Wie Bilder Sinn erzeugen

Forschungswege mit der Farbe

Unsere Forschungswege mit der Farbe haben uns ja schon vor Längerem mit Ute Seifert zusammengeführt. Ute Seifert ist Malerin und betreibt den KUNSTRAUM in Bremen in der Rückertstraße. Wir haben schon einiges gemeinsam unternommen, unter anderem gemeinsame Besuche bei Reimar Jochims im Maintal, Ausstellungen und Bildbetrachtungen. Jetzt hat sie eine kleine Gruppe eingeladen, um an dem Buch von Gottfried Boehm, ‚Wie Bilder Sinn erzeugen‘ zu arbeiten. In einem lebendigen Gespräch haben wir uns durch die Einleitung bewegt. „Der Mensch ist jenes Wesen, das sich ein Bild zu machen vermag.“ (S.10) Können sich Tiere Bilder machen? „Wir sind alle ikonischer Natur.“ Aber das Bild hält uns auch gefangen. Wir leben in einem Bilderleib und in einem Bildeleib. Erst heute können wir die Frage nach ‚dem Bild‘ stellen, sagt Böhm. Erst heute, wo alles zum Bild werden kann, und nicht mehr deutlich ist, was ein Bild ist. „Mit der Entgrenzung hatten die Bilder an Universalität rapide gewonnen, ihre Selbstverständlichkeit aber eingebüßt (S.13)“ „Die Welt wird bis in die Atome hinein zum Bild.“ Und Bilder sind nicht nur Abbilder des Bestehenden, der Welt, Boehm sieht sie als “ eine Macht, imstande unsere Zugänge zur Welt vorzuentwerfen und damit zu entscheiden, wie wir sehen, schließlich: was die Welt „ist“.“ (S.14) Insofern scheint es hochaktuell danach zu fragen, was das Bild ist und wie es zeigt und damit Sinn erzeugt. Während wir immer mehr in der Welt der Bilder leben und auch gleichzeitig in der imaginativen Wirklichkeit, die der Bilderwelt zu Grunde liegt, kennen wir uns mit dieser Welt nicht so gut aus, wie mit der Welt der Sprache und Schrift. Deswegen ist es spannend gemeinsam mit Gottfried Boehm (bzw. seinem Buch) ‚das Bild‘ zu denken…

Roland Wiese 22.7.2021

‚Neue Landschaft‘

Bilder von Elfi Wiese im Königin-Christinen-Haus

Heute am Sonntag den 7.3.2021 hätte eigentlich die Ausstellung eröffnet werden sollen. Das geht noch nicht! Trotz der Einschränkungen wurde die Ausstellung jetzt aber gehängt. Und da sie noch einige Zeit dauert besteht auch die Hoffnung die Eröffnung nachzuholen. 

 

American Geography

Matt Black

American Geography

In den Deichtorhallen in Hamburg werden zur Zeit (25.9.20 – 3.1.21) zwei Fotoausstellungen amerikanischer Fotografen gezeigt. Jerry Berndt (1943-2013) zeigt die Zeit der sechziger und siebziger Jahre; Matt Black (geb.1970) ist durch das ganze Land gereist und zeigt seine Bilder aus dem Amerika der letzten Jahre. Im Anschauen der Bilder und der zwei Arten des Sehens und Fotografierens wurde mir der Unterschied deutlich, der sich zwischen diesen beiden Fotografen zeigt, der aber möglicherweise repräsentativ ist für eine Entwicklung, die sich in der Zeit zwischen 1960/70 und heute vollzogen hat. Meine Perspektive auf die Bilder und ihre Schöpfer hat vielleicht wenig mit den Intentionen der Fotografen selbst zu tun. Aber schon der Titel der Bilder von Matt Black: ‚American Geography‘,- spricht von  der Schicht einer Wirklichkeit, die ich in seinen Bildern glaube sehen zu können. Natürlich knüpfen seine  dokumentarischen  (?) Bilder an eine Bildtradition amerikanischer Fotografen an, die im letzten Jahrhundert immer wieder das amerikanische Leben jenseits der glamourösen Oberfläche gezeigt haben. Aber gerade die Gegenüberstellung von Bildern aus den siebziger Jahren mit Bildern von heute kann einen charakteristischen Übergang aufzeigen.

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Detroit, 1970. Courtesy The Jerry Berndt Estate 2020

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Das Blühen der Erde

Forschungswege mit der Farbe

Wenn ich irgendetwas über die Farbe schreibe, dann ist das eigentlich immer angeregt von außen durch einen oder eine der mit mir verbundenen Maler und Malerinnen. Das heißt im Anschauen der Bilder und der sich noch im Entstehen befindlichen Bilder werden mir bestimmte Dinge klar. So auch im folgenden Beitrag. Ein Bild auf der Staffelei von Elfi Wiese und ein Bild liegend daneben waren die Anreger der folgenden Empfindungen und Gedanken. Wobei die Empfindung tatsächlich zuerst da ist und in ihr ist eigentlich schon alles enthalten, was dann diskursiv auseinandergelegt wird. „Diese Dinge müssen in die Region der Empfindungswelt gehoben und mit der durchgeistigten Empfindung begriffen werden“ (R. Steiner in ‚Das Wesen der Farben‘ , S. 66. Darauf komme ich später zurück, der Rückgriff auf Steiner hat sich nachträglich ergeben und dient hier der historischen Bezugnahme einerseits und andererseits auch der Weiterführung dieser historischen Erkenntnisse ins heutige Empfinden).

