Goethe und Spinoza

Foto: R.Wiese, Goetheanum 2024

Ich habe letztens beim Aufräumen einen Aufsatz von mir gefunden, der 2006 in der Vierteljahresschrift ‚Anthroposophie‘ erschienen ist. (III/2006, Nr. 237). Zwei Gedanken darin finde ich auch heute noch interessant. Der eine ist, dass Goethe selbst bemerken und beschreiben kann, wie das Denken der Werke Spinozas auf ihn gewirkt hat. Ich selbst habe diese Wirkung im Durcharbeiten von Spinoza bei mir bemerkt und war deshalb erstaunt, bei Goethe eine Formulierung dieser Wirkung zu finden, die meinem eigenen Erleben sehr präzise entsprach. Der zweite ist mein Gedanke einer geschichtlichen Weiterentwicklung des Denkens durch Spinoza, Goethe und Steiner. Geometrisches kristallines Denken bei Spinoza, denkendes lebendiges Anschauen bei Goethe. Bei Steiner kann sich dieses lebendige Denken dann bis in die Gestaltung seiner Bauten, insbesondere des ‚Goetheanums‘ (Der Name ist insofern Programm!) und damit bis in die äußere Sichtbarkeit ausprägen.

Goethe hat gegen Ende des 18. Jahrhundert zu einem anschauenden Denken des Lebendigen gelangen können. Dies war mit bestimmten konstitutionellen Voraussetzungen und intensiver jahrelanger Bemühung verbunden. An die Ergebnisse dieser organischen Forschungsmethode konnte Rudolf Steiner anknüpfen und sie über das Lebendige hinaus weiterführen. Dies ist vor allem in anthroposophischen Kreisen ein allgemein bekannter Zusammenhang. Nicht so bekannt ist die wichtige Beziehung Goethes zu einem Philosophen des 17. Jahrhunderts, zu Benedikt (Baruch[1]) de Spinoza. Man kennt von Goethe die Verachtung der Spekulation, und das Bekenntnis nie über das Denken nachgedacht zu haben. Das kann leicht über die philosophischen Grundlagen der Goethe’schen Forschungen hinwegtäuschen. Es ist aber sowohl für den geistesgeschichtlichen Zusammenhang wichtig diese Beziehung herzustellen wie es auch gerade in diesem Fall psychologisch interessant ist, die seelischen Wirkungen eines bestimmten Denkens zu verfolgen. Goethe bedurfte nämlich angesichts seiner besonderen Kräftesituation, einer starken Lockerung der Wesensglieder (konstitutionell und krankheitsbedingt), eines ganz bestimmten Denkens, um seine starken, aber latenten imaginativen Kräfte fruchtbar einsetzen zu können. Solche Begriffe hat Goethe durchaus gesucht, aber bei seinen Zeitgenossen (hier vor allem Kant) nicht finden können. Durch seine Fähigkeiten konnte er sehr präzise die seelischen Wirkungen der jeweiligen Denkart abspüren, und war so gewissermaßen geschützt vor dem, seine Zeit beherrschenden Kantianismus. Aber er brauchte für sein reales imaginatives Erleben geistige Begriffe, die diesem Erleben entsprachen, ja dieses Erleben erst in der richtigen Weise durchleuchteten. Solche Begriffe waren aber zu seiner Zeit schon nicht so leicht zu finden. „Nachdem ich mich nämlich in aller Welt um ein Bildungsmittel meines wunderlichen Wesens vergebens umgesehen hatte, geriet ich endlich an die ‚Ethik’ dieses Mannes.“[2]  Dieser Mann war Bendedikt de Spinoza und sein Buch „Ethik in geometrischer Ordnung dargestellt“. Dies war 1774, also, bevor Goethe sich praktisch an seine Forschungen machte. Nun hat Goethe Spinoza nicht nur gelesen, als einen Philosophen unter anderen. Er hat sich intensivst mit ihm beschäftigt, und ist in dieser Beschäftigung auch unterstützt worden durch einige mehr schicksalhafte Fügungen. Er traf mit Friedrich Jacobi zusammen, der ein Buch über die Lehre Spinozas geschrieben hatte. Er fand in der Bibliothek seines Vaters ein Buch eines Autors, der Spinoza heftig bekämpfte, was ihn erst richtig motovierte diesen zu studieren. Er liest ihn im lateinischen Original zusammen mit Frau von Stein (1784). Rudolf Steiner kommt zu dem Schluss: „Die Wirkung dieses Philosophen auf Goethe war ungeheuer.“[3] Und Goethe war sich dessen auch bewusst. Er schreibt selbst 1816: „Außer Shakespeare und Spinoza wüßt’ ich nicht, dass irgendein Abgeschiedener eine solche Wirkung auf mich getan (wie Linne)“[4].

