Ich-Entwicklung begleiten 9.11.2019

Im September und Oktober hatte ich so viele Veranstaltungen, dass ich mit dem Nacharbeiten gar nicht hinterherkomme. So hatten wir am 21.9. die Vernissage von Elfi Wiese, am 22.9. die Eröffnung von Wolfgang Voigts neuem Atelier in Wennigsen, am 28.9. gleichzeitig ‚Ich-Entwicklung begleiten‘ und die Katalog-Vorstellung von Jasminka Bogdanovic in Dornach (so das Martina Rasch das Treffen zur Ich-Entwicklung alleine leiten musste). Am 19.10. hatten wir dann ein Forschungstreffen zum Thema ‚Die Sinne des Ich‘ in Horstedt. Und jetzt am 9.11. ging es weiter mit unseren Treffen zur ‚Ich-Entwicklung‘. Der Gesamtzusammenhang wird hier erwähnt, weil bei allen Veranstaltungen für mich das Thema ‚Ich-Entwicklung‘ explizit oder mehr hintergründig anwesend war. 

Nachdem wir in den Treffen zur ‚Ich-Entwicklung‘  Anfang des Jahres mehr das Denken untersucht haben, ergab sich für die letzten Treffen mehr die Frage nach dem Willen. Martina Rasch hatte für sich eine Stelle aus der ‚Allgemeinen Menschenkunde‘ (R. Steiners) gefunden, mit der wir dann zwei mal gearbeitet haben, und die jetzt beim dritten Treffen noch einmal Ausgangspunkt war. „Erst wenn man den Willen wirklich erkennt, kann man auch wenigstens einen Teil der Gefühle erkennen. Denn ein Gefühl ist mit dem Willen sehr verwandt. Wille ist nur das ausgeführte Gefühle und das Gefühl der zurückgehaltene Wille. Der Wille, der sich noch nicht wirklich äußert, der in der Seele zurückbleibt, das das Gefühl: ein abgestumpfter Wille ist das Gefühl“ (4.Vortrag S.62) „Gefühl ist werdender, noch nicht gewordener Wille; aber im Willen lebt der ganze Mensch.“ (S.75).

Gerade heute, wo in der Sozialarbeit ständig von Personenzentrierung, Individualisierung und Selbstbestimmung die Rede ist, könnte es hilfreich sein, sich etwas genauer mit dem zu beschäftigen, was denn der menschliche Wille überhaupt ist. Das 19. und 20. Jahrhundert haben dazu nur wenig Vernünftiges produziert. Die letzten steilen Thesen der Gehirn-Philosophie oder Psychologie – einen freien Willen gebe es nicht (Gerhard Roth), die sich auf einige wenige Experimente Benjamin Libets in falscher Weise beriefen, sind inzwischen auch widerlegt. (Sowohl philosophisch durch Markus Gabriel, wie experimentell durch Mathias Rang und Siegward M.Elsas widerlegt – siehe PDF unten). Dabei hilft es eigentlich wenig den Willen und etwaige physische Korrelate zu untersuchen. Hilfreicher ist es den Willen in der eigenen Beobachtung und der begrifflichen Verarbeitung zu verstehen. So ist methodisch an der Steiner Stelle aus der Allgemeinen Menschenkunde interessant, dass der Wille im Übergang zum Gefühl, und das Gefühl im Übergang zum Willen angeschaut wird. Dies wirkt, wenn man damit etwas länger auch bei sich selbst umgeht, einleuchtend. Es braucht keine Studien, oder Experimente um denkend und beobachtend in das Wesen des Willens einzudringen.

 

Die von Martina Rasch als Ausgangspunkt für unsere Gespräche gefundene Stelle ist natürlich auch hochinteressant für psychiatrische oder psychologische Überlegungen zum Gefühl und zum Willen interessant. Wer sich beispielsweise zu sehr auf das einzelne Gefühl fokussiert und versucht es zu verstehen oder zu behandeln, verliert möglichweise aus den Augen, was die eigentliche Funktion des Gefühls ist in Bezug auf den Willen. Das Gefühl ist in der Willensschicht ein Pendant zur sinnlichen Wahrnehmung. Es ist eminent empirisch, es muss erlebt und gefühlt werden. Und Steiner hat immer wieder darauf hingewiesen, dass es zwar möglich ist an seinem Denken und an seinem Wollen (übend) zu arbeiten, aber dass es eigentlich problematisch ist das Gefühl direkt zu bearbeiten. Die Willensseite des Gefühls ist bearbeitbar – das betrifft die Intensität des Gefühls; die Inhaltsseite ist bearbeitbar, das die Denkseite des Gefühls. Aber das Gefühl selbst ist gewissermaßen die Quintessenz des menschlich seelischen Erlebens dieser beiden geistigen Seiten der Individualität. Und das Durchfühlen und Erleben des Gefühls scheint eine wichtige Funktion für die menschliche Entwicklung zu haben.

