Sterbebegleitung – eine Schicksalsentwicklung

Foto: Roland Wiese

An einer konkreten langjährigen eigenen Schicksalsentwicklung, die gerade einen gewissen Abschluss gefunden hat, möchte ich einmal versuchen, das, was ich die Wirklichkeitsschicht des Ich nenne, aufzuzeigen. Diese Schicht beinhaltet eine doppelte Blickrichtung. Es gibt eine Wirkung in die Umgebung, die von dem jeweiligen Menschen, ausgeht, und es gibt eine Wirkung auf den jeweiligen Menschen aus der Schicksalsumgebung. Beides kann man als ‚Ich‘ erleben.


Gestern war ich Gast bei einem Gruppenabend des Hospizvereins Fidelius in Rotenburg. Vor einem Jahr habe ich dort meine Arbeit als Supervisor nach zehn Jahren beendet, und auf dem Gruppenabend fand eine Art Wiedersehen und Verabschiedung statt. Ich habe mit diesem Hospizverein bis 2024 zehn Jahre zusammengearbeitet, ein Wechsel war also rein fachlich betrachtet mehr als überfällig. Ich habe im Laufe der Jahre immer mehr Gruppen dort übernommen und bin mit der Entwicklung des Hospizvereins auch in alle inhaltlichen Entwicklungen und Erweiterungen der Hospiz-Arbeit hineingekommen. Von der ehrenamtlichen Sterbebegleitung über die Kindertrauerbegleitung, die Trauertreffarbeit, die Trauereinzelarbeit, aber auch die Palliativpflege, die sich aus dem Hospizverein herausentwickelt hat und das stationäre Hospiz, bis in die Ausbildung der Sterbegleiterinnen.


Es war ungefähr 2008, dass mich in meinem Büro der GESO in Rotenburg die Sozialarbeiterin Elke-Sofie Glenk besuchte und sich als Koordinatorin des Hospizvereins vorstellte (siehe Zeitungsartikel). Der Verein muss damals noch sehr ‚jung‘ gewesen sein, Elke-Sofie Glenk war als Koordinatorin frisch angestellt und suchte dringend ein neues Büro für ihre Arbeit. Sie saß damals gewissermaßen gastweise in einem kleinen Büro im Rathaus Rotenburg. Sie stellte mir ihre Arbeit vor, die für mich damals noch vollkommen unbekannt war. Ich war seit 8 Jahre damit beschäftigt mit der GESO Angebote für die Unterstützung und Begleitung psychisch erkrankter Menschen aufzubauen und war darüber in Rotenburg bekannt geworden. Damals plante ich gerade ein neues Haus, ein soziales Zentrum, für unsere eigene Arbeit. Als Elke-Sofie mir damals ihre ‚Not‘ schilderte, habe ich ihr spontan angeboten in dem neuen Zentrum für sie ein Büro einzuplanen. Wir wollten in dem neuen Haus auch eine Begegnungsstätte einrichten und die Nutzung der Räume durch den Hospizverein für seine Angebote erschien mir als eine wunderbare Möglichkeit aus der Verengung der reinen Psychiatrieszene herauszukommen (was dann auch stattgefunden hat).


So kam es, dass der Hospizverein jetzt seit 2010 ‚Mitbewohner und Nutzer‘ unseres Sozialen Zentrums in Rotenburg ist. Wir haben dem Verein damit ein erstes Zuhause gegeben, in dem viele Veranstaltungen stattfinden konnten. Soweit die die äußere Geschichte. Schaut man eine Schicht tiefer, war die Begegnung mit Elke-Sofie und ihrem Thema der Begleitung sterbender Menschen für mich etwas von außen Kommendes. Ich habe das nicht gesucht, mich damals aktuell nicht in diese Richtung interessiert usw. Die Bewegung kam von außen. Ich hatte auch keinerlei Ahnung von dem Thema Hospizarbeit. Aber ich habe noch einen Satz von Elke -Sofie aus diesem Gespräch in Erinnerung, der sich mir wie eingebrannt hat: Der Tod ist immer wahr!


