Der Schicksalssinn

Karma 2

Will man über individuelle karmische Entwicklungen etwas sagen oder schreiben, dann braucht es dafür konkrete Erfahrungen und konkrete Anlässe. Mit Anlässe ist eine Art Anstoß oder eine Begegnung gemeint, die von außen und damit wie objektiv einen Zusammenhang sichtbar werden lässt, der nicht nur persönlich ist, sondern auch eine geistesgeschichtliche Figur beinhaltet. Ein solcher Anstoß kam vor kurzem mit einer Mail von Olga Bohnsack und Gabriel Prinsenberg, die uns darauf hinwiesen, dass wir vor dreißig Jahren, also 1991, das erste Biografie-Seminar von Gabriel im Umkreis e.V. veranstaltet haben. Ich war damals mit Olga auch Teilnehmer dieses ersten Seminars, während Elfi  die komplette Organisation und Durchführung geleistet hat. Aus diesem ersten Seminar hat sich dann eine kontinuierliche Zusammenarbeit entwickelt, die über zehn Jahre währte.  In dieser Zeit entwickelten wir gemeinsam mit Gabriel und Olga aus den einzelnen Seminaren eine Weiterbildung für Menschen in sozialen Berufen, die für viele Menschen eine wichtige Grundlage für ihre soziale und therapeutische Arbeit wurde. Neben den Seminaren mit Teilnehmenden aus ganz Deutschland, entwickelten wir regionale Kleingruppen. Und durch die gemeinsame Ausbildung entwickelten sich viele langwährende Beziehungen unter der den Teilnehmenden. Dies hatte nicht zuletzt auch damit zu tun, dass die Seminare sich sehr persönlich mit Fragen des eigenen Schicksals beschäftigten und gleichzeitig dieses Schicksal auf seine ihm innewohnenden Kräfte und Gesetze angeschaut wurde. Gabriel Prinsenberg veröffentlichte 1997 sein Buch ‚Der Weg durch das Labyrinth‘  Biographisches Arbeiten Begleitung auf dem Lebensweg. 1999 haben wir im ‚Umkreis‘ ein kleines Büchlein von Gabriel herausgegeben, das den Titel trägt ‚ Die Kunst in den helfenden Berufen‘. Damals schrieb ich im Vorwort:“ Der Umkreis e.V. leistet Sozialarbeit – wie begleiten Menschen mit schweren psychischen und sozialen Problemen. Aus dieser Arbeit heraus hat sich das Bedürfnis, ja die Notwendigkeit nach weiterer eigener Ausbildung und Forschung in dem Bereich der Kunst des Helfens entwickelt. In unserer so wissenschaftsgeprägten Zeit ist es für uns ein elementares Bedürfnis die Sozialarbeit künstlerisch zu erweitern. Nur so wird sie dem ganzen Menschen gerecht. (…) Es gibt für eine erweiterte Sozialarbeit nur wenig Grundlagenliteratur. Gabriel Prinsenberg hat hier skizzenhaft einiges von dem vorgelegt was in einer solchen grundlegenden Ausbildung für eine anthroposophisch erweiterte Sozialarbeit zu finden sein wird.“

Nach der Jahrtausendwende verlor dieser Impuls (bei uns) an Kraft, und die Seminare endeten. Gleichzeitig begann unsere intensive Zusammenarbeit mit Wolf-Ulrich Klünker und Monika Elbert von der DELOS-Forschungsstelle für Psychologie in Berlin (Eichwalde). Diese fand ihren Niederschlag in unserer eignen Forschungs- und Seminartätigkeit mit dem Schwerpunkt Ich-Entwicklung (und der Mitarbeit an dem Buch ‚Psychologie des Ich‘). Anlass genug einmal aus heutiger Sicht diesen Zusammenhang in den Blick zu nehmen. Dies kann vielleicht auch helfen die eigene Spur und die damit verbundenen Intentionen (auch die des Umkreis e.V.) besser sehen zu können. Denn die Frage nach der (freien) Begleitung von Menschen auf ihrem Lebensweg und in ihrem Leben ist immer noch unsere Intention. Unsere Fachstelle ‚Maßstab Mensch‘ ist die aktuelle Realisierung dieser Intention. Die Frage nach der Psychologie des Menschen oder des Ich konkretisiert sich deshalb bei uns auf die Frage nach den psychologischen Grundlagen einer Sozialarbeit, die real in der Schicksalssphäre wirksam wird.

