Stolpersteine der Erinnerung

Am Freitag dem 8.2.2019 wurde in Ahlen in der Rottmanstraße 11 ein Stolperstein für meinen Großvater Klemens Wiese verlegt. In den Westfälischen Nachrichten wurde darüber berichtet mit dem Titel:  Ein Ahlener erhält seine Würde zurück. 

Ich hadere ein wenig mit dieser Überschrift, dass jemand seine Würde zurück erhält. Für mich gilt der Satz des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar! Manche denken ja, dass das bedeutet man darf Menschen nicht entwürdigen. Also gewissermaßen eine ethische Norm. Für mich meint dies ganz schlicht: die Würde eines Menschen   i s t  gar nicht anstastbar, weil sie nicht erreicht wird, durch irgendetwas, das wir tun. Für mich hat insofern niemand seine Würde verloren, wenn er von anderen Menschen umgebracht wird. Er hat sein Leben verloren, was schlimm genug ist.

Was ist tatsächlich geschehen durch den Akt der Stolpersteinverlegung: Es ist erinnert worden. Und es wird erinnert. Daran, dass Menschen einmal wegen ihrer seelischen Erkrankung umgebracht wurden. Es wird auch daran erinnert, dass dieser Mensch seelisch krank war, was eine wichtige Erinnerung ist, denn der gesamte Zusammenhang seines Schicksals war in der Familie lange kein Gegenstand von Erinnerung.  Außerdem wurde durch die Erinnerung an ihn auch an andere Bürger dieser Stadt erinnert, die damals das gleiche Schicksal erlitten. Dies wurde durch die Initiative meiner Schwester erst angestoßen.

Aber die Sache bleibt kompliziert. Man könnte auch sagen man hat meinem Großvater seine ‚Würde‘ genommen. Man hat veröffentlicht, dass er psychisch krank war. Eigentlich gilt für Menschen, dass ihre Gesundheitsdaten besonders geschützt sind. Man hat ihn also geoutet im Dienste der Erinnerung an dieses Schicksal.  Für einen guten Zweck? Für ihn? Und dass, wo psychische Krankheit immer noch ein Anlass für massive Stigmatisierung ist. Wie bekommen wir ein Verhältnis zur psychischen Erkrankung, dass frei ist von solcher Beschämung? Wie bekommen wir ein Verhältnis zu Krankheit als einem anzunehmenden Teil des Schicksals?

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