Peter Kruckenberg (5.3.1939 – 2.1.2025)

Am 2. Januar ist Peter Kruckenberg gestorben. Er war als Chefarzt in Bremen einer der maßgeblichen Planer und Realisierer der Psychiatriereform. Ich habe von 1988-1999 in Bremen-Ost die ambulante Arbeit (Betreutes Wohnen) als Mitarbeiter beim ASB mit aufgebaut, habe diese Reform also in ihrer Wirklichkeit an der Basis erleben können.

Als ich letzten Sonntag (12.1.25) auf der Autobahn in Richtung Lüneburg fuhr, musste ich, als wir durch die Landschaft um Lüneburg herum fuhren, an Peter Kruckenberg denken. Peter Kruckenberg ist am 2. Januar 2025 gestorben. Am Tag vor meiner Fahrt hatte mir Martina Rasch die Todesanzeigen aus der Zeitung geschickt und ein Interview mit Hiltrud und Peter Kruckenberg (YouTube von 2021?). In dem Interview erzählt Peter Kruckenberg, dass er eigentlich in Niedersachsen im Landeskrankenhaus Lüneburg tätig war und dann 1980 nach Bremen ‚abgeworben‘ wurde. Dort wurde er Chefarzt der Psychiatrie in Bremen-Ost und später auch ärztlicher Direktor der Klinik. Zusammen mit seiner Frau Hiltrud gehört er zu den maßgeblichen Reformern der Psychiatrie. In Bremen hatte er mit dem ersten Modellprogramm zur Psychiatriereform die Möglichkeit, ein vollständiges System zur Unterstützung der Menschen mit seelischer Erkrankung aufzubauen. Gleichzeitig konnte die Langzeitpsychiatrie ‚Kloster Blankenburg‘ aufgelöst werden. Man kann sich, wenn man das so sachlich niederschreibt, gar nicht mehr vorstellen, welche heftigen Kämpfe um diese Reform in Deutschland geführt wurden. Einzelne Bundesländer scherten ganz aus der Reform aus, Franz-Josef Strauss warnte vor der Freilassung der Psychiatriepatienten (Zustand vollständiger gesellschaftlicher Anomie) (vgl. Reumschüssel-Wienert, Christian (2021). 4.3 Die 1980er-Jahre der Psychiatrie: Modelle und Diskurs. In: Christian Reumschüssel-Wienert (Eds.), Psychiatriereform in der Bundesrepublik Deutschland (126-143). Bielefeld: transcript Verlag. https://doi.org/10.14361/9783839458136-012). Aber auch bei den Reformern gab es unterschiedlichste Vorstellungen davon, wie eine neue Psychiatrie aussehen sollte und heftige Kämpfe um den richtigen Weg.  

Peter Kruckenberg hat in dem Interview sehr einfach beschrieben, was es eigentlich braucht für eine Unterstützung von Menschen mit seelischen Erkrankungen: „Was die Menschen brauchen, ist eine therapeutische Begleitung in ihrem Leben und diese therapeutische Begleitung muss so aufgebaut sein, dass Menschen mit verschiedenen Kompetenzen sie kooperativ unterstützen.“ Es geht also darum, bei solchen Erkrankungen, die sich oft massiv auf das eigene Beziehungsgefüge destruktiv auswirken, eine Gegenbewegung zu initiieren, ein ‚künstliches‘ Beziehungsnetz aufzubauen, das auch bei aktuellen Krisen trägt.  Das klingt erst einmal aus heutiger Sicht recht ‚normal‘, aber damals war die Perspektive entweder Dauerunterbringung oder Langzeitaufenthalt in der Langzeitpsychiatrie oder Drehtürpsychiatrie mit Entlassung in die unbegleitete Situation von vorher.