 

 1

Biographiearbeit und Karma

Beginnen wir am Ende: Uns hat damals die Frage nach dem roten Faden in der eigenen Biografie in die Frage geführt, wie denn in der eigenen Biografie das eigene Karma zu erkennen ist. Also die Frage nach dem Aufwachen im eigenen Leben hat zu der Frage nach den Kräften und Formen geführt, die dieses Leben gebildet und geformt haben. Das Ende der Biographiearbeit war für uns, die wir diese Ausbildung durchlaufen und auch mitgestaltet haben, der Anfang unserer Karma Forschung. Von der Wirkung, vom Ergebnis her geschaut, hat unsere Biographiearbeit uns auf die Spur unserer weiteren Schicksalsentwicklung gebracht, weniger, wie wir uns vorgestellt hatten, erkennend, als vielmehr wirkend. Dazu passt auch, dass unsere Versuche, die Karma Forschung direkt an die Biographiearbeit anzuknüpfen erst einmal vollständig scheitern mussten. Sowohl die Seminare, die damals besucht wurden, wie auch eigene Versuche einen Weg zu finden, führten immer in eine Sackgasse, weil wir bemerkten, dass die Art der Forschung dem Gegenstand nicht angemessen war.

Erst die über zehnjährige intensive Zusammenarbeit mit Wolf-Ulrich Klünker in dem Forschungskreis zu Therapiefragen (ab 2003) mit vielen Wochenendtreffen und Seminaren, hat diese Frage einlösen können. Das Buch ‚Die Empfindung des Schicksals – Biografie und Karma im 21. Jahrhundert‘ , von Wolf-Ulrich Klünker 2011 veröffentlicht, bezeugt diese Einlösung. „Selbsterkenntnis und Schicksalserkenntnis gehören heute eng zusammen. (…) Ich brauche mich selbst in der Fülle meines irdischen Seins, um mich geistig begreifen zu können. Und gleichermaßen: Ich selbst als geistiges Wesen kann mir der Wirklichkeit, die auch jenseits der Schwelle gilt, nur bewusst werden, wenn ich von meiner irdischen Lebensseite alle Höhen und Tiefen, alle Chancen und Gefahren , alle Hoffnungen und Ängste miteinbeziehe.“ (S.7) Und im Klappentext heißt es: „Das Ich kann heute für die Wirklichkeit des Schicksals erwachen. In der Biografie verbinden sich Bewusstsein und Leben zu einer Empfindung karmischer Realität. In dieser Schicht des Erlebens findet Anthroposophie ihre Form für das 21. Jahrhundert“. Meine grundlegende Empfindung für diesen ‚Weg‘ würde ich so kennzeichnen: Angekommen! Man könnte es auch die Erfüllung einer Bewegungsintention nennen. Wobei diese Erfüllung, dieses Angekommen sein natürlich sogleich zwei Seiten hat: Ja, du hast ein Ziel erreicht, aber was nun? Es trat tatsächlich mit der Erfüllung einer bestimmten ‚Suche‘ ,mit dem Ankommen im eigenen Schicksal, das neue Problem auf, dass anscheinend (zumindest aus heutiger Sicht betrachtet) kein weiteres Ziel intrinsisch veranlagt war. So dass mit dem Erreichen dieses Zieles das ‚neue‘ Gefühl, eine neue ‚Empfindung‘ auftrat und immer noch auftritt, dass jeder nächste Schritt nicht mehr ‚abgesichert‘ ist und völlig offen ist. Während vorher der Weg tatsächlich ein Weg durch das Labyrinth der eigenen Biografie war, und das Gehen durch das Labyrinth ein Dranbleiben an einer Art innerem roten Faden bedeutete – gegen alle äußeren Ablenkungen und Behauptungen der Außenwelt, ähnelt der jetzige Weg eher einem Weg durch die Wüste. Kein Labyrinth, kein Weg, kein roter Faden usw.

Gleichzeitig bleibt als eine Art Material oder auch Inhalt, das was sich bisher als Biografie realisiert hat. Aber dieses Material hat jetzt eine andere Funktion als in der Zeit, in der es gelebt und erlebt  wurde, es kann auch nicht einfach als Erinnerung  dem Ich als Stütze dienen. Man muss es mit der aktuellen Situation und Fragestellung in Berührung bringen und das, was von dem Inhalt durch die damalige ‚Funktion‘ in der eigenen Biografie, noch nicht vollständig ‚herausgeholt‘ werden konnte, durch die heutige Perspektive freilegen. Also die biografische Fortentwicklung des damaligen Inhaltes kann diesen Inhalt ganz neu aufschließen. Das Weitergehen ermöglicht einerseits ein Bewusstsein dieses Teils der eigenen Biografie, es wird jetzt erst eine Art Gesamtzusammenhang deutlich, andererseits ergibt sich möglichweise etwas Neues, wenn man das Frühere (der Biografie) mit dem Späteren in eine Wechselwirkung bringt. Dies sei im Folgenden einmal mit der Frage der Biographiearbeit und dieser Epoche in unserem Leben versucht.

2

Wer bin ich?