 Wer war dieser Benedictus de Spinoza?  Man könnte es zusammengefasst so beschreiben: Was das äußere Leben angeht, war Spinoza (1632-1677) genau das Gegenteil von Goethe. Er verzichtet auf alle äußere Wirksamkeit, um seine philosophische Freiheit nicht zu verlieren und verdient sich lieber seinen Lebensunterhalt zum Teil mit dem Schleifen von Linsen. „Er lebt still und in Verbindung mit nur wenigen Freunden“.[5] Steiner sieht dieses „Privatleben Spinozas, des Mannes, der erst von Fanatikern verfolgt wurde, dann nach freiwilliger Hingabe seines Vermögens in Ärmlichkeit als Handwerker sich seinen Lebensunterhalt suchte“ als seltenen  äußeren Ausdruck „seiner Philosophenseele, die ihr Ich im göttlichen  All wusste, und alles seelische Erleben, ja alles Erleben überhaupt von diesem Bewusstsein durchleuchtet empfand.“[6] Spinoza selbst beschreibt seinen Ausgangspunkt und sein Motiv so: “Nachdem die Erfahrung mich gelehrt hatte, dass alles, was den gewöhnlichen Inhalt des Lebens ausmacht, eitel und nichtig ist …, entschloss ich mich endlich zu untersuchen, ob es irgendetwas gäbe, das ein wahres und mitteilfähiges Gut sei.“[7] Welche Erfahrung lehrt einen Menschen, dass der gewöhnliche Inhalt des Lebens eitel ist? Das Leben selbst kann es nicht sein, dann müsste jeder diese Erfahrung machen, es muss eine bestimmte geistige Erfahrung einem solchen Gedanken zu Grunde liegen, eine geistige Erfahrung, neben der die Ebene des sinnlichen Lebens wie Traum oder Schlaf wirkt. Wer sich ein wenig intensiver mit Werk und Leben Spinozas beschäftigt kann deutlich zu dem Eindruck kommen, dass hier ein Mensch weniger durch äußere Erfahrung, wie Studium, Lehrer oder anderes geprägt wird, vielmehr jeder Satz seine Werkes geprägt ist von eigener geistiger Erfahrung und geistiger Kraft. Es handelt sich bei Spinoza also nicht um einen Kommentator, oder Wissenschaftler, der über ein bestimmtes Thema forscht, hier spricht ein Mensch direkt aus geistiger Tätigkeit und Erfahrung heraus. Selbst die Philosophiegeschichte kann dies wahrnehmen: “Der Weg, der Spinoza dazu führte, war eine Intuition, die ihm wie in einer Offenbarung das Ganzheitliche, Wesenhafte, Notwendige, Zeitlose im Teil, im Akzidentiellen, Zufälligen und nur Zeitlichen in den Blick brachte. (…) Er beruft sich auf die gleiche Tatsache, die Platon gesehen hat, wenn  er erklärt, dass alles Erkennen und Sein von der Teilhabe an der Idee lebe; die Aristoteles meint, wenn er das Akzidens bestehen lässt durch die Ousia und wenn die Erkenntnisse seines Nous nicht für ihn erzeugt werden können aus der Sinneswahrnehmung, sondern unvermischt und leidenslos sind (…)“[8]. Spinozas Ausgangspunkt ist die Erfahrung des tätigen Geistes, er bemerkt in sich, dass die Ideen nicht von der Sinneswahrnehmung in ihm erzeugt werden. „Der Verstand handelt vielmehr spontan, ist ein „automa spirituale“. [9] Er braucht dazu keinen Anstoß von außen, wie noch bei Platon, er ist tätig aus sich heraus. Und dies ist radikal neu im Verhältnis zu all seinen Vorgängern. Und dies bleibt auch neu im Verhältnis zu seinen Nachfolgern und Interpreten. Da ihnen diese Erfahrung fehlt, missverstehen sie ihn in verschiedenster Weise.[10] Ja, er wirkt aus der heutigen Perspektive wie eine Art Leuchtturm, der seine Zeit weit überstrahlt, und vielleicht heute erst wirklich verstanden und erkannt werden könnte.

