Der Tod – die andere Seite des Lebens

Giotto, Arena Kapelle, Cappella degli Scrovegni, um 1300 (Foto: R.W.)


Teil 3

Bei Aristoteles gibt es eine relativ einfache Definition des Sterbens. Meines Erachtens ist es auch die realistischste Begründung, die man eigentlich direkt nachvollziehen kann und für die man keine weiteren äußeren Beweise braucht. In meinen Worten lautet sie so: Der Mensch stirbt, wenn das zu Tastende das Tastende überwiegt! In dieser Formulierung aus dem letzten Buch ‚Über die Seele‘, die dort auch ganz am Ende steht, wird auf ein Paradox des menschlichen Lebens hingewiesen. Der Tastsinn ist das Organ, das eigentlich den Tastenden und das zu Tastende erst ‚produziert‘. Genauer gesagt bewirkt der Tastsinn (oder ist der Tastsinn) die Unterscheidung zwischen dem zu Tastenden und dem tastenden Menschen. Gleichzeitig garantiert er die Verbindung zwischen Beidem. Im Sinne unserer Betrachtungen in den letzten beiden Teilen, entsteht am Tastpunkt, oder im Tasten Innen und Außen. Eigentlich tasten wir ständig und erleben uns dadurch als Selbst, erleben uns als Innen in einem Außen. Das Innen entsteht dabei durch den Abstoßungsprozess unseres Erlebens am Außen, das Außen entsteht als innere Bewegung, die an eine Grenze kommt. Und das geschieht gleichzeitig!


Das Tasten liegt als allumfassende Tätigkeit der Leibbildung des Kindes zu Grunde. Es tastet die es umgebende Welt in sich hinein (allerdings nach seinen eigenen Tastmöglichkeiten). In dieser Situation scheint das zu Tastende noch nicht das Tastende zu überwiegen. Es scheint genau umgekehrt zu sein. Das oder der Tastende überwiegt. Im Alter haben wir das Doppelbild, das das Leben aus dem Organismus schwindet und dieser immer mehr ‚zu Tastendes‘ wird, während das Tastende, als das eigentlich empfindende Wesen sich anscheinend zurückzieht. Es insofern eine Frage der Perspektive, ob man es so anschaut, dass das geronnene Leben das tastende Wesen herausdrängt, oder das sich zurückziehende Leben das zu Tastende überwiegen lässt. Egal wie man es betrachtet, deutlich wird, dass das Innen-Außen Verhältnis des Menschen im Leben ein dynamisches Verhältnis ist, das vom Menschen selbst (wenn auch partiell unbewusst) produziert wird und durch Empfindungstätigkeit aufrecht erhalten werden muss. Störungen in dieser Tätigkeit, entweder auf Seiten der Welt (inklusive des Organismus) oder auf Seiten des Empfindenden beeinflussen immer auch das Verhältnis zwischen Innen und Außen.


Es ist zu vermuten und eigentlich auch nicht anders zu denken, dass die Empfindung, das Tasten eines Äußeren nur dadurch möglich ist, dass in dem Äußeren wiederum ein Tastendes, Empfindendes tätig ist und dessen Wesensgrenze man berührt. Je nachdem ob dieses Wesen noch in dem zu Empfindenden lebt und erlebt, oder ob es sich schon daraus zurückgezogen hat, ist auch die Tastempfindung eine andere. Hier gilt das Gleiche , was auch in Bezug auf den eigenen Organismus gilt. Dies bedeutet nichts anderes, das das Wahrnehmungsprinzip darin besteht, dass Bewegung Bewegung wahrnimmt. Welche Bewegungen ich mit meinen eigenen Bewegungen wahrnehmen kann, hängt davon ab wie individuell und wie ‚fein‘ oder auch sensibel ich mich selbst bewege, bzw. wie die entsprechenden Bewegungen meiner Umgebung sich darstellen. So weist Aristoteles daraufhin (in den ‚parva naturalis‘) dass bei Tag durch die äußere Helligkeit bestimmte feinere Innenwahrnehmungen (der Organe) übertönt werden, während sie nachts im Traum wahrnehmbar würden. Dies betrifft sowohl die Nachwirkungen der Bewegungen aus dem Tageserleben, es betrifft aber auch die Möglichkeit Bewegungen wahrzunehmen, die sich erst in der Zukunft vergegenständlichen. Solche Ahnungen sind für Aristoteles auch Bewegungswahrnehmungen allerdings eben in einem status nascendi.


