Anthroposophie als Wissenschaft des 21. Jahrhunderts

Ich hatte ja schon über die DELOS Seminare im Oktober und Dezember kurz berichtet. Außerdem hatte ich einen kurzen Aufsatz zu dem Buch Seelenrätsel von 1917 hier veröffentlicht.  Hier nun ein ausführlicher Bericht von Susanne Hoerz über die beiden Seminare und das Thema Seelenrätsel 2017, der gerade in der neuen Ausgabe der Zeitschrift ‚Anthroposophie‘ erschienen ist. Ein nächstes Seminar im Juni 2018 wird das Thema des Tastsinnes weiter vertiefen.

Roland Wiese Ostern 2018

 

Anthroposophie als Wissenschaft des 21. Jahrhunderts

Psychologie und Psychotherapie

Schwerpunkt eines Seminars mit Wolf-Ulrich Klünker am 14./15.10.2017, veranstaltet von der Delos-Forschungsstelle in Berlin-Eichwalde mit dem Titel der oben genannten Über-schrift, war das 1917 veröffentlichte Werk Rudolf Steiners „Von Seelenrätseln“. Dieses Werk (wie auch die in Zürich gehaltenen Vorträge von 1917/18 zur Seelenwissenschaft und Ge-fühlserkenntnis) , erscheint grundlegend für eine geisteswissenschaftliche Psychologie. Ein wichtiger Teil der Schrift „Von Seelenrätseln“ ist der Nachruf auf Franz Brentano, der anläss-lich seines Todes im März 1917 entstanden war. Brentano knüpft, als ein letzter Vertreter einer philosophischen und aristotelischen Psychologie, an die Philosophie und Seelenlehre des Aristoteles und den Begriffsrealismus des Thomas von Aquin an. Im Sinne des Prinzips anima forma corporis gelingt es ihm in der Auseinandersetzung mit Aristoteles einen Seelenbegriff zu entwickeln, der das Seelische aus dem Geistigen bestimmt sieht. Besonders deutlich wurde während des Seminars Brentanos menschliches Verwobensein im begriffli-chen Bereich. Durch seine imaginative Erkenntnisart, die Steiner in dem Nachruf ausdrück-lich würdigt, hätte er das Potential zu einem echten Begriffsrealismus gehabt. Begriffsrealismus heißt, die Aufmerksamkeit auf das Eigenleben der Begriffe in der Seele und auf die Kraft die sie in dieser entfalten zu lenken, ohne sie unmittelbar auf sinnlich Wahrnehmbares beziehen zu wollen. Allerdings hält Brentano an der naturwissenschaftlichen Erkenntnisart fest und verstellt sich dadurch den Blick, weil er nicht bemerkt, „dass diese für das geistige Gebiet sich ihrem eigenen Wesen gemäß wandeln muss.“ Indem Brentano durch einen inneren Zwiespalt an dieser deskriptiven Betrachtungsweise festhält, kann er vom Seelischen aber nur das beobachten, was Inhalt des gewöhnlichen Bewusstseins ist. „Dieser Inhalt ist aber nicht die Wirklichkeit des Seelischen, sondern dessen [leiblich bedingtes] Spiegelbild. Dies durchschaut Brentano nur von der einen Seite des begreifenden Verstehens, aber nicht von der anderen, der Beobachtung.“ Steiner formuliert, wie dieser innere Zwiespalt Brentano letztlich daran hindert zum Schauen des eigentlichen Seelischen vorzudringen, das vor ihm gelegen hätte. Hier macht sich bei Brentano eine latent dualistische Haltung zwischen einer realistischen und nominalistischen Seelenanschauung bemerkbar.

