Der Tastsinn im Ich, und das Ich im Tastsinn – Teil 7

Teil 7

 

„Außenwelt im Erdenleben ist geistige Innenwelt im außerirdischen Leben“[1]

(Dieser Teil fußt im Wesentlichen auf Forschungsergebnissen Wolf-Ulrich Klünkers, die in verschiedenen Forschungszusammenhängen, Seminaren und Büchern veröffentlicht wurden.)

Ausgangspunkt für eine Klärung des Verhältnisses zwischen Innen und Außen, ein Verhältnis, das in dieser Weise erst einmal nur für den Menschen existiert, ist die Frage, was ist eigentlich das jetzige Innen des Ich und was ist das jetzige Außen des Ich? In der so gestellten Frage liegt schon, dass sowohl Innen wie Außen zum Ich gehören. Subjekt und Objekt. Das Erleben einer Wiese und die Wiese? Wie hängt Innen mit Außen zusammen? Eine wesentliche Frage der aristotelischen Psychologie und in der Folge auch bis ins Mittelalter hinein war, wie sich die Seele verhält, wenn sie von dem Körper getrennt ist. Denn die Grunddefinition der Seele war in dieser geistesgeschichtlichen Linie eindeutig: anima forma corporis! Also: Die Seele ist die Form eine lebendigen Leibes. Verlässt die Seele den Körper, verlässt auch das Leben den Körper und der Körper zerfällt. Das genaue Verhältnis der Seele zum Körper war und ist eine der schwierigsten anthropologischen Fragen. Eines ist nur für diese Wissenschaftsrichtung klar gewesen: Wenn die Seele wesenhaft darin besteht, Form eines lebendigen Körpers zu sein, kann sie nach einer Trennung nur mitaufgelöst werden, oder sie muss in anderer Form in Bezug auf einen Körper hin tätig sein.

Rudolf Steiner hat diese Fragestellung explizit im ‚Heilpädagogischen Kurs‘ 1924 aufgegriffen und weiterentwickelt. Für ihn wird aus dem irdischen Seelenleben nach dem Tod ein nachtodliches Seelenleben, das dann wiederum ein vorgeburtliches Seelenleben wird. Damit wird zuerst einmal die offene Frage des Mittelalters, was aus der Individualität wird, wenn sie stirbt – dort wurde von Thomas von Aquin ja nur die Unsterblichkeit der Individualität begründet, aber nicht was nachtodlich dann weitergeschieht, bzw. die Umkehrung ins Vorgeburtliche war zu dieser Zeit noch nicht denkbar, diese offene Frage wird beantwortet. Die irdische Seele ist nach Verlassen des Leibes nicht aktuell Form eines lebendigen Körpers, sondern nur noch potentiell, und sie wird dies wieder aktuell in der vorgeburtlichen Situation, indem sie sich mit einem lebendigen irdischen Körper verbindet, oder sich einen solchen aufbaut.

Im ‚Heilpädagogischen Kurs‘ wird dieser Durchgang des Seelischen gebraucht, um darzustellen wie sich das Geistig-Seelische vorgeburtlich und in der frühen Kindheit leibgestaltend betätigt und damit erst ein Seelisches hervorbringt, das sich dann an diesem hervorgebrachten Leib spiegeln kann. So dass das normale Bewusstsein einerseits eine Art Endpunkt der Leibwerdung des vorgeburtlichen Geistig-Seelischen einer Individualität ist, andererseits auch nur einen Teil dieser Individualität darstellt. Gleichzeitig ist es aber wieder auch der Anfangspunkt einer Entwicklung, denn es hat den Bezug zu seiner ursprünglichen Kraft (die es hervorgebracht hat) nicht verloren. Wie die Seele den Durchgang durch das Nachtodliche ins Vorgeburtliche gestalten kann, hängt maßgeblich von ihrem Erleben im irdischen Leben ab (Das irdische Leben wird also zunehmend bestimmende Form des außerirdischen Lebens). „Außenwelt im Erdenleben ist geistige Innenwelt im außerirdischen Leben“. Das bedeutet, dass das, was die Seele im irdischen Leben erlebt, im Nachtodlichen zu ihrer Innenwelt wird. (Eine ähnliche Formulierung wurde von Wolf-Ulrich Klünker auch schon in einigen mittelalterlichen Texten von Albertus Magnus gefunden). Wir haben ja oben schon darauf hingewiesen, dass jede Wahrnehmung eine Berührung mit der Außenwelt ist und gleichzeitig eine Selbstberührung einer bestimmten Wirklichkeit des eigenen seelischen Organismus. Bleibt die Seele ohne diese Wahrnehmungen, kann sie diese (unbewusste) Eigenkenntnis des Organismus nicht entwickeln, und sie ist dann, wenn ihr die äußeren Wahrnehmungen fehlen, wie blind und taub für die geistig-seelischen Qualitäten der außerirdischen Welt. Das heißt die Tätigkeit der Sinnenseele (anima sensitiva) im irdischen Leben führt nicht nur zu Sinneserlebnissen des Bewusstseins, sondern diese werden zukünftig lebenswirksam, wenn diese Erlebnisse selbst vergangen sind. Sie werden zur Form eines neuen Leibes, nachdem sie im Nachtodlichen (Außerirdischen) sich die ihnen mögliche Kenntnis der Leibbildung angeeignet haben.

Ein weiterer Schritt ist nötig, um zu verstehen, was aus der Innenwelt wird. Ein gewisse Überkreuzung scheint naheliegend: Außenwelt wird Innenwelt; Innenwelt wird Außenwelt. Die äußere Objektivität wird nachtodlich nach Maßgabe ihrer Wahrnehmung (außerirdisch) Subjekt, die innere Subjektivität wird im gleichen Zuge  nach Maßgabe ihrer Realitätstauglichkeit objektive Wirklichkeit. Das bedeutet, das was ich an Denkzusammenhängen im irdischen Leben gebildet habe, wird zu objektiven Außenwelt nachtodlich. Es handelt sich um eine vollständige Umdrehung der Erdenverhältnisse des Bewusstseins. Wolf-Ulrich Klünker hat den Sinn dieser anthropologischen Figur in der dadurch möglichen Entwicklung für beide Anteile des Ich gesehen. [2] Die scheinhafte Bewusstseinsseite vertieft sich in die existentiellere Dimension des Lebens. Die (unbewusste) Konstitutions- und Schicksalswirklichkeit hebt sich ins Bewusste. Beide stehen sich wie umgekehrt gegenüber und berühren sich neu!

Das bedeutet für das Ich: Es gibt keine lineare Fortsetzung über den Tod hinaus. Das Ich steht in seiner Entwicklung  sich selbst gegenüber in Entwicklungsmöglichkeit und Entwicklungsrealität. Das Leben (die Außenwelt) setzt sich nicht linear fort; das Bewusstsein (die Innenwelt) setzt sich nicht linear fort. Inneres wird Äußeres; Äußeres wird Inneres. Der Entwicklungsbegriff des Ich ist mit dieser Umwendung notwendigerweise verbunden.

22.7.2018

Im achten Teil werde ich diese Entwicklung für die gegenwärtige Situation des Ich und der Sinneswahrnehmung weiterführen.

 

 

 

 

 

 

 

[1] Steiner, R., ‚Heilpädagogischer Kurs‘ GA 317, S. 21

[2] W. U. Klünker, ausführlich in Empfindung des Schicksals, Stuttgart 2011

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