Der Pendelschlag des Ich im Gefühl

Am nächsten Samstag gehen wir den nächsten Schritt in unserer Seminarreihe ‚Ich-Entwicklung Begleiten‘, wobei der Begriff Seminar das Geschehen in diesen Veranstaltungen nicht wirklich trifft, da es immer ein Live-Prozess ist. Aber ein gewisser begrifflicher Vorlauf, eine gewisse thematische Bestimmung ist immer hilfreich um dann improvisieren zu können. In diesem Sinne wollen wir nächsten Samstag das Thema Wille und Gefühl im Ich angehen. Vorausgehend deshalb einige Überlegungen zum Thema.

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Das Ich im Fühlen des Gefühls

Um das Ich im Denken und Wahrnehmen bewusst werden zu lassen, geht es darum den Berührungspunkt zwischen meiner Tätigkeit im Denken und Wahrnehmen und dem objektiv Gegebenen in den Denkgesetzen und dem äußeren Geschehen zu bemerken. An dieser Grenze kann sich das Ich nur bewegen, wenn es sich selbst aktiv in seiner Tätigkeit bewusst ist – also sich als denkend oder wahrnehmend erleben kann. „Ich empfinde mich denkend…“ beginnt der Meditationssatz, man könnte ihn auch auf das Wahrnehmen anwenden: „Ich erlebe mich wahrnehmend…“ Also nicht ich erlebe meine Wahrnehmungen! Ich bin beteiligt am Zustandekommen des gesamten Zusammenhanges des Denkens oder des Wahrnehmens. Wobei es dabei fein auseinanderzuhalten gilt, die wirkliche eigene Beteiligung und die objektiven Zusammenhänge. Eine problematische Vermischung führt nur ins chaotische wahnhafte Denken und Wahrnehmen. Es handelt sich um ein Schwellengeschehen, bei dem immer die Gefahr besteht, dass die Denkformen und die Wahrnehmungsformen in falscher Weise mit Kraft aufgeladen werden. Falsch meint hier, dass das Ich sich selbst diese Kräfte zuschreibt und sich dadurch aufbläht. Es muss die kleine punktartige Grenzübergangsbewegung bleiben – empfindende Bewegung, nicht mit äußerer Kraft aufgeladene Selbstbezugnahme. Es geht um eine wahrnehmende Bewegung zwischen zentralem und peripherem Ich. Weiterlesen

Zentrales Ich und Umkreis-Ich

In einem  neuen Aufsatz von Wolf-Ulrich Klünker, ‚Das neue Tier und der Engel‘, (erschienen in der Wochenschrift ‚Das Goetheanum‘ am 5.4.2019) habe ich eine Beschreibung der Beziehung zwischen zentralem Ich und Umkreis-Ich gefunden, die meine Perspektive in meinen Beiträgen zur Ich-Entwicklung der Wahrnehmung und zum peripheren Ich des Schicksals erweitern, verdeutlichen und vertiefen kann. 

Das Alltagsbewusstsein erlebt sich normalerweise als eine Art Spiegel-Bewusstsein. Das bedeutet, das was ich denke, vorstelle, imaginiere wird nicht automatisch Wirklichkeit. Es erscheint nicht verbunden mit der Wirklichkeit. Genau dieses nicht in die Kraftwirklichkeit eingebundene Spiegel-Bewusstsein ist aber die Grundlage für die Freiheit des Menschen. Das erst einmal kraftlose Bewusstsein kann zum Ausgangspunkt werden für eine Individualisierung der Wahrnehmung und der Wirklichkeit. Wolf-Ulrich Klünker hat den Engel in der mittelalterlichen Tradition immer als die wirklichkeitsschaffende Kraft im Natur- und im Schicksalszusammenhang angesprochen. Der Engel ist aber in diesen Zusammenhang den er hält eins zu eins eingebunden. Die Verbindung zwischen dem kraftlosen Bewusstsein des Menschen und dem kraftwirksamen Bewusst-Sein des Engels liegt nicht in den (Spiegel)Bildern der Wahrnehmung und des Bewusstseins, sondern in den „individuell <spiritualisierten> Empfindungen der Welt, in denen innere Verbindungen des Menschen mit den Dingen  gleichsam real werden – hier wird eine nicht gegebene, sondern eine intendierte Welt Wirklichkeit (…)“. „Die <große >, realitätsbildende Kraft des Engels geht aus von der <kleinen> Intentionskraft und Imaginationskraft des Menschen, der aus imaginativer Kraft heraus eine Zukunftswelt imaginiert, mit der er wirklich verbunden ist.“

