Der Tod – die andere Seite des Lebens

Giotto, Arena Kapelle, Cappella degli Scrovegni, um 1300 (Foto: R.W.)


Teil 3

Bei Aristoteles gibt es eine relativ einfache Definition des Sterbens. Meines Erachtens ist es auch die realistischste Begründung, die man eigentlich direkt nachvollziehen kann und für die man keine weiteren äußeren Beweise braucht. In meinen Worten lautet sie so: Der Mensch stirbt, wenn das zu Tastende das Tastende überwiegt! In dieser Formulierung aus dem letzten Buch ‚Über die Seele‘, die dort auch ganz am Ende steht, wird auf ein Paradox des menschlichen Lebens hingewiesen. Der Tastsinn ist das Organ, das eigentlich den Tastenden und das zu Tastende erst ‚produziert‘. Genauer gesagt bewirkt der Tastsinn (oder ist der Tastsinn) die Unterscheidung zwischen dem zu Tastenden und dem tastenden Menschen. Gleichzeitig garantiert er die Verbindung zwischen Beidem. Im Sinne unserer Betrachtungen in den letzten beiden Teilen, entsteht am Tastpunkt, oder im Tasten Innen und Außen. Eigentlich tasten wir ständig und erleben uns dadurch als Selbst, erleben uns als Innen in einem Außen. Das Innen entsteht dabei durch den Abstoßungsprozess unseres Erlebens am Außen, das Außen entsteht als innere Bewegung, die an eine Grenze kommt. Und das geschieht gleichzeitig!


Das Tasten liegt als allumfassende Tätigkeit der Leibbildung des Kindes zu Grunde. Es tastet die es umgebende Welt in sich hinein (allerdings nach seinen eigenen Tastmöglichkeiten). In dieser Situation scheint das zu Tastende noch nicht das Tastende zu überwiegen. Es scheint genau umgekehrt zu sein. Das oder der Tastende überwiegt. Im Alter haben wir das Doppelbild, das das Leben aus dem Organismus schwindet und dieser immer mehr ‚zu Tastendes‘ wird, während das Tastende, als das eigentlich empfindende Wesen sich anscheinend zurückzieht. Es insofern eine Frage der Perspektive, ob man es so anschaut, dass das geronnene Leben das tastende Wesen herausdrängt, oder das sich zurückziehende Leben das zu Tastende überwiegen lässt. Egal wie man es betrachtet, deutlich wird, dass das Innen-Außen Verhältnis des Menschen im Leben ein dynamisches Verhältnis ist, das vom Menschen selbst (wenn auch partiell unbewusst) produziert wird und durch Empfindungstätigkeit aufrecht erhalten werden muss. Störungen in dieser Tätigkeit, entweder auf Seiten der Welt (inklusive des Organismus) oder auf Seiten des Empfindenden beeinflussen immer auch das Verhältnis zwischen Innen und Außen.

Weiterlesen

Der Tod  –  die andere Seite des Lebens

Teil 2

Innen wird Außen- Außen wird Innen

Wenn man heute mit Menschen über den Tod spricht bekommt man häufig als Argument dafür, dass man nichts über den Tod wissen könne zu hören, dass ja noch keiner zurück gekommen sei. Dieses Argument meint, dass es ja keine gesicherte Erfahrungen und damit persönliche Zeugnisse gibt, die über den Tod etwas aussagen können. Gleichzeitig wird damit gesagt, dass die Tatsache, dass ja niemand etwas über den Tod sagen könne, weil eben niemand zurückgekommen ist, dass das beweist, dass eben da dann nichts mehr ist. Man meint also aus einem bestimmten Phänomen, der Einbahnstraße Tod, berechtigt etwas Inhaltliches über den Tod selbst schließen zu können. Dieses Phänomen, es ist noch niemand zurückgekommen, der etwas über den Tod berechtigt berichten kann, wird zwar als Argument gerne benutzt, man vergisst dabei aber, dass diese Position ganz aus der Perspektive des Lebens bestimmt ist. Und man vergisst, dass man es nicht mit einem Bereich des Todes, das Nichts, und einen Bereich des Lebens, das Etwas zu tun hat, sondern dass es Übergangsbereiche gibt, die von beiden Existenzweisen geprägt werden, und die deshalb wie von einer Mitte aus, etwas über beide Richtungen aussagen können. Diese Übergangsbereiche sind durch die moderne Medizin noch vielfältiger geworden, so dass immer unsicherer wird, wann ein Mensch tot ist. Gleichzeitig bleibt aber unklar, was ein Mensch z.B. im Koma erlebt, wenn er nicht nachträglich selbst darüber berichtet, wobei diese Berichte eben sehr unterschiedlich sind, von: man hat gar nichts erlebt bis zu traumartigen Erlebnisweisen, die durchaus die Umgebung, vor allem die Menschen, die mit ihnen verbunden waren,  erlebt haben. Ähnliches gilt ja für die Nah-Toderlebnisse vieler Menschen. Für die, man sei entweder lebendig oder tot, argumentierenden Menschen gelten diese nicht als Beweis für eine nachtodliche Wirklichkeit, weil die Menschen eben nicht ganz tot waren. Für die Menschen, die solche Erlebnisse gehabt haben, wirken sie aber tiefgreifend in ihr weiteres Leben hinein. Man könnte denken, in ihnen hat die Beziehung Tod – Leben sich neu gestaltet. Als ob aus dem Tod heraus, bzw. aus der Nähe des Todes, sich eine neue Lebensziehung ergibt. Auch das wäre als ein Phänomen erst einmal interessant: eine Todes- bzw. Nahtoderfahrung wirkt verlebendigend und erneuernd in die Lebenswirklichkeit der Menschen hinein.

