Die Empfindung des Schicksals- Reloaded

Im Jahr 2011 ist das Buch ‚Die Empfindung des Schicksals‘ erschienen (Verlag Freies Geistesleben). Jetzt hat Wolf-Ulrich Klünker begonnen aus dem Buch vorzulesen und es gleichzeitig aus heutiger Sicht zu erläutern. (Auf der DELOS Webseite sind die ersten beiden Folgen zu hören) Das ist ein interessantes Format, weil im Vorlesen und Kommentieren die Entwicklung von 2011 bis heute deutlich wird, z.B. dadurch, dass Vieles, was damals noch sehr kompliziert klingt, heute schon wesentlich einfacher erläutert werden kann. Ich habe dieses Buch damals sehr intensiv durchgearbeitet und auch besprochen ( Wochenschrift) und ich hatte den Eindruck, es wird für die anthroposophische Szene darauf ankommen, ob sie den Entwicklungsschritt bemerkt und mitgeht, der mit diesem Buch gegangen wird. Im Großen und Ganzen hat sie es nicht bemerkt und ist stattdessen in einer Vergangenheitsfixierung hängengeblieben. Dies hat für sie die entsprechenden Folgen gehabt, die mir schon 2011 deutlich waren: Ihr Inhalt besteht aus vergangenem Geistesleben, das gegenwärtige ist in ihr nicht mehr zu Hause. Das mag erst einmal arrogant klingen, aber es geht um eine lebensnahe geisteswissenschaftliche Menschenkunde der Gegenwart (und der Zukunft) und diese lässt sich nicht allein aus der Exegese der Vergangenheit gewinnen! Ein wenig klingt dieses Motiv schon in meiner Rezension von 2011 durch, weshalb ich sie aus diesem Anlass hier noch einmal veröffentliche.

Update 21.4.2022: Inzwischen habe ich bemerkt, dass ich hier meinen Entwurf veröffentlicht habe, der sehr viel umfänglicher noch die geistesgeschichtliche Entwicklung nachzeichnet. Ich stelle die dann tatsächlich erschienene Rezension hier als PDF dazu!

Eine Anthroposophie der Gegenwart (2011)

Zum Erscheinen des Buches ‚Die Empfindung des Schicksals‘ von Wolf Ulrich Klünker

Es gibt wenig geisteswissenschaftliche Forschung der Gegenwart. Es mangelt geradezu an solcher Geisteswissenschaft. Vor allem angesichts der Überfülle technizistischer Wissenschaftsforschung, muss einem Angst und Bange werden, dass so wenig geisteswissenschaftlich geforscht wird. Geisteswissenschaft ist notwendig, damit sich der Mensch als Mensch selbst finden kann. Ohne sie könnte er sich verloren gehen. Schlimmer noch, er würde es möglichweise gar nicht bemerken, dass er sich schon längst verloren hat. Es würde dann als menschlich gelten können, was aus geisteswissenschaftlicher Perspektive doch als unmenschlich zu erleben wäre. Geisteswissenschaft und Menschsein gehören nahe beieinander. Vielleicht ist es deshalb so schwierig heute überhaupt einen Begriff davon zu  bekommen, was gegenwärtige Geisteswissenschaft sein könnte, weil auch das sich selbst verstehende Menschsein heute schwierig ist.

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Das Ich im Grenzbereich des Lebens

Die Umbildung geisteswissenschaftlicher Begriffe für eine Psychologie des Ich

Der folgende Beitrag ist ein Nachklang zweier Veranstaltungen der Forschungsstelle für Psychologie DELOS, kann aber auch unabhängig von diesen gelesen werden. In den Veranstaltungen ging es in der ersten um ein aktuelles und realistisches Verständnis früherer Hochschulansätze in der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners und damit um ein Verständnis der ‚Schwellensituation‘ des Ich, in der zweiten Veranstaltung ging es um ein Verständnis des ‚Ätherischen Menschen‘, verkürzt also um eine Verständnis des Menschen, der sich inzwischen in einer ‚Wasserwirklichkeit‘ des Lebendigen bewegen können muss, sich aber immer noch in einer physischen Gegenstandswelt denkt.

