Ich situativ

Ich habe bisher in diesem Blog keinen Beitrag zu der aktuellen Lage veröffentlicht. Das hat auch damit zu tun, dass es immer schwer ist in komplizierten Zeiten etwas Sinnvolles dazu beizutragen, dass man in diesen Zeiten etwas klarer sehen kann. Auch dieser Beitrag ist nur indirekt auf diese Lage bezogen. Er bezieht sich vielmehr auf die Frage nach der Ich-Entwicklung in diesen Zeiten. Genauer auf die Frage, was geschieht eigentlich mit dem Denken in solchen Zeiten, also in Zeiten, in denen man, was ja das Kennzeichen von echten Krisen ist, nicht genau weiß, was los ist, und wie es weitergehen wird.

Man könnte davon sprechen, dass man mit dem herkömmlichen Denken da nicht viel weiterkommt, weil man mit dem wenigen, was man zu Beginn einer solchen Krise weiß, nicht wirklich gut zu Urteilsbildungen kommt, die sehr lange tragfähig sind. Also beginnt das Denken, man könnte auch sagen das Ich, suchend und Ausschau haltend nach Orientierungen, sich alles Mögliche zusammenzusuchen, was ihm eine Haltung, eine Urteilsbildung, also eine Tätigkeit ermöglicht, in der es sich halten kann. Dabei greift es dann zwangsläufig, weil noch keine anderen festen Anhaltspunkte da sind, auf Erinnerungen, oder auf bestehendes Wissen zurück. Und in dieser Situation geschieht es dann meist, dass man sich in dieser Tätigkeit nicht der Zukunft zuwendet, sondern der eigenen Vergangenheit. Man begegnet sich selbst und vollzieht in dem Akt des Begreifen Wollens eigentlich eine Spiegelung seiner selbst in dem äußeren Geschehen. Das rudimentäre Wissen, und die sich immer wieder verändernden Tatsachen führen dazu, dass das Ich sich quasi mit seiner eigenen Denkfunktion in dem Geschehen nur spiegelt, anstatt das Dunkle zu durchdringen. Es kommt aus dem äußeren Geschehen, das eigene Denken einem selbst wieder entgegen. Es schlägt auf einen zurück, wie man schon immer gedacht hat, bestimmte Themen sieht, welche Haltungen man schon immer gehabt hat. Und die mangels Tatsachen überschießende Fantasietätigkeit des Vorstellens versucht ‚verzweifelt‘ sich einen Zusammenhang zu bilden, der dem Ich irgendwie Halt und Orientierung gibt. Der Rückschlag des eigenen Denkens in das Ich führt dann zu seelischen Stauungen und Affekten. Man kann dies ganz einfach beobachten, sobald man mit mehreren Menschen das aktuelle Thema berührt, gerät jeder einzelne mit seine meist ganz speziellen Meinung in eine gewisse Rage. Und in den wenigsten Fällen ist man in der Lage sich irgendwie zu verständigen. Zum Trost: Das ist auch gar nicht möglich, da das Thema natürlich viel zu groß ist, so wie fast alle Themen heute eigentlich viel zu groß und zu kompliziert sind, als dass man sie wirklich überschauen kann. Deswegen ist für jede Situation das Ich auf die eigene (Willens)Ausrichtung oder auch Intentionalität angewiesen, um zu einer Durchdringung und Orientierung in der Situation zu kommen. Es gibt in dem Sinne kaum noch eine allgemeine Beurteilung von Situationen. Also einen scheinbar objektiven Standort außerhalb des Universums.