Lebendige Begriffe

Klünker verwies in diesem Kontext auf die heutige Psychologie mit ihrer einseitigen Reduzierung auf den Nervenmenschen. Indem hier auch der Gefühls- und Willens- bzw. Bewegungsmensch auf den Nervenprozess bezogen werden, unterliegt das Gefühl der Gefahr einer reinen Subjektivierung und droht unmenschlich zu werden. Der Wille verselbstständigt sich mit der Tendenz zur Willkür im Intentionalen, weil der lebendig begriffliche Zugang, der die Kraftseite mit umfasst, fehlt und die abgelähmten Vorstellungen des am Leib gespiegelten Bewusstseins in ihrem Abbildcharakter nicht durchschaut werden. Dadurch, dass Gefühl und Wille in der heutigen Psychologie nicht in ihrem eigentlichen Wesen erkannt und erlebt werden, fehlen ihr im Grunde zwei Drittel des Menschen. In der „Empfindung hinter dem Denken“, die heute möglich ist, wie Klünker formuliert, sind Denken, Fühlen und Wollen nicht mehr getrennt, wie es im gegebenen Seelenleben noch der Fall ist. Die Kraftseite der Begriffe beinhaltet Wille und Gefühl. Die Begriffe sind das eigentliche Lebensgebiet der Seele, ihr Lebendiges, das es wieder freizulegen gilt, ist in den Begriffen begraben. Der Übergang vom Begriff in das Lebendige ist die Wärme, die in der Art der individuellen Verbindung mit einem Begriffszusammenhang erzeugt werden kann. Es geht heute darum, an den abstrakten und von fremder Kraft „gereinigten“ Begriff wieder in menschlicher Weise Gefühl und Wille heranzutragen und an das Lebendige anzuschließen. Hier kann sich sowohl eine menschliche Individualisierung und Vertiefung der Begriffe als auch eine Indivi-dualisierung des Menschen durch die Begriffe realisieren. Die vorgeburtliche Kraftwirksamkeit des lebendigen Begriffs zeigt sich auch im menschlichen Organismus. Als Individualitätsträger ist er Ausdruck der Ichtätigkeit im lebendig Begrifflichen. Deutlich wurde im Gespräch, wie heute bereits irdisch an diesen vorgeburtlichen und leibbildenden Kraftzusammenhang durch die Verlebendigung des Denkens wieder angeschlossen werden muss. Der Organismus ist zunehmend auf die lebendige Kraft aus dem Begriff angewiesen, um gesund bleiben zu können.
Das Vermächtnis der Schrift „Von Seelenrätseln“ besteht in der Forderung, diese fehlen-den zwei Drittel des Menschen wieder in ein psychologisches Verständnis des Gesamtmenschen aufzunehmen. Nach einer rund dreißigjährigen Forschung stellt Steiner darin erstmalig die Dreigliederung des menschlichen Organismus in dem Verhältnis des Seelischen zum Leiblichen und zum Geistigen dar. Nur das wachbewusste Seelische des Vorstellens sieht er dabei auf die leibliche Nerventätigkeit gestützt. Das sich in träumerischer Weise vollziehende Fühlen hingegen bringt er in Beziehung zu „demjenigen Lebensrhythmus, der in der Atmungstätigkeit seine Mitte hat und mit ihr zusammenhängt.“ Im Atmungsvorgang, der sich im Elementarischen der Luft vollzieht, berühren sich Innen- und Außenwelt. So wie sich der sterbliche Teil des fühlenden Menschen im Leib auf die rhythmischen Prozesse stützt, zeigt sich von der geistigen Seite der unsterbliche Teil der Seele in Inspirationen . Der Wärme entfaltende Kraftbereich des Wollens, der sich im Unbewussten vollzieht und sich geistig durch Intuitionen ausspricht, steht leiblich in Beziehung zu den Stoffwechsel- und Bewe-gungsvorgängen. In der Bewegung, die innerhalb des Organismus parallel mit einem Stoffwechselvorgang einhergeht, betätigt sich der Mensch wollend mit seinem Leib in den Kräf-teverhältnissen der Außenwelt . Im Sinnesprozess hingegen „erstreckt sich die Außenwelt wie in Golfen hinein in das Wesen des Organismus.“
Werden die Begriffszusammenhänge Steiners gegenständlich aufgefasst, bleibt man gleichsam vor der Schwelle stehen und es entsteht ein ähnliches Problem, wie in der Er-kenntnishaltung Brentanos: Das eigentliche Seelenleben gerät aus dem Blick. Betont wurde während des Seminarverlaufs, dass nur durch entsprechende Begriffsaktivität an das leibschaffende Seelenleben heranzukommen ist, während das leibgebundene Seelenleben deskriptiv zu erfassen ist. Der Heilpädagogischen Kurs von 1924 kann als eine Frucht der Schrift „Von Seelenrätseln“ aufgefasst werden. Hier formuliert Steiner sehr plastisch den Zusammenhang des eigentlichen, leibschaffenden Seelenlebens hinter der Leiblichkeit mit dem oberflächlichen, am Leib gespiegelten Seelenleben. Dieses „symptomatische Seelenleben“ äußert sich in den gewöhnlichen Seelentätigkeiten von Denken, Fühlen und Wollen, die aufhören, wenn der Mensch schläft. Das dahinterliegende Seelenleben ist das eigentlich bleibende Seelenleben, das durch die wiederholten Erdenleben geht. Steiner macht hier deutlich, wie die lebendigen Gedanken das Gehirn mit seinem Nervensystem zum Abbauorgan ausbilden. Das subjektive Denken entsteht, indem sich irdisch der allgemeine Weltenäther an den Nerven spiegelt. An dieser Fragestellung, die eine Verbindung zur vorgeburtlichen Inkarnationssituation durch einen Gedankenzusammenhang herstellen kann, sollte Therapie aktuell ansetzen.

