Der Pendelschlag des Ich

1. Teil Denken

In unserem letzten Arbeits-Treffen ‚Ich-Entwicklung Begleiten‘ haben wir versucht das Ich in drei unterschiedlichen Grenzerlebnissen konkreter zu erfassen. Wie zeigt sich das Ich als Tätigkeit im Denken, Wahrnehmen und Handeln? Und wie beeinflussen sich diese unterschiedlichen Tätigkeiten gegenseitig? Es sollte klar sein, dass es hier weniger um den Versuch geht das Ich sauber und systematisch zu definieren, als mehr darum charakteristische Ich-Situationen phänomenologisch anzuschauen und freizulegen. Die in diesen Grenzbereichen zu erlebenden Übergänge zeigen sich nur im Ich, und nur, wenn das Ich tätig ist. Auch hier ist, wie immer, wenn es um das Ich geht, eine vorlaufende Ich-Tätigkeit und ein bestimmter Zusammenhang die Voraussetzung dafür diesen Grenzpunkt, oder auch ‚Pendelschlag des Ich‘ zu erleben, bzw. zu erzeugen.
Begonnen haben wir mit einem einfachen Satz, den Rudolf Steiner in dem Buch ‚Die Schwelle der geistigen Welt‘ im ersten Kapitel als gut geeignet empfiehlt, um den angesprochenen Pendelschlag des Ich ins Erleben zu bringen: „Ich empfinde mich denkend eins mit dem Strom des Weltgeschehens.“ Dieser Satz ist gewissermaßen die Zusammenfassung der Gedankenschritte, die Steiner in den Absätzen zuvor gegangen ist. Das Kapitel selbst handelt ‚Von dem Vertrauen, das man zu dem Denken haben kann, und von dem Wesen der denkenden Seele. Vom Meditieren“. Ich selbst bin in den Jahren ab 1999 herum intensiv mit diesem Kapitel umgegangen und habe auch einige Seminare zu diesem Kapitel gegeben, weil mir der dort geschilderte Zusammenhang als sehr einleuchtend und auch wesentlich erscheint. Wolf Ulrich Klünker hat, meines Wissens als einziger bisher, die dort behandelte Beziehung der Seele zum Denken als eine Grundlage für eine Psychologie, aber auch für eine Therapie der Seele bezeichnet. Das Vertrauen der Seele zum Denken wird dort als die entscheidende Grundlage für ein gesundes Seelenleben, wie für eine vernünftige Wissenschaft von der Seele benannt. (Wolf-Ulrich Klünker, Selbsterkenntnis, Selbstentwicklung, Stuttgart 1997 S. 15 ff.) In unserem Arbeitstreffen tauchte natürlich sofort auch die Frage auf, eine Frage, die immer auftaucht, was denn eigentlich Denken ist, oder was mit ‚Denken‘ hier gemeint ist. Klünker definiert dies für die hier gemeinte Perspektive so:“ Mit „Denken“ ist dabei allerdings nicht eine abstrakte Vorstellungsbildung gemeint, sondern der lebendige Versuch, sich im Hinblick auf sich selbst, auf die Welt und auf andere Menschen eigenverantwortlich zurechtzufinden.“ (a.a.O.) Mir erscheint diese sehr lebensnahe ‚Definition‘ als sehr hilfreich, weil darin deutlich wird, welche entscheidende Funktion für das Leben in der Ich-Tätigkeit des Denkens liegt, und wie Ich-Bildung und Ich-Entwicklung entscheidend vom Denken abhängen. Möglichweise haben sowohl individuelle wie auch grundlegende gesellschaftlichen Probleme ihre Ursache in Störungen des Denkens, bzw. in Störungen des Denkens über das Denken, also was das Denken ist und welche Funktion es im Leben hat. Es sei hier auf die Unterscheidung hingewiesen, die Rudolf Steiner im Heilpädagogischen Kurs macht zwischen Willensstörungen, die dort vorgestellten Kinder haben es damit zu tun, und Denkstörungen, von denen dort nicht weiter gesprochen wird (weil sie zu jener Zeit noch in abgeschlossenen Anstalten behandelt wurden). Einer der wenigen, der in Bezug auf die Frage, was eigentlich Verrücktheit ist, ebenfalls auf die Rolle des Denkens hingewiesen hat ist Hegel. In