Die Sinne des Ich

Teil 1

Am vorletzten Wochenende haben Albrecht Kaiser und ich im Blockseminar an der Alanus-Hochschule eine Einführung in die Sinneslehre Rudolf Steiners gegeben. Es war naheliegend, weil Albrecht Kaiser Osteopath ist, mit dem Tastsinn zu beginnen. Albrecht hatte im Sinn gehabt, und es anfänglich auch angesprochen, das Sinnesverständnis der Anthropologie (insbesondere der Medizin) in ein Verhältnis zum Sinnesverständnis der Anthroposophie zu setzen. Daraus könnte sich dann auch der Wissenschaftsbegriff der Anthroposophie klären. Hintergrund für diesen Vergleich war der Ansatz Steiners in seinem Text ‚Anthroposophie- Ein Fragment‘, in dem er die unterschiedliche Wissenschaftsart von Anthropologie und Anthroposophie skizziert. Rudimentär haben wir das in Alanus angedeutet. Ich möchte im Folgenden ganz basal nochmal an unseren Ansatz in Alanus anknüpfen, und dem ein wenig nachgehen, wie Steiners Forschungsansatz in Bezug auf eine ‚Anthroposophie‘, ausgehend von den Sinnen, genau aussieht. Das könnte helfen bei sich selbst diesen Ansatz klarer zu bekommen.
(In der Wochenschrift Das Goetheanum hat Salvatore Lavecchia sich ebenfalls in einem Aufsatz auf diesen Text Steiners bezogen. Unter dem Titel ‚Anthroposophie als Revolution der Sinne‘ (unten als PDF angefügt) wird dort ein Beitrag von ihm veröffentlicht, den er auf einer Tagung in Dornach zum ‚Fragment‘ mit dem Titel die ‚Metamorphose der Sinne‘ vorgetragen hat.)

 
Rudolf Steiner hat ja seinen Wissenschaftsansatz als Fortsetzung der zu seiner Zeit gültigen Naturwissenschaft angelegt – eben von der Anthropologie zur Anthroposophie. Also eine Wissenschaft, die nicht aus den Sinnesdaten heraus sich den Menschen erschließt, sondern aus einer geisteswissenschaftlichen Perspektive. Und er beginnt diese Grundlegung mit der geisteswissenschaftlichen Betrachtung der Sinne! Rudolf Steiner grenzt im ‚Fragment‘ die Anthroposophie von der Anthropologie einerseits und der Theosophie andererseits ab, indem er sie als etwas Mittleres bezeichnet. „Anthroposophie wird den Menschen betrachten, wie er sich vor die physische Beobachtung hinstellt. Doch wird sie die Betrachtung so pflegen, dass aus der physischen Tatsache der Hinweis auf einen geistigen Hintergrund gesucht wird.“ Dieser engere wissenschaftliche Begriff der ‚Anthroposophie‘ deckt sich natürlich nicht mit dem, was heute allgemein unter Anthroposophie verstanden wird. Für andere Untersuchungsgegenstände hat Steiner in dieser Zeit jeweils eigenständige Begrifflichkeiten gewählt: Psychosophie und Pneumatosophie und Theosophie, und hat diese in einigen Vorträgen ansatzweise und beispielhaft skizziert. Die Unterscheidung zwischen Wissenschaften, wie Anthropologie, Psychologie, Geologie etc. und Wissenschaften, die schon in der griechischen Wissenschaftshierarchie als Sophie bezeichnet wurden (Spitzenwissenschaft war damals die Theosophie) deutet an, was mit Fortsetzung der Wissenschaft gemeint sein könnte. Wer in diesem Bereich forschen will muss sich im Sinne einer adequatio intellectus ad rem erkenntnismäßig an seinen Forschungsgegenstand angleichen können und wollen.
Steiners Forschungsansatz wird in dem einfachen Satz deutlich: „Doch wird sie die Betrachtung so pflegen, dass aus der physischen Tatsache der Hinweis auf einen geistigen Hintergrund gesucht wird.“ Normalerweise forscht man heute so, dass aus der physischen Tatsache der physische Hintergrund gesucht wird, in Bezug auf die Sinne bedeutet das, man stellt die physischen Tatsachen zusammen, die die physischen Bedingungen für die Sinneswahrnehmung darstellen. Wie will Steiner nun aus den physischen Tatsachen Hinweise auf einen geistigen Hintergrund suchen? Im folgenden Kapitel scheint er diesen Ansatz wieder einzuschränken: Man solle vorerst ganz davon absehen, ob sich hinter dem, was die Sinne beobachten, selbst ein Geistiges befindet. “Zu dem Geistigen sollte man sich, wenn man von den Sinnen spricht, so stellen, dass man abwartet, inwiefern sich naturgemäß aus der Sinnesbeobachtung der H i n w e i s auf das Geistige ergibt. Weder abgewiesen, noch vorausgesetzt darf das Geistige werden; es muss sein Hereinscheinen e r w a r t e t werden.“ (S.17) Es folgt dann im nächsten Schritt (in Kapitel III Die Welt, welche den Sinnen zugrunde liegt) die Frage, woraus die Sinneswelt und die Sinne selbst hervorgehen. “Man braucht nichts weiteres, als dieses in voller Klarheit durchzudenken, um sich zu sagen, derjenigen Welt, welche dem Menschen durch seine Sinne gegeben ist, und auf welche er sein Seelenleben aufbaut, muss eine andere Welt zum Grunde liegen, welche diese Sinneswelt erst dadurch möglich macht, dass sie die Sinne aus sich heraus entstehen lässt. Und diese Welt kann nicht in das Gebiet der sinnenfälligen fallen, da sie ihr ganz und gar vorangehen muss.“ (S.36) Denn ohne Sinnesorgane keine sinnliche Wahrnehmung; also kann ich mir die Welt, aus der die Sinnesorgane entstehen nicht als eine sinnliche denken, denn eine solche Welt setzt wiederum Sinnesorgane voraus. Es muss also eine Welt geben, die der sinnlich wahrnehmbaren Welt vorangeht und aus der heraus die Sinne entstehen und damit in der Folge die sinnliche Wahrnehmung. „Der aller Sinneswahrnehmung notwendig vorausgehende Aufbau der Sinnesorgane muss in einem Wirklichkeitsgebiet geschehen, in welches keine Sinneswahrnehmung mehr dringen kann.“ (Denn es sind ja noch keine Sinnesorgane vorhanden!) (S.37).


