Selbstheilungskräfte des Ich II

Ich schulde noch einen inhaltlichen Blick auf das Delos-Seminar vom Juni. Mein erster Beitrag dazu (Selbstheilungskräfte des Ich) war ja mehr ein Blick auf die Wirkung des Seminars. Im Folgenden soll deshalb ein inhaltlicher Zusammenhang des Seminars, der mir wichtig ist, dargestellt werden. (Geholfen hat mir, dass wir am Donnerstag das Seminar noch einmal durchgegangen sind, weil jemand, der nicht teilnehmen konnte, gerne den Anschluss haben wollte.) Hier stelle ich tatsächlich nur den Inhalt dar, der im Seminar von Wolf-Ulrich Klünker bearbeitet wurde. Ich arbeite aber an einem längeren Aufsatz, der das Thema vertieft.

Bis ins 19. und 20. Jahrhundert hinein gab es noch letzte Orte, an denen der alte Zusammenhang von Spiritualität und Therapie existierte. Dieser Zusammenhang war, wie z.B. in Königslutter, immer auch ein baulicher – z.B. Dom und Krankenhaus. Geistiges und Elementares Geschehen kamen dort zusammen und bildeten ein therapeutisches Milieu. Auch in den griechischen Tempelanlagen findet man solche Anlagen. Was wäre ein solcher Zusammenhang heute unter den Bedingungen des Ich? Also: Geistiges vom Ich her gedacht, Elementare Verhältnisse vom Ich her bestimmt?

Weiterlesen

Selbstheilungskräfte des Ich

IMG_20190630_114358

„Selbstheilungskräfte des Ich“ – Der Titel dieses Beitrages war auch der Titel der Veranstaltung am Wochenende in der DELOS-Forschungsstelle in Eichwalde. Man kann das Seminar nennen, aber Wolf-Ulrich Klünker betonte schon in der Einleitung, dass es nicht so einfach ist eine Veranstaltung zu diesem Thema zu haben. Denn man könnte natürlich Veranstaltungen über die Selbstheilungskräfte noch und nöcher machen, ohne dadurch den Selbstheilungskräften auch nur einen Schritt näher zu kommen. Wie können aber die Selbstheilungskräfte im einzelnen Menschen selbst angesprochen werden, ohne das Ich der anwesenden Menschen zu umgehen? Interessant ist für mich die Wahrnehmung des Nachklangs der Veranstaltung – die inhaltliche Seite war sicherlich nicht unwichtig, aber viel wesentlicher erscheint mir, dass ich mich danach in einem anderen Zustand befinde als vorher. Man könnte es vielleicht so formulieren – ich empfinde sehr genau, ohne zu wissen, woher ich das wissen kann, das mein Zustand nach der Veranstaltung idealiter der ist, der mir möglich ist, in dem ich mich aber sonst nicht befinde. Ich erlebe mich ansatzweise in einer gewissen Identität von leiblicher und geistig-seelischer Möglichkeit. Ich schließe daraus verschiedene Dinge: Ich habe mich am Wochenende in der geistigen Bewegung und Bemühung mit den anderen und mit Wolf-Ulrich Klünker in einer Wirklichkeitsschicht aufgehalten, in der die Selbstheilungskräfte des Ich anwesend sind. Das, was und wie wir am Wochenende gesprochen und gefühlt haben sind die Selbstheilungskräfte. Man muss jetzt nicht meinen, dass das seelisch in irgendeiner Weise eine besondere Intensität hatte, weder während noch nach dem Seminar. Das Gefühl der Identität mit sich selbst (bis in den leiblichen Bereich hinein) ist nicht besonders aufdringlich, sondern eher leise. Es ist auch nicht zu beweisen, dass es irgendeinen Zusammenhang mit der Veranstaltung hat. Es ist mir aber innerlich vollständig klar, dass es so ist. Resümee: Die Selbstheilungskräfte (man kann sich mal fragen, wie man sich diese eigentlich vorstellt!) sind möglicherweise ganz anders. Sie sind vielleicht eine gewisse geistige Aktivität – Steiner hat es im Lebensgang (seiner Autobiographie) einmal so formuliert, dass man mit dem ganzen Menschen in das Denken, also in das geistige tätig sein, hineingeht. Selbstheilungskräfte, ein heute viel gebrauchter Begriff, zu Steiners Zeiten hätte man vielleicht noch vom ‚Lebensgeist‘ gesprochen. Ein Geistig-Seelisches, das in der Lage ist Leben aufzubauen. Natürlich ist eine solche Veranstaltung keine Dauermedikation, aber man kann für sich eine Art Modellerfahrung machen, welches Leben in welcher geistigen Aktivität eigentlich notwendig ist, um die Einheit zwischen Leben und Bewusstsein wiederherzustellen. Also welche Art von Bewusstsein lebenswirksam ist und, gleichermaßen, welche Art von Bewusstsein lebensschädigend wirkt. Beide Wirkungen beschränken sich dabei nicht auf den eigenen Organismus, sondern strahlen in die Lebenswirklichkeit insgesamt aus.