seiner Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften zeigt sich für ihn Verrücktheit darin, dass das vernünftige Subjekt in einem ganz bestimmten Erleben, Gefühl steckenbleibt, weil es dieses nicht in einem neuen Zusammenhang von sich selbst auflösen und integrieren kann. Dabei verweist er darauf, dass diese Anschauung nicht nur subjektives Problem eines einzelnen Menschen ist, sondern auch Anschauung einer ‚Metaphysik‘ war (und heute vielleicht wieder oder noch ist). „Der Geist ist frei und darum für sich dieser Krankheit nicht fähig. Er ist von früherer Metaphysik als Seele, als Ding betrachtet worden, und nur als Ding, d.i. als Natürliches und Seiendes ist er der Verrücktheit, der sich in ihm festhaltenden Endlichkeit fähig.“ (§408) Wenn der Geist sich selbst als Seele ansieht, also als etwas Endliches und Seiendes, nicht als etwas Schaffendes und Tätiges, dann wird er zu einem solchen Seelischen, und verliert die Fähigkeit die einzelnen Erlebnisse in einen sinnhaften Zusammenhang von sich selbst zu bringen. „Der Geist als nur seiend bestimmt, insofern ein solches Sein unaufgelöst in seinem Bewusstsein ist, ist krank.“ (ebd.) Die Therapie, Heilung besteht für Hegel (der diesbezüglich einen Pionier der Psychiatrie, Pinel, lobt) darin vom vernünftigen Menschen auszugehen, also diesen quasi vorauszusetzen und ihn zu fördern. Für eine rationelle Therapie oder Entwicklungsbegleitung wäre als Ziel zu denken, die Fähigkeit des Denkens zu unterstützen, d.h. das Vertrauen zum Denken, und damit zur Fähigkeit sich in seinem Leben zu orientieren zu unterstützen. Die Wirkung würde sich dann auch genau in dieser Orientierungsfähigkeit des Ich zeigen.


Schaut man sich nun (nach diesem Exkurs) den Übergang zwischen subjektivem Denken und Denken im Allgemeinen etwas genauer an, dann besteht ein wesentlicher Grundirrtum oft darin, das eigene jetzige Denken für endgültig zu halten, für nicht entwicklungsfähig. Geht man noch einen Schritt genauer in das Denken hinein, dann kann man bemerken, dass es eine Grenze, einen Übergang zwischen diesem jetzigen subjektiven Denken und dem was Denken auch unabhängig von mir als objektive ‚Wesenheit‘ ist. Ich bewege mich denkend im einem gesetzmäßigen Zusammenhang, der Logik, der sich unabhängig von mir in meinem Denken zeigt. Sich selbst in dieser Denkwelt als tätig zu bemerken ist eine erste Grunderfahrung des Ich. Hegel hat die Welt der Logik als das „Reich der Schatten, die Welt der einfachen Wesenheiten, von aller sinnlichen Konkretion befreit“ bezeichnet. Und „das Studium dieser Wissenschaft, der Aufenthalt und die Arbeit in diesem Schattenreich ist die absolute Bildung und Zucht des Bewusstseins.“ Es lernt dort das „Fernhalten der Zufälligkeit des räsonierenden Denkens und der Willkür, diese oder die entgegengesetzten Gründe sich einfallen und gelten zu lassen.“ Und als Wirkung beschreibt er, dass der „Gedanke dadurch Selbständigkeit und Unabhängigkeit“ gewinnt. Und mit dieser Kraft ist er in der Lage die „sonstige Mannigfaltigkeit“ in die „vernünftige Form“, also in einen Zusammenhang zu bringen, der wahr ist. Er muss sich also diese Evidenz nicht aus dem äußeren und sinnlichen Erleben holen. (Hegel, Wissenschaft der Logik I, S.55 Suhrkamp Ausgabe). Es ist natürlich klar, dass nicht jeder befähigt oder interessiert ist sich mit Hegels Logik zu befassen, hier geht es mehr darum das Grundprinzip deutlich zu machen – welche Kraft das Ich eigentlich braucht, um zu einer Eigenständigkeit und Kraft zu kommen, die es dann im Leben braucht um sich nicht zu verirren.
