Wer schaut?

Heute ist der Katalog von Jasminka Bogdanovic bei uns angekommen. Es ist noch einmal etwas ganz anderes in einem Buch durch Bilder und Texte zu blättern. Gerade bei den Porträts ist mir das aufgefallen. Ein lesendes Schauen… und ein neuer Zusammenhang. Ich habe zu dem Katalog mit zwei Texten beigetragen: ‚Wer schaut‘ (Über die Porträts) und ‚Die Ich-Empfindung der Farbe‘. Der Katalog ist zu erwerben ab 28.9.2019. 175 Seiten 29 € im Wolfbach-Verlag. Mehr Bilder auf  http://www.bogdanovic.ch

Wer schaut? Das lebendige Bild des Ich
Die Porträts von Jasminka Bogdanovic

Was heißt es eigentlich, ein Bild von einem lebenden Menschen zu malen? Wie geht das überhaupt und was will man damit erreichen?
Menschen emittieren Bilder von sich. Sie tun dies ständig in einem lebendigen Fluss von Bildern, die sich gegenseitig auslöschen, übermalen, neu malen usw. Wer einmal mit einem anderen Menschen ein intimes Gespräch geführt hat, kann dies vor allem im Antlitz verfolgen. In diesem wird eine Art Bildgeschehen sichtbar, bei dem sich unaufhörlich neue Empfindungsgesichter bilden und ineinander übergehen. Es ist ein ähnlicher Vorgang wie am Himmel, wenn sich Wolken formieren, sich verwandeln und miteinander verbinden.
Dieses Übergängliche gehört für Jasminka Bogdanovic zur Porträtmalerei dazu. Im Grunde ist es unmöglich, ein Porträt abzuschließen, da es sich fortwährend entwickelt. Um das Bewegliche des Antlitzes, seine Lebendigkeit zum Ausdruck zu bringen, wird es von Jasminka Bogdanovic wie in eine Art Schleier gehüllt. Verschiedene Facetten des Antlitzes lassen sich so lebendig halten, auch gewinnt das Leben in der Farbe Form. Gleichzeitig kann man beim Betrachten eine leichte Scham verspüren, wie wenn man einen nackten Mensch anschaut. Eine zweite Erschwernis kommt hinzu: Der Blick! Er übertönt die äußere Farbhülle! Und er bewegt sich in einem ganz eigenen Raum, aus dem er hervorscheint.
Es gibt für Jasminka Bogdanovic zwei Annäherungsstufen im Malen eines Porträts. Die eine ist das unablässige Bemühen, das zu malen, was man sieht, und das zu sehen, was man malt. Manchmal ist das Malen voraus und manchmal das Sehen. Die Vertiefung in das eigene Sehen und Malen ist nicht zu unterschätzen, weil sie sowohl in die Auflösung als auch in ein tieferes Verstehen des anderen Menschen führt.
Die zweite Stufe ist die völlige Auslöschung des Gesehenen und Erlangten. Man hat – so Jasminka Bogdanovic – das Gefühl, dass man vollständig gescheitert ist. Nichts geht mehr. Dieser Todesmoment ist das Gegenbild zu der mehr äußeren Schaffenssituation der ersten Stufe. Er ist quasi die Aufhebung des irdisch-schöpferischen Bildens, hinein in das Schwarze, Dunkle, in das Nicht-Sehen und Nicht-Können.
Beide Wirklichkeitsschichten gilt es zu durchschreiten. Der Blick dagegen, die Wirklichkeit des Menschen selbst, ist bildfrei! Um an diese Realität heranzukommen, muss die zweite Stufe, die des Todes, vorausgehen. Erst dann erlaubt das Sehen und Malen der Umgebung des Blickes – des Gesichtes – ein Herankommen an die Sphäre, in der und aus der der Blick des Menschen tätig ist. Am Ende bleibt die Frage: Wer schaut da eigentlich?
Roland Wiese

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