Weiterlesen

Der Tastsinn im Ich, und das Ich im Tastsinn

Teil 8

2

Eine ähnliche Perspektive auf die Beziehung zwischen irdischem Leben und nachtodlichen Leben wie Albertus im Mittelalter hat Rudolf Steiner (wie oben schon angesprochen) im sogenannten Heilpädagogischen Kurs entwickelt: „Sie gehen durch die Welt. Jetzt glauben   Sie, wenn Sie so durch die Welt gehen, zum Beispiel einen Tag, jetzt meinen Sie, das ist etwas Geringeres: Es ist auch etwas Geringes für das gewöhnliche Bewusstsein, es ist aber nicht Geringes für dasjenige, was im gewöhnlichen Bewusstsein das Unterbewusstsein bildet. Denn wenn Sie nur einen Tag durch die Welt gehen und sie genauer anschauen, so ist das schon die Vorbedingung für die Erkenntnis des Inneren des Menschen. Außenwelt im Erdenleben ist geistige Innenwelt im außerirdischen Leben.“ (HPK S.21) Das genaue Anschauen der Welt ist Vorbedingung für die Erkenntnis des Inneren des Menschen, und die Erkenntnis des Inneren des Menschen ist Vorbedingung für den Aufbau einer neuen Leiblichkeit. Die Perspektive von Albertus wird hier konsequent weitergedacht im Sinne des ‚anima forma corporis‘. Die irdische Seele bereitet die nachtodliche Erkenntnis vor, die nachtodliche Erkenntnis des menschlichen Inneren (im geistigen Äußeren) wird zu der Seele, die dann als formende Kraft den Körper belebt und beseelt. Weiterlesen

Der Tastsinn im Ich, und das Ich im Tastsinn – Teil 7

Teil 7

 

„Außenwelt im Erdenleben ist geistige Innenwelt im außerirdischen Leben“[1]

(Dieser Teil fußt im Wesentlichen auf Forschungsergebnissen Wolf-Ulrich Klünkers, die in verschiedenen Forschungszusammenhängen, Seminaren und Büchern veröffentlicht wurden.)

Ausgangspunkt für eine Klärung des Verhältnisses zwischen Innen und Außen, ein Verhältnis, das in dieser Weise erst einmal nur für den Menschen existiert, ist die Frage, was ist eigentlich das jetzige Innen des Ich und was ist das jetzige Außen des Ich? In der so gestellten Frage liegt schon, dass sowohl Innen wie Außen zum Ich gehören. Subjekt und Objekt. Das Erleben einer Wiese und die Wiese? Wie hängt Innen mit Außen zusammen? Eine wesentliche Frage der aristotelischen Psychologie und in der Folge auch bis ins Mittelalter hinein war, wie sich die Seele verhält, wenn sie von dem Körper getrennt ist. Denn die Grunddefinition der Seele war in dieser geistesgeschichtlichen Linie eindeutig: anima forma corporis! Also: Die Seele ist die Form eine lebendigen Leibes. Verlässt die Seele den Körper, verlässt auch das Leben den Körper und der Körper zerfällt. Das genaue Verhältnis der Seele zum Körper war und ist eine der schwierigsten anthropologischen Fragen. Eines ist nur für diese Wissenschaftsrichtung klar gewesen: Wenn die Seele wesenhaft darin besteht, Form eines lebendigen Körpers zu sein, kann sie nach einer Trennung nur mitaufgelöst werden, oder sie muss in anderer Form in Bezug auf einen Körper hin tätig sein.

