Ich-Entwicklung: Subjektiv-Objektiv

Im neuen Jahr setzen wir unsere kleine Reihe ‚Ich-Entwicklung begleiten‘ fort. In der Vorbereitung darauf bin ich mit der Frage umgegangen, wie man eigentlich bestimmt objektive Erfahrungen, die Menschen erleben müssen, z.B. Krankheit, Behinderung usw. mit der Frage der Ich-Entwicklung zusammendenken kann. Im Nachdenken über diese Frage ist mir klar geworden, dass es hierbei um eine Berührung von subjektivem Erleben mit objektiven Schicksalsereignissen geht. Eine solche Berührung birgt sehr unterschiedliche Möglichkeiten mit ihr umzugehen. Insofern ist es naheliegend diese Möglichkeiten einmal durchzugehen und dieses Spannungsverhältnis zwischen subjektiv und objektiv näher anzuschauen.

Ich-Entwicklung: Subjektiv-Objektiv

„Hegel sagt, Geist ist das, wozu er sich macht.“ Markus Gabriel (1)
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Ein kleines Erlebnis, das ich vor einigen Wochen hatte, zeigt wie unter einem Brennglas, was im Folgenden genauer untersucht werden soll: Bei einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie in Leverkusen Anfang Dezember 2019 war ich Teilnehmer eines Forums, in dem es um die partizipative Forschung im Bereich Psychiatrie ging. Partizipativ bedeutet in diesem Fall, dass Menschen mit Psychiatrieerfahrung, als sogenannte Experten aus Erfahrung, mit den professionellen Forschern zusammen die Forschungsfrage bearbeiten. Auf dem Podium saßen zwei Menschen, ein junger Mann und eine nicht mehr ganz junge Frau, er war Assistenzarzt in einer psychiatrischen Klinik, sie war Genesungsbegleiterin als Psychiatrieerfahrene. Die Veranstaltung war insofern sehr spannend, weil sichtbar wurde, dass die Einbindung der Experten aus Erfahrung (Peers) in die Forschung, die gesamte Fragestellung radikal verändern kann. In einer kleinen Szene wurden die radikal unterschiedlichen Perspektiven der beiden Protagonisten sehr deutlich. Während der Arzt und Wissenschaftler von psychiatrischen Diagnosen/Krankheitsbildern sprach, die Gegenstand der Untersuchung waren, sprach die Expertin von Erfahrungen der Menschen. Beim Zuhören konnte man den Eindruck haben beide sprechen von zwei völlig verschiedenen Sachverhalten: Der Arzt spricht von Psychosen, die Expertin von krisenhaften Erfahrungen. Merkwürdigerweise konnte man beim Zuhören die Empfindung haben, die Diagnose sei gar nichts Wirkliches, die Erfahrungen der Menschen dagegen schon. Die ‚Subjektivität‘ des Menschen mit der Erfahrung von krisenhaftem Erleben steht der scheinbar objektiven Beschreibung des Menschen mit der professionellen medizinischen Ausbildung gegenüber. Beide berichten von einem Durchgang, der für beide notwendig war, damit diese beiden Menschen irgendwie einen gemeinsamen Arbeitsansatz, eine Forschungshaltung gewinnen konnten. Einen Durchgang, der voraussetzte, dass der Arzt aufwachte an dem subjektiven Erleben des anderen Menschen. Er musste es ernst nehmen, die subjektive Erfahrung als eine Art Wahrheit verstehen lernen. Die andere Seite, die Frau mit der Erfahrung seelischer Krisen, musste sich ebenfalls überwinden, der normalerweise ‚herrschenden‘ scheinbar objektiven Sichtweise ihre individuelle Erfahrung entgegenzustellen. Aus dieser gegenseitigen Berührung und Durchdringung ergab sich ein veränderter Forschungsansatz und eine neue Art der Beschreibung. Eine Beschreibung der Wirkung von bestimmten Versorgungsstrukturen auf den Patienten, die in Ich-Sätzen ausgedrückt wurde.