Im ersten Teil dieser Betrachtung haben wir uns mit einem konkreten Phänomen der Trauer beschäftigt mit der Schwärze als geistigem Schatten des Todes. Dieses Phänomen der Schwärze, oder auch der tiefen Nacht, verlangt eine bestimmte Bewegung von den Menschen, die im Leben stehen – es ist gewissermaßen die umgekehrte Bewegung zu den Nahtoderlebnissen. Dort wird berichtet, dass man ein sehr persönliches und seelisches Licht(Wärme)-Erlebnis haben kann, dass dann im Leben weiterwirkt als neue Lebenskraft. Hier, in der Schwärze, wird von dem lebenden Menschen selbst gefordert, eine solche neue Lebenskraft aufzubringen angesichts der Schwärze und des Nichts des Todes eines anderen Menschen. Wenn man mit beiden Situationen etwas intensiver umgeht, kann man bemerken, dass beide Seiten sich wie die Innen- und die Außenseite einer ähnlichen Wirklichkeit zeigen. Die Lichtseite und die Finsternis der Nacht zeigen sich je nach Perspektive als Innenbewusstsein und als äußere Umgebung. Der Verstorbene (bzw. der Nahtod-Erlebende) ist selber die Finsternis und erlebt die Lichtwirkung von außen; der lebende Angehörige erlebt die Schwärze und das Nichts als Außenwirkung in seinem Inneren, und muss nun den Lichtteil selbst aufbringen. Beim Letzteren wirkt im Leben die Schwärze als Entwicklungskraft im Auslöschen des gewöhnlichen Lebens, bei Ersterem ist das gewöhnliche Leben schon ausgelöscht und die Lichtwirkung wirkt als Entwicklungskraft bei der Rückkehr in das gewöhnliche Leben.

Weiterlesen

„Der Tod- die andere Seite des Lebens“

„Jede Seele ist unsterblich; denn das stets Bewegte ist unsterblich. Was aber ein anderes bewegt und von einem anderen bewegt wird, das hat, sofern es ein Aufhören der Bewegung hat, auch ein Aufhören des Lebens.“ Platon, Phaidros

Gestern, am Gründonnerstag, hatte ich seit längerer Zeit mal wieder eine Supervision mit Ehrenamtlichen der Hospizarbeit. Während des intensiven Austausches sagte eine Teilnehmerin, ich solle das doch einmal aufschreiben, was hier besprochen wurde, bzw. was ich mit ihnen an der Grenze des Sagbaren erarbeitete. Das ist natürlich nicht eins zu eins möglich, weil wir an konkreten einzelnen Situationen gearbeitet haben. Aber umso wichtiger erscheint es mir, unabhängig von den einzelnen Fällen (aber mit ihnen im Hintergrund),  einmal einen größeren Zusammenhang zu versuchen zur Frage des Umgangs mit dem Tod. (Praxis-Hintergrund dafür ist meine zunehmende Supervisionsarbeit seit 2015 im Bereich der Hospizarbeit). (Anbei der Aufsatz als PDF)

