
Am Montag war ich (wieder) zu Gast in der Alanus Hochschule. Im Seminar ‚Sexualtrieb und Todestrieb‘ von Wolf-Ulrich Klünker habe ich einige Aspekte aus meiner Arbeit als Supervisor in der Hospizarbeit darstellen können.
Ein besonders wichtiger Aspekt war für mich die Frage nach der Bewusstseinsform, die es braucht, um Menschen im Sterben begleiten zu können. Cicely Saunders, die Begründerin der Hospizarbeit, hat als wichtige Grundhaltung für die Hospizarbeit die Worte Jesus im Garten Getsemani genannt: „Wachet mit mir“ (Markusevangelium 14,34). Diesen Anspruch haben die Jünger Jesu damals bekanntermaßen nicht erfüllen können. Sie sind eingeschlafen. Die Formulierung „Wachet mit mir“ beinhaltet ein Wachbleiben in einer Situation, in der rein äußerlich vielleicht gar nichts zu tun ist, indem es auch keinen Plan, kein Konzept usw. für das Wachbleiben gibt, außer den eigenen Willen in der Situation Wachzubleiben. Wobei Situation hier bedeutet, dass es nicht mehr ganz deutlich ist, wo man sich befindet, noch im Leben oder schon im Tode, denn das Sterben vermittelt ja zwischen diesen beiden Lebensformen. So schildert eine Sterbebegleiterin in dem Buch ‚Die Kunst der Begleitung‘ (siehe untere Beiträge), dass sie das Sterben eines Menschen als ganz friedlich erlebt, während die Angehörigen das Leiden ihres Verwandten wahrnehmen und beklagen. Für das Wachen in einer solchen Lage können anscheinend nicht mehr rein äußerlich wahrnehmbare Eigenschaften helfen, man braucht einen anderen Zugang zu dieser Wirklichkeit des Sterbenden. Wo ist dieser Mensch jetzt wirklich? Ist er noch das, was ich da äußerlich sehe und was anscheinend leidet? Es gibt anscheinend Unterschiede in der Bewusstseinsart zwischen einem normalen Alltagsbewusstsein und dem möglichen Bewusstsein in der Sterbesituation, und weitergehend auch in der Todessituation, bzw. der nachtodlichen Wirklichkeit des betreffenden Menschen. Und für eine solche Bewusstseinsform und die mit ihr verbundenen Urteilsmöglichkeiten gelten anscheinend nicht mehr (alleine) die normalen Kriterien, mit denen wir uns normalerweise in der Wirklichkeit orientieren. Ich orientiere mich nicht mehr als ‚Innenmensch‘ an der äußeren Erscheinung, am ‚Außenmenschen‘, sondern an dem wie der andere Mensch als ‚Innenmensch‘ in mir aufwacht. Eine solche Bewusstseinsform könnte auch im alltäglichen Leben hilfreich sein, für den zwischenmenschlichen Verkehr miteinander, statt gegeneinander. Paradoxerweise wird das bewusste Leben im Sterben von den Sterbebegleiterinnen immer wieder als sinngebend und als ganz eigene Lebendigkeit schaffend erlebt…
Roland Wiese 21.11.2025