PDF

Die aktuelle Zeitlage scheint sich dahingehend zuzuspitzen, dass das Krisenhafte des Lebens nicht zur Ausnahme, sondern zum Dauerzustand wird. Dies gilt sowohl für die größere Zeitlage, wie auch für das einzelne Leben. Da die meisten dieser Krisen direkt oder indirekt menschengemacht sind, zeugen sie davon, dass unsere Lebensformen nicht wirklichkeitsfähig sind. Die Krisen werden auch allgemein immer als ein Aufwachen verstanden aus vorherigen illusionären Lebenshaltungen und Einschätzungen dessen was Leben ist. Oft wird in den Krisen dann mit drastischen Reaktionen (und manchmal auch Fehl- und Überreaktionen) versucht den Anforderungen der Wirklichkeit gerecht zu werden. Das ganze Geschehen ähnelt dann aber mehr dem was geschieht, wenn ein Mensch, der nicht schwimmen kann ins Wasser gerät und droht unterzugehen. Er wird hektisch und versucht mit allen möglich Bewegungen sich über Wasser zu halten, wehrt oft selbst Rettungsversuche ab, und geht doch letztlich unter. Hilfreich wäre es gewesen sich vorher mit den Gesetzmäßigkeiten des Wassers durch Schwimmen Lernen vertraut zu machen. Wenn man sich fragt, ob es im Vorfeld der Krisenwirklichkeit unseres aktuellen Lebens denn Möglichkeiten des Schwimmen Lernens gab, dann muss man etwas tiefer in das letzte Jahrhundert schauen. Man kann dann tatsächlich Beschreibungen solcher menschlicher Lagen finden, allerdings nicht als Lebenspsychologie, sondern als Beschreibung für selbst erzeugte Entwicklungssituationen, durch geistige Schulung. Wenn man die damaligen sogenannten esoterischen Schulungsansätze in dieser Hinsicht untersucht, ob sie möglicherweise eine Art Vorlauf und Vorschein auf eine Wirklichkeit waren, die jetzt allgemeine Lebenswirklichkeit für viele Menschen geworden ist, dann könnte aus ihnen eine Lebenspsychologie des Ich gewonnen werden. Dazu müsste man sie aber transformieren aus einer historischen Situation, in die sie vor einhundert Jahren eingebettet waren, in die aktuelle Gegenwart. Einige Ansätze in dieser Richtung sollen hier exemplarisch geschildert werden. Damit wird aber auch erst verständlich, was mit ‚Ich-Entwicklung‘ eigentlich gemeint ist.

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Rhythmus in der Musik und im Organismus –

Notizen zu Aristoxenos

Die folgenden Gedanken habe ich für meine Freunde, mit denen ich an dem Thema ‚Die Sinne des Ich‘ arbeite verfasst. Insbesondere für Emmanuel Rechenberg, der im Bereich der Eurythmie forscht. 

Mein peripheres Ich hat in Zusammenarbeit mit meinem zentralen Ich folgenden alten Griechen aufgetan: Aristoxenos.  (Aristoxenos – Elemente der Rhythmik, Theorie der musikalischen Zeit , bei Meiner 2021 erschienen) Aristoxenos war (enger) Schüler von Aristoteles und hat „die traditionelle Musiktheorie der Pythagoreer abgelehnt und die empirische Musikwissenschaft begründet“. Er hat als erster den Rhythmus im Sprechen vom Rhythmus in der Musik unterschieden. Dies ist auch von der Musikwissenschaft im 19. Jahrhundert aufgegriffen worden, aber die entscheidenden Aspekte seiner Rhythmik wurden nicht berücksichtigt. Das führt dazu, dass vertreten wird, „dass der klassisch-griechische Sinn für Rhythmen rein quantitativ war. Damit wurde die Rhythmik auf das Metrik, der Rhythmus auf das Metrum reduziert.“ Das hat jahrhundertelang zu einem metrischen Reduktionismus geführt, der erst durch Veröffentlichungen in den letzten Jahrzehnten aufgebrochen werden konnte.

