebenskrisen-Lebenschancen‘ (1979) die Frage der biographischen Entwicklung angesprochen hat. Man könnte beinahe sagen Bernhard Lievegoed, der in den 70er und achtziger Jahren auf dem Höhepunkt seiner Wirksamkeit war, wirkte indirekt verbindend auf die entstehende gemeinsame Arbeit. Denn auch in unserer ersten Arbeit als Umkreis-Gruppe haben wir uns mit seinem Buch ‚Der Mensch an der Schwelle‘ beschäftigt. Zur Gruppe gehörten damals Menschen mit seelischer Erkrankung und da in Lievegoeds Buch das Thema der seelischen Erkrankungen in Bezug zur menschheitlichen Entwicklung geschildert wird, also als eine problematische geistige Erfahrung, ein Schwellenübertritt, dem man aber nicht gewachsen ist, war das für uns ein interessanter Ansatz des Verständnisses seelischer Erkrankung jenseits der medizinischen Anschauungen. In diesem Kreis haben wir uns auch mit dem Thema der Biographie beschäftigt und sowohl die eigene Biographie wie auch die Biographien von Künstlern gemeinsam studiert. (Ich kann mich heute noch an die Schilderung einer Teilnehmerin erinnern, die sich mit Käthe Kollwitz beschäftigt hatte – vor allem weil die Biographin und Käthe Kollwitz eine ganz bestimmte Ähnlichkeit für mich bekamen).

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