Rudolf Steiner hat diese Fragestellung explizit im ‚Heilpädagogischen Kurs‘ 1924 aufgegriffen und weiterentwickelt. Für ihn wird aus dem irdischen Seelenleben nach dem Tod ein nachtodliches Seelenleben, das dann wiederum ein vorgeburtliches Seelenleben wird. Damit wird zuerst einmal die offene Frage des Mittelalters, was aus der Individualität wird, wenn sie stirbt – dort wurde von Thomas von Aquin ja nur die Unsterblichkeit der Individualität begründet, aber nicht was nachtodlich dann weitergeschieht, bzw. die Umkehrung ins Vorgeburtliche war zu dieser Zeit noch nicht denkbar, diese offene Frage wird beantwortet. Die irdische Seele ist nach Verlassen des Leibes nicht aktuell Form eines lebendigen Körpers, sondern nur noch potentiell, und sie wird dies wieder aktuell in der vorgeburtlichen Situation, indem sie sich mit einem lebendigen irdischen Körper verbindet, oder sich einen solchen aufbaut.

Im ‚Heilpädagogischen Kurs‘ wird dieser Durchgang des Seelischen gebraucht, um darzustellen wie sich das Geistig-Seelische vorgeburtlich und in der frühen Kindheit leibgestaltend betätigt und damit erst ein Seelisches hervorbringt, das sich dann an diesem hervorgebrachten Leib spiegeln kann. So dass das normale Bewusstsein einerseits eine Art Endpunkt der Leibwerdung des vorgeburtlichen Geistig-Seelischen einer Individualität ist, andererseits auch nur einen Teil dieser Individualität darstellt. Gleichzeitig ist es aber wieder auch der Anfangspunkt einer Entwicklung, denn es hat den Bezug zu seiner ursprünglichen Kraft (die es hervorgebracht hat) nicht verloren. Wie die Seele den Durchgang durch das Nachtodliche ins Vorgeburtliche gestalten kann, hängt maßgeblich von ihrem Erleben im irdischen Leben ab (Das irdische Leben wird also zunehmend bestimmende Form des außerirdischen Lebens). „Außenwelt im Erdenleben ist geistige Innenwelt im außerirdischen Leben“. Das bedeutet, dass das, was die Seele im irdischen Leben erlebt, im Nachtodlichen zu ihrer Innenwelt wird. (Eine ähnliche Formulierung wurde von Wolf-Ulrich Klünker auch schon in einigen mittelalterlichen Texten von Albertus Magnus gefunden). Wir haben ja oben schon darauf hingewiesen, dass jede Wahrnehmung eine Berührung mit der Außenwelt ist und gleichzeitig eine Selbstberührung einer bestimmten Wirklichkeit des eigenen seelischen Organismus. Bleibt die Seele ohne diese Wahrnehmungen, kann sie diese (unbewusste) Eigenkenntnis des Organismus nicht entwickeln, und sie ist dann, wenn ihr die äußeren Wahrnehmungen fehlen, wie blind und taub für die geistig-seelischen Qualitäten der außerirdischen Welt. Das heißt die Tätigkeit der Sinnenseele (anima sensitiva) im irdischen Leben führt nicht nur zu Sinneserlebnissen des Bewusstseins, sondern diese werden zukünftig lebenswirksam, wenn diese Erlebnisse selbst vergangen sind. Sie werden zur Form eines neuen Leibes, nachdem sie im Nachtodlichen (Außerirdischen) sich die ihnen mögliche Kenntnis der Leibbildung angeeignet haben.

Ein weiterer Schritt ist nötig, um zu verstehen, was aus der Innenwelt wird. Ein gewisse Überkreuzung scheint naheliegend: Außenwelt wird Innenwelt; Innenwelt wird Außenwelt. Die äußere Objektivität wird nachtodlich nach Maßgabe ihrer Wahrnehmung (außerirdisch) Subjekt, die innere Subjektivität wird im gleichen Zuge  nach Maßgabe ihrer Realitätstauglichkeit objektive Wirklichkeit. Das bedeutet, das was ich an Denkzusammenhängen im irdischen Leben gebildet habe, wird zu objektiven Außenwelt nachtodlich. Es handelt sich um eine vollständige Umdrehung der Erdenverhältnisse des Bewusstseins. Wolf-Ulrich Klünker hat den Sinn dieser anthropologischen Figur in der dadurch möglichen Entwicklung für beide Anteile des Ich gesehen. [2] Die scheinhafte Bewusstseinsseite vertieft sich in die existentiellere Dimension des Lebens. Die (unbewusste) Konstitutions- und Schicksalswirklichkeit hebt sich ins Bewusste. Beide stehen sich wie umgekehrt gegenüber und berühren sich neu!