Es lohnt sich an dieser Stelle innezuhalten und länger mit diesem Zusammenhang umzugehen. Er benennt nämlich die Grenze zwischen sinnlich wahrnehmbarer Welt und nicht sinnlich wahrnehmbarer Welt. An dieser Grenze muss man seine durch die sinnliche Wahrnehmung geprägte Denkweise überprüfen und umorientieren. Nur indem man selbst diese Grenze denkend bemerkt, kann man sich an dieser Grenze richtig orientieren in Bezug auf den Unterschied zwischen sinnlicher und übersinnlicher Welt. Dabei stützt sich Steiner hier auf die bekannte Erkenntnis des Aristoteles, dass das was für uns früher ist, also dass was wir zuerst wahrnehmen und denken, nicht das ist, was seiner Natur nach das Frühere ist. Oder anders formuliert: Wir beginnen mit unserem Erkennen an einem bestimmten Punkt, der mit unseren Erkenntnismöglichkeiten zu tun hat, in der Regel mit einer Wahrnehmung und müssen uns dann von diesem Punkt aus zu dem hinarbeiten, was zu dieser Wahrnehmung geführt hat. Die sinnliche Wahrnehmung ist in gewisser Hinsicht ein Endpunkt eines Geschehens und in anderer Hinsicht ein möglicher Anfangspunkt. Die Welt die der Sinneswelt vorangeht, wie es Steiner nennt, ist die der Natur nach frühere. Die sinnliche Welt ist demgemäß die spätere, aber sie ist die für uns frühere, weil wir von ihr ausgehen. „Es ist ganz berechtigt, davon zu sprechen, dass die Sinnesorgane aus einer Welt aufgebaut sein müssen, die selbst ü b e r s i n n l i c h ist.“ (S.38)
29.6.201

Artikel Salvatore Lavecchia PDF Ich und Sinne S.Lavecchia6.19

 

 

Kurz, aber intensiv…

Ich habe heute, zusammen mit Albrecht Kaiser, Student*innen an der Alanus Hochschule zum Thema ‚Einführung in die Anthroposophie‘ unterrichtet. Wolf-Ulrich Klünker hatte Albrecht Kaiser und mich kurzfristig gefragt, ob wir am Sonntag für ihn einspringen würden. Und so haben Albrecht und ich heute gemeinsam mit den Studenten an der Sinneslehre, vor allem am Tastsinn gearbeitet. Wolf-Ulrich und Ramona Rehn hatten Freitag und Samstag schon einige Themen vorgearbeitet. Die Student*innen waren, genau wie wir, sehr zufrieden mit dem Einstieg und auch mit den Vertretungsdozenten. Lieber Albrecht, danke für die kongeniale Zusammenarbeit! Da ist Zukunft drin, sowohl im Thema, wie in der Konstellation.