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Leben und Tod – Leben mit Verstorbenen

Leben und Tod

Ich begleite seit einigen Jahren als Supervisor eine Gruppe eines Hospizvereines, die Trauerbegleitung für Kinder anbietet. Dort können Kinder, die einen nahen Angehörigen verloren haben, in einem geschützten Rahmen mit anderen Kindern spielend und sprechend mit ihrer Trauer umgehen. Oft ist dazu im häuslichen Rahmen nicht der Raum, weil die Angehörigen mit ihrer eigenen Trauer absorbiert sind von den Bedürfnissen der Kinder. Manchmal sind es auch besondere Situationen, wie der Suizid eines Elternteiles, der verarbeitet werden will. Die konkreten Geschichten der einzelnen Kinder regen in mir immer wieder Gedanken an, die im Gespräch mit der Gruppe als eine Betrachtungsmöglichkeit der Situation kurz auftauchen, die aber im Gespräch meist nicht ausgearbeitet werden können. Im Folgenden möchte ich einem solchen Zusammenhang etwas weiterdenken. Es ist selbstverständlich, dass die konkreten Geschichten der Kinder hier nicht geschildert werden können. Aber es sind einige Elemente in diesen Geschichten, die bei allen gleich sind: Die Wirkungen des Todes in das Leben. Die Bewegungen, die der Tod eines nahen Angehörigen im Leben der Hinterbliebenen auslöst. Die Kinder und auch die Erwachsenen waren gezwungen die Beziehung zu einem ihnen nahen Menschen umzuwandeln, weil dieser Mensch nicht mehr leibhaftig anwesend war. Weil dieser Mensch weg war, gestorben, die Beziehung aber weiterhin in ihnen lebt. Das Gefühl der Trauer speist sich aus dieser Situation. Am Ende unserer letzten Supervision tauchte deshalb die Frage auf, was eigentlich aus der Trauer wird.

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Beziehungen zu Verstorbenen und zu Lebenden

Wenn ein naher Mensch gestorben ist hat man als Angehöriger plötzlich zwei Arten von Beziehungen: die Beziehung zu den lebenden Menschen und die Beziehung zu einem (oder mehreren) verstorbenen Menschen. Schon die Beziehungen zu lebenden Menschen sind manchmal kompliziert, weil sich die Beziehung ja von zwei Seiten her entwickelt, und man deshalb nie genau weiß, was eigentlich gerade geschieht. Die Beziehung zu verstorbenen Menschen ist nun oft noch komplizierter, weil es dafür kaum Begriffe oder Umgangsweisen gibt, die allgemeingültig sind. Die wenigen Hilfen, die unsere Kultur (und aus diesem Blickwinkel ist dies hier geschrieben) für diese Beziehungen gibt, also Orte (Friedhöfe), Zeiten, also Gedenktage, sind auch gerade im Begriff sich zu verändern und zu individualisieren. Die Beziehung zu einem verstorbenen Menschen wird damit immer mehr davon abhängig, wie ich den Menschen denke in seiner Beziehung zu Leben und Tod, und welche Beziehung ich zu diesem speziellen Menschen im Leben hatte und jetzt im Tod haben will. Auch die Beziehung zu lebenden Menschen hat darin ihre Grundlage, die aber mehr unbewusst wirksam ist, weil  die Beziehung aus dem Leben heraus immer wieder neu gefüllt wird mit Inhalten des Lebens. Stirbt ein Mensch fällt diese Erfüllung anscheinend weg, und die Beziehung wird aus den Erinnerungen gespeist, also aus der Vergangenheit, dem vergangenen Leben. Es ist nicht einfach zu bemerken, dass auch die Beziehung zu einem Verstorbenen noch eine Zukunft hat und dadurch eine lebendige Gegenwart, die nicht allein vergangenheitsgeprägt ist. Ein solches Bemerken ist umso schwieriger, je mehr die Beziehungen zu den lebendigen Menschen, die Beziehungen zu den verstorbenen Menschen übertönen, weil sie fordernder und vordergründiger sind. Ich müsste mich als Erstes vielleicht darauf einstellen zwei sehr voneinander verschiedene Arten der Beziehung zu Menschen zu haben: zu Lebenden und zu Verstorbenen. Die Beziehung zu den Lebenden kann dabei ebenso wenig das Maß für die andere Art der Beziehung sein, wie umgekehrt. Eher könnte man davon sprechen, dass sie sich gegenseitig aneinander messen. Vielleicht in dem Sinne, dass die Beziehung zu Lebenden davon positiv befruchtet werden kann, dass ich eine bewusste Beziehung zu Verstorbenen haben kann und umgekehrt: Eine freie und bewusste Beziehung zu Verstorbenen ist geradezu darauf angewiesen, dass ich auch reale Beziehungen zu lebenden Menschen habe.

