Die Einsamkeit des Aristoteles

Mir ist vor kurzem eine Neuerscheinung aus dem INFO3 Verlag zur Rezension zugeschickt worden: Die philosophischen Quellen der Anthroposophie, herausgegeben von Jost Schieren. Das Buch enthält die Beiträge einer Vorlesungsreihe an der Alanus Hochschule von 2017.
Ich werde dieses Buch für die Zeitschrift ‚Anthroposophie‘ besprechen. In meinem Blog möchte ich etwas anderes versuchen. Ich möchte das Buch weiterdenkend kommentieren. Das heißt ich werde bestimmte Stellen herausgreifen und mit ihnen weiterarbeiten. Dabei werde ich hier eine andere Perspektive wählen als in meiner Rezension, evtl. sogar eine völlig gegensätzliche.

Erstes Zitat: „Rudolf Steiner und seine Anthroposophie stehen in der öffentlichen Wahrnehmung als solitäre Phänomene da. Der abgeschlossene Kosmos seines Werkes macht es für Nachfolger und Kritiker gleichermaßen zu einem exklusiven Bezugspunkt.“ (Klappentext hinten)
Ähnliche Formulierungen finden sich auch in der Einleitung von Jost Schieren. „Werk und Person Rudolf Steiners sind umstritten.“ „Steiner und dessen Anthroposophie sind kulturell eine beinahe vollständig solitäre Erscheinung, die ihre Bedeutung allein von einer überzeugten Anhängerschaft und den wirksamen Einflüssen auf die genannten Lebensfelder erhält.“ Usw.
Interessant ist hier, dass diese Formulierungen aus einer Zeit noch vor der Corona Pandemie stammen. In den letzten zwei Jahren hat sich die Beziehung der Öffentlichkeit zur Anthroposophie und zu den Anthroposophen aus einer eher neutralen Nichtbeachtung in eine eher kritische Beachtung umgewandelt. Dies betrifft inzwischen auch die bislang so positiv gesehenen Lebensfelder, wie Schulen, Kindergärten, Landwirtschaft und Kliniken.

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Selbstentwicklung – Sein und Werden

Mein Thema, Ich-Entwicklung oder Selbstentwicklung, als therapeutische oder pädagogische Wirkung auf mich selbst und andere Menschen, wird in einer aktuellen Buch-Veröffentlichung behandelt. Ich finde darin einige interessante Ansätze und Formulierungen, die an sich schon eine Entwicklungswirkung haben, wenn man mit ihnen etwas umgeht. Es geht um zwei Aufsätze in dem gerade erschienenen Buch ‚Sein und Werden‘, Beiträge zum Entwicklungsverständnis der Waldorfpädagogik‘, herausgegeben von Leonhard Weiss und Carlo Willmann.

Ganz zum Schluss, ich gebe zu die anderen Beiträge noch nicht einmal angelesen zu haben, kommen diese beiden Aufsätze unter der Kapitelüberschrift ‚Fundierende Perspektiven einer entwicklungsorientierten Pädagogik‘: Wolf-Ulrich Klünker ‚Entwicklung, Wirksamkeit und Begriff‘ und Wolfgang Tomaschitz ‚ „Wenn ich einmal groß bin…“ Was es vernünftigerweise heißen könnte, seine Entwicklung selbst in die Hand zu nehmen‘. Ganz im Sinne beider Autoren, die Anthroposophie grundsätzlich als Anregung zu Selbstentwicklung verstehen, soll auch hier nur angeregt werden beide Beiträge zu lesen. Deshalb nur einige Einblicke!

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Nobelpreis für Peter Handke

2012 habe ich einen Aufsatz zum 70. Geburtstag Peter Handkes geschrieben. Er wurde damals in der Zeitschrift DIE DREI veröffentlicht. Aus Anlass der Verleihung des Nobelpreises poste ich ihn noch einmal in meinem Blog. Gratulation eines Lesers!