Die Hospizbewegung ist eigentlich eine Bürgerbewegung, wie sie viele im 20. Jahrhundert entstanden sind, die sich um eine Not kümmern, die ohne eine solche Bewegung, meist übrigens global, keine Heimat hätte. Hier seien nur exemplarisch Amnesty International, oder auch Greenpeace genannt, aber die Zunahme dieser freien Bürgerbewegungen kann als eigentlicher zivilisatorischer und kultureller Fortschritt angesehen werden. Die Hospizbewegung hat als ‚Not‘ das Sterben aufgegriffen. Wie sterben Menschen? Kann man sie dabei begleiten, damit sie nicht allein sterben müssen? Diese Frage ist natürlich erst ins öffentliche Bewusstsein getreten durch  einzelne Menschen, in diesem Fall vor allem durch Elisabeth Kübler-Ross in den siebziger Jahren. Dazu nötig waren zwei gesellschaftliche Entwicklungen, ein Entfernen des Sterbens aus der Alltagskultur und die Verschiebung des Sterbens in die Einrichtungen, wie Altenheime und Kliniken und gleichzeitig, gegenläufig zur Institutionalisierung des Menschen, die immer stärkere Betonung der einzelnen Persönlichkeit, so dass das Sterben immer weniger Teil des normalen Lebensprozesses war, stattdessen immer mehr zu einem Geschehen wurde, das den einzelnen Menschen ganz bewusst und ganz persönlich existentiell betrifft. Die Frage, was ein ‚gutes Sterben‘ ist,klingt ja an sich schon paradox und führt auch in der Hospizbewegung zu interessanten Vorstellungen und Auseinandersetzungen.(Das soll an anderer Stelle einmal angeschaut werden) Ähnlich wie die Frage nach der ‚guten Geburt‘ beruht sie aber darauf, dass ein bis dahin mehr animalisches natürliches Geschehen beim Eintritt und beim Austritt des Lebens nicht mehr gewährleistet ist und auch nicht mehr der Bewusstseinslage heutiger Menschen entspricht. So war es für meine Frau und mich sehr hilfreich bei der Geburt unserer Kinder nicht nur eine Hebamme zu haben, die sich mit diesem Prozess auskennt, sondern von dieser auch über das, was bei einer Geburt geschieht oder geschehen kann, ausführlich informiert zu werden. Ähnliche Prozesse wurden dann ja auch für das Sterben von den Protagonisten der Hospizbewegung erforscht. So dass die Sterbebegleiter bei ihren Begleitungen im Hintergrund durch ihre Ausbildung und durch ihre Erfahrungen eine Art inhärenter Struktur des Sterbeprozesses besitzen (der sich natürlich in jedem Einzelfall individuell ausprägen wird).

Weiterlesen

Lebendige Biographiearbeit 2

Auf meinen Beitrag hat Gabriel Prinsenberg geantwortet. Es freut mich, dass mein Zusammenhang auch für ihn stimmig ist!

Gabriël Prinsenberg


15 August 2021

Liebe Elfi und lieber Roland,

vielen Dank für Eure guten Wünsche zu meinem Geburtstag am 2. August! Mit großem Interesse Roland,habe ich die beiden neuen Texte zur Entwicklung unseres Stils der Biographiearbeit gelesen. Ich danke Dir sehr für Deine ausführliche und existenzielle Analyse. Deine Reflexionen über die Entwicklung unserer biografischen Arbeitsweise und den weiteren Verlauf unserer vielen Kurse haben mich sehr beeindruckt! Ich finde es sehr besonders, dass du es geschafft hast, einige Kerne aus meiner Motivation zu verfolgen:
Schön finde ich, dass Du schreibst, dass ich mich im Vorwort meines Buches Der Weg durch das Labyrinth ganz direkt beziehe auf die Schule von Chartres und die entsprechenden Freien Künste und Wissenschaften und bezeichnest sie als meine Inspirationsquelle. Das heißt, die Biographiearbeit, aber auch alle anderen Forschungs- und Übungsansätze in den Seminaren jener Zeit, beziehen sich auf einen realen Inhalt – den Zusammenhang der mikrokosmischen menschlichen Seele mit dem Makrokosmos und sie knüpfen damit an einen realen Seelenbegriff an.

Auch finde ich es ganz interessant, dass Du rückblickend auf euer eigenes Ausbildungsgeschehen drei wesentliche Wirkungen beschreibst:

* Die Seminare, wie sie von gestaltet wurden, – mit ganz viel ‚Kunst‘ aus allen Bereichen, hatten eine seelentherapeutische Wirkung auf die dramatisch ‚verarmten‘ Seelen der achtziger Jahre. Also die vollständige Durchdringung sowohl der Seminare, wie auch der Inhalte mit dem Künstlerischen gab den Seelen der damaligen Zeit eine Art künstlerische Erfüllung.

* Die zweite Wirkung war, dass durch die Übungen und die vielen Gespräche, eine Vertiefung der Begegnung mit anderen Menschen möglich wurde. Es wurde das sichtbar und hörbar, was nicht das Offensichtliche und Äußere am anderen Menschen war, sondern, das, was durch ihn hindurch tönte, also nicht seine Person, sondern sein ‚personare‘. Auch dies hatte wechselseitige therapeutische Qualität.