Die Frage, was ein Äußeres oder was ein Inneres ist, löst sich bei genauerer Betrachtung auf in eine Frage unterschiedlichster Bewegungen und Bewegungswahrnehmungen. Damit wird die anscheinend so eindeutige Unterscheidung des Tagesbewusstseins zwischen Innen und Außen in Frage gestellt. Selbst dieses Alltagsbewusstsein bewegt sich im Verlaufe des Tages oder auch im Verlauf der Jahreszeiten, oder auch nur in unterschiedlichen Witterungsgegebenheiten sehr dynamisch über diese angeblich so feste Grenze hinaus. So ist das Innenerlebnis bei Wärme ganz anders konturiert als bei Kälte, auch morgens fühle ich mich anders in mir als mittags oder abends. Meist bemerkt man diese feinen Unterschiede nur nicht. Das Innenerlebnis zeigt sich so als Wechselprozess zwischen meiner Tastbewegung und der zurückkommenden Bewegung. Meist ist es sogar so, dass eigentlich nur die zurückkommende Bewegung wahrgenommen wird, und die vom Menschen ausgehende Bewegung unbewusst verläuft. Eine Steigerung der Eigenbewegung und Bewegung würde dieses Verhältnis natürlich immer mehr verändern in Richtung des Innenbewusstseins. Wie in Teil 2 schon angeklungen ist, würde die verstärkte eigene Empfindungs-Bewegung immer weniger vom ‚Rückstoß‘ massiverer Außengrenzen abhängig, sondern würde immer mehr wahrnehmungsfähig in ebensolchen Bewegungen der Umgebung. Die im Mittelalter skizzierte Veränderung der Wahrnehmung der Seele von äußeren sinnlich wahrnehmbaren Gegenständen zu mehr geistigen ‚Gegenständen‘ (Bewegungen) würde für die nachtodliche Existenz keine grundlegende Veränderung bedeuten, sondern ‚nur‘ eine andere Ausrichtung in der Wahrnehmung. Der Schock für die Seele besteht im Tod dann mehr in der nicht geleisteten Vorbereitung auf die diese ‚Wahrnehmungsart‘ und der damit verbundenen ‚Blindheit‘, die aber auch schon im Leben da ist, nur nicht bemerkt wird, durch das Vorhandensein der sinnlichen Wahrnehmungen.


Hinzu kommt noch eine weitere Veränderung. Im Alltag bleibt es in der Regel unbemerkt, dass die scheinbar gegebene ‚Existenz‘ der Außenwelt darauf beruht, dass der Mensch sich in einer spezifischen Sinnestätigkeit selbst ein ‚Sein‘ verleiht, also sich als existent erlebt. Rudolf Steiner hat diese basale Tätigkeit den unteren Sinnen zugeschrieben, also Tastsinn, Eigenbewegungssinn, Gleichgewichtssinn, Lebenssinn. Die Empfindungstätigkeit dieser Sinne in den irdischen Kräften gibt dem Menschen in der Rückwirkung das Gefühl der eigenen umgrenzten Existenz, also ein Seins-Gefühl als Individuum. Und dieses hintergründige Gefühl des eigenen Seins verleiht auch den Gegenständen der Außenwelt ‚Wirklichkeit‘. Das bedeutet dann, dass ich mit den oberen Sinnen z.B. etwas Farbiges wahrnehme, und mit den unteren Sinnen mich selbst wahrnehme, dies aber gar nicht bemerke, sondern den Gegenstand als äußeren Gegenstand identifiziere. Man kann nun bemerken, dass im Alter die Durchlässigkeit des Körpers für die unteren Sinne in die Umgebung hinein nachlässt. Das zu Tastende wird immer mehr der Körper selbst, dadurch entsteht eine gewisse Unsicherheit in diesem Sinnesbereich. Dies hat auch Auswirkungen auf das Erleben des Menschen. Die Verengung des Erlebens der unteren Sinne verengt auch das Erleben der oberen Sinne (tendenziell). Das eigene Selbstbild und die eigenen Bilder von der Welt werden nun zur Existenzgrundlage – man hält sich an gewordenen Bildern der Umgebung und von sich selbst fest. Denn ohne ein solches Festhalten gerät man in eine innere Unsicherheit der eigenen Existenz und die Existenz der Umgebung. (Nicht mehr orientiert in Zeit und Raum, sagt man dann). Innen und außen werden ebenso übergänglich wie früher und später, Gegenwart und Vergangenheit.
Gleichzeitig kann das Leben in den Erinnerungen als wirklicher empfunden werden, als das Leben in der aktuellen äußeren Gegenwart, weil es eine Empfindungstiefe mit sich bringt, die in der Gegenwart nicht annähernd zu finden ist. Dabei ist das empfundene Leben in den Erinnerungen, nicht das gleiche Leben wie damals, denn damals war die ‚Tiefe‘ dieses Lebens noch gar nicht spürbar, es überwog das Leben. Der Verlust an aktueller Wirklichkeit und Handlungsmöglichkeiten im äußeren Leben kann im besten Falle ausgeglichen werden durch eine neue Empfindungsqualität. Das, was so oft als Altersweisheit angesehen wird, ist eine solche Vertiefung der eigenen Erfahrungen mit einer Licht-Wärme, die den basalsten Geschehnissen des Lebens der Vergangenheit einen Raum gibt, der sich aus den Lebenstatsachen selbst nicht erklärt. In der Qualität dieser Empfindungen löst sich das Leben vom Äußeren und bildet einen neuen Innen/Außenraum, der dem nachtodlichen Geschehen schon sehr ähnlich kommt. Zwischen Licht und Schwärze entsteht ein farbiger Empfindungsraum.