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Der Pendelschlag des Ich

1. Teil Denken

In unserem letzten Arbeits-Treffen ‚Ich-Entwicklung Begleiten‘ haben wir versucht das Ich in drei unterschiedlichen Grenzerlebnissen konkreter zu erfassen. Wie zeigt sich das Ich als Tätigkeit im Denken, Wahrnehmen und Handeln? Und wie beeinflussen sich diese unterschiedlichen Tätigkeiten gegenseitig? Es sollte klar sein, dass es hier weniger um den Versuch geht das Ich sauber und systematisch zu definieren, als mehr darum charakteristische Ich-Situationen phänomenologisch anzuschauen und freizulegen. Die in diesen Grenzbereichen zu erlebenden Übergänge zeigen sich nur im Ich, und nur, wenn das Ich tätig ist. Auch hier ist, wie immer, wenn es um das Ich geht, eine vorlaufende Ich-Tätigkeit und ein bestimmter Zusammenhang die Voraussetzung dafür diesen Grenzpunkt, oder auch ‚Pendelschlag des Ich‘ zu erleben, bzw. zu erzeugen.
Begonnen haben wir mit einem einfachen Satz, den Rudolf Steiner in dem Buch ‚Die Schwelle der geistigen Welt‘ im ersten Kapitel als gut geeignet empfiehlt, um den angesprochenen Pendelschlag des Ich ins Erleben zu bringen: „Ich empfinde mich denkend eins mit dem Strom des Weltgeschehens.“ Dieser Satz ist gewissermaßen die Zusammenfassung der Gedankenschritte, die Steiner in den Absätzen zuvor gegangen ist. Das Kapitel selbst handelt ‚Von dem Vertrauen, das man zu dem Denken haben kann, und von dem Wesen der denkenden Seele. Vom Meditieren“. Ich selbst bin in den Jahren ab 1999 herum intensiv mit diesem Kapitel umgegangen und habe auch einige Seminare zu diesem Kapitel gegeben, weil mir der dort geschilderte Zusammenhang als sehr einleuchtend und auch wesentlich erscheint. Wolf Ulrich Klünker hat, meines Wissens als einziger bisher, die dort behandelte Beziehung der Seele zum Denken als eine Grundlage für eine Psychologie, aber auch für eine Therapie der Seele bezeichnet. Das Vertrauen der Seele zum Denken wird dort als die entscheidende Grundlage für ein gesundes Seelenleben, wie für eine vernünftige Wissenschaft von der Seele benannt. (Wolf-Ulrich Klünker, Selbsterkenntnis, Selbstentwicklung, Stuttgart 1997 S. 15 ff.) In unserem Arbeitstreffen tauchte natürlich sofort auch die Frage auf, eine Frage, die immer auftaucht, was denn eigentlich Denken ist, oder was mit ‚Denken‘ hier gemeint ist. Klünker definiert dies für die hier gemeinte Perspektive so:“ Mit „Denken“ ist dabei allerdings nicht eine abstrakte Vorstellungsbildung gemeint, sondern der lebendige Versuch, sich im Hinblick auf sich selbst, auf die Welt und auf andere Menschen eigenverantwortlich zurechtzufinden.“ (a.a.O.) Mir erscheint diese sehr lebensnahe ‚Definition‘ als sehr hilfreich, weil darin deutlich wird, welche entscheidende Funktion für das Leben in der Ich-Tätigkeit des Denkens liegt, und wie Ich-Bildung und Ich-Entwicklung entscheidend vom Denken abhängen. Möglichweise haben sowohl individuelle wie auch grundlegende gesellschaftlichen Probleme ihre Ursache in Störungen des Denkens, bzw. in Störungen des Denkens über das Denken, also was das Denken ist und welche Funktion es im Leben hat. Es sei hier auf die Unterscheidung hingewiesen, die Rudolf Steiner im Heilpädagogischen Kurs macht zwischen Willensstörungen, die dort vorgestellten Kinder haben es damit zu tun, und Denkstörungen, von denen dort nicht weiter gesprochen wird (weil sie zu jener Zeit noch in abgeschlossenen Anstalten behandelt wurden). Einer der wenigen, der in Bezug auf die Frage, was eigentlich Verrücktheit ist, ebenfalls auf die Rolle des Denkens hingewiesen hat ist Hegel. In seiner Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften zeigt sich für ihn Verrücktheit darin, dass das vernünftige Subjekt in einem ganz bestimmten Erleben, Gefühl steckenbleibt, weil es dieses nicht in einem neuen Zusammenhang von sich selbst auflösen und integrieren kann. Dabei verweist er darauf, dass diese Anschauung nicht nur subjektives Problem eines einzelnen Menschen ist, sondern auch Anschauung einer ‚Metaphysik‘ war (und heute vielleicht wieder oder noch ist). „Der Geist ist frei und darum für sich dieser Krankheit nicht fähig. Er ist von früherer Metaphysik als Seele, als Ding betrachtet worden, und nur als Ding, d.i. als Natürliches und Seiendes ist er der Verrücktheit, der sich in ihm festhaltenden Endlichkeit fähig.“ (§408) Wenn der Geist sich selbst als Seele ansieht, also als etwas Endliches und Seiendes, nicht als etwas Schaffendes und Tätiges, dann wird er zu einem solchen Seelischen, und verliert die Fähigkeit die einzelnen Erlebnisse in einen sinnhaften Zusammenhang von sich selbst zu bringen. „Der Geist als nur seiend bestimmt, insofern ein solches Sein unaufgelöst in seinem Bewusstsein ist, ist krank.“ (ebd.) Die Therapie, Heilung besteht für Hegel (der diesbezüglich einen Pionier der Psychiatrie, Pinel, lobt) darin vom vernünftigen Menschen auszugehen, also diesen quasi vorauszusetzen und ihn zu fördern. Für eine rationelle Therapie oder Entwicklungsbegleitung wäre als Ziel zu denken, die Fähigkeit des Denkens zu unterstützen, d.h. das Vertrauen zum Denken, und damit zur Fähigkeit sich in seinem Leben zu orientieren zu unterstützen. Die Wirkung würde sich dann auch genau in dieser Orientierungsfähigkeit des Ich zeigen.