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Ich-Entwicklung begleiten 9.11.2019

Im September und Oktober hatte ich so viele Veranstaltungen, dass ich mit dem Nacharbeiten gar nicht hinterherkomme. So hatten wir am 21.9. die Vernissage von Elfi Wiese, am 22.9. die Eröffnung von Wolfgang Voigts neuem Atelier in Wennigsen, am 28.9. gleichzeitig ‚Ich-Entwicklung begleiten‘ und die Katalog-Vorstellung von Jasminka Bogdanovic in Dornach (so das Martina Rasch das Treffen zur Ich-Entwicklung alleine leiten musste). Am 19.10. hatten wir dann ein Forschungstreffen zum Thema ‚Die Sinne des Ich‘ in Horstedt. Und jetzt am 9.11. ging es weiter mit unseren Treffen zur ‚Ich-Entwicklung‘. Der Gesamtzusammenhang wird hier erwähnt, weil bei allen Veranstaltungen für mich das Thema ‚Ich-Entwicklung‘ explizit oder mehr hintergründig anwesend war.

Nachdem wir in den Treffen zur ‚Ich-Entwicklung‘ Anfang des Jahres mehr das Denken untersucht haben, ergab sich für die letzten Treffen mehr die Frage nach dem Willen. Martina Rasch hatte für sich eine Stelle aus der ‚Allgemeinen Menschenkunde‘ (R. Steiners) gefunden, mit der wir dann zwei mal gearbeitet haben, und die jetzt beim dritten Treffen noch einmal Ausgangspunkt war. „Erst wenn man den Willen wirklich erkennt, kann man auch wenigstens einen Teil der Gefühle erkennen. Denn ein Gefühl ist mit dem Willen sehr verwandt. Wille ist nur das ausgeführte Gefühle und das Gefühl der zurückgehaltene Wille. Der Wille, der sich noch nicht wirklich äußert, der in der Seele zurückbleibt, das ist das Gefühl: ein abgestumpfter Wille ist das Gefühl“ (4.Vortrag S.62) „Gefühl ist werdender, noch nicht gewordener Wille; aber im Willen lebt der ganze Mensch.“ (S.75).

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Selbstheilungskräfte des Ich