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2022 – 20 Jahre DELOS Forschungsstelle

Vor 10 Jahren, 2012, habe ich eine kleine Jubiläumshymne auf die DELOS Forschungsstelle geschrieben und veröffentlicht (‚Ein Delphin taucht selten allein‘.) Nun haben wir 2022 und und die Forschungsstelle, zumindest die Arbeit in Eichwalde in der Stubenrauchstraße 77, ist 20 Jahre alt geworden. Anlass genug für eine kleine persönliche Standortbeschreibung. Eine mehr ‚offizielle‘ Mitteilung der Forschungsstelle findet sich auf ihrer Webseite inklusive des Beitrages von mir und einem wichtigen Aufsatz von Wolf-Ulrich Klünker aus 2012.

Als wir vor kurzem, nach längerer Zeit, mal wieder zu einem Arbeitstreffen in Eichwalde waren, hatte ich den Eindruck, dass das Haus sich doch sehr verändert hat. Und diese Veränderung hat mit der Entwicklung der Arbeit der Forschungsstelle zu tun. Nur deshalb soll dies hier auch geschildert werden. 2012 war das Haus im wesentlichen eine Art Seminar-Ort mit Gästezimmern und Wohnetage. Durch die damalige Seminarstruktur und die Forschungstreffen hatte man als Besucher immer eine Art Sonntags oder auch Festtagsstimmung (so beschreibe ich es ja auch in meinem Jubiläumsbeitrag von 2012). Das Haus füllte sich bei Seminaren und Treffen mit Besuchern und mit dem was dort inhaltlich gearbeitet wurde. Aber nach den Treffen leerte sich das Haus auch immer wieder schnell und wartete bis zur nächsten Veranstaltung. Auch die Gastgeber Wolf-Ulrich Klünker und Monika Elbert waren zu dieser Zeit die meiste Zeit in ganz Deutschland unterwegs, entweder im Rahmen der ‚Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland‘ oder auch für Vorträge und Veranstaltungen an anderen Orten.

Inzwischen hat sich das Leben für die Beteiligten doch merklich verändert. In den letzten Jahren natürlich zusätzlich durch die Einschränkungen der Corona Situation. Die größte Veränderung war dabei die Professur für Wolf-Ulrich Klünker in der Alanus Hochschule, die vor Corona die Zeit aufgeteilt hat in die Alanus-Zeit und die Eichwalde Zeit, bzw. andere Termine. Die einzige Professur für Anthroposophie (Erkenntnisgrundlagen der Anthroposophie usw.) weltweit, inzwischen seit einigen Jahren mit Ramona Rehn als wissenschaftlicher Mitarbeiterin, wie das formal genannt wird. Eine intensive, auch viel Zeit verlangende Arbeit in Alfter bei Bonn. Abgenommen haben dafür die Vorträge anderswo, aber auch die Seminare und Forschungstreffen in Eichwalde sind weniger geworden.