Was möchte ich eigentlich erkennen und verstehen, wenn ich ein Interesse für meine Biografie entwickele? Warum ist ein solches Interesse für die eigene Biografie gerade im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts in den Menschen entstanden? Die Frage: Wer bin ich? taucht verstärkt in den Menschen in dieser Zeit auf. Das Auftauchen der Frage könnte damit zusammenhängen, dass diese Frage deshalb notwendig wird, weil die eigene Identität nicht mehr ohne weiteres gegeben ist. Das könnte darauf hinweisen, dass eine geschlossene seelische Gestalt beginnt sich aufzulösen, dass also das, was bisher ein konsistentes Selbstgefühl vermittelt hat dazu nicht mehr in der Lage ist. Dafür gibt es viele innerliche und äußerliche Anzeichen, wie die Auflösung der bisher tragenden und bestimmenden sozialen Einbindungen wie Familie, Stand und Religion, aber auch eine massive Verobjektivierung in Wissenschaft und Technik bis in die Lebensbezüge hinein, reduziert den Menschen auf seine Subjektivität (seine Objektivität liegt in seinen Genen), und letztlich hat auch die Psychologie das mehr unbewusste, aber doch gefestigte seelische innere Erleben unterminiert, indem sie ihm suggeriert hat, du bist eigentlich auch als Subjekt nicht wirklich gesichert, denn in Wirklichkeit bestimmt dich ein Unbewusstes, dein Es. Eine vorgegebene Biografie existiert immer weniger; es wird vom Individuum verlangt seine eigene Biografie selbst zu gestalten. Das Rumoren dieser existentiellen Situation des Ich oder des Subjekts ist schon wesentlich früher, ab den sechziger Jahren in Literatur und Kunst zu spüren. Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts wird es dann auch zivilisatorisch für immer mehr Menschen eine existentielle Frage. Dem Menschen wird insofern eine Art grundlegender Selbsterkenntnis geradezu aufgezwungen, ohne dass ihm dafür Werkzeuge gegeben werden, wie ein solches Selbsterkennen denn gehen könnte. Das in sich hineinschauen wollen, das permanente reflektieren und analysieren der eigenen Lebensvollzüge wirken eher unterminierend auf das eigene Selbstgefühl. Man kommt auf keinen Grund und es baut sich keine positive Gestalt oder Perspektive auf. Auch ein solcher Begriff wie ‚midlife-crisis‘, der eine Art Aufwachmoment für eine Zeit inmitten des Lebens sein kann, verbreitet sich erst im Laufe der siebziger Jahre und gehört heute, wie der Begriff der Lebenskrise überhaupt, zum allgemeinen Denken über das Leben. Parallel zu dieser individuellen und zivilisatorischen Entwicklung der tendenziellen Auflösung der Seele und damit der Biografie entstehen natürlich auch immer mehr Angebote der Hilfe, Lebensberatung, Paarberatung, Psychotherapie, und der ganze Bereich der sogenannten Selbsterfahrung. Neben der oben geschilderten Not der einzelnen Seele in der Krise, kommt auch eine gewisse forschende Neugier hinzu, ja auch eine Art spielerische Umgangsweise mit sich selbst, die sich der existentiellen Seite wie entlastend entgegenstellt. Gleichzeitig bleibt die Existentialität des Schicksals vor allem in Krankheit und Tod als Zumutung für das Subjekt erhalten. Und diese Zumutung ist auch eine Art Prüfung für alle Wirklichkeitskonzepte des Lebens. Halten sie dieser Zumutung stand?

In der Anthroposophie dieser Zeit, vor allem bei Bernhard Lievegoed, dem holländischen Arzt, wurde die oben skizzierte menschheitliche Situation mit der Frage nach der ‚Rettung der Seele‘ verbunden. Man sah die realistische Gefahr, dass die menschliche Seele, wissenschaftlich (Psychologie ohne Seele), aber eben auch im Selbsterleben, verloren gehen könne. Und man findet bei den Autoren und Referenten jener Zeit (z.B. Frank Teichmann) den Versuch den Menschen  begrifflich, aber auch erfahrend die eigene Seele zugänglich werden zu lassen. Interessanterweise knüpfen sie dabei meistens an einen Seelenbegriff an, der in der Schule von Chartres oder auch in der Antike seine Wurzeln hat, und der mit den sogenannten Sieben freien Künsten verbunden ist. Das heißt man versucht die sterbliche und subjektive Seele des 20. Jahrhunderts in eine Verbindung zu bringen mit einer Seele, die ihre Existenz (noch) ihrer kosmischen Beziehung verdankt. Die Sieben Freien Künste oder die Sieben Freien Wissenschaften hatten die Aufgabe, die von ihrem Ursprung und ihrem eigentlichen kosmischen Wesen entfremdete Seele wieder zur ihrem Ursprung zurückzuführen. Das heißt die Wissenschaften hatten die Aufgabe den Menschen Stufe für Stufe vom irdischen Wahrnehmen zum rein Geistigen emporzuheben. Das geschieht dadurch, dass die Seele, die in ihr liegenden logoi betätigt und sich damit ihrer bewusst wird.

