Selbstheilungskräfte des Ich II

Ich schulde noch einen inhaltlichen Blick auf das Delos-Seminar vom Juni. Mein erster Beitrag dazu (Selbstheilungskräfte des Ich) war ja mehr ein Blick auf die Wirkung des Seminars. Im Folgenden soll deshalb ein inhaltlicher Zusammenhang des Seminars, der mir wichtig ist, dargestellt werden. (Geholfen hat mir, dass wir am Donnerstag das Seminar noch einmal durchgegangen sind, weil jemand, der nicht teilnehmen konnte, gerne den Anschluss haben wollte.) Hier stelle ich tatsächlich nur den Inhalt dar, der im Seminar von Wolf-Ulrich Klünker bearbeitet wurde. Ich arbeite aber an einem längeren Aufsatz, der das Thema vertieft.

Bis ins 19. und 20. Jahrhundert hinein gab es noch letzte Orte, an denen der alte Zusammenhang von Spiritualität und Therapie existierte. Dieser Zusammenhang war, wie z.B. in Königslutter, immer auch ein baulicher – z.B. Dom und Krankenhaus. Geistiges und Elementares Geschehen kamen dort zusammen und bildeten ein therapeutisches Milieu. Auch in den griechischen Tempelanlagen findet man solche Anlagen. Was wäre ein solcher Zusammenhang heute unter den Bedingungen des Ich? Also: Geistiges vom Ich her gedacht, Elementare Verhältnisse vom Ich her bestimmt? Weiterlesen

Selbstheilungskräfte des Ich

IMG_20190630_114358

„Selbstheilungskräfte des Ich“ – Der Titel dieses Beitrages war auch der Titel der Veranstaltung am Wochenende in der DELOS-Forschungsstelle in Eichwalde. Man kann das Seminar nennen, aber Wolf-Ulrich Klünker betonte schon in der Einleitung, dass es nicht so einfach ist eine Veranstaltung zu diesem Thema zu haben. Denn man könnte natürlich Veranstaltungen über die Selbstheilungskräfte noch und nöcher machen, ohne dadurch den Selbstheilungskräften auch nur einen Schritt näher zu kommen. Wie können aber die Selbstheilungskräfte im einzelnen Menschen selbst angesprochen werden, ohne das Ich der anwesenden Menschen zu umgehen? Interessant ist für mich die Wahrnehmung des Nachklangs der Veranstaltung – die inhaltliche Seite war sicherlich nicht unwichtig, aber viel wesentlicher erscheint mir, dass ich mich danach in einem anderen Zustand befinde als vorher. Man könnte es vielleicht so formulieren – ich empfinde sehr genau, ohne zu wissen, woher ich das wissen kann, das mein Zustand nach der Veranstaltung idealiter der ist, der mir möglich ist, in dem ich mich aber sonst nicht befinde. Ich erlebe mich ansatzweise in einer gewissen Identität von leiblicher und geistig-seelischer Möglichkeit. Ich schließe daraus verschiedene Dinge: Ich habe mich am Wochenende in der geistigen Bewegung und Bemühung mit den anderen und mit Wolf-Ulrich Klünker in einer Wirklichkeitsschicht aufgehalten, in der die Selbstheilungskräfte des Ich anwesend sind. Das, was und wie wir am Wochenende gesprochen und gefühlt haben sind die Selbstheilungskräfte. Man muss jetzt nicht meinen, dass das seelisch in irgendeiner Weise eine besondere Intensität hatte, weder während noch nach dem Seminar. Das Gefühl der Identität mit sich selbst (bis in den leiblichen Bereich hinein) ist nicht besonders aufdringlich, sondern eher leise. Es ist auch nicht zu beweisen, dass es irgendeinen Zusammenhang mit der Veranstaltung hat. Es ist mir aber innerlich vollständig klar, dass es so ist. Resümee: Die Selbstheilungskräfte (man kann sich mal fragen, wie man sich diese eigentlich vorstellt!) sind möglicherweise ganz anders. Sie sind vielleicht eine gewisse geistige Aktivität – Steiner hat es im Lebensgang (seiner Autobiographie) einmal so formuliert, dass man mit dem ganzen Menschen in das Denken, also in das geistige tätig sein, hineingeht. Selbstheilungskräfte, ein heute viel gebrauchter Begriff, zu Steiners Zeiten hätte man vielleicht noch vom ‚Lebensgeist‘ gesprochen. Ein Geistig-Seelisches, das in der Lage ist Leben aufzubauen. Natürlich ist eine solche Veranstaltung keine Dauermedikation, aber man kann für sich eine Art Modellerfahrung machen, welches Leben in welcher geistigen Aktivität eigentlich notwendig ist, um die Einheit zwischen Leben und Bewusstsein wiederherzustellen. Also welche Art von Bewusstsein lebenswirksam ist und, gleichermaßen, welche Art von Bewusstsein lebensschädigend wirkt. Beide Wirkungen beschränken sich dabei nicht auf den eigenen Organismus, sondern strahlen in die Lebenswirklichkeit insgesamt aus.