( Markus Gabriel) Zur Verständigung und zu den Grundlagen einer Kommunikation gehört es dementsprechend dann, dass jeder seine eigenen Denkzusammenhänge als diese persönliche (Intentionalitäts)Perspektive begreift. Dies ist jetzt nicht kommunikationspsychologisch gemeint, sondern in diesem Sinne: es geht weniger darum einem anderen zu erklären und zu beweisen, wie man etwas beurteilt, als in solchen Situationen herauszufinden, worum es für einen selbst dabei geht, was für das Ich die darin liegenden Zukunftsmöglichkeiten sind oder worum es für den anderen geht. Diese sind aber nicht allgemein und deshalb auch nicht zu verallgemeinern. Man sieht ja gerade in Krisensituationen, wie eine Art scheinbar kollektiver Betroffenheit in Wirklichkeit viele Mikro-Situationen produziert, die den Einzelnen herausfordern und auf die jeder auch individuell reagiert. Die Kunst im Zusammenleben würde dann darin bestehen, die unterschiedlichen Umgangsweisen der einzelnen Menschen zu verstehen und mit ihnen so umzugehen, dass diese nicht automatisch ein Auseinanderfallen aller Zusammenhänge produzieren. Man muss also eine Stufe des Denkens, oder des Ich ansteuern, die in der Lage ist mit Widersprüchen und Ambivalenzen umzugehen. Für die Ich-Entwicklung bedeutet das, die eigene Zusammenhangsbildung zu bemerken und sich nicht seelisch allein mit den Inhalten des Denkens zu identifizieren. Dann würde man die Selektivität bemerken, mit der man sich sein eigenes Bild zusammenbaut – man würde bemerken, wie man ganz bestimmte Teile aus dem Gesamterleben herauslöst und sich zu einem Weltbild zusammensetzt, das sich statisch in sich selbst stützt, dessen Statik aber in Wirklichkeit allein auf meiner Tätigkeit beruht. (In der amerikanischen Ich-Entwicklung, z.B. bei Kegan bildet sich das Ich auf der 4. Stufe ein ‚institutionelles Selbst‘, ein stabiles Ich, „das unabhängig von den Meinungen, Ansichten und Erwartungen anderer Personen existiert. (…)Es hat eigene Werte und Bezugssysteme entwickelt, anhand derer es seine Entscheidungen treffen kann. Die Begrenztheit dieses Selbstsystems liegt darin, dass das Ich seine eigene Bedeutungsbildung, das heißt, welchen Wert und Bezugssystemen es selbst unterliegt, kaum hinterfragt und auch nicht deren Begrenzung in Anwendung auf andere sieht“ T. Binder, Ich-Entwicklung für effektives Beraten, S. 66) Man kann beobachten, dass diese Ich-Funktion der Selbststabilisierung dient und im normalen Alltag auch nicht problematisch wirken muss. In Krisensituationen wird diese Funktion aber überfordert. Sie muss etwas leisten, was sie eigentlich nicht hergibt, sie muss dem Ich eine Stabilität geben, die es in der Situation aber gerade nicht geben kann. Denn die bisherigen Werte und Denkstile geraten gerade in außergewöhnlichen Situationen an ihre Grenze. Sie können nichts begreifen, wollen aber unbedingt zur Selbststabilisierung sich wieder eine geschlossene Welt bilden. Deshalb übertreiben diese Denk-Kräfte dann ihre Möglichkeiten.
Es zeigt sich in solchen Grenzsituationen ein gewisser Überschuss der Erinnerungs-Denkkräfte, die sehr stark an das leibliche Ich gebunden sind. Man wird zurückgeworfen auf sich selbst. Gefordert ist aber eigentlich ein Heraustreten aus dem Gewohnten. Schaut man sich die dann gebildeten Denk-Zusammenhänge einmal genauer an, kann man meist bemerken, dass diese etwas schludrig zusammengeschustert sind. Dinge werden miteinander verbunden, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben, anderes wird weggelassen. Manches ist übertrieben, anderes fehlt. Die Gedankenbildungen wirken beinahe wie kubistische Gemälde oder Figuren. Dieser Überschuss an Denkkräften ist im Alltag eingebunden in die Herstellung unserer eigenen Alltags-Wirklichkeit. (Da sind die Zusammenhänge