25 Jahre Tandem (oder die Welt ist nicht im Kopf, Teil 2)

Tandem25
Andreas von Glahn bedankt sich bei den Schülerinnen der BBS für das Catering

25 Jahre Tandem

Am Freitagabend war ich auf einer Jubiläumsfeier in Bremervörde eingeladen. Der Verein Tandem feierte sein 25-jähriges Jubiläum. (Ein Portrait des Vereins findet sich in einem Zeitungsartikel unten als PDF). Unser eigener Verein Umkreis e.V. feiert in wenigen Wochen sein dreißigjähriges Bestehen. Anlass genug, sich in der Wahrnehmung des anderen  der eigenen Intentionen bewusst zu werden. Von außen könnte man meinen, dass Tandem und Umkreis sich doch gar nicht so sehr unterscheiden. Sie haben sich beide in dieser Region für Menschen mit seelischen Erkrankungen eingesetzt, waren Pioniere im Aufbau einer gemeindepsychiatrischen Versorgung, und sind jetzt gemeinsam Gesellschafter einer gemeinsamen Einrichtung, die über 300 Menschen unterstützt und begleitet. Sie haben beide die Projekte, die größer und professioneller wurden in die gemeinsame Gesellschaft (GESO) abgegeben und immer wieder bei Null angefangen mit neuen Initiativen und Projekten. Was auch ähnlich ist, ist der Ansatz erst mit etwas zu beginnen, ohne dass gesichert ist, wie es finanziert werden kann, oder wie die nächsten Schritte sind. Kleinste Anfänge, ohne Sicherheiten, ohne Geländer und vorgegebene Wege. Es gab nie Konzepte am Anfang, sondern immer eine Initiative, die sich ihren Weg durch Gehen erschlossen hat. Und es gab viele Widerstände und sogar Gegnerschaft, die versucht hat, die Initiativen zu beenden! Gemeinsam war auch das Mißtrauen, das sowohl Tandem, wie auch dem Umkreis entgegengebracht wurde, dem Tandem wegen ihres ‚Anführers‘: Andreas von Glahn, dem Umkreis wegen seiner anthroposophischen Einbindung. Den einen fürchtete man – der war nicht einzugliedern in das gewünschte Geschehen im Landkreis; die anderen verstand man nicht. Beide waren als zu radikal angesehen. Die Furcht und das Unverständnis waren auch nicht unberechtigt. Tandem und Umkreis mussten damals die zuständigen Behörden mit Hilfe von Rechtsanwälten und Gerichten davon überzeugen, dass Menschen mit Behinderung wählen können, von wem und wie sie Hilfe bekommen möchten.
Ich war 1993 bei der Gründungsversammlung des Tandem e.V. in einem Gasthof in Bremervörde dabei. In der Erinnerung zeigt sich das damalige Geschehen als ein dunkler Raum voll mit Menschen und eine aufgeregte kämpferische Stimmung. Und zentral als derjenige, der die Menschen damals dazu aufforderte ihn/sie zu unterstützen in ihrer Arbeit für Menschen mit seelischen Erkrankungen: Andreas von Glahn. Die ‚Dunkelheit‘ als Ausgangspunkt der damaligen Initiative erinnert mich heute an die mehr depressive Stimmung der Achtziger Jahre, die in den neunziger Jahren eigentlich schon vorbei war, vielleicht hier auf dem Lande und in der Kleinstadt aber noch nachwirkte. Niemand hätte damals vorhersagen können, dass sich aus dieser durchaus aufgeheizten Atmosphäre eine langjährige Kulturwirksamkeit in einer Region entwickeln würde, die heute von vielen Menschen anerkannt und geliebt wird, wenn auch immer noch genug Mißgünstige und Gegner überbleiben. Als Beispiel sei nur erwähnt, dass die Jubiläumsfeier in einer Berufsbildenden Schule stattfinden musste, weil die Stadt den Ratssaal nicht zur Verfügung stellen wollte. Als das bekannt wurde, bekam Tandem viele Angebote für seine Feier. Letztendlich hätten auch alle Menschen, die jetzt dabei waren gar nicht in den Ratssaal gepasst.
