Ich-Entwicklung erforschen und begleiten

Umkreis-Wiese in Horstedt

Unsere kleine Gruppe (12 Menschen) arbeitet seit ca. 2018 zusammen an der Frage der Ich-Entwicklung. Die Teilnehmenden sind Menschen aus sozialen und pflegerischen  Berufen, die alle ihre beruflichen Erfahrungen mit in die Arbeit einbringen. Für die gemeinsame Arbeit ist es wichtig, dass es eine langjährige Kontinuität der Forschungszusammenarbeit gibt, aber ebenfalls, dass eine langjährige Zusammenarbeit in der sozialen Arbeit mit einzelnen Menschen existiert (Man könnte sagen, dass ist eine durchgängige Figur der Arbeit im ‚Umkreis e.V.‘).

In unsere gestrigen (12.10.24) Arbeit haben wir uns mit der biografischen Entwicklung von ‚Empfindung‘ beschäftigt. Hintergrund war eine konkrete Situation in meiner Arbeit als Supervisor. Ich hatte mit einer Gruppe (in der ambulanten Hospizarbeit) die Fragestellung, entzündet an einer konkreten Begleitung, was eigentlich der ‚Sinn‘ sein könnte von dem doch schmerzhaften Verlust vieler Fähigkeiten im Alter. Hier ging es um den Verlust von Sinnesfähigkeiten, aber auch kognitiven Fähigkeiten usw. Ist der Prozess des Alterns ein rein negativer, defizitärer Prozess? Also verliert man nur, oder gewinnt man auch? Wir sind in unseren Supervisionsgespräche sehr tastend und völlig offen, also ohne eine fertige Antwort unterwegs gewesen. Und dieses Tasten und Suchen im Dunkeln war nicht einfach. Entsprechend war der Nachklang der Sitzung auch in mir weitergehend fragend.

Durch eine völlig andere Bewegung ergab sich mir dann eine interessante Anregung und Perspektive auf meine Frage. Ich bekam ein Mail vom Rudolf-Steiner Verlag, dass sie eine neue Webseite hätten und ich mich neu registrieren müsse. Das habe ich dann getan und mir die Webseite angeschaut. (Bild) Auf der Webseite habe ich dann im Shop gescrollt und mir fiel ein Buch ins Auge: ‚Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik, und zwar die E-Book Ausgabe. Da ich mich gerade selber mit dem Thema E-Books beschäftigte, habe ich mir das Buch kurzentschlossen gekauft und heruntergeladen in meinen neuen E-Book Reader. Der Beweis, dafür dass es sich um einen völlig unabhängigen Vorgang zu dem obigen Thema handelt, kann man vielleicht darin sehen, dass neben diesem Buch ein andere Buch Steiners angeboten wird mit dem Titel ‚Vom Altern‘ (was ich erste gerade beim Überprüfen bemerkt habe). Mich interessierte mehr die E-Book Thematik, also mehr eine Art technisches Interesse. (Ich fand auch die farbliche und sachliche Gestaltung ansprechend). Als ich das Buch dann öffnete, fand ich im Inhaltsverzeichnis: „Siebenter Vortrag, 28. August 1919, Der Mensch in geistiger Hinsicht: Betrachtung der Bewusstseinszustände. Über das Begreifen.“ Und beim nächsten Satz wachte ich wie auf: “Das schwindende Aufnehmenkönnen des Geistigen in die Leiblichkeit mit zunehmendem Lebensalter. Vom fühlenden Wollen des Kindes zu fühlenden Denken des Greieses (…) Der Unterschied zwischen der Kindes- und der Greisenempfindung.“ Das Finden ist natürlich eine gewagter Begriff angesichts eines Inhaltsverzeichnis mit 14 Vorträgen, deren Inhalt dort stichpunktartig angegeben ist, also fast zehn Seiten Inhaltsverzeichnis!

Ich bin dann direkt nachts noch in den Vortrag eingestiegen und war sehr fasziniert. Weniger vom Inhalt allein (den ich theoretisch sogar hätte kennen können, denn wir haben dieses Buch schon mehrmals in unterschiedlichen Zusammenhängen gearbeitet), als von meiner Empfindung, die sich ausbildete. Eine Empfindung, die sich wie eine Art Verbindung zwischen meinem Supervisions-Nacht-Erlebnis und dem Lesen des Textes ergab. Also ob beide ‚Hälften‘ erst gemeinsam eine ganz bestimmte zusammengehörige und vollständige Wirklichkeit für mich erzeugten.