Umgekehrt ist meine Beziehung zu dieser Arbeit darin zu sehen, dass ich offen für diese Bewegung und die Kraft von Elke-Sofie war und ich sie mir gut in unserem neuen Haus vorstellen konnte. Meine Kraft und mein Inhalt war es, und zwar gar nicht absichtsvoll, mehr indirekt, in dieser Situation von uns beiden, einen ‚Ort‘ zu kreieren. (Martina Rasch hat diesen Begriff letztens in einem Gespräch gebraucht, es gibt heute zwar viele Räume, aber nicht so viele ‚Orte‘). Mit kreieren meine ich etwas sehr Existentielles. Ich habe ihn nicht geplant, nicht konzipiert, sondern in der realen Schicksalssituation mit den anderen Menschen zusammen geschaffen, entwickelt. Mit mir selbst auch als Teil des Ortes, ich habe dort die letzten 14 Jahre gearbeitet und gelebt!


Wir haben zusammen mit anderen Menschen, und eben auch den Menschen vom Hospizverein, diesen Ort gebildet, aber das hat noch lange nicht dazu geführt, dass ich Supervisor für die Sterbebegleitung wurde. Ich habe oft mit den Koordinatorinnen zusammengesessen und wir haben uns ausgetauscht, und irgendwann (2014) in einer der vielen krisenhaften Aufbausituationen des Vereins hat man mich gefragt, ob ich mich nicht für den Vorstand des Vereins engagieren wolle. Und ich habe spontan gesagt, dass ich das nicht will! Ich könnte mir aber vorstellen Supervision zu machen und habe das auch angeboten. Damit meinte ich erst einmal nur die Supervision der Koordinatorin, aber es ging dann schnell weiter in die Supervision der Gruppen, als dort eine Supervisorin ging.


Ich halte dies für eine interessante und auch entscheidende Weichenstellung für mich und meine Arbeit in diesem Thema. Anscheinend hatte ich damals ‚keimhaft‘ und anfänglich ein gewisses halbbewusstes Interesse für diese Arbeit. Aber gleichzeitig spürte ich instinktiv, dass ich mich mit der mehr organisatorischen und tragenden Gruppe von Menschen in Rotenburg und Umgebung nicht wirklich näher verbinden will. Das hat auch mit der dort existierenden ‚geistigen‘ Ausstattung zu tun, denn Rotenburg ist ein zentraler Ort evangelischer Diakonie, und während der Hospizverein eigentlich säkular gedacht ist, waren doch die tragenden Menschen natürlicherweise mit diesem geistigen Hintergrund mehr oder weniger identifiziert. Solche Verbindungen und Identitäten sind aufgrund der Wirklichkeit der Zivilgesellschaft in solchen Orten wie Rotenburg natürlich und historisch gewachsen, sie sind aber (für mich) trotzdem manchmal nicht unproblematisch. Im Hospizverein war dies für mich als Supervisor kein Problem, aber mich in der Gemengelage der evangelischen und diakonischen Verhältnisse der Stadt auf Vorstandsebene zu bewegen, wäre mir sicherlich nicht so leichtgefallen. (Im Rahmen meiner eigenen Milieubildung mit der GESO war ich da einigermaßen frei und deshalb geschützt).


Ich sage dies auch nur so offen, weil die inhaltliche Seite der Hospizarbeit eigentlich auf eine neue Spiritualität hinzielt, die sich durch die Wirklichkeit des Sterbens der Menschen bildet, wenn dieses Sterben kein natürlicher und unbewusster (mehr familiärer) Vorgang mehr ist, sondern ein bewusst begleitetes kulturelles und individuelles Geschehen wird. (So wird es auch von den Sterbebegleiterinnen immer wieder berichtet und wird inzwischen auch wissenschaftlich so beschrieben – so in dem Buch ‚Die Kunst der Begleitung‘). Das bedeutet aber, dass alle älteren spirituellen Formen zwar wie aus dem Hintergrund sich öffnen können für diese neue spirituelle Wirklichkeit, aber ihr nicht entsprechen können. Gemeint ist, dass sie als Ausgangssituation nicht schaden, aber wenn sie sich nicht in diese neue Wirklichkeit hin auflösen kann es sein, dass diese Wirklichkeit sich gar nicht frei zeigen kann. (Es wäre lohnend das einmal genauer auszuführen).


