Auf arte war letztens ein Portrait des Leipziger Malers Neo Rauch zu sehen. (In der Mediathek noch zu sehen). Ohne dieses Portrait hätte ich mich wahrscheinlich nicht näher mit diesem Maler und seinen Bildern beschäftigt. Manchmal kann der Zugang zu etwas Neuem oder Fremden über die Bilder gehen, manchmal aber auch über die Person. In diesem Fall war es für mich die Person, weil mich die Bilder so gar nicht ansprechen. Ich hätte überhaupt keinen Zugang zu den Bildern bekommen, ohne diesen Film. Weder mag ich die Figuren, noch die Farben, noch die Kompositionen auf Anhieb. Das Erleben des Menschen, der diese Bilder malt, das ermöglicht der Film – gibt mir die Möglichkeit die Bilder anders anzuschauen, wie durch die Wirklichkeit des Ich des Malers hindurch, also nicht mit meinen vorhanden Empfindungen und ästhetischen Vorlieben. Das hängt auch damit zusammen, dass bei diesem Maler die Bilder direkt aus dieser Ich-Schicht heraus entstehen, und weiter begleitet werden. Dies betrifft sowohl die farbige Stimmung der Bilder, wie auch die Figuren (die ihn noch nachts verfolgen), aber auch die gesamte Komposition, die eine ganz eigenen Bildlogik gehorcht. Diese Bildlogik und auch die Art der Farbigkeit (Kunstkritiker sprechen von opaker Farbigkeit) haben eine Art Traumcharakteristik. Die Bilder sprechen durch diese Art natürlich die Phantasie der Betrachter an und bringen sie in diese mehr imaginative Stimmung. So wirkt es sehr skurril und intim zugleich, wenn man sieht, in welche Räume die Sammler seiner Bilder, diese hängen. Aber sie beschreiben sehr deutlich, dass die Bilder ihnen diese Räume ergänzen, entweder durch die Farbstimmung, oder durch die erweiterte Räumlichkeit, die das Bild in den Raum hinein schafft. Es geht also um Übergänge an den Grenzen der irdischen Räumlichkeit in die Farb- und Figur Räumlichkeit des Traumes, des Jenseits, einer imaginativen Wirklichkeit, die auch auseinanderliegende Zeiträume überspannt. Dabei scheint eine Art Grundstimmung immer wieder die Bilder zu durchdringen und zu tönen: Eine Lichtfarbstimmung, die ich mit den 50er und 60er Jahren verbinde. Wenn man dann noch aus dem Film erfährt, dass die Eltern des Malers bei einem Zugunglück ums Leben gekommen sind, im Alter von 19 und 21 Jahren, als er selbst erst einige Wochen alt war, und dass der Vater auch gemalt hat, dann kann man doch ansatzweise nachvollziehen aus welcher Wirklichkeitsschicht heraus der Maler malt. Auch die tiefe Ernsthaftigkeit, Kontinuität und Konsequenz Neo Rauchs verstärkt diesen Eindruck. Diese Kraft hat sich sogar durch das Medium Fernsehen vermittelt und mir einen tiefen Eindruck von Mensch und Werk gegeben, der noch anhält. (Deshalb dieser Beitrag – als Fortsetzung dieser Wirkung)
Kinderportraits von Jasminka Bogdanovic in der aktuellen Wochenschrift
Mich beeindrucken diese Portraits von Jasminka sehr. Wir haben schon intensive Bildbetrachtungen von ihren Portraits gemacht. Aber diese Kinderblicke, die sie da gemalt hat, haben noch eine ganz andere Dimension. Jasminka geht es darum den Blick zu malen. Das bedeutet alles Gemalte des Menschen dient nur dazu diesen Blick wahrnehmbar zu machen, der selbst ja nicht zu malen ist. Und dies ist bei Kindern besonders eindrücklich und ernst. (Die Bildreihe entstand für die Kaspar-Hauser Festspiele in Ansbach 2018)
Wer mich ein wenig näher kennt weiß, dass ich mich früher selbst intensiv literarisch betätigt habe. Aus dieser eigenen Erfahrung mit dem Schreiben habe ich mich später auch mit einigen Autoren intensiver beschäftigt. Vor allem Peter Handke hat mich sehr interessiert, weil er ein Autor ist, der von den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts bis heute eine ganz eigene Form der Literatur, des Schreibens entwickelt hat, mit ganz spezifischen Wirkungen auf den Leser. Auch wenn ich inzwischen eine ziemliche genaue Kenntnis seines Werkes und seines Lebens (die ja sehr eng miteinander verknüpft sind) habe, habe ich mich gefreut, als ich zum Geburtstag von einem Freund einen Katalog eines neuen Handke Museums geschenkt bekommen habe. Ein Handke-Museum? Peter Handke lebt ja schließlich noch. Und doch hat seine Heimat ‚Griffen‘ in Österreich ihm zum 75 . Geburtstag einen Ort eingerichtet, an dem man seinen Schaffens- und Lebenspuren folgen kann. Da war es naheliegend, nach einem Aufenthalt in Wien, diesen Ort und auch die Umgebung seine Kindheit und Jugend aufzusuchen. Im Folgenden finden sich einige Eindrücke und Bilder dieser Umgebung. (Zum 70. Geburtstag habe ich ein ausführliches Portrait Handkes und seiner singulären Wirkung in Die Drei veröffentlicht – ich füge diesen 5 Jahre alten, aber doch zeitlosen Artikel hier ein).