Das subjektive Denken und Erleben hat nach Steiner die Aufgabe, dass die Seele ganz bei sich sein kann; die objektive Wesenheit des Denkens hat die Funktion, dass die Seele auch von sich loskommen kann, sich also nicht an das gefesselt erlebt, was sie gerade jetzt ist und erlebt. Und diesen ‚Pendelschlag‘ des Seelenlebens bezeichnet er dementsprechend als ein gesundes Gefühl der Seele – bei sich seien zu können und auch von sich loskommen zu können. In dem oben angeführten Satz: „Ich empfinde mich denkend eins mit dem Strom des Weltgeschehens“ wird dieser Pendelschlag in eine zusammenhängende Bewegung gebracht. Man muss dem Satz nur Glied für Glied nachgehen und sich in die jeweilige Situation versetzen, dann kann man Schritt für Schritt diesen Übergang vollziehen. Ich, Ich empfinde, Ich empfinde mich, Ich empfinde mich denkend, Ich empfinde mich denkend eins, Ich empfinde mich denkend eins mit, Ich empfinde mich denkend eins mit dem Strom, Ich empfinde mich denkend eins mit dem Strom des Weltgeschehens. Was hier als Empfindungs- und Denkübung herausgearbeitet ist, hilft einerseits den Pendelschlag des Ich sich klar zu machen, es hat in der Folge eine Wirkung, die gar nichts mit seinem Denk-Inhalt zu tun hat. Steiner spricht davon, dass es im Leben als eine Kraft wirkt und auch wahrnehmbar wird, wenn man mit einem solchen Zusammenhang umgeht. (Hier ist interessanterweise ein Meditationsbegriff angelegt, der absolut gar nicht so viel Wert auf die Meditationserlebnisse selbst legt, sondern auf die Lebenswirkung der Kraftaufbringung durch das Ich.
Wenn man den Satz etwas modifiziert, kann man schnell bemerken, bei welchen geringen Abweichungen massive Veränderungen in meinem Verhältnis zu mir selbst und zur Welt eintreten können. Man nehme als Beispiel mal eine Variante wie folgt: Ich bin denkend eins mit dem Strom des Weltgeschehens. Wolf-Ulrich Klünker hat immer wieder darauf hingewiesen, dass eine solche Einheit von Denken und Sein (Welt) im Mittelalter als Situation des Engels beschrieben wird. Der Engel hat keinen Zwischenraum, Übergang, oder Pendelschlag zwischen dem was er denkt und was er und damit auch die Welt ist. Einer solchen Situation ermangelt es an der Empfindungsmöglichkeit des Überganges zwischen Denken und Sein (Welt). Das Tier dagegen befindet sich tendenziell in der Einheit von Empfinden und Welt. Es ist nahezu vollständig in seine Welt eingebunden. Der Mensch befindet sich dagegen in einer Zwischenposition – er kann sich als verbunden mit der Welt denken, er kann sich aber auch als getrennt von der Welt denken und erleben: Mein Denken, mein Erleben hat keine Auswirkungen auf die Welt.
Wenn man den Pendelschlag des Denken in der eigenen Empfindung kennengelernt hat, dann wird man weniger in die Gefahr kommen, allgemeines Denken, allgemeine Wahrheiten, ohne eine Empfindung der individuellen und aktuellen Situation leben zu wollen. Solche unhinterfragten Normen, bzw. der Kurzschluss zwischen solchen in mir lebenden Normen und meinem Handeln in einer bestimmten Situation, können zur Ursache vieler Probleme werden. Sie wirken dann moralisch zwingend auf mich und sind aber möglicherweise gar nicht der Situation angemessen. So kann ein Satz, man muss doch anderen Menschen helfen, oder noch spezieller, man muss doch den eigenen Kindern helfen, verhindern, dass sich die Beziehung zwischen Angehörigen aus dieser Familienbeziehung heraus weiterentwickelt und dazu führen, dass sich eine fatale nicht mehr fruchtbare Abhängigkeit entwickelt. Der Pendelschlag zwischen Empfinden und Denken führt dagegen gerade nicht eine problematische Einheit von Denken und Empfinden, von ich denke und es denkt, sondern zu einer wechselseitigen Befruchtung. Das Empfinden des Denkens führt zu einem Empfinden, das sich dem Denken annähert, also wahrheitsfähiger wird, objektiver, ohne seine Zugänglichkeit für das Subjekt zu verlieren. Das Denken wird durch den Durchgang durch die Empfindung lebensnäher, weniger allgemein und dadurch lebenswirksamer als Zusammenhangskraft im Leben. Diese Wirkung kann sich sowohl auf die Lebensprozesse, also die organischen Zusammenhänge des Leibes erstrecken, wie auch auf die Biographie, also auf die Schicksalsprozesse, aber eben auch auf die Elementarprozesse der Natur. Es wird sich auch das Naturerleben individualisieren. Die Natur wird dadurch dem Menschen nicht mehr als allgemeines Gegenüber begegnen, sondern immer mehr als Natur des Ich empfunden werden. (Dazu mehr im nächsten Teil)
Roland Wiese 13.4.2019

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