Für das Haus in Eichwalde hat das zur Folge, das es nun mehr ein Lebens- und Arbeitsort für die Forschungsstelle geworden ist. Das zeigt sich dem Besucher daran, dass das Haus jetzt erstmals wie in jeder Hinsicht ‚bewohnt‘ und ‚beseelt‘ erscheint. Es ist sichtbar erfüllt vom Leben und Arbeiten dort und bekommt dadurch jetzt ein dauerndes Leben. Durch die Corona Situation und den Wechsel der Alanus und Seminar-Veranstaltungen in Zoom Formate war es jetzt auch Ausstrahlungspunkt für die inhaltliche Arbeit. Es wurde jetzt dauerhaft von dort gearbeitet, Eichwalde war überall und gleichzeitig waren die Orte der Teilnehmenden im Haus anwesend. Dieses Bild von Eichwalde ist aber nur äußerer Ausdruck einer sich auch weiter entwickelnden Forschung – es kann hier nur angedeutet werden was damit gemeint ist: Der Begriff ist in der Empfindung angekommen! soweit die begriffliche Seite. Gleichzeitig ist dadurch eine Durchdringung von Empfindung und Leben möglich, die weder in bisheriger Wissenschaft, noch in den allgemeinen Lebensformen bisher möglich war. Diese Berührung und Durchdringung mitzubekommen ist natürlich nicht einfach, da man eventuell mit bestimmten Erwartungen aus der Vergangenheit mehr an der begrifflichen Seite des Geschehens interessiert war und ist. Das heißt auch die Formen , in denen eine solche Forschung (mit)geteilt werden kann, sind nicht mehr die Formen von vor zehn Jahren. Die Entwicklung läuft auf eine immer situativere Lebens- und Arbeitsform hinaus, während die allgemeinen Wissenschafts- und Lebensformen immer mehr in systematisierende Planungen und Zielvorstellungen gepresst werden. Inspiration, also Schicksalssinn und Entwicklungssinn, sind aber in solchen Formen nur schwerlich zu leben. Auch insofern ist eine solche Forschung immer auch ein maximaler Grenzgang und ähnlich wie andere Grenzberührungen nicht unbedingt massentauglich.

Die eigene individuelle Beziehung zu diesem Forschungs- und Lebens Geschehen entwickelt sich auch weiter. Seit dem Sommer gehöre ich als Mitarbeiter und Gesellschafter zur DELOS-Forschungsstelle dazu, aber in ganz eigener Position und Rolle. Deshalb kann ich eigentlich keine Jubiläumshymne mehr wie vor 10 Jahren mit dem Blick von außen schreiben. Ich kann nur aus meinem Beteiligt Sein berichten und der Sinn des Berichtes liegt darin auf die Dimensionen der Forschungsarbeit und damit der Forschungsstelle in Eichwalde hinzuweisen.

Roland Wiese, 15.1.2022

Im Übergang – 2021 zu 2022

Das Jahr 2021 geht zu Ende. Viele Dinge gingen in diesem Jahr nicht, aus bekannten Gründen. Umso wichtiger ist dieser Blog geworden. Denn mit ihm konnte ich meine (unsere) Forschungs-Arbeit weiter veröffentlichen, wenn Seminare und andere Möglichkeiten gemeinsamer Arbeit weggefallen sind. An den Besucherzahlen lässt sich ablesen, dass dieser Blog genutzt wird. 2300 Besucher 5700 Aufrufe sind nicht die Zahlen eines Influencer Blogs, aber für eine so schwierige Thematik, wie sie hier verhandelt wird, durchaus respektabel und motivierend. Die Forschung zu den Sinnen, mit dem Hintergrund der Ich-Entwicklungs-Frage, ist in diesem Jahr Schritt für Schritt weiter entwickelt worden und wird im nächsten Jahr auch noch weitergehen, – ausgehend von den ’neuen‘ Sinnen: Wirklichkeitssinn, Entwicklungssinn und Schicksalssinn. Die neuen Sinne als Wahrnehmungsmöglichkeiten für eine Ich-Wirklichkeit sind keine rein rezeptiven Sinne mehr, sie sind notwendig um in die eigene Wirklichkeit erst hineinzukommen.

