Rhythmus in der Musik und im Organismus –

Notizen zu Aristoxenos

Die folgenden Gedanken habe ich für meine Freunde, mit denen ich an dem Thema ‚Die Sinne des Ich‘ arbeite verfasst. Insbesondere für Emmanuel Rechenberg, der im Bereich der Eurythmie forscht. 

Mein peripheres Ich hat in Zusammenarbeit mit meinem zentralen Ich folgenden alten Griechen aufgetan: Aristoxenos.  (Aristoxenos – Elemente der Rhythmik, Theorie der musikalischen Zeit , bei Meiner 2021 erschienen) Aristoxenos war (enger) Schüler von Aristoteles und hat „die traditionelle Musiktheorie der Pythagoreer abgelehnt und die empirische Musikwissenschaft begründet“. Er hat als erster den Rhythmus im Sprechen vom Rhythmus in der Musik unterschieden. Dies ist auch von der Musikwissenschaft im 19. Jahrhundert aufgegriffen worden, aber die entscheidenden Aspekte seiner Rhythmik wurden nicht berücksichtigt. Das führt dazu, dass vertreten wird, „dass der klassisch-griechische Sinn für Rhythmen rein quantitativ war. Damit wurde die Rhythmik auf das Metrik, der Rhythmus auf das Metrum reduziert.“ Das hat jahrhundertelang zu einem metrischen Reduktionismus geführt, der erst durch Veröffentlichungen in den letzten Jahrzehnten aufgebrochen werden konnte.

Einige wichtige Unterschiede: „Zum einen fassen Aristoxenos und die spätere antike Tradition die Einheiten des Rhythmus, grob formuliert, als Zeitintervalle auf. Für jedes Musikstück gibt es ein kürzestes, je nach dem Tempo mehr oder weniger langes primäres Zeitintervall (protos chronos >>ursprüngliche Zeit>>), das ein Maß für größere Zeitintervalle ist.“ Es geht also im Rhythmus um das Verhältnis dieses kürzesten Zeitintervalls zu den längeren! Die längeren Zeitintervalle sind in der Musik aber immer (mathematische) Vielfache des primären Zeitintervalls. (Dies trifft bei der Sprache nicht zu!). „Die zweite Bedingung ist die erhebliche Freiheit in der Rhythmus-Produktion (…)“.

Bitte meditiert/bedenkt einmal diese Sache, das kürzeste Zeitintervall misst die längeren. Das ist real eine Oszillation, denn es wird ja ein neues Verhältnis produziert in diesem Messen. Es ist ein/das organische Prinzip!

Jetzt nehmt bitte noch folgenden Zusammenhang hinzu: Bei der Etablierung einer autonomen empirischen Rhythmustheorie steht im Hintergrund „das reichere Bild vom Rhythmus, das sich bei Aristoxenos findet, das heißt vor allem Verkörperung ( das Embodiment), die Dynamik und die ästhetische Dimension des musikalischen Rhythmus, sowie seine Bindung an Melodien. Lautstärke, Tonhöhe sowie seelische Spannung und Entspannung sind Parameter, die für die Metrik irrelevant sind, für den musikalischen Rhythmus jedoch eine große Rolle spielen.“

Die ‚Verkörperung‘ wird von Aristoteles in den Problematas V diskutiert. Dort wird „das rhythmische Atmen diskutiert, das sich bei schnellem Laufen einstellt. Das schnelle Laufen ist eine Bewegung, an der sich reguläre Intervalle abzeichnen, die wir beobachten können (Bewegung des linken – rechten Beines…) Entsprechend wird eine Atmung generiert, die ebenfalls bestimmte reguläre Intervalle involviert (Ausatmen – Einatmen – Ausatmen …) Damit wird auch ein Rhythmus generiert, den wir beobachten können (ist die Bewegung zu langsam oder zu schnell, so können wir an ihr keine regulären Intervalle beobachten) Der Rhythmus ist dann das Maß der Bewegung. In diesem Kontext scheint der Rhythmus nicht an Sprache gebunden zu sein.“

„Aristoteles betont, dass die Wahrnehmung von Rhythmus und Harmonie für Menschen natürlich ist“ und Rhythmen und Melodien „ähneln den ethischen Charakteren, im Gegensatz zu Geschmack, Farben und Duft.“ Rhythmus und Harmonie sind also verbunden mit dem ethischen Menschen, also dem Menschen des Gefühls und des Willens (bei Aristoteles). „Und alle Menschen freuen sich über Rhythmus und Melodie, weil sie sich über natürliche und geordnete Bewegungen freuen; insbesondere der Rhythmus enthält eine vertraute Zahl und beweg uns in einer regulären Weise.“

Aristoxenos hat seine Rhythmik immer auf die aristotelische Zeittheorie bezogen, im Gegensatz zur Musikwissenschaft, die dies immer auf die Alltagszeit bezieht.

„Die Zeit wird von den rhythmisierten Dingen vermöge der Teile eines jeden von ihnen geteilt. Es gibt nun aber drei rhythmisierte Dinge: Rede, Melodie, körperliche Bewegung. Daher wird die Rede die Zeit vermöge ihrer eigenen Teile teilen, wie zum Beispiel vermöge von Buchstaben und Silben und Wörtern und allen derartigen Dingen, die Melodie jedoch vermöge ihrer eigenen Töne und Intervalle und geordneten Verbindungen, und die körperliche Bewegung durch Zeichen und Figuren und wenn es irgendeinen anderen derartigen Teil der Bewegung gibt.“ Aristoxenos

„Aber auch die Zeit erkennen wir, wenn wir die Bewegung abgrenzen, indem wir sie durch das Vorher und das Nachher abgrenzen… Wir vollziehen die Abgrenzung aber dadurch, dass wir sie als Eines und ein Anderes sowie ein Verschiedenes in der Mitte betrachten. Denn wenn wir die äußeren Grenzen des Mittleren als verschieden erkennen und die Seele sie als zwei Jetzt-Momente bezeichnet, dann nennen wir dies eine Zeit. Zeit scheint nämlich das durch das Jetzt Abgegrenzte zu sein. Und dies sei nunmehr vorausgesetzt.“ Aristoteles (Phys. 219a22-30)

„Dies nämlich ist die Zeit: Zahl einer Bewegung in Hinsicht auf das Vorher und Nachher. Die Zeit ist demnach nicht Bewegung, sondern Bewegung insofern sie eine Zahl aufweist… Daher ist Zeit eine Art von Zahl.“ Aristoteles (Phys. 219b1-5)

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