Ich verweise auch nur auf diese ‚Brechung‘ des Themas, weil es für mich persönlich wichtig war mit der Wirklichkeit dieser Entwicklung von Hospizarbeit in Berührung zu kommen. Insofern bin ich froh mich aus dem mehr organisatorischen Geschehen herausgehalten zu haben und bin dankbar dafür, dass ich die inhaltliche Seite umso tiefer und intensiver kennenlernen konnte. Umgekehrt glaube ich auch wiederum daran, dass ich dadurch an der inhaltlichen und substanziellen Seite der Entwicklung dieser Arbeit mitarbeiten konnte, gewissermaßen in jeder der vielen Sitzungen, in denen wir das Sterben von vielen einzelnen Menschen besprochen und vertieft haben. Dies hat diese Arbeit der Sterbebegleitung, hintergründig und gar nicht direkt äußerlich, auch durch einige Entwicklungskrisen des Vereins getragen und mir ein neues Arbeitsmotiv geschenkt, das heute mein zentrales Arbeitsfeld geworden ist.
Das verstehe ich unter Entwicklungsbegleitung im Unterschied zur ‚bloßen‘ Supervision oder Beratung (nicht wertend gemeint, nur unterscheidend), eine wechselseitige Entwicklung über einen manchmal längeren Zeitraum, an der ich schicksalsmäßig und existentiell beteiligt bin. Wobei deutlich wird, dass eine solche Entwicklungsbegleitung keine Absicht sein kann, sondern sich in der Wirklichkeit der Schicksalssituationen vollziehen muss. Es hat aber mit der eigenen Haltung zu tun, ob eine solche Entwicklung möglich werden kann. Umgekehrt hat es auch damit zu, ob die Menschen selbst eine solche Beziehungsentwicklung und den damit verbundenen entsprechenden Substanzaufbau ihrer Arbeit wollen. Ich bin persönlich sehr dankbar, dass mir diese Form ermöglicht hat langjährige Entwicklungsverläufe von Menschen, Themen und Einrichtungen zu begleiten und zu erfahren. Und nur solche Verläufe und Zusammenhänge von Kontinuität und Konsequenz können die eigentliche Ich-Schicht der Wirklichkeit freilegen.


Bei der Sterbebegleitung gab es bei mir einen eigenen persönlichen Vorlauf (1994-1998) in dem ich mich nach dem Suizid eines von uns betreuten Menschen intensiv mit dem Tod und dem Sterben und dem Danach auseinandersetzen musste. Ich habe damals eine Art Forschungstext geschrieben und reale eigene Erfahrungen machen können, die aus heutiger Sicht wie eine Art Vorschau der späteren Entwicklung des Themas für mich waren. Der Text endet damit, dass ich den Eindruck hatte, es bräuchte eigentlich eine ‚Schule des Sterbens‘. Rückblickend hat sich dies für mich mit der Entwicklungsbegleitung in der Hospizarbeit tatsächlich eingelöst.


Inzwischen hat sich meine Supervisionsarbeit mit dem Thema Hospizarbeit von dieser mehr ‚örtlichen‘ Einbindung gelöst und ich begleite viele Gruppen in der weiteren Region. Dazugekommen ist auch das Thema Palliative Pflege. Die Entwicklung ist nicht abgeschlossen, weil immer noch neue Anfragen aus dieser Richtung kommen. Es war mir aber anlässlich der jetzt erfolgten Verabschiedung ein Anliegen, den Beginn der Entwicklung einmal als Zusammenhang zu schildern. Gleichzeitig ist das Gefühl der Dankbarkeit gegenüber den ersten Koordinatorinnen, Elke-Sophie Glenk und Sandra Köbe, und den vielen ehrenamtlichen SterbebegleiterInnen groß, dass sie sich auf meine Art der Entwicklungsbegleitung ihrer Arbeit so offen und unterstützend eingelassen haben.