 

Welche wichtige Aufgabe das Gefühl gerade in der Willensorientierung, ja in der Schaffung der eigenen Willensimpulse hat zeigt eine andere Stelle, die ich bei Steiner in dem Buch ‚Von Seelenrätseln‘ gefunden habe. „Man kann ins Auge fassen, was durch anthropologische Betrachtung über den wollenden (handelnden) Menschen auszumachen ist. Einem auszuführenden Willensimpuls liegt zunächst die Vorstellung von dem zu Wollenden zugrunde. Diese Vorstellung kann physiologisch in ihrer Bedingtheit von der Leibesorganisation (dem Nervensystem) erkannt werden. An die Vorstellung gebunden ist ein Gefühlston, ein fühlendes Sympathisieren mit dem Vorgestellten, das bewirkt, dass die Vorstellung den Impuls für ein Wollen liefert. Dann aber verliert sich das seelische Erleben in die Tiefen, und bewusst tritt erst wieder der Erfolg auf.“(S.132). Mir gefällt an der Stelle die Formulierung ‚ein Gefühlston‘ und das ‚fühlende Sympathisieren‘. Die Vorstellung ist auf diesen Gefühlsanteil angewiesen, damit aus der Vorstellung ein Impuls etwas zu Wollen wird (und nicht nur die Vorstellung). Dieser Gefühlston, dieses Sympathisieren ist aber nur wenig von außen zu beeinflussen, sondern ist hochindividuell. Und das macht auch die Probleme in der Nachhaltigkeit der verschiedenen therapeutischen oder sozialarbeiterischen Interventionen aus. Ich kann zwar diesen Gefühlston möglicherweise mit rationalen Argumenten übertönen (auch bei mir selbst), aber ich werde ihn nicht substituieren können, sprich echte ichgetragene Willensimpulse erzeugen können!

Wie entsteht denn eigentlich der Willensimpuls und worin besteht eigentlich das Sympathisieren mit einer bestimmten Vorstellung? Es ist ein Unterscheidungsprozess, den jeder Mensch vollzieht zwischen einer Ist-Situation und eine Situation, die noch nicht ist, aber mehr dem entspricht, wie ich mir die Situation als für mich stimmig vorstelle. Der Unterschied zwischen diesen beiden Situationen weckt mich für mich selbst und mein Sympathisieren auf und weckt den Impuls die vorgestellte Situation realisieren zu wollen. Es ist ein Erkenntnis und Selbsterkenntnis Geschehen, das da ganz innerlich und gefühlshaft sich vollzieht. Der leise Gefühlston ist etwas das gewissermaßen schon das Ergebnis einer bestimmten Entwicklung ist. Er ist da, ich muss ihn nicht erzeugen, trainieren usw. Aber ich kann ihn bemerken und darin immer mehr bemerken für welche Vorstellungen ich Sympathie habe. Man hat hier an einem winzig kleinen Zipfel – dem ‚Gefühlston‘- etwas am Wickel, was eigentlich das Ergebnis eines vorangegangenen Erdenlebens ist. Viel mehr ist davon erst einmal nicht zu bemerken, aber dieser Ton bestimmt meine Entscheidungen und Willensimpulse mehr als alle äußerlichen, bzw. von außen herangetragenen Motive. Trotzdem können diese von außen herangetragenen Motive und Vorstellungen natürlich den inneren Ton verwirren und übertönen. Die äußeren Bedingungen wären im Hinblick auf solche innerlich entstehenden Willensimpulse genauer anzuschauen – sind sie förderlich für eine solche Bewegung, oder verhindern sie diese?

Roland Wiese 10.11.2019

Jahresbericht 2018 der Naturwissenschaftlichen Sektion (Darin ist der Beitrag zum Libet Experiment!

Jahresbericht Sektion

 

 

 

 

 

 

 

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