 Der einfache Grundgedanke von Peter Kruckenberg entspricht genau dem, was ich (1986) selbst über die Unterstützung von Menschen mit seelischer Erkrankung gedacht habe. Wir lebten selber mit ein bis zwei Menschen mit einer Erkrankung in unserer Familie zusammen und hatten einen kleinen Umkreis von Menschen gebildet zu unserer aller Unterstützung. Aber es wurde auch deutlich, dass eine solche hochindividuelle Lebenssituation nicht die Lösung für viele Menschen sein konnte. Als ich mich dann in Bremen bewarb, um dort im Betreuten Wohnen, wie es zu dieser Zeit hieß, an der Reform der Psychiatrie mitzuarbeiten, war mein Interesse (halbbewusst), wie denn eine solche Reform aussehen könnte. Paradoxerweise musste ich (aus heutiger Perspektive), um das zu erfahren, nach Bremen gehen, weil Peter Kruckenberg von Niedersachsen aus nach Bremen gegangen war. Die Psychiatriereform in Niedersachsen fand dann in unserer Region erst in den neunziger Jahren statt. Später (1999) bin ich dann wieder zurück nach Niedersachsen gegangen, um das Angebot ambulanter Hilfen auch in unserer eigenen Region aufzubauen. Mein Schicksal ist dadurch in merkwürdiger Weise mit dieser geographischen Bewegung verknüpft.

Will man diese Reformbewegung am Ende, oder im letzten Drittel des 20.Jahrhundert historisch verstehen, zeigt sie sich wie ein Heilungsversuch gegenüber dem, was das Jahrhundert bis dahin an kranken Strukturen geschaffen und  aufrechterhalten hat. Und man kann im internationalen Vergleich auch deutlich sehen, wie in Deutschland die Zeit des Nationalsozialismus eine solche ‚therapeutische Entwicklung‘ lange verzögert hat. Die Reform der Psychiatrie ging auch einher mit einer Aufdeckung der Verbrechen jener Psychiatrie der Vernichtung.

In den letzten Jahrzehnten hat sich nun eine grundsätzliche Veränderung der psychiatrischen Landschaft gezeigt. Die Ursache dafür liegt für Peter Kruckenberg in einer Veränderung der Gesellschaft. Er hat diese Entwicklung – „ein Zerreißen der gesellschaftlichen Zusammenhänge“- in einer Rede (die 2007 in einem Artikel im Weser-Kurier veröffentlicht wurde) versucht zu beschreiben. Ich habe auf diesen Artikel mit einem eigenen Aufsatz reagiert. In beiden Texten wird deutlich, dass möglicherweise die alten Reformvorstellungen und Ideen an ein Ende gekommen sind, weil sich die Menschen und ihre Lebensstrukturen verändert haben. Die Psychiatrie wird immer mehr zu einer Art Auffangbecken für Menschen, die in dieser Gesellschaft aus allem Haltenden herausfallen. Man kann dies z.B. deutlich daran sehen, dass bei vielen Straftaten im öffentlichen und privaten Raum, man nachträglich nachvollziehen kann, wie da jemand Stück für Stück aus allen Lebensbezügen herausgefallen ist oder auch gar nicht in echten Lebensbezügen jemals vorgekommen ist. Das, was Peter Kruckenberg 2007 schrieb und was ich dann als Aufschlag für eine eigene Bewegung genommen habe ist heute noch aktueller und realer geworden! Aus diesem Grund und als eine Art Vorruf möchte ich meinen Artikel von 2007 hier noch einmal zugänglich machen.

Roland Wiese, 15.1.2025


Zwischen Leben und Tod – Vom Leben auf der Grenze

Das Zerreißen der Zusammenhänge

Immer mehr Menschen können anscheinend nicht leben. Sie wollen leben, können es aber nicht. Sie haben Wohnungen, sind verheiratet, sie haben vielleicht sogar Kinder, – aber irgendwie, so genau kann man es gar nicht fassen, entsteht kein sich selbst tragendes Leben. Immer mehr Menschen haben keine seelische Wirklichkeit mehr, in der sie leben könnten. Sie müssen sich mühsam mit vielen, oft medialen Hilfsmitteln eine Art seelischer Existenz ersetzen. Sie versuchen zu leben, sie versuchen nachzuahmen, wie man leben könnte, aber es trägt nicht. Es bildet sich nichts zwischen ihnen, was man als tragfähige seelische Substanz wahrnehmen könnte. Eigentlich fallen sie.  Sie verwahrlosen und vermüllen.  Sie verschulden sich. Sie zerstören sich gegenseitig in Beziehungskriegen. Sie zerstören ihre eigenen Kinder. Sie verletzen sich selbst. Die einfachsten Lebensprozesse wie Essen, Schlafen, werden nicht mehr gepflegt. Die Aufnahmen in Krankenhäuser wegen seelischer Erkrankungen steigen zweistellig.[1] Die Anzahl an gesetzlichen Betreuungen steigt jedes Jahr. Die Eingliederungshilfe für seelisch behinderte Menschen explodiert. Wobei die Art der Erkrankungen sich völlig verändert hat im Vergleich zu den siebziger Jahren. Die seelisch kranken Menschen der Vergangenheit hatten unter ihrer Erkrankung in der Regel eine normale seelische Persönlichkeit. Eine solche Persönlichkeitssubstanz fehlt aber immer öfter – nicht umsonst spricht die Psychiatrie heute von Persönlichkeitsstörungen.

