Der Pendelschlag des Ich im Gefühl

Am nächsten Samstag gehen wir den nächsten Schritt in unserer Seminarreihe ‚Ich-Entwicklung Begleiten‘, wobei der Begriff Seminar das Geschehen in diesen Veranstaltungen nicht wirklich trifft, da es immer ein Live-Prozess ist. Aber ein gewisser begrifflicher Vorlauf, eine gewisse thematische Bestimmung ist immer hilfreich um dann improvisieren zu können. In diesem Sinne wollen wir nächsten Samstag das Thema Wille und Gefühl im Ich angehen. Vorausgehend deshalb einige Überlegungen zum Thema.

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Das Ich im Fühlen des Gefühls

Um das Ich im Denken und Wahrnehmen bewusst werden zu lassen, geht es darum den Berührungspunkt zwischen meiner Tätigkeit im Denken und Wahrnehmen und dem objektiv Gegebenen in den Denkgesetzen und dem äußeren Geschehen zu bemerken. An dieser Grenze kann sich das Ich nur bewegen, wenn es sich selbst aktiv in seiner Tätigkeit bewusst ist – also sich als denkend oder wahrnehmend erleben kann. „Ich empfinde mich denkend…“ beginnt der Meditationssatz, man könnte ihn auch auf das Wahrnehmen anwenden: „Ich erlebe mich wahrnehmend…“ Also nicht ich erlebe meine Wahrnehmungen! Ich bin beteiligt am Zustandekommen des gesamten Zusammenhanges des Denkens oder des Wahrnehmens. Wobei es dabei fein auseinanderzuhalten gilt, die wirkliche eigene Beteiligung und die objektiven Zusammenhänge. Eine problematische Vermischung führt nur ins chaotische wahnhafte Denken und Wahrnehmen. Es handelt sich um ein Schwellengeschehen, bei dem immer die Gefahr besteht, dass die Denkformen und die Wahrnehmungsformen in falscher Weise mit Kraft aufgeladen werden. Falsch meint hier, dass das Ich sich selbst diese Kräfte zuschreibt und sich dadurch aufbläht. Es muss die kleine punktartige Grenzübergangsbewegung bleiben – empfindende Bewegung, nicht mit äußerer Kraft aufgeladene Selbstbezugnahme. Es geht um eine wahrnehmende Bewegung zwischen zentralem und peripherem Ich.
Wie sieht dies im Bereich des Gefühls und des Willens aus. In unserem langjährigen Forschungskreis zu Therapiefragen mit der DELOS-Forschungsstelle für Psychologie (Wolf-Ulrich Klünker) haben wir uns intensiv mit der Gefühlsfrage beschäftigt. Eine Hilfe war dabei eine Perspektive von Hegel aus seiner ‚Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften‘. Im dritten Teil über die Philosophie des Geistes findet Hegel eine interessante Beziehung zwischen Subjekt, Selbstgefühl und einzelnen Gefühlen. Wir finden hier wieder eine Art ‚Pendelschlag‘ zwischen zwei Wirklichkeiten, in diesem Fall zwischen dem, was Hegel als ‚Selbstgefühl‘ bezeichnet und den einzelnen Empfindungen und Gefühlen, also den ‚besonderen Gefühlen‘. Hegel behauptet hier zweierlei: Erstens, dass sich Selbstgefühl und einzelne Gefühle wechselseitig erschaffen, und zweitens, dass das Subjekt sich in dieser (ihm natürlich erst einmal nicht bewussten) Tätigkeit als Individualität verwirklicht. „Die fühlende Totalität ist als Individualität wesentlich dies, sich in sich selbst zu unterscheiden und zum Urteil in sich zu erwachen, nach welchem es besondere Gefühle hat und als Subjekt in Beziehung auf diese ihre Bestimmungen ist.“ (§407) Also die Tätigkeit der Individualität besteht in darin „sich in sich selbst zu unterscheiden“. Diese Tätigkeit hat zur Folge, dass ich einerseits „besondere Gefühle“, also einzelne Gefühle habe, durch die ich zum Subjekt dieser Gefühle werde. Ich erlebe durch diese Tätigkeit die einzelnen Gefühle als meine Gefühle, und dadurch mich als das Subjekt, das diese Gefühle hat. „Das Subjekt als solches setzt dieselben als seine Gefühle in sich.“ In dieser Beschreibung steckt natürlich eine gewisse Zumutung: Ich setze selber die Gefühle als meine Gefühle, wobei ich mich diesen Gefühlen ja gerade nicht als Produzent gegenüber erlebe, sondern als passiv ausgeliefertes Subjekt. „Es ist in diese Besonderheit der Empfindungen versenkt, und darin zugleich schließt es durch die Idealität des Besondern sich darin mit sich als subjektivem Eins zusammen. Es ist auf diese Weise Selbstgefühl – und ist dies zugleich nur im besondern Gefühl.“ Ich bin vertieft in meine besonderen Gefühle und Empfindungen (so wie in meine Wahrnehmungen und in mein Denken), und dieses Vertieft sein schafft wie im Hintergrund mein Gefühl von mir, mein Selbstgefühl. Das Selbstgefühl ist immer nur im einzelnen Gefühl zu bekommen, und gleichzeitig ist es aber mehr als das besondere einzelne Gefühl, es ist auch das Einheitsgefühl der Individualität mit ich selbst.
Interessanterweise ergibt sich aus dieser Betrachtung des funktionierenden Übergangs zwischen besonderem Gefühl und Selbstgefühl auch ein Einblick darin, wenn dieser Übergang nicht gelingt. In § 408 schildert er, dass die Verrücktheit darin besteht, dass das Subjekt in einem besonderen Gefühl verharrt und dieses nicht so verarbeitet wird, dass es ins Selbstgefühl übergeht. „Das Subjekt befindet sich auf diese Weise im Widerspruche seiner in seinem Bewusstsein systematisierten Totalität und der besonderen in derselben nicht flüssigen und nicht ein- und untergeordneten Bestimmtheit,- die Verrücktheit.“ Die Tätigkeit der Individualität im Gefühl besteht darin die einzelnen Gefühle einerseits zu unterscheiden und andererseits auch in das Gesamtgefühl meiner Selbst zu überführen. Ohne das besondere Gefühl gibt es kein bewusstes Subjekt, ohne das Selbstgefühl als Zusammenhang aller einzelnen Gefühle keine Identität des Subjektes über das einzelne Gefühl hinaus. Gleichzeitig ist diese Tätigkeit des Ich im Gefühl noch verborgener und schwerer zugänglich wegen dieses Vertieft seins in sich selbst im einzelnen Gefühl. Wir erleben ja die Gefühle im Unterschied zur Wahrnehmung, als etwas tief Innerliches, von dem man sich kaum unterscheiden kann. Das Gefühl will ja und muss erlebt werden. Klünker schreibt in seinem Aufsatz ‚Wer bleibt? Die Grenze der Ich-Erfahrung‘ sehr passend:“ Also kann Hegel nur von demjenigen Ich gesprochen haben, das im Hintergrund der seelischen Gefühlsbildung arbeitet und seine Tätigkeit gerade in der gegebenen Empfindung verbirgt. Dieses Ich, wenn es denn wirklich „zum Urteil in sich erwacht“ und Bewusstsein in die Tätigkeit hineinbringt, mit der es die Gefühle setzt, hat Geistselbst-Charakteristik.“ (Individualität und Eingriff, Stuttgart 2005, S.122)