meist kontinuierlicher und übergänglicher) Da kann man ihn schlecht bemerken. Es ist der Klebstoff des Alltags, auch der Klebstoff des Ich. Diese Kräfte, Steiner spricht 1924 (in den Leitsätzen GA 24 S.215) von einem zunehmenden Überschuss an solchen Kräften, sie müssten eigentlich umgewandelt werden in wirklich imaginative Kräfte. Was ist damit gemeint? Die Erinnerungs-Denkkräfte neigen dazu, durch ihre Bindung an unseren Leib, zu fest zu werden. Das kann man ja auch an den Denkgebäuden bemerken, die mit diesen Kräften gebaut werden. Damit das Ich aber der ‚geistigen‘ Wirklichkeit der Gegenwart, aber auch seiner eigenen geistigen Wirklichkeit gegenwärtig sein kann, braucht es die Fähigkeit solche Gedankengebäude aufzubauen und gleichzeitig auch wieder niederreißen zu können. Man darf sich im wörtlichen Sinne nicht auf den ‚Leim‘ gehen. Steiner spricht interessanterweise von einem „Malen ohne Malsubstanz. Ein Malen im Geistwerden und Geistvergehen.“ Dies ist die eigentliche Wirklichkeit des Wahrnehmens – ein ständiges Aufleuchten und Umwandeln des Geschehens im Erlebens. Auch das Denk-Bewusstsein muss sich entsprechend lebendig halten – es „bleibt in erstehenden und vergehenden Bildern wirksam“. Das womit das Ich sich dann hält, ist nicht die persönliche Weltanschauung in einer bestimmten Situation – also der (zum Scheitern verurteilte) Versuch die Außenwelt in ein festes Bild zu bekommen, sondern eine eigene geistige Zusammenhangsbildung, die sich erst einmal nicht auf das äußere Geschehen bezieht, sondern eine gewisse Unabhängigkeit davon hat. In dieser ‚Selbstaktivierung‘ (Ein Begriff von Wolf-Ulrich Klünker) kann ich mich halten, ohne mich in problematischer Weise auf Denkinhalte konkreter aktueller Situationen zu stützen. Ich kann mich mit einer solchen unabhängigen ‚imaginativen‘ Zusammenhangsbildung in Lebens-Situationen halten, ohne sie zu stark selbst festhalten zu wollen durch bestimmte Zusammenhänge, mit denen ich den Geist heraustreibe, weil ich die Situationen versuche zu analysieren, zu deuten, zu interpretieren, zu erklären usw. Man kann dies sicherlich tun, muss sich aber dann der entsprechenden Funktion bewusst sein und diese Zusammenhänge immer wieder auflösen können. Ich situativ ist man eher da, wo man sich in diesen Situationen wahrnehmend vorwärts bewegt und im Bewegen alle Annahmen und Deutungen immer wieder fallen lassen  und sie aktuell neu bilden kann. Interessanterweise ist dann in der aktuellen Situation eine Ich-Entwicklung möglich, die gerade nicht vorher vorzustellen war. Diese Ich-Entwicklung ist dann aber keine reine Bewusstseinswirklichkeit, sondern eine Entwicklung/Veränderung im Leben, möglicherweise sogar eine anscheinend nur ganz kleine Veränderung des Lebens, die aber dem Bewusstsein zugänglich ist.
Roland Wiese 5.6. 2020

Ein Gedanke zu “Ich situativ

  1. Vielen Dank!
    Mein Rätsel bleibt: warum diese Überschussbildung im Denken, ist es eine seelische Pathologie (bisherige Denkstile)? Oder ist der Antrieb dazu etwas notwendiges: Die Ahnung, dass das Ich im Umkreis auf die Vereinigung mit dem Selbst wartet? Die Empfindung, dass im Ich die grundlegenden Kriterien für die Urteilsbildung existieren?
    Jedenfalls eine sehr verständliche Beschreibung der akuten Verwirrungen in der Urteilsbildung und plausible Nutzung der Krise für Selbsterkenntnis.

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