In einer Rede mit dem Titel „Politik und Psychiatrie“ wirft Professor Peter Kruckenberg, ehemaliger Chefarzt für Psychiatrie am Klinikum Ost in Bremen, einen Blick auf die gesellschaftliche Situation, in dem er, wie von oben, versucht eine solche Veränderung zu beschreiben: „Die gemeinsame Sinnorientierung und damit die kulturelle Substanz geht immer mehr verloren“ und er warnt vor der Übersättigung unserer „Spaßgesellschaft“, die mit diversen Süchten ungelöste Lebensprobleme betäube. Dies hat die Folge, „der Zerstörung von Beziehungen und des Zerreißens von Lebenszusammenhängen.“[2] Wer beruflich an den Stellen der Gesellschaft arbeitet, wo das Zerreißen von Lebenszusammenhängen und die Zerstörung von Beziehungen besonders stark  wahrgenommen werden können, wird diese Diagnose bestätigen  müssen. Sei es im Bereich der Kindergärten, der Frühförderung, der Schulen, der Jugendhilfe oder Psychiatrie – überall zeigt sich immer deutlicher dieser Verlust von kultureller Substanz. Ein solcher Verlust von Substanz zeigt sich natürlich nicht am einzelnen Menschen. Bei ihm zeigt sich immer nur seine individuelle Situation, wie er  in einem solchen allgemeinen Substanzverlust lebt – ob er abhängig ist von der kulturellen Substanz seiner Umgebung. Peter Kruckenberg sieht eine Ursache dieser Aushöhlung in der Übertragung ökonomischer Prinzipien auf das Feld des Sozialen und erlebt als Folge einen Konkurrenzkampf Jeder gegen Jeden als gesellschaftliches Prinzip.

Wenn man in die Worte von Peter Kruckenberg ein wenig sensibler hineinhört, und sich nicht von dem Teil ablenken lässt, der mehr oder weniger allgemein bekannt ist, dann können einen zwei Begrifflichkeiten aufhorchen lassen: Der Verlust von kultureller Substanz und das damit zusammenhängende Zerreißen von Lebenszusammenhängen. Eine solche Beschreibung setzt ja voraus, dass ich so etwas wie Lebenszusammenhänge überhaupt wahrnehmen kann, und dass ich kulturelle Substanz wahrnehmen kann. Nun sind Lebenszusammenhänge und kulturelle Substanz keine Gegenstände, die man sinnlich wahrnehmen könnte. Und wie nimmt man den Verlust von Substanz wahr und das Zerreißen von Zusammenhängen? Handelt es also nur um eine Art Deutung eines sozialen Geschehens, oder stellt Peter Kruckenberg nicht in Wirklichkeit selbst einen Zusammenhang her und schafft damit eine Art Begriff, der uns eine bestimmte Blicklenkung in eine nicht sinnliche Welt geben kann? Ein zweiter von ihm gebildeter Zusammenhang ist der zwischen einer Unverträglichkeit wirtschaftlicher Gesetzmäßigkeiten und dem sozialen Prozess. Und ein dritter Blick ist der, auf die daraus folgende Vereinzelung der Individuen.