Auf dem Bild sieht man runde Formen von Erdfarben in einer von der Malerin gestalteten Komposition. Auf dem Bild daneben, sind die die gleichen Farben und noch weitere zu Rechtecken dokumentiert. Meine Empfindung entstand im Anblick der runden Formen und wurde bewusst im Unterschied der Wirkung der rechteckigen Formen.

(Leider kann man auf Abbildern nicht die milde und sehr unterschiedliche Ausstrahlung der gemalten Farbpigmente wahrnehmen).

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Bild: Elfi Wiese

Die Empfindung bildete sich durch die Überraschung und das Staunen über die Farbigkeit der Erdfarben, über ihr Leuchten und ihre Strahlkraft (Steiner würde sagen ‚Glanz‘). Gleichzeitig über die Schönheit der Farben in der runden Form und in der Komposition. Drittens über die Transparenz und Leichte, die das Bild mit seinen Farben und Formen ausstrahlt. Eine weitere Empfindung ist die einer gewissen Unschuld der Farben. Man kann sich die Frage stellen, was ist eigentlich das Farbige der Erde? Und man kann sich dann relativ schnell darüber klar werden, dass das Farbige immer etwas Mineralisches oder Metallisches ist, welches die Erde entsprechend färbt. Ja vielleicht hat die Erde selbst gar keine Farbe?

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Was ist das? oder wenn die Dinge beginnen zu blühen…

Forschungswege mit der Farbe VIII

Diesmal geht es um Farben und Formen von Dingen, die Michael Kolod Bilder nennt. Merkwürdige Bilder, merkwürdige Farbwirkungen, die vor und hinter den Dingen schweben. Man weiß nicht, ist die Farbe Oberfläche eines Materials oder Licht…

Im Kunstraum Bremen fand am Samstag, den 1. Februar die Vernissage einer Ausstellung mit Bildern von Michael Kolod statt. 

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Die Ausstellung ist betitelt mit ‚wieder – holen‘ , denn 2013 war Michael Kolod schon einmal im Kunstraum zu sehen mit der Ausstellung ‚Zug um Zug‘. Damals stand auf der Webseite des Kunsraumes: „Michael Kolod verwendet in seiner Arbeit Materialien, die, aus Baumärkten stammend, eigentlich in Gärten, Baustellen Verwendung finden. Bereiche, in denen nicht fein ziseliert wird, sondern wo es um nützliche Zweckbestimmung geht. Er stellt diese Werkstoffe in einen neuen Kontext, stellt das zarte, nahzu  Immaterielle heraus, die feine Transluzidität, die feinen Innenräume. Er verwandelt sie, betont ihre Eigenschaften, ohne ihnen neue zuzuweisen. Das Ernstnehmen des Werkstoffes scheint auch im Entstehungsprozess auf, indem er seine Farben, seine Materialien selbst agieren lässt. Er stößt etwas an, sieht zu, wartet ab, greift ein. Werkstoff und Künstler sind im Dialog, überraschen sich, es kann die Eigenart, ja die Persönlichkeit des Materials deutlich werden.“

In Ute Seiferts Begrüßung und Anmoderation  zu der aktuellen Ausstellung wollte sie dieses  Mal die Frage: Was ist das? Im Sinne: woraus ist das hergestellt?  gar nicht mehr in den Mittelpunkt stellen. Michael Kolod entwickelte dieses Motiv in seiner kleinen Ansprache weiter:

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Erde aufgehoben Teil III

Finissage

Heute war die Finissage der Ausstellung ‚Erde Aufgehoben‘ von Elfi Wiese in Fischerhude und zum Abschluss war zu einer Bildbetrachtung eingeladen. Ausgesucht waren zwei sehr gegensätzliche Bilder: Marokko

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und ein neues Bild, das hier zum ersten Mal gezeigt wurde:

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Es ergab sich ein interessantes Gespräch über die Bilder und über die Arbeit der Malerin. Die Teilnehmer*innen und die Malerin konnten, angeregt durch Fragen von Wolf-Dietmar Stock und Barbara von Monkiewitsch, ihre Eindrücke von den Bildern miteinander abgleichen. Als Nebeneffekt des ‚Zusammenschauens‘, also des gemeinsamen sich Vertiefen in die Bilder, wurde immer mehr von dem sichtbar, was von den Einzelnen gesehen wurde. Dadurch konnte man das eigene Sehen vertiefen und erweitern. Eigentlich brauchen Bilder dieser Art ein solchen Prozess, denn der Betrachter muss eine ganz eigene Aktivität aufbringen um einen/seinen Zugang zu den Bildern zu finden. Sie warten auf diese (Ich)Aktivität und sie werden erst zu wirklichen Bildern in diesem aktiven Sehprozess. Ein solches Geschehen ist tendenziell auch offen für immer neue Bemühungen und Anläufe und damit auch für einen sozialen Austausch.