Weiterlesen

Die Sinne des Ich

Teil 1

Am vorletzten Wochenende haben Albrecht Kaiser und ich im Blockseminar an der Alanus-Hochschule eine Einführung in die Sinneslehre Rudolf Steiners gegeben. Es war naheliegend, weil Albrecht Kaiser Osteopath ist, mit dem Tastsinn zu beginnen. Albrecht hatte im Sinn gehabt, und es anfänglich auch angesprochen, das Sinnesverständnis der Anthropologie (insbesondere der Medizin) in ein Verhältnis zum Sinnesverständnis der Anthroposophie zu setzen. Daraus könnte sich dann auch der Wissenschaftsbegriff der Anthroposophie klären. Hintergrund für diesen Vergleich war der Ansatz Steiners in seinem Text ‚Anthroposophie- Ein Fragment‘, in dem er die unterschiedliche Wissenschaftsart von Anthropologie und Anthroposophie skizziert. Rudimentär haben wir das in Alanus angedeutet. Ich möchte im Folgenden ganz basal nochmal an unseren Ansatz in Alanus anknüpfen, und dem ein wenig nachgehen, wie Steiners Forschungsansatz in Bezug auf eine ‚Anthroposophie‘, ausgehend von den Sinnen, genau aussieht. Das könnte helfen bei sich selbst diesen Ansatz klarer zu bekommen.
(In der Wochenschrift Das Goetheanum hat Salvatore Lavecchia sich ebenfalls in einem Aufsatz auf diesen Text Steiners bezogen. Unter dem Titel ‚Anthroposophie als Revolution der Sinne‘ (unten als PDF angefügt) wird dort ein Beitrag von ihm veröffentlicht, den er auf einer Tagung in Dornach zum ‚Fragment‘ mit dem Titel die ‚Metamorphose der Sinne‘ vorgetragen hat.)