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Weitergehen (Forschungswege mit der Farbe IV)

„bilder verkörpern eine Lebensform und sie bewirken Veränderung der Lebensform. wer nicht mit ihnen lebt, kennt sie nicht.“ Raimer Jochims

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Heute war  die Finissage der Ausstellung von Wolfgang Voigt im Atelier von Elfi Wiese. Wir hatten uns für dieses Ende ja zu einer Bildbetrachtung verabredet, um uns mit dem Abstand der einen Woche noch einmal intensiv über die Bilder und unsere Wahrnehmungen und Empfindungen auszutauschen. (Mir war in der Woche mehr im Nebenbei die Wärme aufgefallen, die von den Bildern ausgeht) Diese Vertiefung ist gerade für die Wahrnehmung der Bilder von Wolfgang Voigt eigentlich unbedingt notwendig, denn wie wir uns eigentlich alle einig waren, die Bilder entziehen sich eher der Wahrnehmung. Sie sind offensichtlich da und doch sieht man sie nicht auf den ersten Blick – man muss ihnen nachgehen. Im Verlauf unserer Betrachtung eröffneten sie sich aber immer mehr und man konnte sie immer mehr sehen. Ein wesentliches Thema, das mit den Bildern zusammenhängt, ist die Frage der Zeit.