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Gabriel Prinsenberg bezieht sich im Vorwort seines Buches (Der Weg durch das Labyrinth, 1997) ganz direkt auf die Schule von Chartres und die entsprechenden Freien Künste/Wissenschaften und bezeichnet sie als seine Inspirationsquelle. Das heißt die Biographiearbeit, aber auch alle anderen Forschungs- und Übungsansätze in den Seminaren jener Zeit, beziehen sich auf einen realen Inhalt – den Zusammenhang der mikrokosmischen menschlichen Seele mit dem Makrokosmos und sie knüpfen damit an einen realen Seelenbegriff an. Dieser  Seelenbegriff bezieht seine Wirklichkeit aus der Entwicklungsdimension der Seele im Verhältnis zum Geist. Das bedeutet die Seele ist, so wie sie sich vorfindet, noch gar nicht wirklich sie selbst, sondern sie ist der Anfang einer Seelenentwicklung. Das setzt wiederum voraus, dass schon in dem Anfang, das heißt in der gegebenen Seele die (geistige)Entwicklungskraft angelegt ist, die sie zu ihrer Entwicklung befähigt. Es bedeutet weiterhin, dass die Seele kein reines Bewusstseinsphänomen ist, sondern auch einen wirklichen Organismusbezug, also einen Bezug zum Leben hat. Auch der Organismus wird ja in der Antike und in der Schule von Chartres als Mikrokosmos in Bezug zum Makrokosmos verstanden. Die Seele hat einen innewohnenden Lebensbezug  und damit hat auch die Biografie, als Lebenszusammenhang, einen Bezug zu dem makrokosmischen Kräftebereich. Intention ist es also, dem Menschen von heute, für den die Seele nur noch eine Art Epiphänomen des Körpers ist, insbesondere des Gehirns und der Nerven, eine Berührung mit der Wirklichkeit des Seelischen in der Biografie, im Organismus und im Sozialen wieder zu ermöglichen. Damit wird  die Seele auf ihr Entwicklungspotential verwiesen und ihr ein Weg zur Entwicklung angeboten. Es geht also nicht um Seelenanalyse, sondern um Seelenbildung.

Man kann eine solche biographische Entwicklung, wie ich sie hier (für mich) skizziert habe, unter dem Gesichtspunkt anschauen, was ist eigentlich heute für mich daraus geworden. Also erst war die Biographiearbeit, dann kam die Arbeit mit der Delos-Forschungsstelle zur Ich-Psychologie und Karma usw. Man kann natürlich noch weiter zurückgehen oder auch mehr in die Breite: was war da noch alles, aus dem sich das Heutige anscheinend herausentwickelt hat, oder was zumindest zeitlich nacheinander sich ereignet hat. Man kann aber auch einen Schritt weiter gehen und das was heute draus geworden ist, wieder in eine neue Beziehung zu dem Vorangehenden zu bringen und zu sehen, was sich dann ergibt. Dann kommt man in eine interessante Relation von Ich-Entwicklung und Biographieforschung. Was ergibt sich eigentlich für die Biographieforschung, wenn die karmische Dimension dazu genommen wird? Was bedeutet dies für den Begriff ‚Schicksal‘?

3

Schicksal

Es gibt zwei Zumutungen für den gegenwärtigen Menschen. Die eine ist, das alles was ihm geschieht, Zufall ist, Pech, Unglück. Er kann nichts dafür. Er hat keine Schuld. Diese Perspektive auf das eigene Leben ist deswegen eine Zumutung, weil damit alle Sinnhaftigkeit des Geschehens verlorengeht, aber auch weil mich dann ja alles treffen kann, und ich gar keine Kontrolle mehr über mein Leben habe. Möglicherweise hat ein solcher objektiver Kontrollverlust über mein Leben als (zivilisatorische und psychologische) Gegenreaktion ein Bedürfnis nach möglichst großer Kontrolle über alle Lebensvollzüge mit sich gebracht – bis in die Überwachung aller meiner Lebensdaten, wie Puls, oder Schritte etc. Die andere Zumutung ist dagegen die Zuschreibung einer Verantwortlichkeit auch für den Teil meines Lebens, der mir wie von außen zustößt. Gäbe es eine solche Verantwortung, dann wäre ich tatsächlich auch mit dem verbunden, womit ich erst einmal bewusst keinen Zusammenhang herstellen kann. Dann wäre ich natürlich existentiell daran interessiert eine Bewusstseinsmöglichkeit für mein Schicksal zu bekommen, um ihm nicht einfach nur ausgeliefert zu sein im Sinne eines Fatums.

