Ausgepackt: Neue Bücher!

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1. Lambert Wiesing – Ich für mich, Phänomenologie des Selbstbewusstseins (2020)
2. Markus Gabriel – Fiktionen (2020)
3. Antike Interpretationen zur aristotelischen Lehre vom Geist – Texte von Theophrast, Alexander von Aphrodisias, Themistios, Johannes Philoponos, Priskian (bzw. Simplikios) und Stephanos (Philipinos). (2018)

Drei neue Bücher sollen hier kurz vorgestellt werden, noch nicht im Sinne einer eingehenden Diskussion, mehr als ‚unboxing‘ – wie es auf neudeutsch heißt – meist bei Konsumgegenständen, die man auspackt. Ich packe also die drei Bücher aus, weil sie in jeweils eigener Weise an der Anthropologie des heutigen Menschen arbeiten. Die ersten beiden Bücher haben auch, obwohl die Autoren in verschiedenen Gebieten der Philosophie unterwegs sind einen gemeinsamen Ausgangspunkt für ihr Denken und Forschen: Die Unhintergehbarkeit des Menschen – „dieser zufolge ist der Mensch als geistiges Lebewesen die unhintergehbare Ausgangslage jeder ontologischen Untersuchung“ (Gabriel S.21) Etwas phänomenologischer ist der Ausgangspunkt von Lambert Wiesing: “Die Wirklichkeit des Selbstbewusstseins lässt sich weder erklären noch verstehen. Sie ist – wie Goethe sagen würde – ein Urphänomen.“ (Wiesing S.10) Dementsprechend will er dieses Ur-Phänomen des Selbstbewusstseins untersuchen. Was hat das dritte Buch, das eigentlich vor den beiden anderen angekommen ist, mit diesen Untersuchungen zu tun? „Der vorliegende Band vereinigt erstmals (2018) alle erhaltenen antiken Interpretationen zu Aristoteles Lehre vom Geist (nous), wie sie in de anima III, v.a. in Kapitel 4-5, skizziert ist, in deutscher Sprache.“ (S.7.) In diesen Kapiteln von de anima, auf Deutsch ‚Über die Seele‘ untersucht Aristoteles inwiefern der Geist mit der Seele und dem Körper verbunden ist und ob der Geist abtrennbar ist von Körper und Seele. Man könnte sagen, die schwer zu verstehenden (weil auch nicht weiter ausgeführten) Aussagen in den beiden Kapiteln behandeln genau die Voraussetzungen der beiden aktuellen Bücher: Die Frage, ob der Geist Produkt irgendeiner körperlichen Grundlage ist, oder ob er davon abtrennbar gedacht werden muss. (Bei Gabriel heißt das dann etwas moderner ausgedrückt: „Das Gehirn (das es in diesem Singular ohnehin nicht gibt) ist Teil des Geistes; nicht aber ist der Geist Teil des Gehirns.“ (Gabriel S. 41) In den antiken Kommentaren und Interpretationen der Aristoteles Aussagen findet sich auch der Kommentar des Themistios, dessen zentrale Aussagen über das Ich Thomas von Aquin dann in seiner Untersuchung ‚Über die Einheit des Geistes‘ (de untitate intellectus) zitiert, um damit die Individualität des Geistes herauszuarbeiten. Wolf-Ulrich Klünker hat diese Stellen dann bemerkt und sich immer wieder auf diesen historisch ersten Begriff (soweit bekannt) des Ich als Geist bezogen (siehe dazu ausführlich: Wolf-Ulrich Klünker, Wissenschaft des Ich in ‚Psychologie des Ich‘, Stuttgart 2016). Insofern hat Markus Gabriel recht, wenn er konstatiert: “Unser mentalistisches Vokabular, mittels dessen wir unsere geistigen Vermögen spezifizieren, ist konstitutiv geschichtlich (…) und „Weder ist Geist als Erfassung der Wirklichkeit ahistorisch vorhanden, so dass wir uns auf ein maximal sich selbst transparentes Cogito zurückziehen könnten, noch ist Geist aus diesem Grund eine Illusion (…)“ (Gabriel S. 40). Und er entfaltet in seinem Buch die „Unhintergehbarkeitsthese“, „die behauptet, dass der menschliche Standpunkt eine Invariante (die anthropologische Konstante) enthält. Ihr Kern ist unsere Selbstbildfähigkeit, d.h. der Umstand, dass wir uns mittels der Ausarbeitung eines Selbstportraits in Zusammenhängen verorten, die jede sensorische Episode überschreiten. Dieser Kern heißt Geist“ (Gabriel S. 40) Klingt wie Themistios: „Wir sind deshalb tätiger Geist“ (de untitate S. 54 Stuttgart 1987). Man sieht die Aufgabe ‚gegenwärtiger Anthropologie‘, wie Gabriel seine Philosophie begreift, steht in einer ‚historischen‘ Kontinuität einer Anthropologie des Geistes. Und nur eine solche Anthropologie ist in der Lage „die sowohl naturalistische als auch postmoderne Selbstbeschädigung der modernen Subjektivität“( Gabriel S. 21) zu überwinden. Nur so lässt sich der „naturalistische Druck des gegenwärtigen Weltbildes“ überwinden. Lambert Wiesing zitiert zum Eingang Johann Gottlieb Fichte aus seiner Wissenschaftslehre: „Es ist nur die Rede vom Ich für mich, oder von diesem Begriff für mich – insofern ich durch unmittelbares Bewusstseyn ihn bilde.“ Mich macht schon die Tatsache glücklich, dass solche Bücher beweisen, dass es noch Menschen auf dieser Erde gibt, die sich um ein Verstehen des Menschen bemühen, dass vom Menschen selbst ausgeht, und dass aus diesem Verständnis eigentlich dann alles Weitere folgen kann. Insofern freue ich mich auf das eingehende Lesen der beiden aktuellen Bücher und auf das Studium der antiken Quellen!
Roland Wiese 22.5.2020

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