Im Licht

kellenhusen

Die Beerdigung einer Freundin in einem Ruhewald an der Ostsee. Die Menschen stehen in einem Kreis um die Stelle, wo die Urne in die Erde gelassen wird. Es wird Abschied genommen. Persönlich und mit verschiedenen Wortbeiträgen. Ein Lied. Danach noch ein helles Beisammensein in einer Gaststätte am Meer. Ein einfaches und menschliches Geschehen. Ohne Rituale und Anstrengungen und Verkrampfungen. Alle Empfindungen und Gefühle gehen sofort in die Welt über. Ausgeatmet.

Danach die Fahrt zu einem anderen Ort, etwas weiter nördlich. Der Blick auf die Ostsee dort – das Innenerleben und das äußere Leben berühren sich, als ob der Blick nach Außen ein Blick in ein Inneres ist. Die Freundin hatte in einem Gedicht vom Horizont gesprochen, der die  Grenze des Sehens ist, aber nur für den jetzigen Gesichtspunkt.  Hier ist der Horizont eine feine Linie, der das äußere Innen zusammenhält und sein Erleben möglich macht. Sonst würde alles auseinanderfallen. Im Schauen begegnen sich das eigene Sehlicht und das Ostseelicht.

Eine Seebrücke führt auf die See. Wie eine Verlängerung der Erde in das Offene streckt sie sich in Richtung Horizont, und bildet dabei selbst eine Art neuen Horizont, einen Finger hinein ins Offene. Nachts wölbt sich ein großer Wolkenhimmel über die Bucht, über den Schauenden. Aufgehängt am Vollmond. Eine Kuppel aus Wolkenlicht und Lichtwolken.

Am nächsten Morgen ist alles eingehüllt in weißen Dunst. Kein Horizont. Alles weiß-silber, silber-weiß. Die Wasserfarben schillern umso tiefer. So könnte der Anfang allen Lebens aussehen. Ein Chor von Vögeln beseelt hintergründig das Wasserland. Im Verlauf des Morgens enthüllt sich die See ihrer Schleier und ein klarer blauer Himmel öffnet sich. Die Sonne mischt sich in die Mondenstimmungen und klärt alles auf.

Nach einem langen Gehen am Wasser entlang, parallel zum Horizont, bleibt: Ja, die Menschen müssen sich verabschieden, müssen sich und die Gestorbene loslassen! Aber dann ist die Begegnung mit einem viel größeren Menschen möglich: Im Licht lebt er in der Berührung des inneren Erlebens des Äußeren. Er ist zu sehen und zu spüren, er sieht und spürt. Beide Bilder stehen nebeneinander: Der Menschenkreis im Wald; das offene Licht-Natur-Erleben an der See. Punkt und Umkreis.

Roland Wiese 18.2.2019 (Für und mit Christa)

 

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