Roland Wiese 16.6.2019

P.S. Wir haben heute ja die heilpädagogische Arbeit Steiners mit Otto Specht näher angeschaut. Am 16.6.1884 schrieb Pauline Specht an Rudolf Steiner wegen der Hauslehrerstelle. Am 18.6.1924 besucht Steiner  die Heilpädagogische Initiative in Jena und am 25.6. 1924 begann der Heilpädagogische Kurs. (Albrecht hat mir erzählt, dass er mit dem Erbprinzen von Schloss Hamborn einen der Teilnehmer des HPK gekannt hat). Auf der Seite Psychologie findet man einen Aufsatz von mir zur Psychologie des Heilpädagogischen Kurses: Die Psychologie des Heilpädagogischen Kurses

Zentrales Ich und Umkreis-Ich

In einem  neuen Aufsatz von Wolf-Ulrich Klünker, ‚Das neue Tier und der Engel‘, (erschienen in der Wochenschrift ‚Das Goetheanum‘ am 5.4.2019) habe ich eine Beschreibung der Beziehung zwischen zentralem Ich und Umkreis-Ich gefunden, die meine Perspektive in meinen Beiträgen zur Ich-Entwicklung der Wahrnehmung und zum peripheren Ich des Schicksals erweitern, verdeutlichen und vertiefen kann. 

Das Alltagsbewusstsein erlebt sich normalerweise als eine Art Spiegel-Bewusstsein. Das bedeutet, das was ich denke, vorstelle, imaginiere wird nicht automatisch Wirklichkeit. Es erscheint nicht verbunden mit der Wirklichkeit. Genau dieses nicht in die Kraftwirklichkeit eingebundene Spiegel-Bewusstsein ist aber die Grundlage für die Freiheit des Menschen. Das erst einmal kraftlose Bewusstsein kann zum Ausgangspunkt werden für eine Individualisierung der Wahrnehmung und der Wirklichkeit. Wolf-Ulrich Klünker hat den Engel in der mittelalterlichen Tradition immer als die wirklichkeitsschaffende Kraft im Natur- und im Schicksalszusammenhang angesprochen. Der Engel ist aber in diesen Zusammenhang den er hält eins zu eins eingebunden. Die Verbindung zwischen dem kraftlosen Bewusstsein des Menschen und dem kraftwirksamen Bewusst-Sein des Engels liegt nicht in den (Spiegel)Bildern der Wahrnehmung und des Bewusstseins, sondern in den „individuell <spiritualisierten> Empfindungen der Welt, in denen innere Verbindungen des Menschen mit den Dingen  gleichsam real werden – hier wird eine nicht gegebene, sondern eine intendierte Welt Wirklichkeit (…)“. „Die <große >, realitätsbildende Kraft des Engels geht aus von der <kleinen> Intentionskraft und Imaginationskraft des Menschen, der aus imaginativer Kraft heraus eine Zukunftswelt imaginiert, mit der er wirklich verbunden ist.“

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Ich-Entwicklung begleiten

Ich-Entwicklung begleiten 3. Teil

Die dritte Einheit unserer kleinen Reihe Ich Entwicklung begleiten hatten wir jetzt am Samstag in etwas größerer Runde als beim zweiten Treffen. Thema war diesmal die Wirksamkeit des Denkens (im Leben) oder anders formuliert das Denken als Lebensprozess. Im ersten Teil haben wir versucht die Wirklichkeitsschicht des menschlichen Denkens im Unterschied zu einer Wirklichkeitsschicht der Tatsachen anzuschauen. Das menschliche Denken wird von Platon bis zu Steiner als die Fähigkeit bezeichnet, die in der Lage ist verschiedene (einzelne) Tatsachen zusammenzuschauen. Durch dieses Zusammenschauen entsteht eine ganz eigene Wirklichkeitsschicht der Zusammenhänge. Der Mensch bildet aus den Tatsachen eigene Zusammenhänge. Während früher diese Zusammenhänge oft gruppenartige Zusammenhänge waren, wie Glaubenszusammenhänge und andere Anschauungen, die auch sozial einbindend gewirkt haben, ist heute der Mensch zunehmend auf die eigene Kraft Zusammenhänge zu bilden angewiesen. Wir leben immer mehr in einer Welt der unterschiedlichsten Zusammenhangsbildungen, und es stellt sich immer mehr die Frage nach der Wahrheit dieser Bildungen. Diese mehr imaginative Wirklichkeitsschicht zwischen Sein und Schein (scheinendes Sein und seiender Schein) ist gerade dadurch charakterisiert, dass die Wahrheit der Tatsachen sie nicht mehr ausreichend bestimmen kann. Es geht darum im eigenen Zusammenhangsbilden selber wahrheitsfähig zu werden. Es ist ein Durchgang durch die Illusion – aber in diesem Durchgang kann die eigene Kraft Wirklichkeit zu schaffen erübt werden. (In GA 107 19. Vortrag hat R. Steiner die so entstehende neue Wirklichkeit als Ich-Wirklichkeit gekennzeichnet). Weiterlesen