Griffen 18.5.2018/ Horstedt27.5.2018
Das ‚Handke-Museum‘ wurde im Stift Griffen, einem etwas verfallenen Gebäude eingerichtet. Peter Handke fand es gut, dass im Zusammenhang damit das Gebäude, bzw. ein Teil davon restauriert wurde.
Die im Hause befindliche Gaststätte hatte Betriebsurlaub. Wir befürchteten schon nicht hinein zu kommen. Denn dort sollte man den Schlüssel holen. Aber alle Türen waren unverschlossen. Möglicherweise war die ältere Frau, die das Haus und die Kirche putzte der Schlüssel. Sie war eher unfreundlich und wenig zugänglich, aber das Haus stand offen! Außer uns und ihr war niemand dort.
Peter Handke
Zum siebzigsten Geburtstag
Peter Handke wird am 6. Dezember (2012) 70 Jahre alt. 1942 noch mitten im Krieg geboren hat er seit Mitte der sechziger Jahre bis heute ein umfangreiches literarisches Werk geschaffen. Er ist aber auch von Beginn an immer eine Person des öffentlichen Lebens gewesen, viele Menschen werden seinen Namen und Titel seiner Bücher kennen, ohne dass sie sie unbedingt gelesen haben müssen. „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ oder ‚Wunschloses Unglück“, insbesondere aber „Die Stunde der wahren Empfindung“ sind Teil der deutschen Sprache geworden. Peter Handke ist dabei eine Art öffentliche und gleichzeitig private Figur geworden, bzw. geblieben. Er hat sowohl in seinen Werken, wie in vielen Gesprächen in Büchern und in anderen Medien, seine Arbeits- und Forschungsmethode offengelegt. Und seine Arbeit, benötigt das eigene Leben und Erleben als Werkzeug und Organ. Die wechselseitige Entwicklung von Leben, Erleben und Schreiben wird sowohl in der Person öffentlich wahrnehmbar, wie im Werk. Gleichzeitig entsteht und liegt doch auch ein hohes Maß an Identität als individuelle und dauerhafte Form allen Verwandlungen zu Grunde. Dies führt dazu, dass Person und Werk einfach und ganz deutlich erkennbar sind. In dieser erkennbaren Form Peter Handkes findet sich eine Art Entwicklungsvorbild, in dem im zweiten Drittel des 20. Jahrhunderts anschaubar werden kann, wie eine geistige Individualität, geistige und menschliche Entwicklung miteinander verbinden kann. Das Entwicklungsproblem, das er für sich als eigentliche ‚Forschungs- und Lebensfrage benannt hat, ist die Frage nach der ‚Verwandlung‘. ‚Verwandlung‘ erscheint als Zentralbegriff in allen Werken und Äußerungen, und Verwandlung ist seelische und geistige Bemühung einerseits, also aktiver Prozess, aber auch verwandelt werden, die Verwandlung erleben, verwandelt worden zu sein. Im Hintergrund des ‚Verwandlungsbegriffes‘ steht natürlich existentiell die Frage der Identität. Peter Handke, als mit sich selbst hochidentisch, scheint diese Identität nur durch immerwährende Verwandlung bilden zu können, und gleichzeitig kann man sich fragen: Verwandelt er sich denn wirklich? Und wenn, welche Art von Verwandlung ist hier gemeint? Weiterlesen →
Die Wege, die wir in den letzten Jahren mit der Farbe zurückgelegt haben, waren immer sowohl inhaltliche Wege, menschlich konstellative Wege, wie auch reale Ortsbewegungen. Wir haben uns immer mit bestimmten Inhalten beschäftigt, hatten immer neue menschliche Zusammenhänge und auch immer einen anderen Ort. Nach Basel, Berlin, Horstedt, Aerö sind wir in diesem Jahr wieder in Basel angekommen. Hintergrund unseres Zusammenkommens dort war die umfassende Ausstellung ‚Experiment Farbe‘, die von Jasminka Bogdanovic, Johannes Onneken zusammen mit Nora Loebe und Mathias Rang mit vielen Kooperationspartnern in der Voltahalle in Basel für drei Monate zu sehen war. Diese Ausstellung basiert auf einer Zusammenstellung von Experimenten zur Farbe, die schon im Goetheanum und in Järna zu sehen war und die jetzt erweitert wurde. Begleitet von einem umfänglichen Rahmenprogramm war sie gegliedert in drei Epochen: Zitronengelb – Farbe entdecken; Purpur – Farbe anwenden und Eisblau – Farbe verstehen. Wir (Elfi Wiese und ich) waren im Rahmen des Purpurteiles eingeladen an einem Künstlersymposion teilzunehmen (16.