Für mich selbst kann ich feststellen, dass ich mit beiden Perspektiven gelebt habe. Zuerst mit der Perspektive des Zufalls und der damit verbundenen Freiheit der Wahl, was man und wie man leben will. Ich würde es heute als ein Erwachen des zentralen Ich-Bewusstseins für sich selbst beschreiben. Und dieses Erwachen ermöglichte mir ein radikales Bezugnehmen auf mich selbst, ohne dass ich für dieses Selbst schon einen Inhalt hatte. Gleichzeitig hatte diese Schicksalsfreiheit aber auf die Dauer eine depressive Wirkung auf mich, weil ich mich überhaupt nicht zu greifen bekam. Es fehlte dem freien Ich eine Umgebung, die mit diesem Ich zu tun hatte. Dies führte wiederum zu dem Gefühl mich in einer Lebens-Sackgasse zu befinden. In dieser Situation war es notwendig einen völlig neuen Schritt zu tun. Das, was ich in meinem Leben vermisste, die verbindliche Beziehung zu anderen Menschen, mit denen man etwas zusammen aufbauen konnte, zeigte mir, was ich eigentlich suchte: Die richtigen Menschen, mit denen ich etwas zu tun hatte. Diese innere Bewegung war das, was mir ein neues Wahrnehmungsorgan eröffnete und meine Menschenbegegnungen ab diesem Moment neu bestimmte. Ich würde aus heutiger Sicht sagen, dass sich damals eine Perspektivverschiebung in mir vollzog, die ab dann die Schicksalsfrage, oder die Frage eines peripheren Ichs, aufwachen ließ. Noch nicht inhaltlich, begrifflich, mehr als eine Art Empfindung für die Zukunft.

Die Erfahrung  einer ersten für mich schicksalsrelevanten Beziehung, in der Folge dann auch weiterer Beziehungen, die ich so charakterisieren würde, ging der Begriffsbildung voraus. (siehe Karma 1) Die Erfahrung bestand in der klaren Empfindung, dass die Zukunft meines Lebens davon abhing, dass die Beziehung zu diesem Menschen weitergehen würde. Und diese Empfindung, dieses Gefühl unterschied sich von allen anderen Empfindungen und Gefühlen, die ich bis dahin kennengelernt hatte.  Es war interessanterweise ein Wahrheitsgefühl, dass alle anderen seelischen Kriterien  nicht mehr gelten ließ, und das in allem seelischen Tumult, kleinste Handlungsentscheidungen rein aus diesem Zukunftswillen heraus ermöglichte. Diese Handlungsentscheidungen waren aus damaliger Sicht nicht vernünftig, ich musste, um sie treffen zu können, alle Vergangenheitsbestimmungen meines Urteilens außer Kraft setzen. Ich musste, ohne äußere Absicherung, ganz auf die minimale, aber deutliche ‚Empfindung des Schicksals‘ setzen. Die nötigen Handlungen und Bewegungen zeigten sich dann situativ, und gleichzeitig völlig objektiv, sprich sie mussten auch dann geschehen, oder vollzogen werden, wenn gegen die eigene seelische Konstitution und die eigenen Gewohnheiten gehandelt werden musste.

Wie von einer anderen Seite her, geschah dann die Begegnung mit dem Begriff eines Schicksals-Ich. In meiner anthroposophischen Ausbildung zum Sozialtherapeuten (Mitte der achtziger Jahre) wurde von unserem Lehrer eine Art Amöbe mit welligem Umkreis an die Tafel gezeichnet, mit Pfeilen, die von außen auf den Kern dieser Zelle zielten. Also das Schicksal wirkt von außen auf dieses zentrale Ich! Und dieses Schicksal ist auch Ich! In diesem Fall war meine Empfindung gar nicht von der Inhaltsseite dieses Themas so stark berührt, was mich eigentlich beschäftigte, war die Frage der Bewegung, die ich an dieser Zeichnung erleben konnte. Eine Bewegung, die entgegengesetzt zum normalen Selbsterleben, von außen, aus der Peripherie auf das Ich zu kam. Meine Empfindung bezog sich auf das Willenshafte dieser Bewegungsart und auf die Vertauschung der normalen Richtungen, in denen wir uns erleben. Bei Carl Unger habe ich später eine Formulierung gefunden, die dieses Prinzip schon 1929 skizziert hat: Er spricht von einem ‚Standpunktwechsel‘ der nötig ist, um das Walten des Schicksals  zu begreifen. „In allen drei Fällen handelt es sich um die Vertauschung polarer Gegensätze. In der ersten Richtung vertauschen sich Inneres und Äußeres. In der zweiten Richtung Vergangenes und Künftiges, in der dritten Ursache und Wirkung.“ Und er schreibt dann lapidar: „Die Erfassung solcher Gegendimensionen ist ein Vorgang der geistigen Entwicklung: das kann hier nur angedeutet werden.“ (Carl Unger, Aus der Sprache der Bewusstseinsseele, Neuausgabe 2007, S. 204). Der Begriff des Schicksals-Ich, oder auch Umkreis-Ich, enthielt für mich selbst etwas Willenshaftes, das in mir eine Bewegung auslöste, und die Empfindung, das da ein Rätsel vorliegt, aber ein Rätsel, mit dem ich etwas zu tun habe. Ich musste mich bewegen, um mich mit ihm auseinandersetzen zu können. Als ich dann  im Rahmen der Ausbildung eine Biografie-Darstellung erarbeiten sollte, entschied ich mich für die Biografie von Peter Härtling über Hölderlin und konnte dann studieren, wie Härtling den Menschen Hölderlin ganz aus seinem menschlichen Umkreis, bzw. seinen jeweils verschiedenen menschliche und örtlichen Umkreis-Konstellationen erscheinen lässt. Und diese Darstellung ließ diese Individualität mit ihrem rätselhaften Schicksal plötzlich viel klarer werden, als andere Darstellungen, die versuchten ihn mehr über die Person zu verstehen.