Über die Einzigkeit des Intellekts

Im Oktober 2019 erscheint im Verlag Frommann-Holzboog  die (erstmalige) Übersetzung und Kommentierung des Buches ‚De unitate intellectus‘ von Albertus Magnus durch Wolf-Ulrich Klünker. Das Buch ‚Über die Einheit des Geistes‘ von Thomas von Aquin hat Wolf-Ulrich Klünker schon in den achtziger Jahren übersetzt und kommentiert. Es ist im Verlag Freies Geistesleben erschienen. Albertus Magnus  hat unter dem gleichen Titel (jetzt aber anders übersetzt mit ‚Einzigkeit des Intellekts‘) sich auch mit dieser Thematik beschäftigt. Für heute noch wichtiger Hintergrund des Thomas Buches ist die Begründung der menschlichen Individualität im Denken und auch der erste Ich-Begriff in der Geistesgeschichte. (Siehe ausführlich in unserem Buch ‚Psychologie des Ich‘). Ich bin gespannt, welche Aspekte Albertus in den Mittelpunkt rückt. R.W. 29.12.2018

 

Albert der Große: Über die Einzigkeit des Intellekts.
Übersetzt von Wolf-Ulrich Klünker.
Einführung und Kommentar von Henryk Anzulewicz und Wolf-Ulrich Klünker.
Albertus Magnus (1200–1280) verdankt seinen Namen seiner weitreichenenden Forschungshaltung, deren Ergebnisse er in zahlreichen Schriften festhielt. Die erstmals ins Deutsche übersetzte Schrift ›De unitate intellectus‹ markiert einen entscheidenden wissenschaftsgeschichtlichen Entwicklungsschritt zu einer Psychologie seelischer Individualität. Die aristotelische Tradition der »Seele als Form des Leibes« berührt dabei ein Organverständnis, das erst nach den hirnphysiologischen und genetischen Diskursen der letzten Jahre umfassend gewürdigt werden kann. Der Begriffsrealismus Alberts des Großen, in seiner Zeit anthropologisch-philosophische »Spitzenforschung«, enthält erst heute wirklich zukunftsfähige Perspektiven menschlichen Selbstverständnisses und geistiger Selbstaktivierung.

Albertus Magnus:
De unitate intellectus
Ca. 184 S., 16,5 x 24,0 cm. LeinenDeutsch LateinISBN 978-3-7728-2840-9
Oktober 2019
Einzelpreis:ca. € 84,