Ein Weg zu diesem Verständnis ist der direkte Weg über sein Werk. Ein eher indirekter Weg geht über die Betrachtung seiner Wirksamkeit in seinen Lebenszusammenhängen. Welche Wirkungen gehen von ihm als Mensch aus? Spinozas Leben und Wirken zeigt eine doppelte Signatur: Einerseits, die auch von Steiner beschriebene Zurückgezogenheit, Bescheidenheit, der Verzicht auf jede öffentliche Wirksamkeit, auf jedes Amt. Gleichzeitig hat er eine intensive Wirkung in einen engeren Kreis von Menschen hinein. Diese Menschen, die aus den verschiedensten Schichten Amsterdams stammen, auch unterschiedliche religiöse und wissenschaftliche Auffassungen haben, sind eine Art Schülerschaft Spinozas. Ein Schülerschaft ohne jede äußere Form, die Spinozas Schriften studiert, aber sich auch persönlich mit ihm zu intensiven Gesprächen trifft – eine Schülerschaft, die seine Schriften übersetzt (ins Holländische) und verbreitet, und die ihn auch in jeder Hinsicht versucht zu unterstützen in den damaligen wirren Zeiten. Die Wirksamkeit Spinozas zeigt sich hier am deutlichsten – die Veränderungen, die die einzelnen Menschen bis in die Lebenskonsequenzen hinein erleben, wenn sie sich mit seinen Gedanken auseinandersetzen. Gedanken, die dem damaligen Zeitgeist diametral entgegenstanden, ja verboten wurden.

Gleichzeitig, trotzdem die Menschen dieser Gruppe ihn jahrzehntelang begleiten, zeigt Spinoza aber eine völlige Offenheit – kein Abschluss in einer festen Gruppierung, die andere ausschließt.  Stattdessen ein lebendiges soziales Resonanzgeschehen, mit allen Wissenschaftlern, die dies wollten und aushalten konnte. Goethe kommt dieser besonderen Wirksamkeit auf seine Weise näher: „Was mich aber besonders an ihm fesselte, war die grenzenlose Uneigennützigkeit, die aus jedem Satz hervorleuchtete.“ Dieser Begriff trifft auch sehr gut auf die Lebenswirksamkeit Spinozas zu. Und dieser Begriff deutet darauf hin, dass dieser Mensch, mitten in einer Zeit, in der die meisten Menschen alles andere als uneigennützig waren, einen seelisch-geistigen Zustand erreicht hatte, der dem entspricht, was man in der Anthroposophie mit Geist-Selbst-Qualität charakterisiert. 