Roland Wiese 31.10.2025

Hier der Artikel aus der Rotenburger Kreiszeitung von 2008:

Elke-Sofie Glenk: Koordinatorin im Verein für Palliativ- und Hospizarbeit

Begleitung auf dem letzten Weg

19.09.2008

Diplom-Sozialarbeiterin Elke-Sofie Glenk, die neue hauptamtliche Koordinatorin des Vereins für Palliativ- und Hospizarbeit in der Region Rotenburg Foto: Bonath
 ©Rotenburger Rundschau

(bn). Seit gut zwei Jahren gibt es den Verein für Palliativ- und Hospizarbeit in der Region Rotenburg, der inzwischen unter Vorsitz von Ingeborg Koch-Dreier, Lauenbrück, 135 Mitglieder zählt. Davon wurden bisher 27 (21 Frauen und sechs Männer) zu ehrenamtlichen Hospizhelfern ausgebildet, um in der Sterbebegleitung tätig zu werden. Ziel der Arbeit ist es, dass kranke Menschen möglichst bis zuletzt beschwerdefrei leben können und auf Wunsch begleitet werden. Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, körperliche und seelische Leiden zu mindern, Mut zu machen, sich mit dem Sterben auseinander zu setzen und sterbenden Menschen nahe zu sein.

Vor einem knappen Vierteljahr wurde mit Elke-Sofie Glenk (46) als Koordinatorin eine hauptamtliche Mitarbeiterin angestellt. Die Diplom-Sozialarbeiterin mit therapeutischer Ausbildung war zuvor in Bremen 15 Jahre lang im Drogenbereich und zwei Jahre auf Palliativstationen tätig. Elke-Sofie Glenk, die ursprünglich aus Darmstadt stammt: „Wir möchten Sterbende in ihrem Wohnbereich würdevoll begleiten. Darüber hinaus geht es dem Palliativstützpunkt um eine flächendeckende palliative Beratung für den gesamten Landkreis Rotenburg. Dazu wünschen wir uns viele Menschen, die den Verein durch eine Mitgliedschaft in seiner Arbeit unterstützen.“ Anspruchsvolles Fernziel ist es, 2.000 Mitglieder zu werben. Unter dem Dach des Verein gibt es neben dem Vorstand die Palliativstützpunkte mit insgesamt acht Kooperationspartnern, zum Beispiel zwei Hausarztpraxen, zwei ambulante Pflegedienste, Seelsorge, Psychologen, stationäre Hospiz. Alle mit spezieller palliativer Ausbildung. Elke-Sofie Glenk: „Unser grundsätzliches Ziel ist es, das Sterben wieder ins Leben zu integrieren. Es geht uns darum, dass das Sterben kein Tabuthema sein darf.“ Die neue Koordinatorin wird von Angehörigen angesprochen, die bei sich einen schwer Kranken haben, für den sie sorgen und die dabei unterstützt werden möchten. Elke-Sofie Glenk nimmt zu den Betroffenen Kontakt auf und entscheidet, wer von den ehrenamtlichen Hospizhelfern infrage kommt und die Begleitung übernehmen kann. Nach dem gemeinsamen Besuch zieht sich die Koordinatorin zurück, überlässt der oder dem Ehrenamtlichen die weitere Begleitung, steht jedoch jederzeit als Stütze bei der weiteren Arbeit zur Verfügung. Zwölf Begleitungen hat es bisher von den ausgebildeten Mitgliedern des Vereins gegeben. Dabei geht es darum, die Begleitsymptome der nicht mehr Heilbaren zu lindern und den Schwerstkranken Zuwendung zu geben. Eine verantwortungsvolle, schwere Arbeit, die ein hohes Maß an Sensibilität fordert! Der Rahmen des Einsatzes der Ehrenamtlichen reicht von der Hilfe vielfach überlasteter Angehöriger über die Unterstützung bei administrativer Arbeit bis hin zum Wichtigsten: der Begleitung sterbender Menschen auf ihrem letzten Weg. Der Verein für Palliativ- und Hospizarbeit in der Region Rotenburg ist im Aufbau, weitere Mitglieder sind willkommen. Interessierte melden sich bei der Vorsitzenden Ingeborg Koch-Dreier (Telefon 04267/98150) oder bei der Koordinatorin Elke-Sofie Glenk (Telefon 04261/4139333). Die 46-Jährige, die übrigens dringend ein neues Büro für ihre Arbeit sucht, verbindet ihre Tätigkeit mit diesem Leitsatz: „Wenn ich mir bewusst bin, dass ich jeden Tag sterben kann, dann lebe ich intensiver.“

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