*Die dritte Wirkung ist ambivalenter, aber war ebenso deutlich zu bemerken: Die Begegnung mit den allgemeinen seelischen Qualitäten (Temperamente, Planetenqualitäten, Tierkreis etc.) verobjektiviert das eigene Seelische. Es kann sich eine gewisse Emanzipation vom gegebenen Seelischen vollziehen. Dies geschieht meist nicht ohne Krise. Häufig kam es in den Seminaren zu Begegnungen mit dem eigenen Doppelgänger, oder dem des anderen Menschen. In der Folge konnte es zu einer neuen Nacktheit der Seele kommen. Mit einer solchen freieren Empfindungsfähigkeit war es aber nicht einfach zu leben. Deshalb hatte so manches Seminar seine ganz eigene Dramatik!“
Ich freue mich auch, dass Du eine schöne Verbindung zu den Einflüssen aus der humanistischen Psychologie hergestellt hast und meine Arbeit auch als eklektisch sehst. Es war wirklich ein Volltreffer, dass Du den Humanismus, Desiderius Erasmus, aber auch die humanistische Psychologie beschrieben habst. Bei meiner Tätigkeit als Lehrer an den verschiedenen Fachhochschulen in den Niederlanden haben mich vor allem – neben anthroposophischen Quellen – die humanistischen Methoden inspiriert, die in den 1960er und 1970er Jahren so großen Einfluss zur Entwicklung der Sozialen Arbeit hatten.

Ich möchte ein paar Worte zur Persönlichkeit von Erasmus sagen. Obwohl er in Rotterdam (1466) geboren wurde, wurde er in Gouda gezeugt, meiner Heimatstadt und berühmt für seinen Käse und die größte Glasmalerei der Welt in der St.-Johannes-Kirche (Sint Janskerk). Damals schrieb man: „Goudae conceptus, Rotterdami natus“ Er war das Kind des Pfarrers von Sint Janskerk und seiner Freundin. Um den ‚Unfall‘ zu verbergen, fuhren seine Eltern nach Rotterdam, 18 KM weiter, wo Erasmus geboren wurde. Kurz darauf gingen sie zurück nach Gouda, wo er zur Schule ging und später ins Kloster eintrat. Später wurde er dispensiert und ging in die weite Welt hinaus und wurde einer der größten Gelehrten seiner Zeit. Zwei Motive bestimmen die Ideen von Erasmus: die Freiheit der Menschen und der Frieden. Über die Freiheit schrieb er 1516 unter anderem die Institutio, in der er feststellt, dass der Mensch frei ist und daher nicht tyrannisch über andere herrschen oder sie als Sklaven behandeln darf.

1517 schrieb er „Querela pacis“, die Friedensklage. Er beschäftigt sich unter anderem mit Nationalismus: „Die Engländer verachten die Franzosen aus keinem anderen Grund, als weil sie Franzosen sind. Die Schotten werden gehasst, weil sie Schotten sind. Der Deutsche streitet mit dem Franzosen und beide kämpfen gegen den Spanier. Was könnte schlimmer sein als Nationen, die sich bekämpfen, nur weil sie unterschiedliche Namen haben? Es gibt so viele Dinge, die sie zusammenbringen sollten. Warum sind sie als Menschen ihren Mitmenschen gegenüber nicht wohlwollend?“ Man kann ihn auch wegen seiner vielen Reisen und Begegnungen einen echten Europäer nennen. Trotz seiner heftigen Kritik am Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche blieb er seiner Kirche treu. Schon als Kind war ich von seiner besonderen Persönlichkeit und seinem Wert für die Kultur Europas berührt und besuchte die Orte, an denen er in Gouda gelebt hatte. Ich glaube, ich besitze mehr als 10 Bücher über ihn. Während eines Symposiums in Gouda, an dem ich vor einigen Jahren teilnahm, verlas der Nuntius (Vatikan-Botschafter in Den Haag) einen Brief von Papst Franziskus und lobte Erasmus für seinen großen Wert für die Welt. Während Erasmus seinerzeit von der Kirche wegen seiner Kritik fast denunziert wurde…

Vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen, in der diese Form der biografischen Arbeit, die ich heute als zeitgemäße Anwendung der Lebenskunst betrachte, die Menschen weiter inspirieren kann?

