
Wenn man von einer Entwicklungsbeziehung zwischen einem Ich in einem vorherigen Leben und einem Ich heute ausgeht, wäre eine solche Beziehung zwischen Ich und Ich deshalb interessant, weil sich in der Relation zwischen diesen beiden Menschen zeigen würde, wie radikal durch den Tod Entwicklung möglich wird. So radikal, dass diese beiden Menschen auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Gleichzeitig ist der eine Mensch die Entwicklungsvoraussetzung für den anderen Menschen. Alleine einen solchen Zusammenhang zwischen zwei verschiedenen Menschen zu denken erfordert eine enorme Kraft. Die Frage mit welchem Ich eine solche Entwicklungsbeziehung besteht ersetzt sinnvollerweise die eher unsinnige Frage, wer ich einmal war in einem anderen Leben, denn das war ja ein anderes Ich.
Die Entwicklungsbeziehung ist noch in anderer Weise interessant und fruchtbar. Sie könnte dem Menschen aus dem früheren Leben durch den Bezug auf den heutigen Menschen eine ganz neue Dimension seiner Existenz hinzufügen. Denn im Sinne einer retroaktiven Betrachtung würde durch den aktuellen Menschen der vorherige ganz anders dastehen, als ohne eine solche Beziehung. Dadurch würde aber die frühere Existenz nicht aufgehoben oder kurzschlüssig mit einer aktuellen Existenz zusammengeschlossen. Beide Menschen bleiben in ihrer Form bestehen, nur die Entwicklungsdimension verbindet sie. Fragen nach solchen Entwicklungszusammenhängen machen so betrachtet nur Sinn, wenn sie von der Zukunft aus die Vergangenheit neu dimensionieren.
Dabei ist die Beziehung zwischen Ich und Ich im engeren Sinn nur der Spezialfall. Solche Bezüge lassen sich auch ausdehnen auf den Zusammenhang mit anderen Menschen. Meine Entwicklung stellt auch ihr Schicksal in ein anderes Licht. So würde sich die Geschichte mit den Menschen vorwärts und rückwärts entwickeln, also aus der Zukunft in die Vergangenheit hinein. Man könnte insofern (frei mit Hegel) formulieren: Nicht wir lernen aus der Geschichte, sondern die Geschichte lernt von uns. Dies gilt positiv wie negativ.
Roland Wiese, Ostern 2025
(Der Begriff der Retroaktivität ist mir bei Daniel Martin Feige begegnet, in seinem Buch ‚Die Natur des Menschen, Eine dialektische Anthropologie, 2022)