Dass wir unserem Verein, den wir 1988 gründeten, den Namen ‚Umkreis e.V. Verein zur Förderung sozialer Hilfen‘ gaben, gehört auch mit in dieses Gebiet eines noch träumerischen, aber gleichzeitig auch schon zielsicher greifenden Willens, der sich Stück für Stück das Unbewusste seines Schicksals freilegt. Das wir dann wenig später 1990 auf Gabriel Prinsenberg trafen, der an der Studienstätte (für Kunsttherapie) in Ottersberg als Gastdozent Biographiearbeit lehrte, war für uns der nächste Schritt aus der Zukunft für unsere Frage nach dem Schicksal. Während meine Frau damals Fortbildungen für Kunsttherapeuten in der Praxis organisierte, war in mir ein starker Instinkt wirksam, der mich auf dieses Thema Biographiearbeit ausrichtete. Wir hatten auch in unseren ersten Umkreis-Treffen zusammen mit den seelisch erkrankten Menschen, die damals bei uns lebten, sowohl die eigene Biografie in den Blick genommen, wie auch Biografien von Künstlern angeschaut und besprochen. Die biografische Schicht des Lebens, das war für uns alle immer spürbar, hatte eine völlig andere Qualität als die normale seelische Begegnungsebene. Es war im Gegensatz zum wechselnden seelischen Erleben, das ja stark stimmungsabhängig war, eine Art Ich-Wirklichkeit, die man dort wahrnehmen konnte. Der Austausch in dieser Schicht ermöglichte relativ schnell eine Tiefen-Begegnung mit dem anderen Menschen und erzeugte immer auch einen Respekt vor dem anderen Menschen. Gleichzeitig zeigte sich, dass nur eine solche Begegnung mit anderen Menschen auch die eigene Ich-Figur freilegen konnte. Wir waren also in gewissem Sinne gut vorbereitet, als wir auf Gabriel Prinsenbergs Impuls trafen, Biographisches Arbeiten als eine Methode der sozialen Arbeit, aber eben auch als eine Methode der Selbsterkenntnis zu unterrichten. Auch diese Begegnung wurde von außen angestoßen: Eine Teilnehmerin der Fortbildungen für Kunsttherapeuten, erzählte uns von den Seminaren Gabriels an der Kunststudienstätte, und ich kann mich gut daran erinnern, wie dieses Erzählen in mir sofort zum Impuls wurde, in unserem Zusammenhang solche Seminare mit ihm anbieten zu wollen. Vor 30 Jahren haben wir diesen Impuls dann zu ersten Mal realisiert.

4

Personare – Was tönt hindurch?

Biografiearbeit, als die Frage nach dem roten Faden im eigenen Leben, kann leicht, wie viele andere therapeutischen Methoden, zu einer Deutung des eigenen Lebens werden, kann die Bewusstseinsspiegelungen noch vermehren. Das geschieht insbesondere dann sehr leicht,  wenn die inhaltliche Erkenntnisseite überbetont wird.  Zu dieser inhaltlichen Seite gehören alle Typologien, alle biografischen Gesetze, alle moralischen Sollvorstellungen usw. Zu dieser inhaltlichen Seite gehört auch, wenn ich mein Leben mit Hilfe dieser allgemeinen Anschauungen beurteile. Der Rückgriff der Biografiearbeit auf die kosmische Kraftseite des Seelischen beinhaltete Rettung und Gefahr gleichzeitig. Denn der Abgleich der eigenen Lebensentwicklung mit kosmischen Gesetzmäßigkeiten schafft erst die Möglichkeit vor diesem allgemeinen Hintergrund die eigene individuelle Bewegung zu bemerken, andererseits besteht die Gefahr sich dadurch zu stark in eine kosmische Vergangenheit der Seele ziehen zu lassen, und die eigene individuelle Bewegung gar nicht wahrnehmen zu können, weil sie in dieser Vergangenheit gar nicht vorkommt. Es besteht kurz gesagt die Gefahr der Idealisierung der eigenen Biografie. In der sozialen Arbeit kann es, ähnlich wie bei anderen Gesetzmäßigkeiten, zu einer Art Diagnostik kommen mit entsprechender Defizitperspektive.