Anbei: Photo Gabriël als Erasmus, während Erasmus Ausstellung in Museum Gouda…

Lebendige Biographiearbeit

Gabriel Prinsenberg und Roland Wiese (Juli 2021)

Am 8. Juli besuchten uns Olga Bohnsack und Gabriel Prinsenberg. Ein Wiedersehen nach 20 Jahren! Mit den Beiden haben wir in den neunziger Jahren eine Ausbildung in Biographiearbeit organisiert. Eine Weiterbildung für Menschen in sozialen Berufen über 2 Jahre. Über hundert Menschen haben damals daran teilgenommen. Anfang 2000 ebbte der Impuls und die Nachfrage bei uns ab und endete dann 2003. Insofern viel gemeinsame Vergangenheit, aber auch eine Lücke von 20 Jahren und dementsprechend war ich einerseits neugierig, andererseits auch unsicher, wie dieser Besuch sein würde. Nachdem Olga und Gabriel Elfis Ausstellung im Museum in Zeven angeschaut hatten, haben wir vom Nachmittag bis spät in die Nacht intensive Gespräche gehabt. Später kamen auch Martina und Andreas Rasch dazu, die die Organisation der Ausbildung in den letzten Jahren übernommen hatten. Nun kann man weder ein Gespräch wiedergeben, noch die Gesprächsatmosphäre in einem solchen Beitrag wiedergeben. Ich werde deshalb versuchen (in Fortführung meines Beitrages zum Schicksalssinn) einige Grundgedanken und Figuren zur Biographiearbeit aus heutiger Sicht zu skizzieren. Dass dabei Gabriel Prinsenberg im Vordergrund steht, ist keine Missachtung der anderen Beteiligten, auch nicht von Olga, sondern ist der Tatsache geschuldet, dass Gabriel Prinsenberg doch eine Art Repräsentant für die Biographiearbeit im 20. Jahrhundert ist. Dies wurde insbesondere in unserem Nachtgespräch sehr deutlich, in der Gabriel seine eigene Biographie in einer bestimmten Perspektive erzählte. Vielen Dank für dieses Gespräch und euren Besuch!

Mein Vater ist 2017 gestorben. Er ist 1930 geboren. Meine Mutter ist 1935 geboren. Gabriel Prinsenberg ist 1932 in den Niederlanden geboren. Er gehört also zur Generation meiner Eltern. Als wir uns kennenlernten, hatte ich mich durch meine eigene anthroposophische Entwicklung von meiner Herkunftsfamilie noch einmal weiter entfernt. Umgekehrt, stellte Gabriel für mich eine lebendige Verbindung zu der Zeit nach 1930 dar, und dies sowohl biographisch (wie meine Eltern), aber auch geistig-seelisch, was den Bereich der Psychologie und der Sozialarbeit betrifft. Diese (lebendige) Verbindung ist für mich wichtig, weil sie eine Art geistesgeschichtlicher Lücke in mir füllte, zwischen der Freud/Steiner Zeit und der Zeit der neunziger Jahre. Ich habe diese Lücke, vor allem die sechziger und siebziger Jahre betreffend, später noch in meiner Supervisionsausbildung für die humanistische Psychologie ausfüllen können. Gabriel bezeichnet seinen eigenen Ansatz in der Biographiearbeit als ‚ekklektisch‘. Das heißt er knüpft dezidiert an einige Psychologen an, die für ihn eine Art Ausgangspunkt für seine Arbeit bieten konnten. Er nennt immer wieder Charlotte Bühler, aber auch Alfred Adler (als jemanden, der das Leben nicht aus der Vergangenheit bestimmt sieht, sondern den Zukunftsbezug im Blick hat, und auch und vor allem Viktor Frankl, der wiederum als einer wenigen die Zeit der 30er und 40er Jahre in seiner Psychologie einbezogen hat und damit die Existentialität dieser Zeit in die Psychologie und Psychotherapie aufgenommen hat. Eine Art Bindeglied zwischen diesen Psychologen und der Anthroposophie war für Gabriel Bernhard Lievegoed, der mit seinen Büchern, vor allem, ‚Der Mensch an der Schwelle‘, aber früher noch mit seinem sehr populären Buch: ‚Lebenskrisen-Lebenschancen‘ (1979) die Frage der biographischen Entwicklung angesprochen hat. Man könnte beinahe sagen Bernhard Lievegoed, der in den 70er und achtziger Jahren auf dem Höhepunkt seiner Wirksamkeit war, wirkte indirekt verbindend auf die entstehende gemeinsame Arbeit. Denn auch in unserer ersten Arbeit als Umkreis-Gruppe haben wir uns mit seinem Buch ‚Der Mensch an der Schwelle‘ beschäftigt. Zur Gruppe gehörten damals Menschen mit seelischer Erkrankung und da in Lievegoeds Buch das Thema der seelischen Erkrankungen in Bezug zur menschheitlichen Entwicklung geschildert wird, also als eine problematische geistige Erfahrung, ein Schwellenübertritt, dem man aber nicht gewachsen ist, war das für uns ein interessanter Ansatz des Verständnisses seelischer Erkrankung jenseits der medizinischen Anschauungen. In diesem Kreis haben wir uns auch mit dem Thema der Biographie beschäftigt und sowohl die eigene Biographie wie auch die Biographien von Künstlern gemeinsam studiert. (Ich kann mich heute noch an die Schilderung einer Teilnehmerin erinnern, die sich mit Käthe Kollwitz beschäftigt hatte – vor allem weil die Biographin und Käthe Kollwitz eine ganz bestimmte Ähnlichkeit für mich bekamen).

