Im Meiner Verlag ist vor kurzem die Übersetzung eines Textes von Thomas von Aquin erschienen, in dem Thomas sich mit der Seele des Menschen beschäftigt. Der Originaltitel ist ‚Untersuchungen über die Seele‘ (Questiones disputatae de anima). Seine Untersuchungen stützt er wesentlich und sehr explizit auf ‚de anima‘ , also ‚Über die Seele‘ von Aristoteles. Einige Hundert Seiten feinste Denkbewegungen zum Thema menschliche Seele! Interessanterweise gibt es einen zweiten Text dazu: Über die Geistgeschöpfe.
Nebenbei bemerkt habe ich, den Eindruck, dass die Beschäftigung mit den Mittelalter-Texten, natürlich insbesondere Thomas und Albertus, heute für uns gegenwärtige Menschen eine andere Bedeutung und Wirkung haben kann, als man gemeinhin annehmen würde. Ich halte die Beschäftigung mit diesem Denken insofern für wesentlich, jenseits aller Spezialwissenschaft, weil es einen inneren Bezug zu dem herstellen kann was und wie wir sind, einen Bezug, der im Denken dieser Formulierungen aufwachen kann. Das freie in feinen Begriffsbewegungen sich vollziehende Denken kann heute, und erst heute trotz bzw. gerade wegen seiner Abstraktheit, eine gewisse Wachheit und eine Art Empfindung von Leben in uns erzeugen. Man kann durch die benötigte eigene Denkkraft wie aufwachen aus dem Alltagsbewusstsein der Gedankeninhalte zum Denken.
Ein Ausschnitt aus dem Text (S. 19) kann vielleicht verdeutlich, was ich meine:
„Dies läßt sich nämlich im Ausgang von der Rangordnung der natürlichen Formen vor Augen führen. Es findet sich nämlich bei den Formen der niedrigen Körper eine um so höhere, je weiter sie den höheren Prinzipien ähnlich wird und sich ihnen annähert. Dies kann nämlich anhand der jeweils spezifischen Tätigkeiten der Formen untersucht werden. Die Formen der Elemente, welche die untersten und der Materie am nächsten stehenden sind, verfügen über keine Tätigkeit, welche die aktiven und passiven Qualitäten, das Lockere und das Dichte und das andere dieser Art, was offensichtlich die Bestimmungen der Materie sind, überschreitet. Über diesen wiederum sind die Formen der gemischten Körper, welche neben den genannten auch eine Tätigkeit aufweisen, die sich aus der Art ergibt, welche von himmlischen Körpern bestimmt ist, wie der Magnet das Eisen anzieht – dies nicht wegen der Wärme oder der Kälte oder etwas dieser Art, sondern wegen seiner Teilhabe an einer himmlischen Kraft. Über diesen Formen wiederum sind die Seelen der Pflanzen, welche nicht nur mit den Himmelskörpern, sondern auch mit deren Bewegern eine Ähnlichkeit haben, insofern sie die Ursachen bestimmter Bewegungen sind, durch die sie sich selbst bewegen. Über diesen wiederum sind die Seelen der Tiere, welche bereits mit dem Wesen, welches die Himmelskörper bewegt, eine Ähnlichkeit aufweisen, und zwar nicht nur hinsichtlich der Tätigkeit, durch die es die Körper bewegt, sondern auch hinsichtlich dessen, daß sie in sich selbst erkenntnisfähig sind, wenn auch die Erkenntnis der Tiere sich ausschließlich auf Materielles bezieht und <auch selbst> materiell ist, weshalb sie körperlicher Organe bedarf. Über diesen wiederum sind zuletzt die menschlichen Seelen, die eine Ähnlichkeit mit den höheren Substanzen auch in der Gattung der Erkenntnis aufweisen, weil sie beim Erkennen auch Immaterielles aufzufassen vermögen. Dennoch bleiben sie hinter diesen darin zurück, daß die menschlichen Seelen die immaterielle Erkenntnis des Verstandes aus derjenigen Erkenntnis, die durch den Sinn auf die materiellen Dinge bezogen ist, <und> die menschlichen Seelen die Natur des Aufnehmens haben. Auf diese Weise läßt sich also aus der Tätigkeit der menschlichen Seele die Art ihres Seins erkennen. Insofern sie nämlich eine über das Materielle hinausgehende Tätigkeit hat, ist auch ihr Sein über den Körper erhoben und hängt nicht von ihm ab. Insofern sie aber die immaterielle Erkenntnis aus der materiellen zu entnehmen hat, ist es offensichtlich, daß die Vollständigkeit ihrer Artbestimmung nicht ohne die Einheit mit einem Körper erlangt werden kann. Es gibt nämlich in irgendeiner Art nur dann Vollständiges, wenn es das hat, was zur spezifischen Tätigkeit der Art erforderlich ist. Auf diese Weise ist es offensichtlich, daß die menschliche Seele, insofern sie mit dem Körper als dessen Form vereint ist und dennoch ein über den Körper erhobenes Sein besitzt, das nicht von ihm abhängt, daß sie auf der Grenzlinie der körperlichen und der von der Materie getrennten Substanzen gebildet ist.