-17.9.2017). Der Titel für diese Unternehmung war: Wie sieht Forschung in der Kunst aus? Teilnehmer waren: Gilles Uebersax, Charles Blockey, Nora Loebe, Elfi Wiese, Jasminka Bogdanovic und Johannes Onneken. Alle (außer Charles Blockey und mir) hatten auch eigene Bilder in der Ausstellung. Während am Samstag die Maler unter sich einen intensiven Austausch über ihre biographischen und künstlerischen Wege hatten, stand am Sonntag nach dem Podiumsgespräch mehr der Austausch mit den Besuchern vor den Bildern im Mittelpunkt.
Farbe zwischen Wissenschaft und Kunst
Was ist Farbe? Wie entsteht sie, unter welchen Bedingungen? Eine runde Scheibe mit weißen und schwarzen Tortendreiecken lässt sich mit einem Motor immer schneller drehen. Ab einer bestimmten Geschwindigkeit sieht man plötzlich farbige Ringe auf der schwarz-weißen Scheibe. Wo kommen die Farben her? Warum sind die Ringe unterschiedlich farbig, obwohl es nur schwarz und weiß auf der Scheibe gibt? Dieses kleine und einfache Experiment macht deutlich, was die Bedingungen für das Erscheinen von Farbe sind. Schwarz, Weiß und eine Bewegung zwischen beiden Zuständen, die dazu führt dass die Übergänge zwischen schwarz und weiß oszillieren! Zwischen Schwarz (als geistigem Schatten des Toten) und Weiß (als seelischem Schatten des Geistes)[1] bilden sich Farben als lebendige Verbindung, die zwischen beiden Polen atmen. Das Form Element der spitzen Dreiecke, die nach innen auf den Mittelpunkt der Scheibe zulaufen, bestimmt den Rhythmus zwischen schwarz und weiß und damit die Farbe. Man hat in diesem einfachen Experiment den Übergang zwischen Form und Farbe. Man könnte sogar denken, dass in Wirklichkeit die Farben aus der Bewegung, das Frühere sind, während die schwarz-weißen Dreiecke angehaltene Bewegungen sind. Was heißt oszillieren? Es bildet sich eine Relation zwischen Schwarz und Weiß, die Grenzen zwischen beiden Polen werden durch die (kreisförmige) Bewegung aufgehoben. Es bildet sich etwas das zwischen beiden Polen ‚lebt‘: Die Farbe. Es vermischt sich also nicht zum Grau, es differenziert sich aus zur Farbe. Sind schwarz und weiß also möglicherweise angehaltene Endpunkte einer farbigen Wirklichkeit. Der geistige Schatten des Toten (schwarz) gibt dem seelischen Schatten des Geistes (weiß) eine Art Konturierung, Grenze. Die Farben zwischen ihnen entstehen auch, wenn die Scheibe steht, nur sehen wir sie meist nicht. Außer wir verdichten diesen Grenzprozess, an dem das Durchsichtige an das Undurchsichtige stößt (und das Weiß ist nur ein herabgemindertes Durchsichtiges: Das Opake) z.B. mit einem Prisma, dann sehen wir die farbigen Säume auch an den Berührungen des Durchsichtigen an den Prismen Flächen. Von diesem Phänomen ist es nur noch ein kleiner Schritt zu dem was Newton dann fälschlicherweise als Brechung des Lichtes verstanden hat. Die farbigen Bilder an der Wand seiner Camera Obscura, die er durch das Prisma erzeugt hat, sind nichts weiter als Bilder dieses Geschehens im Prisma, die an die Wand projiziert werden. (Es handelt sich so gesehen eigentlich um eine Verschiebung von Bildern).