Welche Gedanken Spinozas waren es, die für Goethe wiederum unverzichtbare Bedingung für sein wissenschaftliches Denken wurden?  Goethe fasst diese Gedanken auf seine unnachahmliche Art zusammen:“ Was wär’ ein Gott, der nur von außen stieße; das All im Kreis am Finger laufen ließe! Ihm ziemt’s die Welt im Innern zu bewegen; Natur in sich, sich in Natur zu hegen; so dass, was in ihm lebt und webt und ist, nie seine Kraft, seinen Geist vermisst.“[11] Spinoza selbst drückt es so aus: „nämlich daß, was auch immer von einem unendlichen Verstand als eine Essenz der Substanz ausmachend wahrgenommen wird, nur zu einer einzigen Substanz gehört, und daß folglich die denkende Substanz und die ausgedehnte Substanz ein und dieselbe Substanz sind, die bald unter diesem, bald unter jenem Attribut aufgefaßt werden.“[12]  Hier findet Goethe auch begrifflich den Zusammenhang des Denkens mit dem Leben der Natur, den Kant nicht mehr fassen kann. Kant gerinnt das Denken zur subjektiven Vorstellung, das mit dem Ding draußen nichts zu tun hat. Der Zusammenhang zwischen Subjekt und Objekt ist endgültig zerrissen. Bei Spinoza finden wir ein Bewußtsein davon, dass mein Denken und alles andere, was nicht Denken ist sich wie zwei Ausdrucksarten einer Wirklichkeit begegnen. Und in der Art seiner Begriffe und Denkprozesse, findet dieses Bewußtsein einen Ausdruck, der diese Tatsache innerlich im Durchdenken zum Erleben bringen kann. Das Durchdenken seiner „Ethik“ erfordert eine Kraftaufbringung, die dann aber nicht in einem abstrakten Begriff endet, sondern immer zwischen Kraft und abstraktem Begriff zu einem innerlichen Verstehen führt. Der Beweis, der hier immer wieder geführt wird, ist kein äußerlicher, auch kein rein logischer (geistiger); der Beweis ist ein innerlicher, der zu immer neuen Wahrheitserlebnissen führt. Diese Erlebnisse beruhen aber auf der notwendigen eigenen geistigen Tätigkeit und Konzentration. Die Folgen einer solchen stark geformten Tätigkeit auf die eigene Seele, sind genau das Gegenteil der von Goethe beschrieben Wirkung Kants auf ihn – die Erhöhung der Subjektivität. Es findet eine Objektivierung der eigenen Subjektivität statt, eine Klärung und Reinigung des Astralleibes, eine Umwandlung, die als Ergebnis die Geistselbst-Charakteristik eines derart umgewandelten Seelenlebens hat.

Spinozas Denkbewegungen gehen von Gott aus und bewegen sich von diesem Urquell aus herunter in die Welt der Modi und Attribute, der Denkarten und Affekte, bis in das soziale Geschehen hinein. Spinozas Art zu denken ist nicht die Goethes, der sich ja der sinnlichen Erscheinungswelt intensiv zuwendet. Spinoza denkt geometrisch. Sein Denken ist nicht anschaulich und gegenständlich; sein Denken ist kristallin in seiner Reinheit. Das Durchgehen durch diese Denkschulung ist für Goethes plastisches Denken aber eine unentbehrliche Vorstufe.  Denn das plastische Denken benötigt die Gestaltkräfte des Kristallinen, um im lebendigen Strömen zum Bewußtsein des Typus zu kommen, zu einer Gestalt, die sich in immer wieder neuen Gestalten auflösen kann. Rudolf Steiner beschreibt das Kristalline als den Übergang zwischen dem Mineralischen, das gestaltlos ist und dem Pflanzlichen, das die Gestalt hat, aber zusätzlich die Gestaltungsfähigkeit behält.[13] Wenn man Spinozas Denkakten folgt und sie innerlich verstehend nachvollzieht, verändert sich das eigene Lebensgefühl in einer bestimmten Weise. Goethe, der das Denken eben auch erleben konnte, so wie er das Erleben denken konnte, beschreibt diese Wirkung als einen inneren Frieden. Man fühlt sich innerlich befriedet und das Denken wie gereinigt in einer Art Objektivität, in einer Formkraft, die man gleichzeitig höchst subjektiv verstehend innerlich nachvollziehen muss. „Was ich mir aus dem Werke mag herausgelesen, was ich in dasselbe hineingelesen haben, davon wüßte ich mir keine Rechenschaft zu geben; genug ich fand hier eine Beruhigung meiner Leidenschaften; es schien sich mir eine Aussicht über die sinnliche und sittliche Welt aufzutun.“[14]

