Ein weiteres längeres Zitat zum Tastsinn aus dem neu erschienenen Band ‚Untersuchungen über die Seele‘ von Thomas von Aquin. Erstmals ins Deutsche übersetzt und bei Meiner erschienern.
Zum Tastsinn
„Wenn es nun aber auch mehrere Sinne gibt, so ist gleichwohl einer die Basis der anderen, nämlich der Tastsinn, in dem die ganze sensitive Natur grundlegend besteht. Daher heißt es im 2. Buch von Aristoteles’ Schrift Über die Seele, daß man etwas zuerst wegen dieses Sinnes ›Lebewesen‹ nennt. Daher kommt es, daß, wenn dieser Sinn, wie es im Traum geschieht, unbeweglich ist, auch alle anderen Sinne unveränderlich werden. Und außerdem: Alle anderen Sinne werden nicht nur von der zu großen Stärke der spezifischen Wahrnehmungen aufgehoben, wie das Gesicht von sehr hellen Eindrücken und das Gehör von sehr lauten, vielmehr auch von der Übermacht der Tasteindrücke, wie von starker Hitze oder Kälte. Wenn also der Körper, mit dem die vernünftige Seele vereint wird, für die sensitive Natur bestens geeignet sein muß, ist es notwendig, daß das Organ des Tastsinnes im höchsten Maße angemessen ist. Deshalb heißt es im 2. Buch von Aristoteles’ Schrift Über die Seele, daß wir von allen Lebewesen bei diesem Sinn größere Genauigkeit haben und daß auch wegen der Qualität dieses Sinnes ein Mensch gegenüber einem anderen für die geistigen Tätigkeiten besser geeignet ist.“
S. 109
Der Tastsinn wird hier von Thomas, wie bei Aristoteles auch, noch umfassend verstanden. („Der hier erstmals vollständig ins Deutsche übersetzte Text umfaßt 21 Fragen, die Thomas, so weiß man seit der kritischen Edition in der Editio Leonina 1996, in der neueingerichteten Ordenshochschule Santa Sabina in Rom 1266/67 disputiert und schriftlich gefaßt hat. Der Kommentar zu Aristoteles’ De anima, mit dem Thomas seine Aristoteles-Kommentierung40 eröffnet, ist zwischen Ende 1267 und Sommer 1268 zu lokalisieren.41 Dieses Jahrzehnt ist dasjenige, in dem Wilhelm von Moerbeke erstmals seine intensive Übersetzertätigkeit entfaltet hat. Im Zuge dieser Bemühungen ist beispielsweise auch noch die De-anima-Paraphrase des Themistius42 (4. Jh.) im Lateinischen zugänglich geworden.“ Aus dem Nachwort)
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