Das bedeutet für das Ich: Es gibt keine lineare Fortsetzung über den Tod hinaus. Das Ich steht in seiner Entwicklung  sich selbst gegenüber in Entwicklungsmöglichkeit und Entwicklungsrealität. Das Leben (die Außenwelt) setzt sich nicht linear fort; das Bewusstsein (die Innenwelt) setzt sich nicht linear fort. Inneres wird Äußeres; Äußeres wird Inneres. Der Entwicklungsbegriff des Ich ist mit dieser Umwendung notwendigerweise verbunden.

22.7.2018

Im achten Teil werde ich diese Entwicklung für die gegenwärtige Situation des Ich und der Sinneswahrnehmung weiterführen.

 

 

 

 

 

 

 

[1] Steiner, R., ‚Heilpädagogischer Kurs‘ GA 317, S. 21

[2] W. U. Klünker, ausführlich in Empfindung des Schicksals, Stuttgart 2011

Der Tastsinn im Ich, und das Ich im Tastsinn

Teil 5

Das Tasten des Ich

Das Tasten als Berührung von etwas anderem und als gleichzeitige Selbstberührung ist in vielfältigen Variationen schon angesprochen worden. Um aber zu verstehen, wer da was oder wen berührt, muss man noch einige Gesichtspunkte hinzunehmen. Etwas formelhaft kann man erst einmal bemerken, dass die äußere Wahrnehmung, oder die Wahrnehmung von äußeren Dingen nicht darin besteht, dass der äußere Wahrnehmungsgegenstand, bspw. der Stein, oder die Rose mit seiner Körperlichkeit in mich übergeht. Diese Art des Wahrnehmens ist eher lichthafter, scheinartiger Natur und würde in sich wieder verwehen, sich auflösen, wenn sie nicht durch etwas gebunden würde, das wieder körperlicher Natur ist. Die Lebensprozesse des Organismus, die mit der jeweiligen Wahrnehmung verbunden sind, sind eine solche ‚körperliche‘ Realität, die die Wahrnehmung (meist im Hintergrund des bewussten Wahrnehmens) vom Schein in ein neues Sein überführen. Die eigene Gestaltung im Organismus wird mit der der Empfindung verbunden. [1] Äußere Eindrücke werden so zu inneren Eindrücken, die im Organismus bleibend werden, ja die organischen Prozesse gestalten, als Empfindungssubstanzen. Diese Überführung der äußeren Wahrnehmung, die im Bewusstsein anwesend ist, in den inneren Lebensprozess, ist eine Tätigkeit, die zwar unbewusst abläuft, aber doch von Rudolf Steiner als eine Art basales Ich-Erleben beschrieben wird. [2] Darin liegt eine Art Tasterlebnis zwischen der Wahrnehmung der äußeren Welt und den eigenen Lebensprozessen. Das Ich-Erlebnis besteht nicht in den inneren Lebensprozessen, auch nicht in der äußeren Wahrnehmung, sondern in der Berührung des einen mit dem anderen, und in dem Übergang des einen in das Andere. Die Wahrnehmung scheint also nur vordergründig ein reines Bewusstseinsphänomen zu sein, in Wirklichkeit dient sie der Aufrechterhaltung und Weiterentwickelung des Ich-Erlebens. Das Ich erlebt die bestimmten Wahrnehmungen als Anregungen im eigenen Organismus tätig zu werden. Diese Tätigkeit im Organismus ist wiederum in seiner eigentlichen Realität eine empfindende und wahrnehmende, aber im Gegensatz zu der scheinbar passiven Rezeptivität der äußeren Wahrnehmung eine Eigentätigkeit. Diese Eigentätigkeit hat deshalb Ich-Charakter, und ist in der Lage zu bleiben, weil die Tätigkeit durch jeden vollzogenen Prozess vielfältiger und einheitlicher zugleich wird. Diese Tätigkeit des Ich ist es auch die als Vermögen Leben zu gestalten nach der Auflösung des Organismus im Tod bleibt. Es bleiben nicht die einzelnen Wahrnehmungen, sondern die durch sie angeregte und vollzogene Entwicklung im Ich. Weiterlesen