Eine persönliche Randbemerkung:

Für mich war sehr aufschlussreich, wie die Bilder (zum Teil hatte ich sie auch schon Österreich, also in anderer Umgebung und Hängung gesehen) sich in diesem Gesamtzusammenhang: Kunstverein Fischerhude, ButhmannsHof,  der Ort Fischerhude zeigen. Die Bilder hängen in einem Raum im Giebel des Museums des Kunstvereins. Im Stockwerk darunter die Ausstellung mit dem Fischerhuder Maler Angermeyer und andere Fischerhuder Maler. Sie hängen also umgeben von der Geschichte dieses Ortes und damit einer bestimmten Form der Malerei vom Anfang bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Diese Malerei war sehr orts- und landschaftsbezogen. Sie ist dadurch auch in einer ganz bestimmten farblichen Stimmung gehalten. Diese Stimmung, aber auch der gemalte und wirkliche Ort Fischerhude und seine Umgebung, leben als eine ‚Substanz‘ der Arbeit dieser Maler fort. Sie drohen aber auch den Ort in einer gewissen Weise in sich selbst festzuhalten. So dass Fischerhude zum Bild seiner selbst wird, erzeugt durch die Maler. Elfi Wiese Bilder (und die anderer moderner Künstler), und das war eben in dieser Ausstellung zu erleben, setzen auf dieser Malerei auf, sie setzen sie voraus, aber sie lösen sie auch gleichzeitig wie von oben kommend auf. Es ist durchaus auch als eine bestimmte Form der Erlösung und Befreiung zu erleben. So ergänzen sich beide ‚Substanzen‘ wechselseitig. Insofern war die konkrete Konstellation dieser Ausstellung an diesem Ort, zu dieser Zeit (Herbst), sehr präzise und ein wichtiger Schritt, möglicherweise auch für Fischerhude, auf jeden Fall aber für die Malerin und ihre Bilder, die damit an die geschichtliche Fischerhuder Malerei anknüpfen konnte und diese auf ihre Weise auch ein Stück in die Zukunft bringen konnte.

Roland Wiese 2.11.2019

Nobelpreis für Peter Handke

2012 habe ich einen Aufsatz zum 70. Geburtstag Peter Handkes geschrieben. Er wurde damals in der Zeitschrift DIE DREI veröffentlicht. Aus Anlass der Verleihung des Nobelpreises poste ich ihn noch einmal in meinem Blog. Gratulation eines Lesers!

Roland Wiese 11.10.2019

Peter Handke
Zum siebzigsten Geburtstag

Peter Handke wird am 6. Dezember 70 Jahre alt. 1942 noch mitten im Krieg geboren hat er seit Mitte der sechziger Jahre bis heute ein umfangreiches literarisches Werk geschaffen. Er ist aber auch von Beginn an immer eine Person des öffentlichen Lebens gewesen, viele Menschen werden seinen Namen und Titel seiner Bücher kennen, ohne dass sie sie unbedingt gelesen haben müssen. „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ oder ‚Wunschloses Unglück“, insbesondere aber „Die Stunde der wahren Empfindung“ sind Teil der deutschen Sprache geworden. Peter Handke ist dabei eine Art öffentliche und gleichzeitig private Figur geworden, bzw. geblieben. Er hat sowohl in seinen Werken, wie in vielen Gesprächen in Büchern und in anderen Medien, seine Arbeits- und Forschungsmethode offengelegt. Und seine Arbeit, benötigt das eigene Leben und Erleben als Werkzeug und Organ. Die wechselseitige Entwicklung von Leben, Erleben und Schreiben wird sowohl in der Person öffentlich wahrnehmbar, wie im Werk. Gleichzeitig entsteht und liegt doch auch ein hohes Maß an Identität als individuelle und dauerhafte Form allen Verwandlungen zu Grunde. Dies führt dazu, dass Person und Werk einfach und ganz deutlich erkennbar sind. In dieser erkennbaren Form Peter Handkes findet sich eine Art Entwicklungsvorbild, in dem im zweiten Drittel des 20. Jahrhunderts anschaubar werden kann, wie eine geistige Individualität, geistige und menschliche Entwicklung miteinander verbinden kann. Das Entwicklungsproblem, das er für sich als eigentliche ‚Forschungs- und Lebensfrage benannt hat, ist die Frage nach der ‚Verwandlung‘. ‚Verwandlung‘ erscheint als Zentralbegriff in allen Werken und Äußerungen, und Verwandlung ist seelische und geistige Bemühung einerseits, also aktiver Prozess, aber auch verwandelt werden, die Verwandlung erleben, verwandelt worden zu sein. Im Hintergrund des ‚Verwandlungsbegriffes‘ steht natürlich existentiell die Frage der Identität. Peter Handke, als mit sich selbst hochidentisch, scheint diese Identität nur durch immerwährende Verwandlung bilden zu können, und gleichzeitig kann man sich fragen: Verwandelt er sich denn wirklich? Und wenn, welche Art von Verwandlung ist hier gemeint? Weiterlesen