Wir befinden uns anscheinend gegenwärtig in einer Situation, in der wir den Erosionsprozess der Lebenszusammenhänge und damit der Zusammenhänge zwischen den Menschen entweder als Opfer erleben müssen, oder aber als denkende und empfindende Menschen wahrnehmen können. Wobei eine solche Wahrnehmung von Lebenszusammenhängen anscheinend   erst mit ihrer Zerstörung möglich wird. Und eine solche Wahrnehmung von Zusammenhängen ist natürlich keine sinnliche Wahrnehmung, sondern eine denkende Wahrnehmung. Ich muss einen solchen Zusammenhang erst bilden, bevor ich ihn wahrnehmen kann. Und, eine solche Zerstörung ruft geradezu nach der Bildung neuer Zusammenhänge. Wir werden zu lernen haben, wie eine solche Bildung realisiert werden kann. Dazu ist eine genaue Betrachtung der Ursächlichkeit der Zerstörung nötig. Folgt man Peter Kruckenberg, zeigt sich folgendes Geschehen: Eine mangelnde geistige Sinnbildungskraft bewirkt einen Verlust von kultureller Substanz, dieser Mangel bewirkt das Zerreißen von Lebenszusammenhängen, dieses hat zur Folge, das die einzelnen Menschen sich nur noch als einzelne Menschen erleben und aus dieser Perspektive zwangsläufig gegeneinander kämpfen – also sich gegenseitig zerstören. Wobei die mangelnde geistige Orientierungskraft eine Art geistiges Vakuum schafft, in dem dann die wirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten die Herrschaft übernehmen. Nun müsste man noch hinzufügen, dass die bisherige geistige Orientierung, die bisherige kulturelle Substanz und die bisherigen Lebenszusammenhänge anscheinend nicht von den einzelnen Menschen selbst gebildet worden sind, ansonsten gäbe es ja nicht einen flächendecken Zusammenbruch. Es muss also eine Art geistiger Orientierung gegeben haben, die mehr unbewusst in dem einzelnen Menschen gewirkt hat, und eine solche Wirkung scheint immer weniger vorhanden zu sein. Und paradoxerweise,  mit dem allmählichen Erlöschen einer inneren geistigen Orientierung, scheint auch gleichzeitig die Ausbildung eines Widerstandes gegen jede, von außen an mich herangetragene, inhaltlich-geistige Orientierung,  einherzugehen. Ich wehre mich dagegen von anderen darüber belehrt zu werden, wie ich eventuell besser leben könnte.

Vom Leben der Seele

Schaut man mehr in die einzelne seelische Situation, zeigt sich das oben beschriebene Geschehen, als ein zunehmendes Gefühl des einzelnen Menschen sich seelisch gar nicht mehr selbst verstehen zu können. Ein weiteres Gefühl ist das, sich seelisch nicht mehr halten zu können. Ein drittes Gefühl löst am meisten Angst aus – es ist die Angst sich völlig  seelisch aufzulösen.[3]  Der Mensch bemerkt in seiner Vereinzelung – also dem Herausfallen aus allen familiären und sozialen Bestimmungen – dass in dieser seelisch-sozialen Vereinzelung keine Existenzgrundlage für die Seele mehr vorhanden ist; ihm diese Seele stattdessen immer mehr entschwindet. Ablesen kann man dieses Verschwinden dann daran, dass der einzelne Mensch schon bei relativ geringen Problemen eine Art Weltuntergangserleben entwickelt, denkt, sich überhaupt nicht mehr halten zu können, und dann z.B. einen Klinikaufenthalt anstrebt. Umgekehrt, kann ein Mensch in einer solchen Lage relativ schnell, durch den Kontakt mit einem Menschen, der sich selbst halten kann, wieder zu sich kommen und dadurch befriedet und beruhigt werden. Andererseits kann ein solches Gefühl zu sich gekommen zu sein, sofort wieder verschwinden, wenn der andere Mensch nicht mehr anwesend ist. Also, es gibt eine hohe Empfindlichkeit und Bedürftigkeit nach einer Ich-Wirkung von außen. Die Ich-Wirkung ist aber nur anhaltend, wenn sie immer wieder erneuert wird. Arbeitet man länger mit Menschen in einer solchen Lage, kann man bemerken, wie sich langsam eine solche Ich-Bildung konsolidieren kann. Dies zeigt sich in der Regel daran, dass sich erste leise Interessen bilden. Der Mensch steht nicht nur in seelisch-elementaren Bedrängnissen, sondern es bilden sich erste Interessensfreiräume – es tauchen wieder seelisch-geistige Fragestellungen auf.

