
Ich habe letztens beim Aufräumen einen Aufsatz von mir gefunden, der 2006 in der Vierteljahresschrift ‚Anthroposophie‘ erschienen ist. (III/2006, Nr. 237). Zwei Gedanken darin finde ich auch heute noch interessant. Der eine ist, dass Goethe selbst bemerken und beschreiben kann, wie das Denken der Werke Spinozas auf ihn gewirkt hat. Ich selbst habe diese Wirkung im Durcharbeiten von Spinoza bei mir bemerkt und war deshalb erstaunt, bei Goethe eine Formulierung dieser Wirkung zu finden, die meinem eigenen Erleben sehr präzise entsprach. Der zweite ist mein Gedanke einer geschichtlichen Weiterentwicklung des Denkens durch Spinoza, Goethe und Steiner. Geometrisches kristallines Denken bei Spinoza, denkendes lebendiges Anschauen bei Goethe. Bei Steiner kann sich dieses lebendige Denken dann bis in die Gestaltung seiner Bauten, insbesondere des ‚Goetheanums‘ (Der Name ist insofern Programm!) und damit bis in die äußere Sichtbarkeit ausprägen.
Goethe hat gegen Ende des 18. Jahrhundert zu einem anschauenden Denken des Lebendigen gelangen können. Dies war mit bestimmten konstitutionellen Voraussetzungen und intensiver jahrelanger Bemühung verbunden. An die Ergebnisse dieser organischen Forschungsmethode konnte Rudolf Steiner anknüpfen und sie über das Lebendige hinaus weiterführen. Dies ist vor allem in anthroposophischen Kreisen ein allgemein bekannter Zusammenhang. Nicht so bekannt ist die wichtige Beziehung Goethes zu einem Philosophen des 17. Jahrhunderts, zu Benedikt (Baruch[1]) de Spinoza. Man kennt von Goethe die Verachtung der Spekulation, und das Bekenntnis nie über das Denken nachgedacht zu haben. Das kann leicht über die philosophischen Grundlagen der Goethe’schen Forschungen hinwegtäuschen. Es ist aber sowohl für den geistesgeschichtlichen Zusammenhang wichtig diese Beziehung herzustellen wie es auch gerade in diesem Fall psychologisch interessant ist, die seelischen Wirkungen eines bestimmten Denkens zu verfolgen. Goethe bedurfte nämlich angesichts seiner besonderen Kräftesituation, einer starken Lockerung der Wesensglieder (konstitutionell und krankheitsbedingt), eines ganz bestimmten Denkens, um seine starken, aber latenten imaginativen Kräfte fruchtbar einsetzen zu können. Solche Begriffe hat Goethe durchaus gesucht, aber bei seinen Zeitgenossen (hier vor allem Kant) nicht finden können. Durch seine Fähigkeiten konnte er sehr präzise die seelischen Wirkungen der jeweiligen Denkart abspüren, und war so gewissermaßen geschützt vor dem, seine Zeit beherrschenden Kantianismus. Aber er brauchte für sein reales imaginatives Erleben geistige Begriffe, die diesem Erleben entsprachen, ja dieses Erleben erst in der richtigen Weise durchleuchteten. Solche Begriffe waren aber zu seiner Zeit schon nicht so leicht zu finden. „Nachdem ich mich nämlich in aller Welt um ein Bildungsmittel meines wunderlichen Wesens vergebens umgesehen hatte, geriet ich endlich an die ‚Ethik’ dieses Mannes.“[2] Dieser Mann war Bendedikt de Spinoza und sein Buch „Ethik in geometrischer Ordnung dargestellt“. Dies war 1774, also, bevor Goethe sich praktisch an seine Forschungen machte. Nun hat Goethe Spinoza nicht nur gelesen, als einen Philosophen unter anderen. Er hat sich intensivst mit ihm beschäftigt, und ist in dieser Beschäftigung auch unterstützt worden durch einige mehr schicksalhafte Fügungen. Er traf mit Friedrich Jacobi zusammen, der ein Buch über die Lehre Spinozas geschrieben hatte. Er fand in der Bibliothek seines Vaters ein Buch eines Autors, der Spinoza heftig bekämpfte, was ihn erst richtig motovierte diesen zu studieren. Er liest ihn im lateinischen Original zusammen mit Frau von Stein (1784). Rudolf Steiner kommt zu dem Schluss: „Die Wirkung dieses Philosophen auf Goethe war ungeheuer.“[3] Und Goethe war sich dessen auch bewusst. Er schreibt selbst 1816: „Außer Shakespeare und Spinoza wüßt’ ich nicht, dass irgendein Abgeschiedener eine solche Wirkung auf mich getan (wie Linne)“[4].
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