Weiterlesen

Der Schicksalssinn

Karma 2

Will man über individuelle karmische Entwicklungen etwas sagen oder schreiben, dann braucht es dafür konkrete Erfahrungen und konkrete Anlässe. Mit Anlässe ist eine Art Anstoß oder eine Begegnung gemeint, die von außen und damit wie objektiv einen Zusammenhang sichtbar werden lässt, der nicht nur persönlich ist, sondern auch eine geistesgeschichtliche Figur beinhaltet. Ein solcher Anstoß kam vor kurzem mit einer Mail von Olga Bohnsack und Gabriel Prinsenberg, die uns darauf hinwiesen, dass wir vor dreißig Jahren, also 1991, das erste Biografie-Seminar von Gabriel im Umkreis e.V. veranstaltet haben. Ich war damals mit Olga auch Teilnehmer dieses ersten Seminars, während Elfi  die komplette Organisation und Durchführung geleistet hat. Aus diesem ersten Seminar hat sich dann eine kontinuierliche Zusammenarbeit entwickelt, die über zehn Jahre währte.  In dieser Zeit entwickelten wir gemeinsam mit Gabriel und Olga aus den einzelnen Seminaren eine Weiterbildung für Menschen in sozialen Berufen, die für viele Menschen eine wichtige Grundlage für ihre soziale und therapeutische Arbeit wurde. Neben den Seminaren mit Teilnehmenden aus ganz Deutschland, entwickelten wir regionale Kleingruppen. Und durch die gemeinsame Ausbildung entwickelten sich viele langwährende Beziehungen unter der den Teilnehmenden. Dies hatte nicht zuletzt auch damit zu tun, dass die Seminare sich sehr persönlich mit Fragen des eigenen Schicksals beschäftigten und gleichzeitig dieses Schicksal auf seine ihm innewohnenden Kräfte und Gesetze angeschaut wurde. Gabriel Prinsenberg veröffentlichte 1997 sein Buch ‚Der Weg durch das Labyrinth‘  Biographisches Arbeiten Begleitung auf dem Lebensweg. 1999 haben wir im ‚Umkreis‘ ein kleines Büchlein von Gabriel herausgegeben, das den Titel trägt ‚ Die Kunst in den helfenden Berufen‘. Damals schrieb ich im Vorwort:“ Der Umkreis e.V. leistet Sozialarbeit – wie begleiten Menschen mit schweren psychischen und sozialen Problemen. Aus dieser Arbeit heraus hat sich das Bedürfnis, ja die Notwendigkeit nach weiterer eigener Ausbildung und Forschung in dem Bereich der Kunst des Helfens entwickelt. In unserer so wissenschaftsgeprägten Zeit ist es für uns ein elementares Bedürfnis die Sozialarbeit künstlerisch zu erweitern. Nur so wird sie dem ganzen Menschen gerecht. (…) Es gibt für eine erweiterte Sozialarbeit nur wenig Grundlagenliteratur. Gabriel Prinsenberg hat hier skizzenhaft einiges von dem vorgelegt was in einer solchen grundlegenden Ausbildung für eine anthroposophisch erweiterte Sozialarbeit zu finden sein wird.“

Nach der Jahrtausendwende verlor dieser Impuls (bei uns) an Kraft, und die Seminare endeten. Gleichzeitig begann unsere intensive Zusammenarbeit mit Wolf-Ulrich Klünker und Monika Elbert von der DELOS-Forschungsstelle für Psychologie in Berlin (Eichwalde). Diese fand ihren Niederschlag in unserer eignen Forschungs- und Seminartätigkeit mit dem Schwerpunkt Ich-Entwicklung (und der Mitarbeit an dem Buch ‚Psychologie des Ich‘). Anlass genug einmal aus heutiger Sicht diesen Zusammenhang in den Blick zu nehmen. Dies kann vielleicht auch helfen die eigene Spur und die damit verbundenen Intentionen (auch die des Umkreis e.V.) besser sehen zu können. Denn die Frage nach der (freien) Begleitung von Menschen auf ihrem Lebensweg und in ihrem Leben ist immer noch unsere Intention. Unsere Fachstelle ‚Maßstab Mensch‘ ist die aktuelle Realisierung dieser Intention. Die Frage nach der Psychologie des Menschen oder des Ich konkretisiert sich deshalb bei uns auf die Frage nach den psychologischen Grundlagen einer Sozialarbeit, die real in der Schicksalssphäre wirksam wird.