Der Tastsinn im Ich, und das Ich im Tastsinn

Teil 4

„Es gibt nur Wahrnehmbares und Denkbares.“

Was ist eigentlich eine Wahrnehmung? Passives Erleiden von Reizen aus der Umwelt, wie es das 20. Jahrhundert weitgehend formuliert hat [1]? Die moderne Aristoteles Forschung hat herausgearbeitet, dass Wahrnehmung weder etwas rein Subjektives, noch etwas rein Objektives ist, sondern eine reale Berührung, ja Identität von Wahrnehmbarem und Wahrnehmung existiert. „Die Tätigkeit des Wahrnehmbaren und die Tätigkeit des Wahrnehmungssinnes ist dieselbe und eines.“ [2] Die Wahrnehmung ist eine unterscheidendes Erkenntnistätigkeit. Sie ähnelt dem Denken darin, dass sie das Vermögen zur Selbstbewegung hat, selbst aktiv unterscheiden kann, d.h. die Tätigkeit ist ein „aktives Moment der Seele, d.h. das Subjekt kann selbst in Beziehung zu dem Wahrnehmungsgegenstand treten“[3].  Andersherum wird das Wahrnehmen durch den Gegenstand der Wahrnehmung „aufgeweckt“, der Gegenstand dient dazu die Tätigkeit des Unterscheidens aufzuwecken. Die Tätigkeit des Unterscheidens im Wahrnehmen ist damit auf den Gegenstand angewiesen, also auf die Aktualität des Hier und Jetzt. Damit ist sie eindeutig auf die irdischen Bedingungen verwiesen. Ich nehme, wenn ich z.B. die Farbe ‚Gelb‘ wahrnehme, nicht irgendeine Information wahr, einen Reiz, den ich in die Farbe Gelb verwandele, ich nehme eine Realität, eine Tätigkeit wahr, die Gelb ist. Das das Gelb die Oberfläche eines Gegenstandes ist, hat damit erst einmal nichts zu tun, es ist nur der Anlass für die Gelb-Wahrnehmung. Ich nehme also das wahr, w a s Gelb ist. Das, was ich da wahrnehme ist immer wahr. Es gibt keine Täuschung in den einfachen Wahrnehmungen. Täuschung entsteht erst, wenn ich verschiedene Wahrnehmungen zusammensetze. Das Wahrnehmbare versetzt das Wahrnehmungsorgan in eine Tätigkeit, die ich dann wahrnehme. „Im Moment, in dem das aktuale Wahrnehmungsvermögen und der aktuale Wahrnehmungsgegenstand gleich sind, unterscheidet die aktuale Wahrnehmungstätigkeit den aktualen Wahrnehmungsgegenstand und erkennt so das wahrnehmbare Eidos (Erkenntnisform R.W.), wobei sie selbst aktual der Tätigkeit nach dieses Eidos wird.“ [4]

Ein ähnlicher Vorgang wie im Denken. Auch dort wird das Denkende und das Gedachte eines. Der Unterschied ist nur, dass das Denken nicht an das Hier und Jetzt eines Wahrnehmungsgegenstandes gebunden ist. Wahrnehmen ist eine aktive geistige Unterscheidungstätigkeit, die durch den Gegenstand aufgeweckt wird, dann aber aktiv ist. Erkennen bedeutet ja sich dem Erkenntnisgegenstand anzugleichen und dadurch zu erkennen, dass ich diese Tätigkeit selbst vollziehe. Während das Denken ein Vorgang ist, in dem Gedachtes und Denkender sich im Inneren des Erkennenden befindet, sind beim Wahrnehmen Wahrnehmender und Wahrnehmbares anscheinend getrennt in Innen und Außen. Ohne Wahrnehmbares keine Wahrnehmung, ohne Wahrnehmenden ebenso. Ebenso ist Bedingung für die Wahrnehmung das Wahrnehmungsorgan, in dem sich die Veränderung durch das Wahrnehmbare vollzieht. Alle drei Anteile der Wahrnehmung müssen wiederum sich in einer ‚maßhaften Mitte‘ befinden, sonst kann die Wahrnehmung nicht vollendet werden. Ist der Wahrnehmungsgegenstand zu leise, oder das Ohr taub, oder die Aufmerksamkeit abgelenkt, wird nichts bewusst gehört. Ist er zu laut, wird das Organ geschädigt, und es kann auch nichts mehr unterschieden werden. Der Begriff der maßhaften Mitte (grch. Mesotes), den wir schon bei dem Tastsinn angeschaut haben, betrifft alles Sinneswahrnehmungen. Bei allen bezieht er sich aber auf etwas Bestimmtes. Beim Sehen auf die Farben, beim Hören auf die Töne, beim Tasten auf die maßhafte Mitte aller Gegenstände.