Im Sommer 2021 bin ich gebeten worden die Forschungsstelle für Psychologie DELOS zu verstärken. Wolf-Ulrich Klünker, Ramona Rehn und ich sind jetzt die Gesellschafter der DELOS gGmbH. Und gewissermaßen als erstes gemeinsames äußeres Projekt haben wir eine Webseite für die Forschungsgestelle gestaltet, auf der die Forschungsergebnisse der Arbeit zusammenhänglich sichtbar werden können. www.delos-forschungsstelle.de Mein Blog steht nun nicht mehr alleine mit dieser Forschungsrichtung in der Öffentlichkeit. Er war eine Art Vorläufer…

Ein weiteres Projekt, dass sehr zukünftig, also sehr weihnachtlich, im nächsten Jahr weitergehen wird, ist die ‚Umkreis-Wiese‘. Das Nachbargrundstück zu den beiden Häusern von Wiese und Rasch haben wir in 2021 als Umkreis e.V. erworben. Bisher ist der Umkreis e.V. und auch die Umkreis gGmbH in den Dachgeschossen der Privathäuser von Wiese und Rasch beheimatet. Nun ist da ein sehr großes Grundstück – offen für neue Entwicklungen, aber noch etwas verzaubert zugewachsen mit Dornen und mit einem abbruchreifen Haus. Wir sind ganz neugierig, wie diese ganz freie und offene Entwicklung sich Schritt für Schritt weitervollziehen wird (mit unserer Hilfe).

Ich bedanke mich bei allen Lesern und wünsche allen eine gute Weihnachtszeit und alles Gute für das Neue Jahr.

Roland Wiese, 22.12.2021

DELOS Adventskalender

Ein Student der Alanus Hochschule hatte die Idee, Aussprüche von Wolf-Ulrich Klünker, die ihn in verschiedenen Veranstaltungen beeindruckt hatten, zu einem Adventskalender zu gestalten, stellenweise mit durchaus humoristischen Untertönen. Das Ergebnis hat uns echt „berührt“, in mehrfachem Wortsinn; Sie finden es im Anhang und auf der Webseite der Forschungsstelle für Psychologie DELOS.

Ramona Rehn
Wolf-Ulrich Klünker
Roland Wiese

Was ist Selbstentwicklung?

Die Wirkung der Selbstentwicklung auf das Kind

Am 19. und 20. 11.21 sollte ein Seminar mit dem obigen Thema im Waldorfseminar Köln stattfinden. Da sich nicht genügend Teilnehmer*innen angemeldet haben, haben wir das Seminar abgesagt. Angesichts der aktuellen Entwicklung der Infektionen vielleicht eine kluge Entscheidung, denn das Seminar sollte in Präsenz stattfinden. Da ich das Thema für wichtig und auch für fruchtbar halte, möchte ich die freigewordene Zeit nutzen, um einige Aspekte, die auch im Seminar eine Rolle gespielt hätten, aufzuschreiben. Vielleicht gibt es ja die Möglichkeit das Seminar zu einem späteren Zeitpunkt durchzuführen.

Einstieg

Wie wirkt eigentlich die Umgebung auf das Kind und wie geht das Kind mit dieser Wirkung um? Es ist ja bekannt, dass gerade beim kleinen Kind die Umgebungswirkung nicht nur eine seelische ist, sondern dass das Kind in den ersten Jahren seinen Organismus, seinen Leib aufbaut. Und dieser Leibaufbau ist im Wesentlichen davon geprägt, was das Kind aus seiner Umgebung aufnimmt an Wahrnehmungen, Empfindungen, Gefühlen usw. Natürlich wirkt auch die ganze äußere Umgebung des Ortes, der Landschaft, des Klimas in diese Leibbildung mit hinein. Rudolf Steiner hat 1924 diese Situation des (ganz) kleinen Kindes sehr prägnant beschrieben: „Wir sind als Kind fast ganz Sinnesorgan, Auge, Ohr. Das Kind nimmt alles, was in seiner Umgebung geschieht, so wahr, wie wenn sein ganzer Körper Sinnesorgan wäre. Deshalb macht es alles nach, weil alles weitervibriert in ihm und wiederum mit derselben Weise, wie es in ihm vibriert, durch seinen Willen aus ihm heraus will.“ (sogenannte Klassenstunden: Neunte Stunde 22.4.1924) Also alles, was um das Kind herum ist, wirkt auf das Kind und wirkt in das Kind hinein „vibrierend“ und  diese Einwirkung vibriert in den Willen, also in die Bewegung des Kindes hinein und durch den Willen des Kindes als Bewegung wieder aus ihm heraus. Und durch diese Tätigkeit werden die Umgebungswirkungen vom Kind einverleibt. Die Umgebung des Kindes ist nicht etwa tot oder passiv und sie muss vom Kind wahrgenommen werden. Die Umgebung ist Vibration für das Kind und wird auch wieder in gleicher Weise ‚ausgeatmet‘ als Vibration, als Bewegung. In das Kind geht permanent die Bewegung der Umgebung ein und wird als Bewegung wieder durch das Kind hindurch ausagiert.