 

 1

Biographiearbeit und Karma

Beginnen wir am Ende: Uns hat damals die Frage nach dem roten Faden in der eigenen Biografie in die Frage geführt, wie denn in der eigenen Biografie das eigene Karma zu erkennen ist. Also die Frage nach dem Aufwachen im eigenen Leben hat zu der Frage nach den Kräften und Formen geführt, die dieses Leben gebildet und geformt haben. Das Ende der Biographiearbeit war für uns, die wir diese Ausbildung durchlaufen und auch mitgestaltet haben, der Anfang unserer Karma Forschung. Von der Wirkung, vom Ergebnis her geschaut, hat unsere Biographiearbeit uns auf die Spur unserer weiteren Schicksalsentwicklung gebracht, weniger, wie wir uns vorgestellt hatten, erkennend, als vielmehr wirkend. Dazu passt auch, dass unsere Versuche, die Karma Forschung direkt an die Biographiearbeit anzuknüpfen erst einmal vollständig scheitern mussten. Sowohl die Seminare, die damals besucht wurden, wie auch eigene Versuche einen Weg zu finden, führten immer in eine Sackgasse, weil wir bemerkten, dass die Art der Forschung dem Gegenstand nicht angemessen war.

Erst die über zehnjährige intensive Zusammenarbeit mit Wolf-Ulrich Klünker in dem Forschungskreis zu Therapiefragen (ab 2003) mit vielen Wochenendtreffen und Seminaren, hat diese Frage einlösen können. Das Buch ‚Die Empfindung des Schicksals – Biografie und Karma im 21. Jahrhundert‘ , von Wolf-Ulrich Klünker 2011 veröffentlicht, bezeugt diese Einlösung. „Selbsterkenntnis und Schicksalserkenntnis gehören heute eng zusammen. (…) Ich brauche mich selbst in der Fülle meines irdischen Seins, um mich geistig begreifen zu können. Und gleichermaßen: Ich selbst als geistiges Wesen kann mir der Wirklichkeit, die auch jenseits der Schwelle gilt, nur bewusst werden, wenn ich von meiner irdischen Lebensseite alle Höhen und Tiefen, alle Chancen und Gefahren , alle Hoffnungen und Ängste miteinbeziehe.“ (S.7) Und im Klappentext heißt es: „Das Ich kann heute für die Wirklichkeit des Schicksals erwachen. In der Biografie verbinden sich Bewusstsein und Leben zu einer Empfindung karmischer Realität. In dieser Schicht des Erlebens findet Anthroposophie ihre Form für das 21. Jahrhundert“. Meine grundlegende Empfindung für diesen ‚Weg‘ würde ich so kennzeichnen: Angekommen! Man könnte es auch die Erfüllung einer Bewegungsintention nennen. Wobei diese Erfüllung, dieses Angekommen sein natürlich sogleich zwei Seiten hat: Ja, du hast ein Ziel erreicht, aber was nun? Es trat tatsächlich mit der Erfüllung einer bestimmten ‚Suche‘ ,mit dem Ankommen im eigenen Schicksal, das neue Problem auf, dass anscheinend (zumindest aus heutiger Sicht betrachtet) kein weiteres Ziel intrinsisch veranlagt war. So dass mit dem Erreichen dieses Zieles das ‚neue‘ Gefühl, eine neue ‚Empfindung‘ auftrat und immer noch auftritt, dass jeder nächste Schritt nicht mehr ‚abgesichert‘ ist und völlig offen ist. Während vorher der Weg tatsächlich ein Weg durch das Labyrinth der eigenen Biografie war, und das Gehen durch das Labyrinth ein Dranbleiben an einer Art innerem roten Faden bedeutete – gegen alle äußeren Ablenkungen und Behauptungen der Außenwelt, ähnelt der jetzige Weg eher einem Weg durch die Wüste. Kein Labyrinth, kein Weg, kein roter Faden usw. Weiterlesen