Platonismus als reale Beziehung zur eigenen geistigen Herkunft, Aristotelismus als Beziehung zur eigenen aktuellen geistigen Tätigkeit und ein Christus-Verständnis jenseits aller Konfession (wie in dem Satz: „sage ich, daß es zum Heile nicht schlechthin notwendig ist, Christus nach dem Fleische zu erkennen, daß es aber etwas ganz anderes ist mit jenem ewigen Sohn Gottes, d.h. mit Gottes ewiger Weisheit, die sich in allen Dingen und am meisten im menschlichen Geiste und von allem am meisten in Christus Jesus kundgetan hat.“[15] ) haben Goethe’s „wunderlichem Wesen“ eine Bildung geben können, die ihm den Weg eröffnet haben zu einer vertieften Verchristlichung der Naturwissenschaft. Spinoza hat Goethe schon früh lebendige Begriffe geliefert, die erst später in seinen Forschungen sich entfalteten. Die Begriffe waren so der Anfang einer Forschung, nicht das Ende (so auch Eckermann: “Einen solchen Standpunkt fand Goethe früh in Spinoza und er erkennet mit Freuden, wie sehr die Ansichten dieses großen Denkers den Bedürfnissen seiner Jugend gemäß gewesen. Er fand in ihm sich selber, und so konnte er sich auch an ihm auf das schönste befestigen. Und da nun solche Ansichten nicht subjektiver Art waren, sondern in den Werken und Äußerungen Gottes durch die Welt ein Fundament hatten, so waren es nicht Schalen, die er bei seiner eigenen spätern tiefen Welt- und Naturforschung als unbrauchbar abzuwerfen in den Fall kam, sondern es war das anfängliche Keimen und Wurzeln einer Pflanze, die durch viele Jahre in gesunder Richtung fortwuchs und sich zuletzt zu der Blüte einer reichen Erkenntnis entfaltete.“[16]).

Aus diesem Blickwinkel betrachtet bekommt aber auch Baruch de Spinoza eine ganz neue Position in der geistesgeschichtlichen Entwicklung. Die Latenz seiner geistigen Bemühungen geht erst in der Folge (unter anderem[17]) in Goethe auf, und ist nicht nur unter philosophischen Aspekten zu beurteilen, sondern in der Folgewirkung auf Goethes wissenschaftliche Forschung. Spinoza zeigt sich in diesem Blick, wie ein verborgenes Wurzelgeschehen im Verhältnis zu Goethe. Goethes wissenschaftliche Leistung wäre wiederum ohne die Arbeit Steiners eventuell folgenlos geblieben. In diesem Rhythmus Spinoza – Goethe – Steiner, zeigt sich Goethe plötzlich als ein schlüssiges Mittelglied, das aber ebenso auf die Erkenntniswurzeln Spinozas, wie auf die fruchtbare Steigerung  Steiners angewiesen ist. Während Spinoza die Wirkung seines geistigen Bemühens noch nicht bis in die Ebene des sinnlichen Lebens bringen konnte[18], konnte Goethe mit Spinozas Hilfe, die alte Aufgabe der Spiritualisierung der Naturbetrachtung beginnen; bei Rudolf Steiner zeigt sich dann die Doppelwirkung: geistige Bemühung – Wirkung im Leben in einer Person wie ausgereift. Diese über mehrere Individualitäten sich erstreckende Arbeit hat eine Organbildung ermöglicht, die aber immer noch den gleichen Gefährdungen ausgesetzt ist, wie sie bei Spinoza, Goethe und Steiner deutlich werden können. Während sich Spinoza nahezu singulär eigenständig geistig konstituieren musste, gegen seine ihn umgebende Zeit, ist Goethes Konstitution schon angewiesen auf ein geistiges Milieu, das er sich aber selbst suchen muß, Steiner wiederum in der Steigerung der Wirkung in das Leben hinein, findet sich heftigsten Widerständen gegenüber, bzw. ruft diese hervor als Lebenskonsequenz der eigenen Wahrheitsbemühung. Alle drei Schritte werden heute von jedem Menschen verlangt, wenn auch in individueller Gradierung. Der Blick in die Geistesentwicklung kann uns die dafür nötige Orientierungskraft geben.