Ich-Entwicklung und die Entwicklung der Welt

Ein Beitrag mit dem Hintergrund unseres 2. Treffens – Ich-Entwicklung Begleiten

Ich beschäftige mich gerade mit Claus Otto Scharmer, der mit seiner „Theorie U – Von der Zukunft her Führen“ versucht Ich-Entwicklung als eigentlichen Durchgangspunkt zur Weltentwicklung deutlich zu machen. So bemerkt er bei allen bisherigen Systemen der Weltentwicklung, dass die Perspektive des sich entwickelnden Selbst ausgeblendet wird. Es sind meist ‚Vogelperspektiven‘, und er fragt: „Welche Perspektive würde sich ergeben, wenn wir das Schlachtfeld nicht nur von oben, sondern aus Sicht der Akteure sehen könnten – aus der Perspektive des sich entwickelnden Selbst?“ (Claus Otto Scharmer Therie U, Heidelberg 2015, S. 115)
Ein zweites Kriterium für eine menschliche Wissenschaft des 21.Jahrhunderts ist für ihn die Frage, ob sie ein Wissen generiert, dass die Realität nur beschreibt, oder „ob sie die Realität, die sie beschreibt, auch hervorbringen kann.“ Es gebe einen ‚blinden Fleck‘ in unserer Wahrnehmung: „Wir nehmen unsere Realität als etwas Äußeres wahr, als etwas, das mit uns geschieht. Wir sehen den Prozess nicht, durch den wir selber die soziale Realität gemeinsam hervorbringen. (…) Dieser blinde Fleck, der den Prozess von sozialer Wirklichkeitsentstehung betrifft, steht einem direkteren Zugriff auf die tieferen Quellen unserer Kreativität im Wege. Das betrifft die Kreativität von Individuen und Gemeinschaft gleichermaßen. Von einem strukturellen Blickwinkel aus betrachtet, spiegelt sich dieser gesellschaftliche blinde Fleck in einem Fehlen von Begegnungs- und Wahrnehmungsräumen, in denen Akteure über die Grenzen von Institutionen und Sektoren hinweg Zukunftsmöglichkeiten sehen, entwickeln und realisieren lernen. Die Gegenwart ist dadurch geprägt, dass organisierte Interessengruppen Antworten auf die gegenwärtigen Probleme anstreben, dabei aber meist nur ein Sonderinteresse vertreten.“ (S.116)
Wenn man dies auf die die Arbeit im Sozialen bezieht, also auf eine professionelle Begegnungs- und Beziehungsarbeit mit einzelnen Menschen, dann wird einem sehr schnell klar, dass der ‚blinde Fleck‘ in dieser Arbeit darin liegt, dass die Entwicklung nur eines Menschen in den Blick genommen wird, die des anscheinend Hilfebedürftigen. Aus dieser Perspektive heraus verschwindet der Helfer als eigenständiges Selbst beinah vollständig aus dem Blick. Er wird zu einem objektiven Werkzeug – zu einer Assistenz, ohne Gesicht, Geschichte, Vergangenheit und Zukunft. Er vollbringt eine ‚Beziehungsdienstleistung‘, wie es fachlich und menschlich verfehlt, manchmal dargestellt wird. Es gibt in der Geschichte der Sozialarbeit und auch der spezifischeren Geschichte der sozialen Psychiatrie nur wenige Beispiele, die die wechselseitige Entwicklung der Beteiligten und ihre Bedingungen in den Blick nehmen und vertreten. Nahezu überall wird versucht verobjektivierte Wirksamkeiten in der sozialen Arbeit zu kreieren, die dann möglichst auch noch planbar und messbar sind. Die Reduktion der Wirklichkeit im Modell führt aber auf die Dauer auch zu reduzierter Wirklichkeit, dass heißt zu einer Reduktion des Erlebens und Lebens. Weiterlesen

Geistselbst-Berührung des Ich

Das Seminar der DELOS-Forschungsstelle mit dem Titel ‚Geistselbst-Berührung des Ich – Befreiung, Lösung und Erlösung‘ fand am Sa./So. 24/25.11.2018, Sa, 15 Uhr – So, 13 Uhr statt. Aus der Ankündigung:
„Imaginative Kräfte sind im Hintergrund von Lebens-, Empfindungs- und Erkenntnisprozessen wirksam. Sie bilden eine individuelle „Märchenschicht“, die wirklicher ist als die sogenannte Realität. In der Ich-Entwicklung kann heute eine Sensibilität für diese Wirkungen ausgebildet werden. Der neue Erlebnis- und Erkenntnisraum berührt sowohl die Sphäre des früheren Engels als auch elementare Lebensvorgänge.“

Kein Seminarbericht!

Im Johannes Evangelium heißt es: Die Wahrheit wird euch frei machen. Wie ist eine solche Befreiungswirkung der Wahrheit zu denken. In Platons Dialog ‚Parmenides‘ lehrt der alte Parmenides den jungen Sokrates den Denk Weg von der Einheit zu dem Vielen Schritt für Schritt zu gehen (und wieder zurück vom Vielen zu der Einheit). Er warnt Sokrates davor zu große Begriffe zu verwenden und lehrt ihn in kleinen Schritten diesen Weg vom Einheitlichen zum Einzelnen zu vollziehen. Als Ergebnis dieser Denkschulung bilde sich ein Gefühl, sagt er: Das Wahrheitsgefühl. (Gyburg Radke hat über diesen Dialog ein wunderschönes Buch geschrieben: Das Lächeln des Parmenides).

Das Wahrheitsgefühl, als eine Empfindung, die sich durch das Denken erst bildet, kann dann auf die Seele wirken – diese Wirkung der Wahrheit war ein Thema des Mittelalters. Wie kann man sich eine Wirkung der Wahrheit, oder der ‚Empfindung hinter dem Denken‘ (Klünker) auf die Lebensprozesse vorstellen? Also eine befreiende Wirkung in die eigenen Lebensprozesse, aber auch darüber hinaus in die Naturprozesse?  Weiterlesen