Rückblickend auf unser eigenes Ausbildungsgeschehen zeigen sich mir heute drei wesentliche Wirkungen: Die Seminare, wie sie von Gabriel Prinsenberg gestaltet wurden, – mit ganz viel ‚Kunst‘ aus allen Bereichen, hatten eine seelentherapeutische Wirkung auf die dramatisch ‚verarmten‘ Seelen der achtziger Jahre. Also die vollständige Durchdringung sowohl der Seminare, wie auch der Inhalte mit dem Künstlerischen gab den Seelen der damaligen Zeit eine Art künstlerische Erfüllung. Die zweite Wirkung war, dass durch die Übungen und die vielen Gespräche, eine Vertiefung der Begegnung mit anderen Menschen möglich wurde. Es wurde das sichtbar und hörbar, was nicht das Offensichtliche und Äußere am anderen Menschen war, sondern, das, was durch ihn hindurch tönte, also nicht seine Person, sondern sein ‚personare‘. Auch dies hatte wechselseitige therapeutische Qualität. Die dritte Wirkung ist ambivalenter, aber war ebenso deutlich zu bemerken: Die Begegnung mit den allgemeinen seelischen Qualitäten (Temperamente, Planetenqualitäten, Tierkreis etc.)  verobjektiviert das eigene Seelische. Es kann sich eine gewisse Emanzipation vom gegebenen Seelischen vollziehen. Dies geschieht meist nicht ohne Krise. Häufig kam es in den Seminaren zu Begegnungen mit dem eigenen Doppelgänger, oder dem des anderen Menschen. In der Folge konnte es zu einer neuen Nacktheit der Seele kommen. Mit einer solchen freieren Empfindungsfähigkeit war es aber nicht einfach zu leben. Deshalb hatte so manches Seminar seine ganz eigene Dramatik!

Durch die künstlerische Methodik wurde man immer mehr von der rein verstandesmäßigen Systematik und Analytik in die Bereiche imaginativer, inspirativer und intuitiver Wahrnehmung geführt. Es wurde also ein Empfinden angelegt, dass sich in diesen Wirklichkeitsschichten wahrnehmend bewegen kann. Gerade die Berührung dieser Wirklichkeit war in jener Zeit für die meisten Menschen noch sehr schwierig, stattdessen forderte man immer mehr Inhalt, Wissen, Struktur. Wenn wir heute in der ‚Psychologie des Ich‘ von der ‚Märchenschicht‘ als der Wirklichkeit sprechen, die auch lebensberührend und lebensdurchgängig ist, dann ist das  heute schon zugänglicher als damals.  Der Kontrast der heutigen Seele zu einer solchen Märchenschicht ist noch größer geworden und damit aber auch gleichzeitig eine neue Sehnsucht nach einer lebendigen Seelenwirklichkeit entstanden. Rückblickend erscheint es heute so, dass die Seele damals noch nicht wirklich in diese Lebenswirkung  hineinwollte. Doppelgänger-Erlebnisse und Schwellenberührungen gehörten zu unserer Biographiearbeit in den neunziger Jahren.

5

Schicksalssinn

In dem Aufsatz ‚Geist-Erinnerung und Entwicklung‘ (Konturen, Bd.1, 1990; Menon Verlag Heidelberg) untersucht Wolf-Ulrich Klünker die Frage, wie ein Denken ausgebildet werden kann, dass Entwicklung wahrnehmen und gestalten kann, ja zugespitzt auf unseren Zusammenhang, wie ein Empfinden ausgebildet werden kann, dass zukunftsfähig ist. Für diese Frage greift er auf einen Zusammenhang aus dem frühen Mittelalter bei Alkuin (8. Jahrhundert) zurück. Alkuin unterscheidet dort drei geistige Kräfte: memoria, intelligentia und providentia. Es klingt schon durch die lateinischen Namen hindurch, welche Tätigkeit damit jeweils gemeint ist. Memoria ist die geistige Kraft, die sich auf die Vergangenheit richtet, intelligentia ist die Kraft, die die Gegenwart erkennen kann und providentia ist die geistige Kraft, „die das Zukünftige voraussehen kann, noch ehe es geschehen ist.“ (S.30). Klünker findet in den Formulierungen des Alkuin einen versteckten Hinweis, „wie man über die intelligentia, das intellektuelle Verhaften in der Gegenwart, hinauskommen kann, um sich das richtige Handeln für die Zukunft zu erschließen. Versteht man die drei Teile der Aussage als einen Zusammenhang, so ergibt sich, dass das mittlere Glied, die intelligentia, zu der memoria zurückgehen muss, um providentia ausbilden zu können. Das Vergangene muss verstanden werden mit Hilfe der richtigen Erinnerungskraft. Wenn es möglich ist, mit Hilfe der memoria eine Entwicklungslinie von der Vergangenheit in die Gegenwart herzustellen, dann kann aus der vereinten Kraft von memoria und intelligentia die providentia hervorgehen – das bedeutet: das richtige Denken und Handeln für die Zukunft entwickeln.“ (S.31)