Wenn man fragt wohin sich denn der ‚Tastende‘ hinbewegt, wenn er sich aus der aktuellen Leibbildung immer mehr zurückzieht, müsste man von diesem Empfindungsraum sprechen. Er ist eine Vorstufe zu einer neuen Lebensbildung und damit einer neuen Leibbildung. Während man gewöhnt ist den Menschen nur in seiner aktuellen äußerlich wahrnehmbaren Leiblichkeit und Erscheinung anzuschauen, ist dieser, oft nicht äußerlich wahrnehmbar, eigentlich schon in der Bildung einer neuen Leiblichkeit engagiert. Und diese Bildung beginnt mit dem Abbau der bisherigen Bildwirklichkeit. Der Weg geht rückwärts durch das Leben hindurch mit einer neuen Empfindung, die sich aus diesem Rückwärtsgehen bildet. Die Auflösung der Bilder, die im Organismus aufbewahrt werden, ist ein intensives Verarbeitungsgeschehen, ein ganz eigener Seelen-Lebensprozess. Es ist aber auch ein sehr empfindlicher Prozess, denn in dem Zurückgehen durch die Bilder des Lebens, und dem Empfinden des Lebens der Bilder, wird einerseits das abgelegt, was nicht mehr gebraucht wird, andererseits freigelegt, worin das Entwicklungspotential der Zukunft dieses Menschen liegt. Aus dieser Spannung resultiert die Tiefe des Gefühls und der Empfindung, die in der Verarbeitung entsteht: Es ist eine Art Analyse der Wirklichkeiten und der Möglichkeiten des vergangenen Lebens, die neue Lebensimpulse als Intention entstehen lassen. Während ich ‚damals‘ in diesem Leben drinsteckte und damit zu tun hatte es zu leben, schaue ich jetzt wie von außen auf dieses Leben und es zeigt sich unter einer ganz neuen Perspektive auch ganz anders.


Wir befinden uns in unserer Betrachtung immer noch in den Übergangsräumen zwischen Tod und Leben, man merkt aber, dass man, wenn man das was in diesen Übergangsräumen geschieht erkennend durcharbeitet, durchaus zu einer Orientierung in diesem Übergang kommen kann, die sich unabhängig von Glauben und äußerer Wissenschaft ganz eigenständig halten kann.


Roland Wiese, Christi Himmelfahrt/Pfingsten 2022

(Das Bild aus der Arena Kapelle gehört unter anderem deshalb zu diesem Beitrag, weil der ausgemalte Innenraum der Kapelle, vor allem auch mit dem dunkelblauen Himmel und den mondblauen Bildern etwas von dem Empfindungsraum anspricht, von dem in dem Beitrag die Rede ist. Ich habe die Kapelle ganz ohne Vorbereitung auch in der Arbeit an dem Text zum ersten Mal besucht und angeschaut.)