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Die Zukunft des Ich

Nun ist dieses Ich, wenn es denn wirklich zum Urteil in sich erwachen will, darauf angewiesen eine Tätigkeit bewusst in sich anzuregen, die der unbewussten Tätigkeit ähnelt, sich aber von dieser unterscheidet. Es müsste zusätzlich, zu der mehr automatisch sich vollziehenden Urteilsbildung im Hintergrund, in eine Urteilsbildung kommen, die gefühlsbildende Wirkung hat. An dieser Stelle macht es vielleicht Sinn an eine wenig beachtete psychologische Aussage Rudolf Steiners aus 1918 zu erinnern, in der er sagt, dass ein wirkliches Bewusstsein im Gefühlsbereich die Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt nötig macht. Und er benennt als Objekt des Gefühls, man könnte sagen die gesamte Inhaltsseite des Gefühls, das vergangene Leben bis zum Augenblick des aktuellen Fühlens und als Subjekt des Gefühls, also als das Fühlende findet er das Leben vom Tod bis zum jetzigen Augenblick des Gefühls. Der Fühlende bin ich also in meinem noch nicht gelebten Leben, also in meiner Zukunft bis jetzt; das Gefühlte ist meine gelebte und erlebte Vergangenheit bis jetzt. Wolf-Ulrich Klünker hat in unserem Forschungskreis und in den DELOS Seminaren diese Begriffsbildung noch erweitert auf die (karmische) Perspektive vorgeburtlich und nachtodlich, bzw. vorheriges Leben, kommendes Leben. Der Berührungspunkt im Ich, das wird durch diese Zusammenhänge deutlich, wäre dann im Fühlen des Gefühls zwischen Vergangenheit und Zukunft zu erleben. Genauer im Jetzt. Man kann diesen Berührungspunkt auch skalieren – mehr in Richtung Vergangenheit, dann lebe ich nicht im Jetzt, sondern dann lebt die Vergangenheit weiter in mir; mehr in Richtung Zukunft, dann nehme ich die gelebte Vergangenheit als Desiderat meines Ich nicht mit in die Zukunft, die dadurch potenziell illusionär wird. Man kann auch berechtigt denken, dass das Auseinanderreißen dieses Berührungspunktes im Fühlen des Gefühls mit einer der Ursachen für seelische Erkrankungen sein wird. Im Hegelschen Sinne kann man bemerken, dass im Fühlen, wenn man im Fühlen bleibt, und nicht im Gefühl hängenbleibt, Gefühl in Gefühl übergeht. Das heißt das Fühlen bleibt flüssig, ohne dass es dem Gefühl ausweichen muss, oder in ihm steckenbleiben muss, wenn ich die Kraft habe im Fühlen zu bleiben.
Bisher wurde noch nicht der Begriff Geistselbst in seinem Verhältnis zum Ich genauer erläutert. Bevor dies unternommen wird, kann mit einem Seitenblick auf die amerikanische Ich-Entwicklungspsychologie bemerkt werden, dass dort Ich-Entwicklung mal als Ego-Development, mal als Self-Development bezeichnet wird. Jane Loevinger, die mehr aus der empirischen Psychologie, das heißt mehr aus der Arbeit mit Tests auf die Ich-Entwicklung gekommen ist, spricht auch von Ich-Entwicklung, Robert Kegan, der mehr aus der therapeutischen und klinischen Praxis seine Forschungen betrieben hat, spricht von Selbst-Entwicklung, oder auch Entwicklungen des Selbst. Beide gehen dann von verschiedenen Stufen des Ich, bzw. des Selbst aus. Also das Ich, oder das Selbst bleiben, was sie sind, und entwickeln sich nur in höhere Stufen. In der geisteswissenschaftlichen Psychologie ist die Herangehensweise etwas anders. Hier gibt es keine reine