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„Selbstheilungskräfte des Ich“ – Der Titel dieses Beitrages war auch der Titel der Veranstaltung am Wochenende in der DELOS-Forschungsstelle in Eichwalde. Man kann das Seminar nennen, aber Wolf-Ulrich Klünker betonte schon in der Einleitung, dass es nicht so einfach ist eine Veranstaltung zu diesem Thema zu haben. Denn man könnte natürlich Veranstaltungen über die Selbstheilungskräfte noch und nöcher machen, ohne dadurch den Selbstheilungskräften auch nur einen Schritt näher zu kommen. Wie können aber die Selbstheilungskräfte im einzelnen Menschen selbst angesprochen werden, ohne das Ich der anwesenden Menschen zu umgehen? Interessant ist für mich die Wahrnehmung des Nachklangs der Veranstaltung – die inhaltliche Seite war sicherlich nicht unwichtig, aber viel wesentlicher erscheint mir, dass ich mich danach in einem anderen Zustand befinde als vorher. Man könnte es vielleicht so formulieren – ich empfinde sehr genau, ohne zu wissen, woher ich das wissen kann, das mein Zustand nach der Veranstaltung idealiter der ist, der mir möglich ist, in dem ich mich aber sonst nicht befinde. Ich erlebe mich ansatzweise in einer gewissen Identität von leiblicher und geistig-seelischer Möglichkeit. Ich schließe daraus verschiedene Dinge: Ich habe mich am Wochenende in der geistigen Bewegung und Bemühung mit den anderen und mit Wolf-Ulrich Klünker in einer Wirklichkeitsschicht aufgehalten, in der die Selbstheilungskräfte des Ich anwesend sind. Das, was und wie wir am Wochenende gesprochen und gefühlt haben sind die Selbstheilungskräfte. Man muss jetzt nicht meinen, dass das seelisch in irgendeiner Weise eine besondere Intensität hatte, weder während noch nach dem Seminar. Das Gefühl der Identität mit sich selbst (bis in den leiblichen Bereich hinein) ist nicht besonders aufdringlich, sondern eher leise. Es ist auch nicht zu beweisen, dass es irgendeinen Zusammenhang mit der Veranstaltung hat. Es ist mir aber innerlich vollständig klar, dass es so ist. Resümee: Die Selbstheilungskräfte (man kann sich mal fragen, wie man sich diese eigentlich vorstellt!) sind möglicherweise ganz anders. Sie sind vielleicht eine gewisse geistige Aktivität – Steiner hat es im Lebensgang (seiner Autobiographie) einmal so formuliert, dass man mit dem ganzen Menschen in das Denken, also in das geistige tätig sein, hineingeht. Selbstheilungskräfte, ein heute viel gebrauchter Begriff, zu Steiners Zeiten hätte man vielleicht noch vom ‚Lebensgeist‘ gesprochen. Ein Geistig-Seelisches, das in der Lage ist Leben aufzubauen. Natürlich ist eine solche Veranstaltung keine Dauermedikation, aber man kann für sich eine Art Modellerfahrung machen, welches Leben in welcher geistigen Aktivität eigentlich notwendig ist, um die Einheit zwischen Leben und Bewusstsein wiederherzustellen. Also welche Art von Bewusstsein lebenswirksam ist und, gleichermaßen, welche Art von Bewusstsein lebensschädigend wirkt. Beide Wirkungen beschränken sich dabei nicht auf den eigenen Organismus, sondern strahlen in die Lebenswirklichkeit insgesamt aus.

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Der Pendelschlag des Ich im Gefühl

Am nächsten Samstag gehen wir den nächsten Schritt in unserer Seminarreihe ‚Ich-Entwicklung Begleiten‘, wobei der Begriff Seminar das Geschehen in diesen Veranstaltungen nicht wirklich trifft, da es immer ein Live-Prozess ist. Aber ein gewisser begrifflicher Vorlauf, eine gewisse thematische Bestimmung ist immer hilfreich um dann improvisieren zu können. In diesem Sinne wollen wir nächsten Samstag das Thema Wille und Gefühl im Ich angehen. Vorausgehend deshalb einige Überlegungen zum Thema.

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Das Ich im Fühlen des Gefühls

Um das Ich im Denken und Wahrnehmen bewusst werden zu lassen, geht es darum den Berührungspunkt zwischen meiner Tätigkeit im Denken und Wahrnehmen und dem objektiv Gegebenen in den Denkgesetzen und dem äußeren Geschehen zu bemerken. An dieser Grenze kann sich das Ich nur bewegen, wenn es sich selbst aktiv in seiner Tätigkeit bewusst ist – also sich als denkend oder wahrnehmend erleben kann. „Ich empfinde mich denkend…“ beginnt der Meditationssatz, man könnte ihn auch auf das Wahrnehmen anwenden: „Ich erlebe mich wahrnehmend…“ Also nicht ich erlebe meine Wahrnehmungen! Ich bin beteiligt am Zustandekommen des gesamten Zusammenhanges des Denkens oder des Wahrnehmens. Wobei es dabei fein auseinanderzuhalten gilt, die wirkliche eigene Beteiligung und die objektiven Zusammenhänge. Eine problematische Vermischung führt nur ins chaotische wahnhafte Denken und Wahrnehmen. Es handelt sich um ein Schwellengeschehen, bei dem immer die Gefahr besteht, dass die Denkformen und die Wahrnehmungsformen in falscher Weise mit Kraft aufgeladen werden. Falsch meint hier, dass das Ich sich selbst diese Kräfte zuschreibt und sich dadurch aufbläht. Es muss die kleine punktartige Grenzübergangsbewegung bleiben – empfindende Bewegung, nicht mit äußerer Kraft aufgeladene Selbstbezugnahme. Es geht um eine wahrnehmende Bewegung zwischen zentralem und peripherem Ich. Weiterlesen