Baruch de Spinoza, Kurze Abhandlung von Gotte, dem Menschen und dessen Glück (Meiner –Philosophische Bibliothek)

Neuntes Kapitel
Von der genaturten Natur
Was nun die allgemeine Natura naturata angeht, oder die Modi oder Geschöpfe, die unmittelbar von Gott abhängen oder geschaffen sind, so kennen wir nicht mehr als zwei, nämlich die Bewegung in der Materie und den Verstand in der denkenden Sache. Diese sind nun, sagen wir, von aller Ewigkeit her gewesen und werden in alle Ewigkeit unveränderlich bleiben. Ein Werk wahrlich so groß als der Größe des Werkmeisters geziemt!Was dann insbesondere die Bewegung angeht, da diese eigentlich mehr zur Abhandlung über die Naturwissenschaften gehört, etwa, daß sie von aller Ewigkeit her gewesen ist und in Ewigkeit unveränderlich bleiben wird, daß sie in ihrer Gattung unendlich ist, daß sie weder durch sich selbst existieren noch begriffen werden kann, sondern blß mittels der Ausdehnung – von alledem, sage ich, werden hier nicht handeln, sondern blß sagen, daß sie ein Sohn, Werk oder Produkt ist, unmittelbar von Gott geschaffen.Was den Verstand in der denkenden Sache angeht, so ist dieser ebenso wie die Bewegung auch ein Sohn, Werk oder unmittelbares Geschöpf Gottes, von aller Ewigkeit her von ihm geschaffen und in alle Ewigkeit unveränderlich bleibend. Dieses ist seine Eigenschaft: alles klar und deutlich jederzeit zu erkennen, woraus ein unendliches oder allervollkommenstes Vergnügen entspringt, das unveränderlich ist, weil es nicht unterlassen kann zu tun, was es tut.  

[1] Benediktus heißt ebenso wie Baruch der Gesegnete

[2] J.W.v.Goethe , Dichtung und Wahrheit III. Teil, 14 Buch zit. nach Rudolf Steiner GA 1 S. 76

[3] Rudolf Steiner , Einleitungen zu Goethes naturwissenschaftliche Schriften, GA 1 S. 77

[4] ebenda – (Spinoza ist natürlich nicht das einzige Bildungsmittel, und Goethe hat sein Verhältnis zu ihm auch an anderen Stellen kritischer gesehen, so spricht er in der Italienischen Reise von der ängstlichen Flucht in abstruse Allgemeinheiten, insel tb S.129)

[5] Johannes Hirschberger, Geschichte der Philosophie, Köln 1980, S. 131

[6] Rudolf Steiner, Die Rätsel der Philosophie, GA 18 S. 114

[7] Hirschberger S. 130

[8] Hirschberger, S. 135

[9] ebd. S. 133

[10] so wird er oft als pantheistischer Philosoph abgehandelt, oder von der modernen Naturwissenschaft vereinnahmt, z.B. in dem Buch Der Spinoza-Effekt vom Hirnforscher Antonio Damasio.

[11] J.W.v.Goethe, Sämtliche Werke, Propyläen-Ausgabe. Bd 27, S.21

[12] B. de Spinoza , Ethik in geometrischer Ordnung dargestellt II.Teil , S.111 Meiner-Verlag 1999

[13] R. Steiner, Theosophie S. 149

[14] T.de Vries, Spinoza, S. 173, Rowohlt 2004

[15] B. de Spinoza im 73. Brief vom November 1675 an H.Oldenburg, zit. Nach R. Steiner, Die Philosophie des Thomas von Aquino, Anmerkungen S. 114 GA 74

[16] Eckermann, Gespräche mit Goethe, insel tb S. 437 f.

[17] auch Schelling ist in seiner Frühzeit ähnlich stark von Spinoza geprägt worden.

[18] „Wie allgemein sind die Ausdrücke, dass die endlichen Modifikationen oder Folgen von Gott sind; welche Kluft ist hier auszufüllen…“ Schelling , Über das Wesen der menschlichen Freiheit, Reclam 1964 S.61

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