Was für ein Mensch ist Andreas von Glahn, die zentrale Persönlichkeit dieses Geschehens, das weit über Tandem hinausgreift und wirkt? Unter heute üblichen psychologischen Kategorien ein unmöglicher Mensch. Denn er kümmert sich wenig darum, dass er, um seine Sache voranzubringen, sowohl rücksichtslos mit sich selber, wie mit anderen umgehen muss. Bis dahin, dass er in Kauf nimmt, dass Menschen ihm unterstellen, es ginge ihm nur darum sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Das tut er tatsächlich, aber es ein notwendiges Werkzeug, um für die Menschen etwas erreichen zu können, denen genau diese Kraft fehlt, und die deshalb in dieser Gesellschaft unter die Wahrhnehmungsschwelle gedrückt werden und bestenfalls noch als Objekte der staatlichen Verwaltung von Armut und Not herhalten müssen. Also der der Überdruck, den Andreas von Glahn erzeugen kann, bis zur Nötigung! dient dazu den Unterdruck auszugleichen, die Wahrnehmungsschwäche, die wir alle haben im Umgang mit Menschen, die sich nicht selbst zur Wahrnehmung bringen können. Man könnte auch etwas soziologisch formulieren: Es braucht schon etwas Sprengstoff um die Mauern zu durchlöchern, die ein gewisses bürgerliche Leben um sich herum permanent baut. Ich meine damit jetzt nicht die mangelnde politische oder soziologische Wahrnehmung der gesellschaftlichen Probleme. Ich meine den realen Kontakt, die wirkliche menschliche Begegnung mit einzelnen Menschen in ihrer realen Lebenssituation (nicht in Ämtern oder irgendwelchen künstlichen Maßnahmen). Auf der Jubiläumsfeier haben einige Menschen, Ärzte, Bänker, Politiker dieses Phänomen eindrücklich beschrieben. Sie hatten schlicht keine Wahrnehmung von der realen Situation vieler Menschen in ihrer Umgebung. Andreas von Glahn und Tandem haben diesen Kontakt und diese Wahrnehmung, und sie haben dafür gesorgt, dass andere diese Wahrnehmung auch bekommen konnten. Und diese Zumutung ist natürlich auch umgekehrt für die in ihrem bürgerlichen Leben Eingesperrten eine wirkliche Befreiung gewesen. So haben sie es selbst formulieren können. Denn sowohl individuell, wie auch gesellschaftlich ist diese gegenseitige Ausgrenzung ein Problem, dass beide Lebensformen auf die Dauer zerstört. Das gesettelte bürgerliche Leben derer die es äußerliche geschafft haben, zerbröselt permanent von innen her – denn es fehlt ja real der andere Mensch in diesem Leben, der es nicht geschafft hat, der anders lebt. Und der so verdrängte Mensch wird als Einzelmensch immer weniger wahrgenommen und nur noch zum Objekt staatlichen Handelns als Langzeitarbeitsloser, als psychisch Kranker, Behinderter usw. also als Typus einer gesellschaftlichen Kategorie. Die gegenseitige Konfrontation ist in Wirklichkeit notwendig, weniger aus Mitleid, mehr aus dem heraus, dass man sich eigentlich gegenseitig braucht.Tandem25.2
Diese Konfrontation haben Andreas von Glahn und sein Verein Tandem jetzt 25 Jahre erfolgreich hergestellt, für sich selbst und für alle anderen, die daran mittun wollten, jeder nach seinen Möglichkeiten. Und es freut mich, dass wir in unserer jetzt zwanzigjährigen Zusammenarbeit uns in unserer Unterschiedlichkeit lassen und schätzen und unterstützen konnten, damit jeder auch seine individuellen Intentionen leben kann. Eine Zusammenarbeit von Individualitäten ist ja nur möglich, wenn man sich gegenseitig steigert, nicht sich gegenseitig anpasst.

Roland Wiese 15.4.2018

http://www.tandem-brv.com

http://www.brv-bbg.de

http://www.geso-hilfen.de

http://www.umkreis.org

BZ 07.04.2018 Irgendwann die Vorhänge offen gelassen[15169]

 

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