Wilhelm Lehmbruck, Mutter und Kind 1907
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Leben und Licht

Als ich am Samstag Blätter zusammenharkte und in meinen Hänger packte, um sie auf den Grünplatz zu bringen, leuchteten aus dem Hänger die farbigen Blätter so konzentriert, dass ich dachte ich habe eine Art Lichtbatterie vor mir. Eine Art realer Photovoltaik, eine Ausstrahlung von Lebenslicht aus den Blättern. (Ich gebe zu, ich hatte tatsächlich kurz den Gedanken, man müsste doch etwas mit diesem Lichtleben machen). Natürlich hatte ich schon die ganze Zeit intensiv die Lichtfarben der absterbenden Blätter aufgesogen. Aber erst mit den Blättern im Hänger wurde mir etwas klar. Das ausstrahlende Licht der Herbstblätter erlebte ich in einem Kontrast zu dem mehr einstrahlenden Licht der Frühlings Vegetation. Es ist jeweils eine andere Gefühlsstimmung, die die jeweilige Pflanzenlebenslage begleitet. Das Licht das in die Pflanze einstrahlt und sie lebendig macht, wachsen lässt, dass durch die noch zarte Pflanze hindurchstrahlt, oder das Licht, das aus den Blättern am Ende ihres Lebenszyklus herausstrahlt. Dieses Licht hat gelebt und es steht kurz davor dieses Leben auch zu erleben. Aber dafür fehlt der Pflanze, dem Baum der Innenraum. Es ist ein Licht, in dem das Leben dieser Pflanze, dieses Baumes in diesem Sommer, lebt und webt. Es muss aus dem ‚Körper‘ Blatt heraus, dieser kann es nicht halten. Der Baum muss wiederum die Blätter abstoßen, weil er das Seelisch werdende des Blattes nicht ertragen kann. Es würde ihn vergiften. Stattdessen bildet er im verhärtenden Holz seine Lebensringe des Wachsens. Manche Blätter haben auch mehr die Tendenz zum Holzigen, wie die Eichenblätter, manche, wie die Ahornblätter und die Lindenblätter haben mehr die Tendenz zum Wässrigen und zum Leuchtenden. Zwei Art Lebenslicht: Einstrahlendes Lebenslicht und austrahlendes vergehendes gelebtes Licht. Der Unterschied zur Lichtrhythmik im menschlichen Leben – aber gleichzeitig wie eine Begegnung mit einem großen weiten Licht-Lebens-Ich.

Gleichzeitig haben die Blätter ja dieses Jahr, diesen Sommer über gelebt. Sie haben das Licht, das sie jetzt ausstrahlen, die Farben, in denen sie jetzt erstrahlen, aus dem Leben dieses Sommers herausdestilliert. Wenn ich jetzt diese Farben und ihr ausstrahlendes Licht erlebe, trifft dies auf mein Leben, das ich in diesem Jahr gelebt und erlebt habe. Und es entsteht eine Wechselwirkung zwischen beiden. In mir wird das gelebte Licht der Pflanzen menschlich seelisch.

16.11.2021