Höherentwicklung des Ich zu immer neuen Stufen. Das Ich ist hier der Ausgangspunkt und Durchgangspunkt für eine Entwicklung, die über die Erarbeitung bestimmter geistiger Möglichkeiten in den Bereich des Erlebens und des Lebens hereinwirkt. So ist das Geistselbst bei Rudolf Steiner so charakterisiert, dass es in gewisser Weise das Ergebnis geistiger Schulung und Entwicklung ist, wenn diese in das seelische Erleben verwandelnd einwirkt (Umwandlung des Astralleibes durch das Ich in seiner geistige Entwicklung), Lebensgeist meint dann die Verwandlung des eigenen Lebens und organischen Geschehens, Geistesmensch die Umarbeitung des physischen Leibes. Für unsere Zwecke hier mag ausreichen die Beziehung des Ich zum Geistselbst. Klünker charakterisiert diese Beziehung im schon erwähnten Aufsatz so: “Man könnte die Vermutung anstellen, dass die Geistselbst-Beziehung des Ich nicht nur in dessen geistiger Tätigkeit, sondern auch in seinem Zukunftsbezug aufzufinden ist. Mit anderen Worten: Das Ich begegnet sich selbst in seiner geistigen Dimension dort, wo es ihm gelingt, in einem seelen- und lebenschaffenden Denken die Wirkungs- und damit den Zukunftsdimension mit einzubeziehen. Das Geistselbst als Zukunft des Ich würde damit real und könnte als konstituierender Faktor gegenwärtiger Ich-Existenz zur Geltung kommen.“ (S. 121) Ich werde diesen Zukunftsbezug des Ich in späteren Aufsätzen noch genauer anschauen.
Für die Frage nach dem Zukunftsbezug des Ich im Gefühl, kann man vielleicht einige erste Gesichtspunkte nennen, die helfen diese hintergründige Beziehung zu verstehen. Damit das Ich überhaupt im Fühlen an eine zukünftige Entwicklung des aktuellen Gefühls herankommen kann, braucht es eine Offenheit für eine mögliche Zukunft. Hegel betont in seinen Untersuchungen, dass das Problem der Individualität darin liegt, den jetzigen Zustand festzuschreiben indem „Der Geist nur seiend bestimmt“ wird, also nicht werdend gedacht wird. Das Ich muss eine Offenheit für die Zukunft voraussetzen, ohne dass es dafür ein schon vorhandenes Sein hat. Eine erste Charakteristik des Geistigen und des Geistselbst von der Ich Seite her ist die Offenheit für die Zukunft. Schon darin liegt angesichts der Wirkungsmacht des Gegebenen und Tatsächlichen ein ungeheurer Kraftaufwand für das Ich. Und schon in diesem ersten Voraussetzen der Offenheit der Zukunft liegt eine erste gefühlsschaffende Kraft. Eine erste Veränderung des Fühlens kann dann darin gesehen werden, dass das Ich sich nicht mehr nur auf das vorhandene Selbstgefühl bezieht, also auf das sogenannte zentrale Ich-Erleben, das ja immer den Erlebnissen und Gefühlen nachläuft, sondern dass es sich selbst ein neues Selbstgefühl schafft, indem die eigene Tätigkeit zur Grundlage dieses neuen Selbstgefühls wird. „Während das seelische Selbstgefühl bislang eine mehr oder weniger tragfähige Grundlage des Ich-Prozesses bieten konnte, muss nun die Ich-Tätigkeit selbst gleichsam seelenschaffend werden.“ (ebd. S.118) Nur das Ich kann das Geistige, die Zukunft voraussetzen. Und das Ich kann das nur, weil das Geistige als diese Offenheit (als Geistselbst) schon da ist. (Dazu in einem weiteren Beitrag mehr!).
Roland Wiese 28.4.2019

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