In der Voltahalle werden viele erstaunliche Phänomene des Farbgeschehens in Experimenten einzeln herausgearbeitet und dadurch sichtbar. Mathias Rang und Nora Loebe haben viele Experimente zu Newtons und Goethes Fragestellung nach dem Wesen der Farbe in wunderbarer Weise ‚einleuchtend‘ aufgebaut. Diese Experimente wirken wie kleine spezielle Sinnesorgane, die außerhalb unseres Leibes etwas wahrnehmen, für das sie konstruiert worden sind. Und dadurch, dass jeweils ganz spezifische Aspekte wie farbige Schatten, weiß Schatten, Polarisationen, Prismeneffekte zur Erscheinung kommen, wird einem das eigene Farbe sehen immer mehr verständlich. Alle Experimente reflektieren sozusagen auf den Beobachter zurück, auf sein Sehen. Und die meisten Phänomene sind nur dadurch erklärbar, dass man den ‚eingebundenen Beobachter‘ mitdenkt. Auch dass man lernt in Bildern zu denken, statt in irgendwelchen konstruierten optischen Lichtstrahlen, oder gebrochenen Strahlen. Wenn man dann mit den Phänomenen der Camera Obscura umgeht, – Licht fällt durch ein kleines Loch in einen dunklen Raum und an der Rückseite dieses Raumes (camera) zeigt sich ein Bild der Welt vor dem kleinen Loch, dann kann einem (mir, mit Hilfe von Mathias Rang) klar werden, dass unsere gesamte Sehsituation der Wirklichkeit dieser Camera Obscura entspricht. In einen dunklen Raum fällt Licht. Dies betrifft sowohl die kosmische Perspektive für die Erde, umgeben von einem Dunkelraum, wie auch die anthropologische Situation des Auges, aber auch die seelische des Wahrnehmens und des Denkens. Wenn man diese Situation künstlich umdreht, also in einen Hellraum Schatten hineinbringt, wie es Mathias Rang mit einer experimentellen Anordnung unternommen hat, in denen das Loch, durch das Licht fällt durch eine Blende ersetzt wird, also durch eine kleine undurchsichtige Scheibe, die in einem Hellraum das Licht aufhält, dann kommt man zu symmetrischen Ergebnissen zu dem Experiment Newtons mit dem Lichtloch. (Was merkwürdigerweise, wenn man Newtons Schlüsse übernähme, dazu führen würde von Finsternisstrahlen ausgehen zu müssen, die sich brechen).[2] Zu diesem Schluss kommt auch Olaf L. Müller, der sich dann die interessante Frage stellt, was es heißt, dass unsere heutige Physik zu einem Großteil auf einer Newton’schen Theorie und einem experimentellen Beweis beruht, der nicht trägt. Mich beschäftigt nach den Gesprächen und Demonstrationen mit Nora Loebe und Mathias Rang mehr die Frage ob es nicht auch diesen ‚Hellraum‘ vielleicht dort gibt, wo wir uns im Denken selbst bewegen, und ob wir nicht dort Zusammenhänge und Unterscheidungen durch uns selbst (als Blendenscheibe) herstellen? Dann wäre die Außenwelt, wie sie gegenständlich sinnlich wahrgenommen wird tatsächlich eine camera obscura, in der Art wie sie schon Platon in seinem Höhlengleichnis beschreibt. ‚Licht scheint in die Finsternis‘.
Farbe und Kunst
Und die Kunst? Wie sieht nun Forschung in der Kunst aus? Die physikalische Forschung, hat mir ein interessantes Nachgefühl(Nachbild) verschafft hat – man kann zu zwei Empfindungen kommen, das eine ist ein Staunen und eine Neugierde, das andere ist aber im längeren Umgehen mit den Phänomenen, auch eine Art Ausdörrung. Die Experimente wirken wie eine mathematische Rechnung, die aufgegangen ist. Sie gehen auf, und dadurch scheinen sie den Menschen auszuschließen aus ihrer Welt, obwohl er doch der Mitschöpfer dieser Welt ist. (Dies relativiert sich sofort, wenn man mit den Menschen ins Gespräch kommt, die mit dieser Welt der Experimente tief verbunden sind!). Eine Brücke bildet sich, wenn man den menschenkundlichen Aspekt der Farbphänomene und des Farben Sehens mehr in den Blick nimmt.