3 Gedanken zu “Der Tod – die andere Seite des Lebens

  1. Der Tod ist das Ziel, damit fällt die Innenwelt, der Welt ins Nichts zusammen. Der Haut als Tastsinn, der in der Verdoppelung der Aussenwelt das im Zentralorgan verstummt. Der Tastsinn ist das Organ, das eigentlich die Information des Tastenden werden im Hirn zuerst geordnet, damit sich ihm die Aussenwelt erschliesst.
    Die Seele redet zwar in Paradoxien, die der Träumer zur Einsicht zu entschlüsseln hat, ohne die Seele und den Geist; der in uns ist und nicht da draussen, bekommt die Wahrnehmung von Welt in uns keinen Sinn.
    Der Begriff des Selbst, muss eingeschränkt werden, zu einem Ich-selbst, dem im Bewusstsein ein kleines Spektrum, in seiner in seiner Permanenz, zwischen Leben und Tod eigeräumt ist und bleibt.
    Die Wahrnehmung von Innen und Außen ist damit eingeschlossen.
    Das was uns wirklich bewegt, ist von Natur aus; wir sind Natur in der Natur, durch die innere Struktur, seit dem Keim zur Geburt des Menschen angelegt.
    Die Abgrenzung der Haut zur Welt ist wichtig, damit die Innenwelt durch invasives Verhalten eines anderen, im Gleichgewicht, dass durch die Möglichkeit, der Abwägung und dem Urteil, im Denk nicht gestört wird.
    Das Innen ist im Menschen schon vorgeburtlich in einem Da.
    In der Kinästhesie; in seiner Intimität folgt das Kind, seinem Körperbild entsprechend, dem formalen, zum funktionalen Körperbild, zum Erwachen-Sein, zum Selbstverständnis als Frau oder als Mann.
    Es ist nicht zu vermuten und eigentlich auch der Falsifizierbarkeit in einer anderen Begründung auch anders zu denken, als dass die Empfindung, das Tasten eines Äußeren nur dadurch möglich ist, dass das Innere durch die Berührung von außen, innerlich verarbeitet und somit das Wesen der Aussenwelt, dem sinngemäss erörtert.
    Bewegung lügt nicht, wohin eine These „Der Mensch stirbt, wenn das zu Tastende das Tastende überwiegt“ mehr Verwirrung stiftet, als als zu einer allgemeinen Erkenntnis über das Sterben Hinweise zu geben im Stande ist.
    Bewegung wird durch den Impuls in einem danach unbewusst, danach im Bewusstsein wahrgenommen. Das Sprachrohr der Seele im Traum, bringt den Träumer zur Einsicht, wer er wirklich ist und in welcher Beziehung er zu anderen und der Umwelt steht.
    Die Wissenschaft der Präkognition, wie in jeder Wissenschaft, die den subjektiven Moment nicht anerkennt; sie will nichts davon wissen, dass die Seele, Vergangenheit Gegenwart und Zukunft, in jedem Menschen zusammenhält und vereint.
    Die Frage, was ein Äußeres oder was ein Inneres ist; ist mit Worten und Gedankenarbeit kaum zu lösen. Für sich selbst und anderen in der Ganzheit zur Beantwortung kaum hinreichend erfahrbar zu machen.
    Wie das Innenerlebnis bei der Vielfalt der Menschen erfahrbar ist, bleibt dem Betrachter von aussen verschlossen.
    Die Seele ist älter als die Menschheit, die Seele gebiert sich im Keim eines zum Menschen selbst.
    Der Schock das wir sterben müssen, wird mit der Blindheit einer übersinnlichen These von Wahrnehmung geleugnet.
    Es gibt kein scheinbares Sein, niemand, kein Mensch hat sich selbst gemacht.
    Die Erkenntnis, das man Mensch ist, keimt auf im Bewusstsein eines Kindes, dass von und durch Erwachsene, in der Nachahmung als solches, als ein Wesentliches des Menschseins weiter gegeben werden kann.
    Das Gefühl des eigenen Seins macht aus den Gegenständen den Dingen in der Außenwelt; von Grund auf, aus der Wirklichkeit der Seele, mit einem bewussten Akt nichts anderes als das was die Dinge sind.
    Das bedeutet nicht, dass ein oberer Sinn verbunden oder getrennt mit einem unteren Sinn, für die Wahrnehmung von Sein zu Bewusstheit und Erkenntnis kommen muss.
    Die Leib-Seele-Einheit bleibt bis ins hohe Alter erhalten. Mit dem Tod löst sich das Leben des Menschen in das Nichts auf.
    Der Weg geht im Lebenslauf geht immer vorwärts und endet im Tod.

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