Roland Wiese 11.10.2019

Peter Handke
Zum siebzigsten Geburtstag

Peter Handke wird am 6. Dezember 70 Jahre alt. 1942 noch mitten im Krieg geboren hat er seit Mitte der sechziger Jahre bis heute ein umfangreiches literarisches Werk geschaffen. Er ist aber auch von Beginn an immer eine Person des öffentlichen Lebens gewesen, viele Menschen werden seinen Namen und Titel seiner Bücher kennen, ohne dass sie sie unbedingt gelesen haben müssen. „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ oder ‚Wunschloses Unglück“, insbesondere aber „Die Stunde der wahren Empfindung“ sind Teil der deutschen Sprache geworden. Peter Handke ist dabei eine Art öffentliche und gleichzeitig private Figur geworden, bzw. geblieben. Er hat sowohl in seinen Werken, wie in vielen Gesprächen in Büchern und in anderen Medien, seine Arbeits- und Forschungsmethode offengelegt. Und seine Arbeit, benötigt das eigene Leben und Erleben als Werkzeug und Organ. Die wechselseitige Entwicklung von Leben, Erleben und Schreiben wird sowohl in der Person öffentlich wahrnehmbar, wie im Werk. Gleichzeitig entsteht und liegt doch auch ein hohes Maß an Identität als individuelle und dauerhafte Form allen Verwandlungen zu Grunde. Dies führt dazu, dass Person und Werk einfach und ganz deutlich erkennbar sind. In dieser erkennbaren Form Peter Handkes findet sich eine Art Entwicklungsvorbild, in dem im zweiten Drittel des 20. Jahrhunderts anschaubar werden kann, wie eine geistige Individualität, geistige und menschliche Entwicklung miteinander verbinden kann. Das Entwicklungsproblem, das er für sich als eigentliche ‚Forschungs- und Lebensfrage benannt hat, ist die Frage nach der ‚Verwandlung‘. ‚Verwandlung‘ erscheint als Zentralbegriff in allen Werken und Äußerungen, und Verwandlung ist seelische und geistige Bemühung einerseits, also aktiver Prozess, aber auch verwandelt werden, die Verwandlung erleben, verwandelt worden zu sein. Im Hintergrund des ‚Verwandlungsbegriffes‘ steht natürlich existentiell die Frage der Identität. Peter Handke, als mit sich selbst hochidentisch, scheint diese Identität nur durch immerwährende Verwandlung bilden zu können, und gleichzeitig kann man sich fragen: Verwandelt er sich denn wirklich? Und wenn, welche Art von Verwandlung ist hier gemeint? Weiterlesen

Korrekturen

Manchmal sind auch Fehler interessant! In meinem Beitrag zur Albertus Übersetzung – ‚Die Einzigkeit des Intellektes‘ von Wolf-Ulrich Klünker sind zwei Fehler. Der eine besteht nur darin, dass der Erscheinungstermin auf Mai 2020 verschoben worden ist. Der zweite Fehler ist interessanter. Ich habe dort die Vignette des Titels ja als ein Bild von der Schale des Exekias identifiziert. Eine Darstellung einer bestimmten Dionysos Geschichte. Als ich letztens auf der Seite des Verlages war (Fromman-Holzboog) musste ich dann feststellen, dass diese Vignette bei allen Büchern erscheint, die noch keine eigene Titelgestaltung haben. Also das Buch wird eine ganze andere Gestaltung bekommen und der von mir geknüpfte Zusammenhang mit meiner eigenen Forschung zu Dionysos existiert nicht! (Es war ja kein inhaltlicher Zusammenhang – mehr ein Synchron-Erleben, mit kommt etwas von außen entgegen, was ich gerade von innen bewege).

Trotzdem hat dieser irrtümliche Zusammenhang eine Rückwirkung in meine eigene Forschung gehabt, weil er mich quasi über Bande mit diesen Dionysos Geschichten und seiner Darstellung in dieser Schale noch einmal vertieft verbunden hat. Einerseits also ein leicht peinliches Gefühl einer gewissen imaginativen Übertreibung im eigenen Denken und Schreiben; andererseits wieder eine positive Entwicklung der eigenen Forschung durch diese kurzschlüssige Übertreibung. Man kann daran gut sehen, dass eine eigenständige  Forschung und Entwicklung keine Frage von fake und fakt ist, sondern mehr eine der ständigen Gefahr der Übertreibung und der nötigen Selbstkorrektur. Die Wahrheit, die dann entsteht ist (für mich) interessanter, als die, die es ohne diesen Prozess gegeben hätte…

schale des exekias
Die Schale des Exekias (München, Staatliche Antikensammlung), Meerfahrt des Dionysos

Nichtsdestotrotz berichtet die Dionysos Geschichte von einem problematischen Denken einiger Menschen, das den Gott Dionysos für einen Menschen hält, den man benutzen kann, um sich zu bereichern. Also ein Wesen, das den Durchgang der Natur durch Tod und Verwandlung repräsentiert und realisiert, wird vordergründig als zu benutzender Mensch angesehen.  Das Göttliche wird nicht gesehen. Das hat für die so Denkenden und Handelnden fürchterliche Folgen. Dieses Wesen verwandelt sich dann in ein Ungeheuer! Ein Denken, das sich seiner lebensspendenden oder vernichtenden Wirkungen bewusst ist, wird angesichts der aktuellen menschlichen Lage immer wichtiger. Denn das Anschauen des Dionysos  urständet letztlich in einer entsprechenden Selbstanschauung, die die eigene Geistigkeit auch nicht bemerkt, sondern nur den irdisch-funktionellen Aspekt des eigenen Denkens ernst nimmt. (Dazu später mehr in einem Beitrag zum Menschenbild des ‚deus mortalis‘,  also der Selbstanschauung des Menschen als sterblicher Gott und der Wirkungen dieses Menschenbildes).

Roland Wiese 27.7.2019