Im Gegensatz dazu geht bei den Künstlern in ihren Lebens-, Arbeits- und Forschungswegen nichts auf. Auch ihnen geht es um die Farbe, selbst wenn sie sie, wie Gilles Uebersax, aus der eigenen Malerei herausnehmen und mit schwarz und weiß arbeiten um sich besser auf die Formen und ihre Verhältnisse konzentrieren zu können. Im Künstlergespräch am Samstag, bei dem die Maler ihre jeweiligen Lebenswege mit dem Malen von Farbe schildern, wird deutlich, dass sie jeweils ganz unterschiedliche Wirklichkeitsschichten im Malen erforschen. Die Farbe wird in dieser Auseinandersetzung menschlicher als in der physikalischen Beforschung, die trotz eines eingebundenen Beobachters, eine Tendenz zum Objektiven hat. Die Farbe nimmt dieses Menschliche auf und macht es sichtbar. So wie die Farbe auch in der Natur das Irdische und Kosmische aufnimmt und sichtbar macht. Selbst in der völligen Reduktion auf Schwarz und Weiß macht das entstandene Bild die Intention des Malers sichtbar. Die Farben stellen sich diesen Intentionen als Medium zur Verfügung. Sie reflektieren die Bemühung des Malers um eine Wirklichkeit, die im Malen erst durch ihn entsteht, und die doch für sich selbst stehen kann.
In der Gegenüberstellung zwischen physikalischer Farbforschung und künstlerischer Farbforschung, kann man die Farbe in zwei sehr unterschiedlichen Zuständen erleben. In den physikalischen Experimenten zeigt sich die Farbe, wie sie es muss (aufgrund der ihr gestellten Erscheinungs-Bedingungen). In der Malerei erscheint sie befreiter, aber auch den Menschen, die mit ihr umgehen ausgeliefert. Sie ist darauf angewiesen, dass sie durch die Erfahrung des Malers im Umgang mit ihr zu etwas Neuem gebracht wird, zu einer Art Ich-Form der Farbe. Nur dann kann sie im Bild leben. Und dieses Leben der Farbe im Bild, verlebendigt das Bild, es ist das eigentlich Lebendige im Bild, – ein Lebendiges, das aber noch ganz neu aus dem Seelischen entstanden ist, es ist Leben im Entstehungsmoment aus dem Seelischen. Es ist auch Seelisches, das sich aus dem Leben herausbewegt. In diese Bewegungen kann die Intention des Malers hineingehen. Hier findet seine Forschung statt. Mit der Farbe und mit sich als Mensch. Dieser Versuch eines begrifflichen Erfassens dessen, was in den vielen intensiven Gesprächen am Samstag und Sonntag sich ausdrückte, ist natürlich nur mein persönliches Bild, meine Malerei. Man würde aber durchaus weit kommen, wenn man mit mehr Zeit und mehr Auseinandersetzung dieses Verhältnis weiter beforschen würde: Experiment Farbe würde dann zum Experiment Mensch und Farbe.