BildW.Voigt
Der ‚rote Punkt‘ wurde intensiv befragt!

Ein Bild dass drei Jahre braucht um gemalt zu werden (wie dieses oben) , hat eine andere Zeit in sich, als ein Bild, das viel weniger Zeit des Malens  in sich enthält. Ein wichtiges Motiv oder auch Gestaltungsprinzip des Malers ist die Frage des Gleichgewichtes. Wir sind dieser Frage in ihrer sehr unterschiedlichen Ausprägung in  den einzelnen Bildern nachgegangen und das hat schon das Sehen aufgeschlossen. Aber auch das sich gegenseitig erweiternde und vertiefende Gespräch und das immer wieder Hinschauen hat dafür gesorgt, dass man immer mehr sehen konnte, so dass sich auch Bilder erschlossen, denen man ohne diese Eröffnung nichts hätte abgewinnen können. Das Prinzip, dass der Betrachter selbst aktiv werden muss, um die Bilder wirklich zu sehen, und dass er ohne diese Aktivität nur eine Art Vorschaubild sieht, ist schon besonders bei Wolfgang Voigts Bildern, auch wenn es natürlich für alle Bilder gilt, hier gilt es relativ strikt!

(Im Gespräch ergab sich auch der Blick auf den Maler und Lehrer Raimer Jochims, den vor allem Ute Seifert (Kunst Raum Bremen) , aber auch Wolfgang Voigt sehr schätzen. Raimer Jochims war Rektor und Lehrer an der Städelschule in Frankfurt und natürlich Maler und Bildhauer.  Von ihm sind z.B. die Bücher: Farbe Sehen und Kunst und Identität. Die Zitate auf dieser Seite sind aus Farbe Sehen.)

Vielen Dank an alle Besucher der Vernissage und der Finissage. Unsere Forschungswege mit der Farbe gehen weiter – zu neuen Konstellationen und Situationen, aber geleitet von unserem Malen und Erkennen und Empfinden.

„bilder sind früchte der zeit. in ihnen kommt sie zur reife.“ Raimer Jochims

Roland Wiese 31.3.2019

Ich-Bewusstsein und Neurogenese

Neurogenese, oder was hat die Bildung von Nervenzellen mit dem Ich-Bewusstsein zu tun?
In der SZ von heute findet sich auf der Seite ‚Wissen‘ ein Artikel mit dem Titel ‚Achterbahn im Kopf‘. Eigentlich müsste er den Titel haben: Achterbahn in der Wissenschaft. Vordergründig geht es um die Frage, ob Menschen auch im Alter noch neue Nervenzellen bilden, oder ob die Neurogenese auf die Kindheit beschränkt ist. Früher galt die letztere Annahme als richtig, dann wurde dieses Dogma von zwei Jahrzehnten durch neue Forschungen in Frage gestellt, um vor einem Jahr durch eine neue Studie wieder aufgestellt zu werden. Ein Jahr später hat ein spanisches Forscherteam nun erneut diese Frage untersucht und knapp 60 Gehirne von gesunden und von Alzheimer erkrankten Menschen untersucht. Dabei hat man herausgefunden, dass bei den gesunden Erwachsenen durchaus heranreifende Nervenzellen nachweisbar waren. Weniger zwar als bei jüngeren Menschen, aber selbst 80 Jahre alte Menschen produzieren noch neue Nervenzellen. Allerdings ist die Neurogenese bei Menschen mit Alzheimer-Erkrankungen deutlich eingeschränkt, und die Regenerationsfähigkeit des Gehirns schwindet bereits vor dem Auftreten der ersten Symptome um ein Drittel. Die Bildung der neuen Nervenzellen wird in einem Abschnitt des Hypocampus vermutet, einem Bereich, der zentral für die Gedächtnisbildung zuständig ist.

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