Christian Rosenkreutz

Für ein gegenwärtiges Erleben und Wahrnehmen der Natur wurde auf den Aufsatz Rudolf Steiners von 1917/ 18 „Die chymische Hochzeit des Christian Rosenkreutz“ verwiesen. Hier wird das Verhältnis von Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft thematisiert. Dieser Aufsatz enthält, wie auch die Schrift „Von Seelenrätseln“, in der Entgegensetzung von Anthroposophie und Anthropologie, einen gewissen „Restdualismus“, indem zwischen physischer und geistiger Welt noch unterschieden wird. Eine solche Unterscheidung besteht gegenwärtig in dieser Art nicht mehr. Betont wurde im Gespräch, dass Geisterkenntnis heute nicht mehr von der Sinneswahrnehmung zu trennen ist. Im Sinne Schellings bedeutet Naturerkenntnis die Natur zu schaffen, um sie erkennen zu können. Deutlich wurde, wie in einem Naturverständnis oder einer Naturwissenschaft ohne den Menschen, die Natur droht unter zu gehen. Sowohl die Seele als auch die Natur gilt es heute tätig zu entwickeln, um sie erhalten und erkennen zu können. Auch für den Bereich des Naturerlebens muss die reine Abbildwirklichkeit überwunden werden, wenn es sich um lebendige Naturerkenntnis handelt. Das Gegenwärtige in der Naturerkenntnis liegt als Empfindungsrealität in dem individuellen Verbindungspunkt im Naturerleben.
In „Die chymische Hochzeit […]“ wird für die ätherische Wahrnehmung beschrieben, was im Grunde heute für jede Sinneswahrnehmung gilt: Vom Menschen geht eine Aktivität aus, die auf das geistige Wesen des Wahrgenommenen jenseits der Schwelle trifft. Das geistige Wesen strahlt etwas zurück. Diese Rückstrahlung macht den Gegenstand sichtbar. In der Wahrnehmung begegnen sich die eigene Intention und das geistige Wesen. Hier zeigt sich, wie jedem Wahrnehmungsprozess ein Schöpfungsprozess zugrunde liegt.
Die Wirklichkeit der Sinneswelt und der Natur hängt zunehmend von der eigenen Aktivität in der lebendigen Begriffsbildung ab. Fehlt diese geistige Aktivität, droht die Sinneswelt in ihrer räumlichen Erlebnistiefe verloren zu gehen und zu einer Bildschirmwirklichkeit zu verflachen. Die Digitalisierung kann, so Klünker, als Ausdruck dessen verstanden werden, wo die Menschheit sich heute seelisch befindet.
Der lebendige Begriff zeigt sich für dieses Naturerleben als vorlaufend, er kann dann durch das geistige Wesen angereichert und zur Erscheinung gebracht werden. Auch das Erleben von Witterung und Landschaft hängt von der Erlebnissituation des Menschen ab: Es kommt das zurück, was hineingetragen wird. Deutlich wurde in dem Seminar, dass über eine lebendige Begriffsbildung, die aber auch eine kontinuierliche Willensanstrengung erfordert, ein neues und individuelles Verhältnis zur Sinneswelt und Natur erschlossen werden kann – aber auch muss, wenn der Mensch die Natur nicht verlieren will.
Bei einem weiteren Seminar im Dezember 2017 mit dem Titel „Anthroposophie als Wis-senschaft des 21. Jahrhunderts. Die Natur als Empfindungsgrenze des Ich“ stand thematisch die Auseinandersetzung mit einer geisteswissenschaftlich verstandenen Physik bzw. Natur-wissenschaft im Vordergrund. Heute, nach rund hundert Jahren Entwicklung der Anthroposophie, wird es möglich, den Verbindungspunkt von Physik und Psychologie individuell zu greifen. Er liegt, wie in dem Seminar deutlich wurde, in der menschlichen Empfindungswirklichkeit, in der sich Elementarwelt und Erleben berühren. Besondere Bedeutung erhält in diesem Zusammenhang der Tastsinn.

Susanne Hörz, Hamburg

 

 

 

 

 

 

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