Lebendige Biographiearbeit 2

Auf meinen Beitrag hat Gabriel Prinsenberg geantwortet. Es freut mich, dass mein Zusammenhang auch für ihn stimmig ist!

Gabriël Prinsenberg


15 August 2021

Liebe Elfi und lieber Roland,

vielen Dank für Eure guten Wünsche zu meinem Geburtstag am 2. August! Mit großem Interesse Roland,habe ich die beiden neuen Texte zur Entwicklung unseres Stils der Biographiearbeit gelesen. Ich danke Dir sehr für Deine ausführliche und existenzielle Analyse. Deine Reflexionen über die Entwicklung unserer biografischen Arbeitsweise und den weiteren Verlauf unserer vielen Kurse haben mich sehr beeindruckt! Ich finde es sehr besonders, dass du es geschafft hast, einige Kerne aus meiner Motivation zu verfolgen:
Schön finde ich, dass Du schreibst, dass ich mich im Vorwort meines Buches Der Weg durch das Labyrinth ganz direkt beziehe auf die Schule von Chartres und die entsprechenden Freien Künste und Wissenschaften und bezeichnest sie als meine Inspirationsquelle. Das heißt, die Biographiearbeit, aber auch alle anderen Forschungs- und Übungsansätze in den Seminaren jener Zeit, beziehen sich auf einen realen Inhalt – den Zusammenhang der mikrokosmischen menschlichen Seele mit dem Makrokosmos und sie knüpfen damit an einen realen Seelenbegriff an.

Auch finde ich es ganz interessant, dass Du rückblickend auf euer eigenes Ausbildungsgeschehen drei wesentliche Wirkungen beschreibst:

* Die Seminare, wie sie von gestaltet wurden, – mit ganz viel ‚Kunst‘ aus allen Bereichen, hatten eine seelentherapeutische Wirkung auf die dramatisch ‚verarmten‘ Seelen der achtziger Jahre. Also die vollständige Durchdringung sowohl der Seminare, wie auch der Inhalte mit dem Künstlerischen gab den Seelen der damaligen Zeit eine Art künstlerische Erfüllung.

* Die zweite Wirkung war, dass durch die Übungen und die vielen Gespräche, eine Vertiefung der Begegnung mit anderen Menschen möglich wurde. Es wurde das sichtbar und hörbar, was nicht das Offensichtliche und Äußere am anderen Menschen war, sondern, das, was durch ihn hindurch tönte, also nicht seine Person, sondern sein ‚personare‘. Auch dies hatte wechselseitige therapeutische Qualität.

*Die dritte Wirkung ist ambivalenter, aber war ebenso deutlich zu bemerken: Die Begegnung mit den allgemeinen seelischen Qualitäten (Temperamente, Planetenqualitäten, Tierkreis etc.) verobjektiviert das eigene Seelische. Es kann sich eine gewisse Emanzipation vom gegebenen Seelischen vollziehen. Dies geschieht meist nicht ohne Krise. Häufig kam es in den Seminaren zu Begegnungen mit dem eigenen Doppelgänger, oder dem des anderen Menschen. In der Folge konnte es zu einer neuen Nacktheit der Seele kommen. Mit einer solchen freieren Empfindungsfähigkeit war es aber nicht einfach zu leben. Deshalb hatte so manches Seminar seine ganz eigene Dramatik!“
Ich freue mich auch, dass Du eine schöne Verbindung zu den Einflüssen aus der humanistischen Psychologie hergestellt hast und meine Arbeit auch als eklektisch sehst. Es war wirklich ein Volltreffer, dass Du den Humanismus, Desiderius Erasmus, aber auch die humanistische Psychologie beschrieben habst. Bei meiner Tätigkeit als Lehrer an den verschiedenen Fachhochschulen in den Niederlanden haben mich vor allem – neben anthroposophischen Quellen – die humanistischen Methoden inspiriert, die in den 1960er und 1970er Jahren so großen Einfluss zur Entwicklung der Sozialen Arbeit hatten.

Ich möchte ein paar Worte zur Persönlichkeit von Erasmus sagen. Obwohl er in Rotterdam (1466) geboren wurde, wurde er in Gouda gezeugt, meiner Heimatstadt und berühmt für seinen Käse und die größte Glasmalerei der Welt in der St.-Johannes-Kirche (Sint Janskerk). Damals schrieb man: „Goudae conceptus, Rotterdami natus“ Er war das Kind des Pfarrers von Sint Janskerk und seiner Freundin. Um den ‚Unfall‘ zu verbergen, fuhren seine Eltern nach Rotterdam, 18 KM weiter, wo Erasmus geboren wurde. Kurz darauf gingen sie zurück nach Gouda, wo er zur Schule ging und später ins Kloster eintrat. Später wurde er dispensiert und ging in die weite Welt hinaus und wurde einer der größten Gelehrten seiner Zeit. Zwei Motive bestimmen die Ideen von Erasmus: die Freiheit der Menschen und der Frieden. Über die Freiheit schrieb er 1516 unter anderem die Institutio, in der er feststellt, dass der Mensch frei ist und daher nicht tyrannisch über andere herrschen oder sie als Sklaven behandeln darf.

1517 schrieb er „Querela pacis“, die Friedensklage. Er beschäftigt sich unter anderem mit Nationalismus: „Die Engländer verachten die Franzosen aus keinem anderen Grund, als weil sie Franzosen sind. Die Schotten werden gehasst, weil sie Schotten sind. Der Deutsche streitet mit dem Franzosen und beide kämpfen gegen den Spanier. Was könnte schlimmer sein als Nationen, die sich bekämpfen, nur weil sie unterschiedliche Namen haben? Es gibt so viele Dinge, die sie zusammenbringen sollten. Warum sind sie als Menschen ihren Mitmenschen gegenüber nicht wohlwollend?“ Man kann ihn auch wegen seiner vielen Reisen und Begegnungen einen echten Europäer nennen. Trotz seiner heftigen Kritik am Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche blieb er seiner Kirche treu. Schon als Kind war ich von seiner besonderen Persönlichkeit und seinem Wert für die Kultur Europas berührt und besuchte die Orte, an denen er in Gouda gelebt hatte. Ich glaube, ich besitze mehr als 10 Bücher über ihn. Während eines Symposiums in Gouda, an dem ich vor einigen Jahren teilnahm, verlas der Nuntius (Vatikan-Botschafter in Den Haag) einen Brief von Papst Franziskus und lobte Erasmus für seinen großen Wert für die Welt. Während Erasmus seinerzeit von der Kirche wegen seiner Kritik fast denunziert wurde…

Vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen, in der diese Form der biografischen Arbeit, die ich heute als zeitgemäße Anwendung der Lebenskunst betrachte, die Menschen weiter inspirieren kann?

Anbei: Photo Gabriël als Erasmus, während Erasmus Ausstellung in Museum Gouda…

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