
Fahrt ihr schon wieder nach Frankreich? fragte der Freund. Ja, im September waren wir schon einmal in Tourcoing, um im MUba (Musee des Beux-Arts) Bilder von Eugene Leroy im Original zu sehen. Damals hatten wir die Gelegenheit bei einer Führung mit den Kuratorinnen Melanie Lerat und Benedicte Duvernay die geplante Ausstellung in Vorbereitung zu sehen. (siehe meinen Beitrag ‚Farbe und Zeit‘). Jetzt wollten wir die inzwischen eröffnete Ausstellung in Ruhe anschauen. Also mussten wir noch einmal nach ‚Frankreich‘, genauer nach Lille, denn Tourcoing liegt direkt neben Lille. Und dort, im Stadtteil Wasquehal hat Eugene Leroy gelebt und bis zu seinem Tod im Jahr 2000 gemalt.

Die Nähe zu dem Ort, an dem Eugene Leroy gelebt und gemalt hat, machte die Ausstellung in seinem ‚Heimatmuseum‘ für mich zu etwas Besonderem. Es fühlte sich so an, als ob er persönlich anwesend war, in und mit seinen Bildern!
Die Bilder und die Suche nach Glück
Nun ist es eine Sache, sich mit einem Maler und seinem Werk zu beschäftigten, und eine weitere, die Bilder selbst zu sehen und wahrzunehmen wie die Bilder auf einen selbst wirken. In diesem Fall die Bilder der letzten 20 Jahre seines Schaffens und Lebens. Und das Wirken der Bilder differenziert sich noch einmal in das Wirken des einzelnen Bildes und in die Wirkung der gesamten Ausstellung.
Wenn man 600 Kilometer fährt, um Bilder in einem Museum zu sehen, dann kann einen das natürlich so einstellen, dass man die Bilder auf jeden Fall gut findet, sonst wäre man ja umsonst so weit gefahren. Oder, die Bilder müssen etwas leisten, also etwas Besonderes sein, um den Aufwand zu rechtfertigen. Aber diese Vorbehalte verschwanden sofort, als wir im Museum die ersten Bilder sahen. Es war einfach eine Freude die Bilder zu sehen und noch dazu so viele Bilder (80 Werke).

Was das Sehen der einzelnen Bilder angeht, zeigte sich mir das Phänomen, dass ich immer erst ein Zeit lang mit einem Bild umgehen musste, bis es sich ‚öffnete‘ und zu sehen war. Vorher war es eine geschlossene komplexe Farbfläche und dann öffnete es sich zu einem Bild. Das bedeutet nicht, dass man jetzt irgendetwas Gegenständliches sah, sondern dass man das Bild in seiner farbigen Komposition sah und empfand. Das Sehen mündete in einem Empfindungseindruck des ganzen Bildes.

Leider lässt sich dieses Erleben nur mangelhaft mit Fotos demonstrieren, obwohl ich die einzelnen Bilder immer erst dann fotografiert habe, wenn ich sie auch sehen konnte. Jedes der einzelnen Bilder eröffnet einen individuellen Farbempfindungsraum. „Es ist eine Art magischer Welt“, sagt Leroy, „die etwas lebendig macht in einer flächigen Weise durch Farbe und Licht.“

In meinem Beitrag ‚Farbe und Zeit‘ habe ich ja schon beschrieben, dass Eugene Leroy seine Bilder über lange Zeiträume immer wieder neu weitergemalt hat. Also die unterschiedlichen Lichtstimmungen des Tages und der Jahreszeiten in seine Bilder hineingearbeitet hat. Das führt zu zentimeterdicken Farbschichten auf den Leinwänden, die normalerweise eigentlich alles zukleben müssten. Stattdessen wirken sie wir Farbzeitlichtspeicher, die sich im Sehen öffnen. Und jedes einzelne Bild wirkt wie eine Einheit, wie komponiert.


Dabei hat der Maler aber Strich an/auf Strich, oder Paste an/auf Paste gesetzt, immer das jeweilig vorhandene Ganze berücksichtigend. Gerade die späten Bildern aus den neunziger Jahren wirken immer mehr in dieser Weise vollständig. In diesen späten Bildern löst sich das jeweilige Motiv immer mehr auf und verbindet sich mit der Umgebung.
In den letzten Jahren hat er die Farbe direkt aus der Tube auf die Bilder gebracht.

Wie in meinem ersten Beitrag erwähnt, hat Leroy Zeit seines Lebens gezeichnet. Im Film kann sehen, wie er ganz aus der Bewegung heraus das Modell zeichnet, während dieses sich auch bewegt. Auch Portraits und Selbstportraits hat er unzählige gezeichnet. Manche davon wirken wie Rembrandt Zeichnungen oder Bilder. Meist schraffiert in Hell und Dunkel, oder aus lockeren Bewegungspuren entstehend.


Die Kuratorinnen schreiben in der kleinen Broschüre zur Ausstellung, man könne in der chronologischen Präsentation der Bilder der kreativen Energie des Malers folgen in seiner Suche nach dem Glück, welches das Abenteuer der Malerei immer für ihn gewesen sei. Man kann sogar darüber hinaus dieses Glück selbst erleben, glücklich werden im Anschauen der Bilder. Sogar so glücklich, dass es schwer fällt Abschied zu nehmen.

„The nudes, landscapes and self-portraits surprise, resist and disorientate us: the eye sees nothing at first glance. One must take the time to approach them, step back, search for one thing an the find something else entirely.“ (Broschüre zur Ausstellung).

Auf Wiedereinsehen, Eugene Leroy!

Roland Wiese 26.11.2025 (alle Fotos R. Wiese)