 
Rudolf Steiner hat ja seinen Wissenschaftsansatz als Fortsetzung der zu seiner Zeit gültigen Naturwissenschaft angelegt – eben von der Anthropologie zur Anthroposophie. Also eine Wissenschaft, die nicht aus den Sinnesdaten heraus sich den Menschen erschließt, sondern aus einer geisteswissenschaftlichen Perspektive. Und er beginnt diese Grundlegung mit der geisteswissenschaftlichen Betrachtung der Sinne! Rudolf Steiner grenzt im ‚Fragment‘ die Anthroposophie von der Anthropologie einerseits und der Theosophie andererseits ab, indem er sie als etwas Mittleres bezeichnet. „Anthroposophie wird den Menschen betrachten, wie er sich vor die physische Beobachtung hinstellt. Doch wird sie die Betrachtung so pflegen, dass aus der physischen Tatsache der Hinweis auf einen geistigen Hintergrund gesucht wird.“ Dieser engere wissenschaftliche Begriff der ‚Anthroposophie‘ deckt sich natürlich nicht mit dem, was heute allgemein unter Anthroposophie verstanden wird. Für andere Untersuchungsgegenstände hat Steiner in dieser Zeit jeweils eigenständige Begrifflichkeiten gewählt: Psychosophie und Pneumatosophie und Theosophie, und hat diese in einigen Vorträgen ansatzweise und beispielhaft skizziert. Die Unterscheidung zwischen Wissenschaften, wie Anthropologie, Psychologie, Geologie etc. und Wissenschaften, die schon in der griechischen Wissenschaftshierarchie als Sophie bezeichnet wurden (Spitzenwissenschaft war damals die Theosophie) deutet an, was mit Fortsetzung der Wissenschaft gemeint sein könnte. Wer in diesem Bereich forschen will muss sich im Sinne einer adequatio intellectus ad rem erkenntnismäßig an seinen Forschungsgegenstand angleichen können und wollen.
Steiners Forschungsansatz wird in dem einfachen Satz deutlich: „Doch wird sie die Betrachtung so pflegen, dass aus der physischen Tatsache der Hinweis auf einen geistigen Hintergrund gesucht wird.“ Normalerweise forscht man heute so, dass aus der physischen Tatsache der physische Hintergrund gesucht wird, in Bezug auf die Sinne bedeutet das, man stellt die physischen Tatsachen zusammen, die die physischen Bedingungen für die Sinneswahrnehmung darstellen. Wie will Steiner nun aus den physischen Tatsachen Hinweise auf einen geistigen Hintergrund suchen? Im folgenden Kapitel scheint er diesen Ansatz wieder einzuschränken: Man solle vorerst ganz davon absehen, ob sich hinter dem, was die Sinne beobachten, selbst ein Geistiges befindet. “Zu dem Geistigen sollte man sich, wenn man von den Sinnen spricht, so stellen, dass man abwartet, inwiefern sich naturgemäß aus der Sinnesbeobachtung der H i n w e i s auf das Geistige ergibt. Weder abgewiesen, noch vorausgesetzt darf das Geistige werden; es muss sein Hereinscheinen e r w a r t e t werden.“ (S.17) Es folgt dann im nächsten Schritt (in Kapitel III Die Welt, welche den Sinnen zugrunde liegt) die Frage, woraus die Sinneswelt und die Sinne selbst hervorgehen. “Man braucht nichts weiteres, als dieses in voller Klarheit durchzudenken, um sich zu sagen, derjenigen Welt, welche dem Menschen durch seine Sinne gegeben ist, und auf welche er sein Seelenleben aufbaut, muss eine andere Welt zum Grunde liegen, welche diese Sinneswelt erst dadurch möglich macht, dass sie die Sinne aus sich heraus entstehen lässt. Und diese Welt kann nicht in das Gebiet der sinnenfälligen fallen, da sie ihr ganz und gar vorangehen muss.“ (S.36) Denn ohne Sinnesorgane keine sinnliche Wahrnehmung; also kann ich mir die Welt, aus der die Sinnesorgane entstehen nicht als eine sinnliche denken, denn eine solche Welt setzt wiederum Sinnesorgane voraus. Es muss also eine Welt geben, die der sinnlich wahrnehmbaren Welt vorangeht und aus der heraus die Sinne entstehen und damit in der Folge die sinnliche Wahrnehmung. „Der aller Sinneswahrnehmung notwendig vorausgehende Aufbau der Sinnesorgane muss in einem Wirklichkeitsgebiet geschehen, in welches keine Sinneswahrnehmung mehr dringen kann.“ (Denn es sind ja noch keine Sinnesorgane vorhanden!) (S.37).


Es lohnt sich an dieser Stelle innezuhalten und länger mit diesem Zusammenhang umzugehen. Er benennt nämlich die Grenze zwischen sinnlich wahrnehmbarer Welt und nicht sinnlich wahrnehmbarer Welt. An dieser Grenze muss man seine durch die sinnliche Wahrnehmung geprägte Denkweise überprüfen und umorientieren. Nur indem man selbst diese Grenze denkend bemerkt, kann man sich an dieser Grenze richtig orientieren in Bezug auf den Unterschied zwischen sinnlicher und übersinnlicher Welt. Dabei stützt sich Steiner hier auf die bekannte Erkenntnis des Aristoteles, dass das was für uns früher ist, also dass was wir zuerst wahrnehmen und denken, nicht das ist, was seiner Natur nach das Frühere ist. Oder anders formuliert: Wir beginnen mit unserem Erkennen an einem bestimmten Punkt, der mit unseren Erkenntnismöglichkeiten zu tun hat, in der Regel mit einer Wahrnehmung und müssen uns dann von diesem Punkt aus zu dem hinarbeiten, was zu dieser Wahrnehmung geführt hat. Die sinnliche Wahrnehmung ist in gewisser Hinsicht ein Endpunkt eines Geschehens und in anderer Hinsicht ein möglicher Anfangspunkt. Die Welt die der Sinneswelt vorangeht, wie es Steiner nennt, ist die der Natur nach frühere. Die sinnliche Welt ist demgemäß die spätere, aber sie ist die für uns frühere, weil wir von ihr ausgehen. „Es ist ganz berechtigt, davon zu sprechen, dass die Sinnesorgane aus einer Welt aufgebaut sein müssen, die selbst ü b e r s i n n l i c h ist.“ (S.38)
29.6.201

