Dionysos – Übergänge zwischen Denken und Leben

Die Schale des Exekias

schale des exekias
München, Staatliche Antikensammlungen Inv.8729: Schale des Exekias (um 540/35 v. Chr.): Meerfahrt des Dionysos (aus dem Buch ‚Dionysos Verwandlung und Ekstase‘ Staatliche Museen zu Berlin 2008 S. 147)

„Dann erschien an der Spitze des Mastes wahrhaftig ein Rebstock, rundum behangen mit zahllosen herrlichen Trauben in voller Reife, und um den Mast herum schlangen sich Ranken von dunklem Efeu, reichlich mit Blüten besetzt und mit lieblichen Früchten.“

„Der Gott war inzwischen ein grimmiger Löwe geworden, der mit drohender Miene brüllte und außerdem einen Bären ins Mittelschiff zaubernd ein weiteres Wunder bewirkte. Sogleich erhob sich der Bär zum Angriff, der Löwe jedoch stand grimmig blickend am Bug; zum Heck hin flohen die Piraten.

Um den Steuermann, der noch Vernunft bewahrte, sich scharend, standen sie zitternd vor Angst. Da stürzte der Löwe sich auf den Hauptmann, die anderen, um dem bösen Geschick zu entrinnen, gingen alle zugleich über Bord in die heilige Salzflut, wo sie Delphine wurden.“

(aus ‚Homerische Hymnen VII – An Dionysos‘ 2017 WBG, S. 119)

Die Schale des Exekias ist tiefrot und wunderschön in ihrer Harmonie des Bildes, das im Inneren der Schale gezeigt wird. Das Schiff, der Mast mit den Trauben und den Reben, das weiße Segel und in der unteren Hälfte des Kreises die Delphine. Liest man dazu den Text von Homer (oben einige Ausschnitte) erlebt man eine ganz andere Stimmung: Piraten entführen den Gott Dionysos auf ein Schiff – Der Steuermann warnt sie noch, sie hören nicht auf ihn und werden dann mit wilden Tieren konfrontiert und als sie ins Wasser springen in Delphine verwandelt. Eine typische Dionysos Geschichte, ähnlich auch wie die der Euripides Tragödie ‚ Die Bacchen‘, in der Pentheus, der Herrscher von Theben, Dionysos nicht (an)erkennt und ehrt und später von wilden Mänaden, darunter seine eigene Mutter zerrissen wird. Wofür steht Dionysos in der griechischen Lebenswelt? Er steht für eine Art Übergang zwischen einem ewigen Leben (zoe), das durch den Tod hindurch immer wieder neu entsteht und dem irdischen Leben (bios).

Der Gott, der mit dem Wein und auch mit dem Theater verbunden ist, repräsentiert im irdischen Leben das ewige Leben – ein Leben in dem Leben und Erleben noch verbunden ist; umgekehrt repräsentiert er auch im ewigen Leben das irdische Leben, in dem diese beiden Wirklichkeiten im Menschen getrennt sind. Wer in Berührung mit diesem Vermittler zwischen Diesseits und Jenseits kommt, erlebt, wie in einer Art Spiegelung der eigenen Seelenart, den Gott als ‚mild‘ oder als ‚grausam‘. Man erschafft sich wie selbst eine Wirklichkeit, die dem eigenen Vermögen entspricht sich in diesem Schwellenbereich des Schöpferischen, aber auch des Zerstörerischen zu bewegen. Die Räuber und Piraten, die den Gott versuchen zu fesseln und zu entführen, um ihn für die eigenen Zwecke zu benutzen (sie halten ihn für einen Königssohn), erkennen Dionysos nicht, der Steuermann bemerkt, dass er es mit einem Gott zu tun hat, er ist nicht blind, weil er keinen eigennützigen Zweck verfolgt, sondern das Schiff steuert. Auch Pentheus, der mit seinem Namen (der Leidende) sowohl sein eigenes Schicksal andeutet, wie auch seine Verwandschaft mit dem Gott, denn auch Dionysos hat unter seinen vielen Beinamen den des Leidenden, auch Pentheus kann nicht erkennen mit wem er es zu tun hat obwohl sich der Gott ihm zu erkennen gibt, weil er glaubt seiner Aufgabe als Herrscher der Stadt folgen zu müssen.

Die Lebenswirkungen des eigenen Denkens haben die griechischen Protagonisten ebenso wenig im Bewusstsein, wie wir es heute haben. Bestimmte Denkformen sind nicht wirklichkeitsfähig im Sinne einer lebensschaffenden Wirkung. Inhalt und Zweck des Denkens können blind machen für die lebensfeindliche Art des Denkens, und sie können ablenken von der eigenen Beziehung zum Denken.  Außen auf der Schale sind große Augen zu sehen (Konvex Außenseite); innen das Bild mit dem ruhenden Gott auf dem Schiff, aus dessen  toten Holz Reben und Trauben gewachsen sind. Eine interessante menschenkundliche Aussage aus der Antike.

(Ich bin auf die Schale des Exekias gestoßen über das Titelbild des Albertus Buches ‚Über die Einzigkeit des Intellekts‘. dionysus_1[1]Als ich das Titelbild aus dem Verlagsprogramm herauskopierte, stand plötzlich unter dem Bild der Name Dionysos. Da ich mich schon seit einiger Zeit mit Dionysos beschäftige, im Zusammenhang mit der oben angedeuteten menschenkundlichen Frage, hat mich das neugierig gemacht. Ich habe dann das Bild gesucht und nicht gefunden (im Netz). Erst einen Tag später, als ich mehr zufällig in einem Katalog der Antikensammlung Berlin über Dionysos las, fand ich die Schale, die jetzt plötzlich rot war, statt blau wie auf dem Albertus-Buch. Beide Versionen der Schale schildern einen anderen Aspekt des gleichen Bildes, – die rote Form mehr eine irdisch-seelisch-ätherische Form der Ruhe und Harmonie; die blaue mit den goldenen Figuren mehr eine kosmische Stimmung der Nacht, mehr sternenhaft).

Ein sehr schönes Beispiel einer christlichen Form dieses ‚Lebens‘ fand ich im Mai  in einer Kirche in Irschen in  Österreich. Interessanterweise ist die Kirche dem heiligen Dionysius geweiht. imgp5340

Im Schrein des Altars in der Mitte, also unter der Pedrella, finden sich Dionysius mit dem Kopf in der Hand und Johannes der Evangelist mit dem Kelch in der Hand. Ein Zusammenhang, der auch inhaltlich für die hier angesprochene Frage interessant ist. IMGP5342.JPG

Roland Wiese 9.1.2019

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