Ein wichtiges weiteres Faktum gehört zur ‚Wahrnehmung‘ als Unterscheidungstätigkeit dazu, dass sie uns angeboren ist. Sie differenziert sich zwar im Verlauf der Kindheit immer weiter aus, wie wir oben angesprochen haben (der ‚eine Sinn des Kindes‘), aber wir besitzen von Geburt an ein aktives geistiges Unterscheidungsvermögen, das wahrheitsfähig ist, und aus dem sich das Denken, als von Einzelwahrnehmungen unabhängiges Erkenntnisvermögen entwickelt. Dies ist eine wichtige menschenkundliche Tatsache, die für eine weitere Forschung zum Ausgangspunkt werden kann. Wahrnehmen, scheint so betrachtet eine Art Denken zu sein, dass sich in einem Dornröschen-Schlaf befindet und aufgeweckt werden muss. Es ist abhängig von seiner Umgebung, vom Wahrnehmbaren in seiner Umgebung, und abhängig von seinen leiblichen Wahrnehmungsorganen und von seinem Wahrnehmungsvermögen. Würde man auf der frühen Kindheitsstufe fragen was das ‚Ich‘ ist, müsste man alle drei Faktoren als eine Art ausgebreitetes äußeres und inneres Ich denken. Das Ich ist auf Objekt und Subjekt, Außen und Innen verteilt und kommt in der Entwicklung durch die Berührung beider Anteile, Tätigkeiten zu sich selbst. Und so ist das kindliche Erleben ja auch charakterisiert: Eine Übergänglichkeit zwischen Innen und Außen, und Außen und Innen, die sich erst im in der weiteren Entwicklung auftrennt in inneres Erleben und äußere Welt.

Die Ursache für diese Trennung hat Rudolf Steiner in der entsprechenden Klassenstunde, aber auch in seinem Buch ’Seelenrätsel‘ in der Auseinandersetzung mit den irdischen Kräften, z.B. der Schwerkraft gesehen. Das direkte sich Verbinden und Auseinandersetzen mit diesen Kräften in den unteren Sinnen, gibt den mehr lichtartigen und luftigen Wahrnehmungen der oberen Sinne erst ihre Schwere und Gebundenheit (sowohl an den Gegenstand, wie auch an das Subjekt). Das Durchschauen und Erleben dieser unbewussten Verbindung, und der damit sich bildenden Urteile, kann so Rudolf Steiner dazu führen, die Übergänglichkeit des Ich wieder in ähnlicher Weise, wie das Kind zu erleben, ohne auf die Bewusstseinsstufe des Kindes zurückzukehren. Denn die Bildung des zentralen Ichs durch die beschriebene Verbindung mit den Erdenkräften und ihrer Stützfunktion ist eine Erfahrung, die jetzt als ‚Ich‘ Erlebnis in die Wahrnehmung mit hineingenommen werden kann. Sprich, verkürzt ausgedrückt, kann das Tasten als Ich-Tätigkeit in allen Wahrnehmungen (und im Denken?) ausgeübt und bemerkt werden.

14.7.2018

 

 

[1] (siehe Wikipedia: „Wahrnehmung (auch Perzeption genannt) ist der Prozess und das Ergebnis der Informationsgewinnung und -verarbeitung von Reizen aus der Umwelt und dem Körperinnern eines Lebewesens. Das geschieht durch unbewusstes (und beim Menschen manchmal bewusstes) Filtern und Zusammenführen von Teil-Informationen zu subjektiv sinn-vollen Gesamteindrücken. Diese werden auch Perzepte genannt und laufend mit gespeicherten Vorstellungen (Konstrukten und Schemata) abgeglichen.)“

[2] Arist.,de An. , 425b26-27

[3] Krewet, Die Theorie der Gefühle bei Aristoteles, Heidelberg 2011 S.  258 (Dissertation)

[4] Ebd.S.259