Artikel Salvatore Lavecchia PDF Ich und Sinne S.Lavecchia6.19

 

 

Kurz, aber intensiv…

Ich habe heute, zusammen mit Albrecht Kaiser, Student*innen an der Alanus Hochschule zum Thema ‚Einführung in die Anthroposophie‘ unterrichtet. Wolf-Ulrich Klünker hatte Albrecht Kaiser und mich kurzfristig gefragt, ob wir am Sonntag für ihn einspringen würden. Und so haben Albrecht und ich heute gemeinsam mit den Studenten an der Sinneslehre, vor allem am Tastsinn gearbeitet. Wolf-Ulrich und Ramona Rehn hatten Freitag und Samstag schon einige Themen vorgearbeitet. Die Student*innen waren, genau wie wir, sehr zufrieden mit dem Einstieg und auch mit den Vertretungsdozenten. Lieber Albrecht, danke für die kongeniale Zusammenarbeit! Da ist Zukunft drin, sowohl im Thema, wie in der Konstellation.

Roland Wiese 16.6.2019

P.S. Wir haben heute ja die heilpädagogische Arbeit Steiners mit Otto Specht näher angeschaut. Am 16.6.1884 schrieb Pauline Specht an Rudolf Steiner wegen der Hauslehrerstelle. Am 18.6.1924 besucht Steiner  die Heilpädagogische Initiative in Jena und am 25.6. 1924 begann der Heilpädagogische Kurs. (Albrecht hat mir erzählt, dass er mit dem Erbprinzen von Schloss Hamborn einen der Teilnehmer des HPK gekannt hat). Auf der Seite Psychologie findet man einen Aufsatz von mir zur Psychologie des Heilpädagogischen Kurses: Die Psychologie des Heilpädagogischen Kurses

Der Pendelschlag des Ich im Gefühl

Am nächsten Samstag gehen wir den nächsten Schritt in unserer Seminarreihe ‚Ich-Entwicklung Begleiten‘, wobei der Begriff Seminar das Geschehen in diesen Veranstaltungen nicht wirklich trifft, da es immer ein Live-Prozess ist. Aber ein gewisser begrifflicher Vorlauf, eine gewisse thematische Bestimmung ist immer hilfreich um dann improvisieren zu können. In diesem Sinne wollen wir nächsten Samstag das Thema Wille und Gefühl im Ich angehen. Vorausgehend deshalb einige Überlegungen zum Thema.

1

Das Ich im Fühlen des Gefühls

Um das Ich im Denken und Wahrnehmen bewusst werden zu lassen, geht es darum den Berührungspunkt zwischen meiner Tätigkeit im Denken und Wahrnehmen und dem objektiv Gegebenen in den Denkgesetzen und dem äußeren Geschehen zu bemerken. An dieser Grenze kann sich das Ich nur bewegen, wenn es sich selbst aktiv in seiner Tätigkeit bewusst ist – also sich als denkend oder wahrnehmend erleben kann. „Ich empfinde mich denkend…“ beginnt der Meditationssatz, man könnte ihn auch auf das Wahrnehmen anwenden: „Ich erlebe mich wahrnehmend…“ Also nicht ich erlebe meine Wahrnehmungen! Ich bin beteiligt am Zustandekommen des gesamten Zusammenhanges des Denkens oder des Wahrnehmens. Wobei es dabei fein auseinanderzuhalten gilt, die wirkliche eigene Beteiligung und die objektiven Zusammenhänge. Eine problematische Vermischung führt nur ins chaotische wahnhafte Denken und Wahrnehmen. Es handelt sich um ein Schwellengeschehen, bei dem immer die Gefahr besteht, dass die Denkformen und die Wahrnehmungsformen in falscher Weise mit Kraft aufgeladen werden. Falsch meint hier, dass das Ich sich selbst diese Kräfte zuschreibt und sich dadurch aufbläht. Es muss die kleine punktartige Grenzübergangsbewegung bleiben – empfindende Bewegung, nicht mit äußerer Kraft aufgeladene Selbstbezugnahme. Es geht um eine wahrnehmende Bewegung zwischen zentralem und peripherem Ich. Weiterlesen