‚Maßstab Mensch‘: eine Fachstelle für freie Sozialarbeit

Das Jahr 2020 geht zu Ende und der Rückblick ist stark geprägt durch die alles beherrschende Situation mit der Corona Pandemie. Man könnte beinahe die Entwicklungen übersehen, die wir in diesem Jahr mit der Fachstelle Maßstab Mensch hatten. Im März diesen Jahres endete die Förderung durch die Aktion Mensch, die 4 Jahre lang den Start des Projektes ermöglicht hatte. Das bedeutete die Fachstelle musste jetzt ökonomisch auf eigenen Beinen stehen und die Arbeit musste sich aus den Erträgen der einzelnen Beratungen, Vermittlungen und Begleitungen finanzieren. Und am Ende des Jahres können wir festhalten, dass die Fachstelle ihr erstes ‚freies Jahr‘ nicht nur gut überstanden hat, sondern stetig gewachsen ist und sich entwickelt hat. Die Fachstelle selbst ist nun mit Martina Rasch besetzt. (Träger ist die Umkreis-Entwicklungsgemeinschaften gGmbH). In der Fachstelle Ost in Rosche im Raum Uelzen sind mit Kathrin von Kamen und Gabriele Arndt zwei Menschen in der Beratung, Vermittlung und konkreten Begleitung tätig. Und auch die Zusammenarbeit mit Christian Hardemann im Raum Syke/Diepholz hat sich weiterentwickelt. Parallel zur Entwicklung der Fachstelle ist auch die gemeinsame Forschungsarbeit am Thema Ich-Entwicklung weitergegangen. In der Corona-Zeit haben wir uns per Zoom ausgetauscht zum Thema ‚Ich-Entwicklung begleiten.‘ Zur Arbeit von Martina Rasch gehören nicht nur die Einzelfallberatung und die konkrete Realisierung der Vermittlungen vor Ort und mit den Behörden, im Rahmen der Fachstelle werden auch weiterhin Einrichtungen beraten, und Höfe mit dem Thema vertraut gemacht. Dies hat sich auch erweitert auf die Beteiligung an Workshops mit der Hochschule in Witzenhausen (Thomas van Elsen), in denen Studenten und Projektinteressierte gemeinsam an der Umsetzung von Projektideen arbeiten. (Angehängt habe ich einen Beitrag vom März 2020 von mir und eine Beschreibung der Fachstelle von 2018 von Martina Rasch).

von links: Martina Rasch, Kathrin von Kamen, Christian Hardemann, Reiner von Kamen in der Fachstelle Horstedt

http://www.fachstelle-massstab-mensch.de Weiterlesen

Ich-Entwicklung begleiten 9.11.2019

Im September und Oktober hatte ich so viele Veranstaltungen, dass ich mit dem Nacharbeiten gar nicht hinterherkomme. So hatten wir am 21.9. die Vernissage von Elfi Wiese, am 22.9. die Eröffnung von Wolfgang Voigts neuem Atelier in Wennigsen, am 28.9. gleichzeitig ‚Ich-Entwicklung begleiten‘ und die Katalog-Vorstellung von Jasminka Bogdanovic in Dornach (so das Martina Rasch das Treffen zur Ich-Entwicklung alleine leiten musste). Am 19.10. hatten wir dann ein Forschungstreffen zum Thema ‚Die Sinne des Ich‘ in Horstedt. Und jetzt am 9.11. ging es weiter mit unseren Treffen zur ‚Ich-Entwicklung‘. Der Gesamtzusammenhang wird hier erwähnt, weil bei allen Veranstaltungen für mich das Thema ‚Ich-Entwicklung‘ explizit oder mehr hintergründig anwesend war.

Nachdem wir in den Treffen zur ‚Ich-Entwicklung‘ Anfang des Jahres mehr das Denken untersucht haben, ergab sich für die letzten Treffen mehr die Frage nach dem Willen. Martina Rasch hatte für sich eine Stelle aus der ‚Allgemeinen Menschenkunde‘ (R. Steiners) gefunden, mit der wir dann zwei mal gearbeitet haben, und die jetzt beim dritten Treffen noch einmal Ausgangspunkt war. „Erst wenn man den Willen wirklich erkennt, kann man auch wenigstens einen Teil der Gefühle erkennen. Denn ein Gefühl ist mit dem Willen sehr verwandt. Wille ist nur das ausgeführte Gefühle und das Gefühl der zurückgehaltene Wille. Der Wille, der sich noch nicht wirklich äußert, der in der Seele zurückbleibt, das ist das Gefühl: ein abgestumpfter Wille ist das Gefühl“ (4.Vortrag S.62) „Gefühl ist werdender, noch nicht gewordener Wille; aber im Willen lebt der ganze Mensch.“ (S.75).

Weiterlesen