Roland Wiese, Horstedt
[1] Siehe ausführlich R. Wiese, ‚Was ist Farbe‘ in Anthroposophie Ostern 2017 S.94
[2] Wer sich für dieses Problem interessiert sei auf Mathias Rang verwiesen ‚Phänomenologie komplementärer Spektren‘ , Logos verlag Berlin 2015 und auf Olaf L. Müller, ‚Mehr Licht – Goethe mit Newton im Streit um die Farben‘ S.Fischer 2015
Ich suche immer wieder diese ‚Gegend‘ bei Schneverdingen auf, weil ich in dieser Landschaft ein ganz eigentümliches Erlebnis haben kann. Ein Erleben in der Landschaft, das ganz gegensätzlich zu dem ist, das ich bei mir zu Hause auf dem Feld habe. Bei mir zu Hause erlebe ich die Landschaft als eine Art Fläche, die sich perspektivisch vor mir ausbreitet. Von meinem Standpunkt aus in die Breite, und auch in die Tiefe. Über dieser Fläche wölbt sich der Himmel und das Erleben des Himmels ist vorherrschend und bestimmt das Bewusstein. In der Gegend um den Wilseder Berg herum ist die Landschaft noch nicht in Felder kartiert, noch nicht flurbereinigt, sondern noch aus sich heraus in ihrer eigenen Form sich ergebend. Hier erlebe ich, und ich gestehe, ich genieße dieses Erleben wie eine Art Heilung von einer Wunde, hier erlebe ich mich eingebunden in eine kreisförmige Umgebung. Ich befinde mich gehend, stehend immer in der Mitte einer kreisförmigen Landschaft, die mich wie eine Hülle umgibt. Himmel und Landschaft sind miteinander verbunden und gehen wie ineinander über. Im Gehen hat man das merkwürdige Gefühle nicht irgendwo hin zu gehen, sondern die ganze Zeit in etwas zu gehen. Man gerät mehr in ein träumerisches Empfinden, während man den sich schlängelnden Pfaden folgt. Was mich an dieser Situation und an diesem Erleben interessiert ist, dass man in einen ganz anderen Bewusstseinszustand gerät. Man ist nicht als Betrachter von der Landschaft getrennt, man erschafft eigentlich ständig gehend die Landschaft, ohne dass diese sich von einem ablöst zum bloßen Bild. Es gibt so gesehen keine Ferne, in die man schaut, Man schaut in einen Kreis, der immer wieder zu einem selbst zurückführt. Natürlich bin ich mir vollkommen bewusst darüber, dass es sich um eine menschliche geformte Kulturlandschaft handelt, die touristisch erschlossen ist, – meine Empfindung scheint davon unabhängig zu sein. Ich behaupte sogar, dass möglicherweise diese Landschaft aus genau diesem Grunde so erhalten, bzw. gestaltet wird, weil diese Gegend dieses Erleben ermöglicht.
Eindrücke vom Künstlersymposium – Wie sieht Forschung in der Kunst aus?
16.9.2017 – 17.9.2017
(mit Charles Blockey, Gilbert Uebersax, Johannes Onneken, Jasminka Bogdanovic, Nora Loebe, Elfi Wiese und Roland Wiese)
Nachdem am Samstagmorgen die eingeladenen Künstler miteinander über ihre persönlichen, sehr unterschiedlichen künstlerischen Forschungswege gesprochen haben(dazu mehr in einem späteren Beitrag), gab es eine ausführliche Führung mit Nora Loebe und Mathias Rang. Beide haben viele Exponate der Ausstellung entwickelt und selbst gebaut. Ich werde die inhaltlichen Fragen, die wir dort miteinander besprochen haben, noch ausführlich darstellen, vor allem in ihrer Bedeutung für die Annäherung von Wissenschaft und Kunst. Das Motiv der Camera Obscura, das die gesamte Ausstellung durchzieht, wird dabei eine wichtige Rolle spielen. Vielen Dank Mathias und Nora für eure aufschlussreichen Beiträge. (Meine Quizfrage des Tages an Mathias war, warum sich das Bild in der Camera obscura an der Wand umdreht, also auf dem Kopf steht? Er war der erste, der es mir im wahrsten Sinnes des Wortes einleuchtend erklären konnte.)
Ich scanne seit einiger Zeit alte Negative ein. Hauptsächlich Schwarz-Weiß-Bilder aus den siebziger Jahren, als ich als ungefähr Zwanzigjähriger meine Umgebung fotografiert habe. Mich berühren diese Bilder deshalb, weil ich in ihnen (mein) Sehen sehen kann. Und ich habe den Eindruck dieses Sehen des jungen Fotografen war schon weiter entwickelt als sein damaliges bewusstes Denken. Außerdem interessiert mich an den Fotografien, dass sie eine Art Übergang zeigen. Einen Übergang, in dem die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts mit ihren Menschen auf die Menschen trifft, die für die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts stehen. Und drittens zeigen sie eine Stimmung auf, die subjektiv und objektiv Umgebung und mein Innenleben in dieser Zeit erlebbar macht. Einige dieser Bilder werde ich deshalb auf dieser Seite veröffentlichen. Vielleicht repräsentieren sie etwas mehr als nur mein Sehen…
Kann man Begriffe sehen? Kann man Begriffe malen? Begriffe wie Vollkommenheit, Schönheit, Unschuld? Können gemalte Bilder eine Erfahrung von der Wirklichkeit dieser Begriffe ermöglichen? Ist eine solche eventuell mögliche Erfahrung dann eine Veranlagung für eine eigene innere Verbindung zu dieser Wirklichkeit? Und kann diese Wirklichkeit dann in der Wahrnehmung der äußeren Umgebung aufscheinen?