Die Betrachtung Klünkers bezieht sich auf die geistesgeschichtliche Entwicklung. In unserem speziellen Zusammenhang kann man sie einmal probehalber auf die biographische Entwicklung anwenden. Die Erinnerung allein ist nicht in der Lage die Entwicklungsbewegung zu erfassen, die in der Linie von der Vergangenheit in die Gegenwart liegt. Das gegenwärtige normale Denken ist auch nicht in der Lage Entwicklungen zu denken. Es orientiert sich an dem Gegebenen in der Gegenwart. Es muss sich das Denken mit der Erinnerungskraft  zusammenschließen, um Zusammenhänge zeitlicher und inhaltlicher Entwicklung zu bemerken. Ich lerne Entwicklungen real zu denken, indem ich mich an realen Entwicklungen orientiere und so die Entstehung der Gegenwart aus der Vergangenheit verstehen kann. Damit tauche ich in den Entwicklungszusammenhang ein, Vergangenheit und Gegenwart werden wieder ein „Werdendes“. „Eine solche Betrachtungsart „verflüssigt“ gleichsam das Gegebene.“ (…) Die gegenwärtige Wirklichkeit stellt sich nicht mehr nur in ihrer starren Außenseite, sondern in ihrem Prozess dar, aus dem sie heraus entstanden ist, d.h. das zunächst Gegebene verwandelt sich in ein sich Entwickelndes.“ Es geht also darum durch das Verbinden von Erinnerungskraft und Denken ein Organ für Entwicklungen zu bilden. So verstanden könnte auch Biografiearbeit gar nicht primär nur dem Verständnis der eigenen oder fremden Biografie dienen, sondern der Ausbildung eines ganz neuen Schicksalssinns, der in der Lage ist Zukunft zu gestalten. „Damit verwandelt sich auch die Beziehung des Menschen zu seiner Gegenwart: sie tritt ihm nicht mehr nur „von außen“, gleichsam fertig gegenüber. Vielmehr stellt sie sich als ein prozessuales Geschehen dar, als eine Entwicklung, an der der Mensch Anteil hat. Diese „Verflüssigung“ der Gegenwart in der Erkenntnis ihrer Entstehung aus der Vergangenheit erschließt die Zukunft.“ (S.32)

Die Ausbildung von providentia oder auch die Entwicklung eines Schicksalssinnes verändert das Verhältnis des Menschen zur Welt grundlegend. Außen ist nicht mehr unbedingt räumliches Außen, sondern wird zeitliches Entwicklungsgeschehen. Aber auch die Erinnerung verändert sich; sie taucht nicht mehr als Erinnerung von innen auf, sondern wird immer mehr zu einem Außenprozess der Wahrnehmung. Während der Raum immer mehr zur Zeit wird, wird die Zeit immer mehr zum Raum. Plötzlich liegt dann die Biografie gar nicht mehr hinter mir, sondern taucht als Wahrnehmung in der Außenwelt und damit als Entwicklungsmöglichkeit wieder auf.

Erst die Ausbildung und das Leben mit und durch den Schicksalssinn eröffnet eine Entwicklung nicht nur für das Bewusstsein, sondern auch für das Leben und damit auch für die Welt, eine Entwicklung, die allerdings Innenprozeß und Außengeschehen miteinander verbindet. Die Entwicklung und Zukunftsgestaltung geschehen im Ich und in der Welt. Sie ist nicht modellhaft, konzeptartig und äußerlich mechanisch im Ansatz, sondern durchgängig ichgetragen. Zentrales bewusstes Ich und peripheres Schicksals-Ich begegnen, berühren und durchdringen sich. Eine solche Entwicklung ist naturgemäß kleinschrittig in den Bewegungen, dadurch auch korrigierbar im Geschehen, aber von den Wirkungen tiefer eindringend in die Wirklichkeit.

Wenn hier von einem Schicksalssinn die Rede ist, ist dies durchaus konkret gemeint. Es geht tatsächlich um die Weiterentwicklung der vorhandenen Sinne. So wie die unteren Sinne, wie Gleichgewichtssinn, Eigenbewegungssinn usw. erst im Lauf der kindlichen Entwicklung ausgebildet werden, aber natürlich als Vermögen angelegt sind, so muss auch der Schicksalssinn im Laufe des Lebens eigenständig und individuell entwickelt werden und basiert auf der Verwandlung der vorhandenen Sinne. Die vorhandenen Sinne sind auf diese Entwicklung auch angewiesen, denn ohne den Ich-Bezug im Schicksalssinn würden sie tendenziell immer weiter degenerieren und sich auseinander entwickeln. Diese Tendenzen sind heute schon in vielen neuen Erkrankungsformen zu beobachten (wie z.B. Hypersensibilitäten und andere Reizempfindlichkeiten einerseits und Desensibilisierungen in den basalen Sinnestätigkeiten andererseits). Die einzelnen Sinnestätigkeiten sind teilweise schon aus früheren Einbindungen herausgelöst und benötigen eine neue Tätigkeitsform, die sie wieder zusammenführt. Der Schicksalssinn kann diese Verwandlung und Integration bewirken. Biographiearbeit und Psychologie des Ich wiederum dienen der Entwicklung und Erforschung einer solchen neuen Empfindungswirklichkeit des Schicksals.

Roland Wiese 20.6.2021

 

 

 

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