Ausbaufähige Ansätze

Ausbaufähige Ansätze

Wolf-Ulrich Klünker, Johannes Reiner, Maria Tolksdorf & Roland Wiese: Psychologie des Ich – Anthroposophie, Psychotherapie, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2016, 187 Seiten, 22 EUR

In Zeiten, wo philosophierende Neurologen und neurologisierende »Geist-Philosophen« einem breiten Publikum die Seele erklären und dabei selbst moralisch motivierte Willensprozesse auf genetisch determinierte Neurozellularmechanismen zurückführen, ist die Arbeit an einer »zukunftsfähigen Psychologie des Ich« (S. 7) – weit entfernt vom Naturalismus und überholten psychoanalytischen Ich-Modellen – so dringend wie nie. Dass hierfür kein statischer, sondern ein dynamisch gedachter Ich-Begriff entwickelt werden muss, der dabei selbst wirklichkeitsschaffend ist, steht außer Frage. Die vier Autoren sind diesem Ansatz mehr oder weniger verpflichtet. Sie kommen aus unterschiedlichen psychologischen, psychiatrischen und psychosozialen Arbeitsbereichen und haben sich bemüht, ihre Forschungs- und Praxiserfahrungen im Rahmen von sechs Aufsätzen – wie es im Vorwort heißt – »ineinanderzuweben«. Sie stützen ihre Überlegungen auf anthroposophische Grundlagen: den ›Heilpädagogischen Kurs‹ (GA 317), Steiners Votum ›Zur Psychiatrie‹ (enthalten in GA 314) und seine ›Anthroposophischen Leitsätze‹ Nr. 11-16 (GA 26) sowie auf die Nebenübungen (von Johannes Reiner in unnötiger Anglisierung als »six steps« adaptiert).Darüber hinaus wurde von Wolf-Ulrich Klünker in einer die Epochen übergreifenden Schau der geistesgeschichtliche Entwicklungsprozess nachgezeichnet und mit in epistemologischer Hinsicht wichtigen Zitaten belegt. Besonders wertvoll ist dabei sein Bemühen, den psychologischen Ansatz des ›Heilpädagogischen Kurses‹ an die Wissenschaftsgeschichte anzuschließen. Allerdings fragt man sich, warum er als Ausgangspunkt Aristoteles’ Seelenlehre und nicht Platons Anamnesis-Lehre von der individuellen geistigen Präexistenz der Seele wählt – zumal es im ›Heilpädagogischen Kurs‹ ja darum geht, das »vorgeburtliche Denken des Ich […] als wirkende Kraft neu in die Psychologiegeschichte« einzuführen (S. 167). Bei einer Einbeziehung Platons hätte im Kapitel ›Nachtodlich wird vorgeburtlich‹ Steiners Ansatz als nicht minder innovativ, nämlich als platonisch-aristotelische Synthese, verstanden werden können. Für Johannes Reiner »hat es sich zur Erlangung von Einfachheit und Klarheit bewährt, die Ich-Dimensionen in den Bereichen 1. Tag, Wachen; 2. Nacht, Schlafen und 3. in unserer nachtodlichen und vorgeburtlichen, also ewigen Existenz, zu verorten« (S. 15). Diese Klassifizierung mag auf den ersten Blick wohltuende Ordnung bieten. Sie birgt jedoch – wie viele therapeutische Schemata – Gefahren in sich, gerade dann, wenn es um die praktische Umsetzung geht, die Reiner anhand  zahlreicher, oft medikamentös abgesicherter Praxisbehandlungen demonstriert. Das gilt insbesondere für die Frage, wie das Verhältnis der drei Ich-Dimensionen zueinander in pathologischen Prozessen zu denken sei. Allzu schnelle assoziative und kausalistische Schlüsse können in den sensiblen Sphären therapeutischen Denkens missverständlich sein. Zum Beispiel, wenn die Suizidabsicht einer Patientin als Anziehungskraft, die unweigerlich vom ewigen Ich auf das unerfüllte Erden-Ich ausgehe, gedeutet wird (S. 105 u. 111). Die Frage nach einer der geistigen Dimension von einer der Psychopathologie angemessenen Logik bleibt offen.

In den Beiträgen von Roland Wiese und Maria Tolksdorf wird der Leser keinen pragmatisch schematischen Ansatz finden. Vielmehr ist er herausgefordert, einer intensiven Beschäftigung vor allem mit Steiners ›Heilpädagogischem Kurs‹ und den ›Leitsätzen‹ mitdenkend zu folgen. Das Bemühen der beiden Autoren zeugt von einer großen Vertrautheit mit dem Denken Klünkers: Sie versuchen die Tiefen der psychischen, aber auch organischen Wirklichkeit des tätigen Geistes (nous poietikos/intellectus agens) auszuloten (Wiese) und für eine sensible, freilassende Gesprächspraxis aufzuschließen, was für den Patienten u.a. bedeuten kann, das Ich im Symptom tätig zu erleben der »Krise nicht auszuweichen, sondern versuchen, sich darin zu halten« (Tolksdorf, S. 91).   Leider werden so therapierelevante Problemfelder einer Ich-Psychologie, wie die Phänomene der Egotrophie, des Narzissmus und des Doppelgängertums, kaum berührt. Auch Steiners Aussagen über unser heutiges Spiegel-Ich, – die 1918 in dem provokanten Satz gipfeln: »Ich denke, also bin ich nicht!« (GA 187, S. 92 und GA 72, S. 285) – spielen keine Rolle. Ein prozessuales Verständnis der Beziehung zwischen (karmischem) Ich und Spiegel-Ich fehlt als Grundlage. Ein solches Verständnis könnte aber eher als die Konstruktion einer Ich-Dreigliederung dazu beitragen, das Ich gerade aus therapeutischer Perspektive als scheiternde bzw. werdende Wirklichkeit zu erkennen. Auch naheliegende Bezüge zu einer Du-Psychologie (Buber, Levinas), die man im Buch vermisst, ließen sich von hier aus erhellen. Erfreulich bleibt, dass die Autoren ausbaufähige Ansätze einer auch karmisch relevanten, positiven Ich-Symptomatologie – »das Symptom weist den Weg zur Heilung« (Reiner, S. 106) – entwickeln, von der das Schicksal jeglichen therapeutischen Handelns auf anthroposophischer Grundlage jenseits der Komplementärmedizin abhängt: »Man ist es nur nicht gewohnt, zu dem, was einem zustößt, Ich zu sagen. Dies gilt vor allem dann, wenn das, was einem geschieht, alles das in Frage stellt, was man bisher als sein Leben gedacht hat.« (Wiese, S. 70)

Andreas Matner

erscchienen in Die Drei 3/2017

http://www.diedrei.org

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