Eine große Verwechslungsgefahr liegt heute darin, dass wir solche Effekte dann oft auf bestimmte therapeutische Methoden, oder Medikamente, oder bestimmte sozialarbeiterische Hilfen zurückführen. In Wirklichkeit haben wir es aber mit einem realen Wiedergeburtsprozess zu tun, der durch das Interesse des anderen Menschen möglich wird. Vielleicht bemerkt dieser Mensch gar nicht die Wirkung seines Interesses, weil er durch bestimmte Berufsverhältnisse seine Wahrnehmung auf anderes richtet. Dann kann es ihm geschehen, dass die Wirkung seines Engagements nachlässt (ohne dass er die Ursache versteht), ja, es kann sogar zu einer Verschlimmerung der Situation kommen.  Wenn ich solche Situationen selber öfter erlebt habe, wenn ich auch schon einmal erlebt habe, wie partiell Neues von mir durch das Interesse eines anderen Menschen  wie geboren wird, kann ich auf die Idee kommen, dass meine seelische Existenz  zu einem großen Teil ihre Wirklichkeit darin hat, dass ich im Interesse eines anderen Menschen lebe.

Ein solches Leben im Interesse eines anderen ist eine Existenzform, die nicht leicht zu denken ist. Denn wo lebe ich denn da? Es ist eine Bewegung eines anderen Menschen, die auf mich gerichtet ist. Sie kommt auf mich zu. Anderseits geht sie vom anderen Menschen aus. Sie scheint unabhängig von mir zu sein. Hat sie vielleicht gar nichts mit mir zu tun? Man kann auch bemerken, dass alle Versuche dieses Interesse zu beeinflussen, oder gar inhaltlich zu konkretisieren oft eher das Gegenteil bewirken. Sie können ein solches Interesse ruinieren. Wiederum paradox erscheint die Tatsache, dass sich andere Menschen dadurch für mich zu interessieren beginnen, dass ich selbst mich für etwas anderes, für andere Menschen interessiere. Während es pathologisch wirkt, wenn ich versuche das Interesse anderer auf mich zu ziehen, indem ich mich für mich selbst interessiere. Ein Versuch, der das Scheitern schon in sich trägt, und in der Regel das Gegenteil bewirkt, weil er die freie Bewegung des Interesses lähmt. Man kann auch bemerken, dass das Interesse eine aufschließende, die Welt eröffnende Gebärde ist. Erst durch mein Interesse öffnen sich Türen in Bereiche, die mir vorher verschlossen waren. Das wirkliche Interesse scheint eine Bewegung zu sein, die sich nicht erschöpft und zu einem Ende kommt, wie eine physikalische Bewegung, sondern eine Bewegung, die sich in sich selbst im Verlauf verstärken kann. Das Interesse kommt zwar an seinen Gegenständen zu Bewusstsein, ja es scheint sogar von ihnen entzündet zu werden, aber es hat eine von ihnen unabhängige Existenz. Insofern bin ich möglicherweise (nur) der Gegenstand meiner selbst, an dem das Interesse an mir zu einem Bewusstsein kommen kann.

Ein solches Urphänomen des sozialen Lebens, ist zwar schwer zu denken, aber für jeden direkt zu erleben. Es ist höchst persönlich in seiner Wirkung, und doch nicht rein subjektives Phänomen. Es ist intime zwischenmenschliche seelische Verbindung und gleichzeitig Grundlage allen sozialen Lebens. Es ist im höchsten Grade individuell und gleichzeitig im größten Maße allgemein gesellschaftsbildend. In meinem Interesse können Lebende ebenso leben, wie Verstorbene. Es handelt sich um eine Möglichkeit des Seins, die einen ständigen Übergang zwischen Geborenwerden und Sterben bedeutet, zwischen Aufwachen und Vergessen. Für eine sozial wirksame Menschenkunde müsste es daher von größtem Interesse sein zu erforschen, wie sich das Interesse im Menschen immer mehr freilegen lässt, und andersherum welche Faktoren das Interesse im Menschen behindern und zerstören. Dies beginnt natürlich in der frühesten Kindheit und endet anscheinend noch nicht einmal mit dem Tod. Der Verlust kultureller Substanz und das Zerreißen der natürlichen Zusammenhänge zwischen den Menschen, fordert von uns anscheinend die Erforschung eines solchen Zwischenseins, wie es das Interesse ist. Wobei eine solche Erforschung, wenn sie in der richtigen Weise vollzogen wird, schon anfänglich erste neue Zusammenhänge entstehen lassen könnte.

Roland Wiese 2007 (erschienen mit zwei weiteren Teilen in der Wochenschrift Das Goetheanum Nr.00 07 und in der edition umkreis 2009)


[1] (in Hamburg im letzten Jahr um 64 %)

[2] Weserkurier  Nr.287 Freitag 7.12.2007

[3] Solche Erlebnisse treten natürlich insbesondere bei Trennungen auf.

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