Eine methodische Zwischenbemerkung ist an dieser Stelle notwendig. Wenn man die Wirklichkeit des Ich erforschen möchte und auch wenn man diesen Prozess darstellen will, muss man und kann man nur in höchstem Maße konkret vorgehen. Der Ich-Zusammenhang, der in der Willens- und Schicksalsschicht vorhanden ist, muss frei neu gebildet werden. Das bedeutet man braucht einerseits ein Sensorium für die Bewegungen, die solche Zusammenhänge freilegen können, aber auch einen gewissen Willen und Mut, diese dann auch zu fassen und weiter zu vertiefen. Denn eine solche Empfindung, wie sie im vorigen Absatz angedeutet wird, ist gewissermaßen nur Anfang, Möglichkeit für weitere eigene noch nicht abgesicherte Bewegungen. Zweite methodische Bemerkung: Nach meiner bisherigen Erfahrung gehören zu solchen Ich-Zusammenhängen immer auch konkrete (sinnliche) Wahrnehmungen, die gewissermaßen von außen den Anstoß geben für weitere eigene Bewegungen.

Das Weitergehen mit diesen Anstößen und Zusammenhängen fand in diesem konkreten Fall so statt, dass ich eine leise Empfindung hatte, dieses Thema, mit dem Hinweis auf den  Vortrag,  an unsere Gruppe zu mailen, mit den Andeutungen meines Zusammenhanges, für unser Treffen am Ende der Woche. Ein weiteres Weitergehen mit diesem Impuls, ist nach unserem Treffen gestern, das Schreiben dieses Textes…

In Bezug auf meine Fragestellung aus der Supervision ergibt sich schon aus den Formulierungen des Vortrages eine gewisse Antwort: „Das schwindende Aufnehmenkönnen des Geistigen in die Leiblichkeit“ im Alter. Diese Formulierung aus dem Inhaltsverzeichnis, im Text heißt es dann: „ Im Greisenalter dagegen war der Leib unfähig geworden , das auch aufzunehmen, was der Geist ihm lieferte. Es war der Leib kein richtiges Werkzeug des Geistigen mehr“, diese Formulierung (auf Kant bezogen) beschreibt das Altern sehr präzise. Und dieser Formulierung könnte man die Überschrift und das Thema  Wolf-Ulrich Klünkers in seinem Beitrag für den Kommentarband zum Heilpädagogischen Kurs gegenüberstellen: „Das Geistige in der sinnlichen Erscheinung  Die lebenskonstitutive Kraft des Denkens“, was  je erst einmal die gegensätzliche Bewegung meint, das Verbinden der Individualität mit ihrem Leib.

Das Geistige zeigt sich (so Steiner im Vortrag) im Kind so, dass zappelt, strampelt, also sich bewegt, und dass beim kleinen Kind diese Wollen mit dem Fühlen „zusammengewachsen“ ist. „Wenn das Kind zappelt, strampelt, so macht es genau die Bewegungen, die seinem Fühlen in diesem Augenblick entsprechen; es ist nicht imstande, die Bewegungen etwa von dem Gefühl auseinanderzuhalten.“ Beim älteren Menschen zeigt sich das „Entgegengesetzte“: „denkendes Erkennen und Fühlen sind zusammengewachsen, und das Wollen tritt in einer gewissen selbständigen Art auf. Es verläuft also der menschliche Lebensgang in der Weise, dass sich das Fühlen, welches zuerst an das Wollen gebunden ist, sich allmählich im Laufe des Lebens vom Wollen loslöst.“ Die Entwicklungsfrage im Leben ist also die, wie sich das Fühlen/Empfinden von dem Wollen löst und sich dann mit dem Erkennen/Denken verbindet. Und das unter Berücksichtigung der Tatsache, dass das Empfinden, „wollendes Fühlen oder fühlendes Wollen ist.“

Eine weitere methodische Zwischenbemerkung ist ihr angebracht. Steiner weist in dem Vortrag daraufhin, dass „alles Begreifen  eigentlich ein Beziehen des einen auf das andere“ ist. Man muss dazu etwas beobachten und es dann auf einen anderen Sachverhalt, den man beobachtet hat, beziehen. Dann zeigt sich sowohl eine Bewegung, aber eben auch ein Drittes, der Zusammenhang, die Verbindung des einen mit dem anderen. Das was man da dann begreift, kann man dann weiterentwickeln. Steiner vollzieht dies hier im Vergleichen/Beziehen der Tatsache des Kindseins mit der Tatsache des Altseins. Dann entsteht die Polarität des mehr körperlichen Kindseins und des mehr geistigen Altseins. Und dafür ist natürlich die Voraussetzung, dass der Körper nicht mehr ein so geeignetes Werkzeug für den Geist ist wie in der Kindheit.

Für pädagogische, therapeutische und medizinische Perspektiven liegt in dieser sehr einfachen Tatsache viel drinnen. Was geschieht, wenn das Fühlen sich im Laufe der Kindheit nicht vom Wollen loslöst, oder wenn es sich zu früh loslöst, was geschieht, wenn das Empfinden  sich nicht dem Denken verbinden kann usw. ? Was könnten dafür die Ursachen sein?  (Wir hatten in unserem Kreis sehr schnell einige Situationen vor Augen, in denen diese Frage auftaucht).

13.10.2024

In einem 2. Teil werde ich das Thema fortführen

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